Walter (Zeev) Laqueur (* 26. Mai 1921 in Breslau; † 30. September 2018 in Washington, D.C.) war ein amerikanischer Historiker und Publizist deutsch-jüdischer Herkunft.
Leben Weimarer Republik und NS-Diktatur Laqueur wurde 1921 im schlesischen Breslau als Sohn des jüdischen Kaufmanns Fritz Laqueur und dessen Frau Else Berliner geboren und wuchs in einer säkularen, assimilierten Familie auf. Seine Eltern und die meisten seiner Verwandten wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet. Laqueur besuchte in Breslau eine Grundschule, in der er mit Schülern aus reichen aristokratischen Familien und aus der jüdischen oberen Mittelschicht zusammen war. In dieser eher elitären Umgebung fühlte er sich schnell fehl am Platz. Die Schulleitung gab ihm daher die Gelegenheit, vier Grundschuljahre in nur drei Jahren abzuschließen, was ihm vermutlich in der Zeit des Nationalsozialismus das Leben rettete, da er so sein Abitur noch vor der Pogromnacht 1938 erwerben konnte. Später besuchte er das Johannesgymnasium Breslau,S. 29. wo ihn u. a. Willy Cohn unterrichtete. Die ersten größeren Ereignisse, an die sich Laqueur erinnerte, waren der Anblick des Luftschiffs Graf Zeppelin, das über seiner Heimatstadt schwebte, und die Reichstagswahl 1930, aus der die Nationalsozialisten als zweitstärkste Partei hervorgingen.
Schon in jungen Jahren war Laqueur, so schrieb er in seiner Autobiografie, ein passionierter Zeitungsleser. Da er es sich nicht leisten konnte, täglich viele Zeitungen zu kaufen, ging er in die Redaktionsgebäude und bat dort jeweils um Probeexemplare.S. 18. Es gab die Literatur, Konzerte, Museen und das Kino in seiner Jugend.S. 30f. Um sich abzulenken, betrieb Laqueur Sport, z. B. Leichtathletik, Fußball, Handball und Boxen.S. 39. Laqueur sympathisierte mit der KPO im Untergrund und las marxistische Literatur, etwa Karl Korsch oder Fritz Sternberg. Im Jahre 1935 oder 1936, angespornt durch seine Eltern, erkannte er die Notwendigkeit, das Land zu verlassen. Zu jener Zeit war schon die Hälfte seiner jüdischen Freunde ausgewandert. Laqueur versuchte, Verwandte im Ausland zu finden, jedoch ohne Erfolg. Er lehnte ein Angebot ab, ein Ingenieurstudium in der Tschechoslowakei zu beginnen. Anders als seine Eltern konnte Laqueur mit 17 Jahren im November 1938 kurz vor der Pogromnacht auf legalem Wege ausreisen. Via Triest erreichte er noch im November Jerusalem in Palästina.
Die Erinnerungen an seine Jugend in Deutschland seien für seine Arbeit als Historiker und sein Denken als politischer Kommentator von größter Bedeutung gewesen. Rückblickend stellte er sich die Fragen: Wieso scheiterte die Weimarer Republik? Wie schafften Hitler und die NSDAP ihren rasanten Aufstieg? Hätte die NSDAP auch ohne Hitler Erfolg gehabt? Und wieso erkannten die Deutschen und andere europäische Länder nicht die Gefahren, die von Hitler ausgingen?
Im Kibbuz In Palästina angekommen, konnte sich Laqueur dank eines Zufalls und der Großzügigkeit eines Onkels an der Hebräischen Universität in Jerusalem einschreiben. Zu seinem Glück habe die Verwaltung übersehen, dass er noch minderjährig war und daher nicht hätte immatrikuliert werden dürfen. An dieser Universität blieb er jedoch nicht lange,S. 54–57. da ihm das Studium der Medizin dort nicht möglich war und ihm das ersatzweise gewählte Studienfach Geschichte keine Perspektiven versprach.Wanderer wider Wilen, S. 191–192
Laqueur trat eine Rundreise durch vorwiegend im Jordantal und in der Jesreelebene gelegene Kibbuzim an und entschied sich Anfang 1939 für eine Mitarbeit in dem von Werkleuten gegründeten Kibbuz Hasorea. Als jüngster dort fühlte er sich jedoch als Außenseiter und schloss sich deshalb bereits im März 1939 einer Gruppe im Kibbuz Sha'ar HaGolan im Jordantal an.Wanderer wider Wilen, S. 205–206
Laqueur wurde an seiner neuen Wirkungsstätte nicht nur mit den kulturellen Unterschieden zwischen den verschiedenen jüdischen Einwanderergruppen konfrontiert und der häufigen Ablehnung der Juden aus Deutschland, sondern hatte auch Gelegenheit, sich arabische Sprachkenntnisse anzueignen.Wanderer wider Wilen, S. 200–201 Doch seine Wanderung durch die Kibbuzim ging weiter. Im Herbst 1939, kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs übersiedelte er mit seiner Gruppe in den näher zu Haifa gelegenen Kibbuz Ein Shemer,Zu ihm existiert ein Artikel in der englischen Wikipedia: :en:Ein Shemer wo er etwa ein Jahr lang blieb. Hier lernte er auch seine spätere Frau kennen, die aus Frankfurt am Main stammende Barbara Koch (1920–1995), die sich später Naomi nannte. Die Tochter des Mediziners Richard Koch war im November 1936 über Haifa in das Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen gekommen und schloss sich dann ebenfalls der Kibbuz-Bewegung an.Guide to the Richard Koch Family Collection 1890s–1993 (bulk 1935–1970); Walter Laqueur: Wanderer wider Willen, S. 211–213; Walter Laqueur: Geboren in Deutschland, S. 196 ff.
Im Spätsommer 1940 wurden er und Naomi dann Mitglieder im Kibbuz Shamir,Auch zu ihm existiert nur ein Artikel in der englischen WIKIPEDIA: :en:Shamir, Israel der sich jedoch bald darauf spaltete. Die beiden gingen nun Anfang 1942 wieder nach Hasorea. „Dort hatte mein Kibbuz-Leben begonnen und sollte 1944 an gleicher Stelle enden.“Wanderer wider Wilen, S. 213. Die Schilderung des Kibbuz-Lebens nimmt in diesem Buch einen breiten Raum ein und dürfte ein Indiz dafür sein, wie sehr ihn selber dieses Leben geprägt hat.
Laqueur arbeitete in Hasorea unter anderem als Wächter, was ihm in einsamen Nächten viel Zeit zum Nachdenken bescherte, „und es war während jener langen Stunden in einer mir liebgewordenen Landschaft, daß ich zu dem Schluß kam, das Kibbuzleben sei doch nicht für mich geschaffen. […] Ich sehnte mich nach der Zeit zum Lernen.“Wanderer wider Wilen, S. 225 Zugleich aber forderte auch der Zweite Weltkrieg seinen Tribut. Laqueur wurde Mitglied der Hagana und wollte sich Anfang 1943 der britischen Armee anschließen. Bereits im Rekrutierungsort angekommen, musste er dort noch eine Nacht vor der Einschreibung verbringen.
Im Sommer 1944 verließ Laqueur dann endgültig Hasorea und zog nach Jerusalem. Als er Mitte der 1950er Jahre zum ersten Mal ein Visum für die USA beantragte, wurde ihm dies zunächst verweigert, mit der Begründung, er sei Mitglied einer kommunistischen Siedlung gewesen und habe sich vom Kibbuz nie öffentlich losgesagt. Erst eine positive Rezension von Walter Lippmann zu Laqueurs erstem in englischer Sprache erschienenen Buch brachte dann die Wende.Wanderer wider Wilen, S. 232–233 Das Kibbuzleben aber blieb ihm in bester Erinnerung.
In Jerusalem erlebte Laqueur das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Israelischen Unabhängigkeitskrieg (1948). Die Lebensumstände und Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu sichern, erlaubten ihm keine akademische Ausbildung. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt zunächst in Ulrich Salingrés Antiquariat und Buchhandlung Heatid (Die Zukunft),Wanderer wider Wilen, S. 251 ff. danach dann vom Frühjahr 1946 bis 1953 als Journalist, ehe der Autodidakt sich durch seine Veröffentlichungen einen Ruf als Historiker verschaffte. Der Start seiner journalistischen Laufbahn erfolgte als Jerusalem-Korrespondent der 1943 von der Bewegung Hashomer Hatzair gegründeten Zeitung Hamishmar.Wanderer wider Wilen, S. 260–261. Zu der Zeitung siehe den Artikel in der englischen Wikipedia: :en:Al HaMishmar
Laqueurs Eltern, die bereits über fünfzig waren und sich keinen Neuanfang zutrauten, sowie zahlreiche andere Verwandte wurden im Holocaust ermordet.
Faszination Russland Schon in jungen Jahren war Laqueur von Russland fasziniert. Die sowjetische Politik und die Geschichte der KPdSU waren ihm bereits vertraut, aber die Geschichte Russlands im 19. und im frühen 20. Jahrhundert interessierten ihn mehr als die Gegenwart. Nach einem Beinbruch im Waschraum von Hasorea hatte er 1942 bei einer ehemaligen Lehrerin in bis zu acht Stunden täglich die russische Sprache gelernt.Wanderer wider Willenß, S. 229 Neben ihr waren seine Arbeitskollegen weitere Quellen der Inspiration und Information, mehrheitlich Juden aus Russland, die ihm Lieder beibrachten – und Flüche. In seinen Dreißigern besuchte Laqueur zum ersten Mal die Sowjetunion und reiste seitdem fast jedes Jahr in das Land, sei es aus privaten Gründen, um z. B. die Familie seiner verstorbenen Frau Naomi im Kaukasus zu besuchen, oder aus beruflichen Gründen, als er im Auftrag der Neuen Zürcher Zeitung ausgedehnte Reisen durch die Sowjetunion unternahm.S. 74–77. Seine Landeskenntnis ließ ihn in Distanz zu revisionistischen Interpretationen des Kalten Krieges und zur Stalin-Deutung von Isaac Deutscher treten. So stimmte er mit John Lewis Gaddis überein. Jedoch erlosch sein Interesse für die Sowjetunion, als unter Parteichef Breschnew eine Phase der Stagnation eintrat, obwohl die Sowjetunion weiterhin ein wichtiger Akteur der Weltpolitik blieb. Erst als Gorbatschow Chef der KPdSU wurde, erwachte sein Interesse aufs Neue.S. 100–102.
Im Buch Putinismus: Wohin treibt Russland? (2015) nennt er Russland eine „Diktatur mit großer Unterstützung der Bevölkerung“. Nachdem er schon in den 1990er-Jahren über den russischen Patriotismus geschrieben hatte, fand er die Annahme naheliegend, dass es in Richtung der autoritären Rechten gehen würde, konnte aber nicht voraussehen, dass diese Entwicklung – in seinen eigenen Worten – „so weit gehen und so schnell verlaufen würde“. Dass die Linke im Ausland dies nicht wahrnehmen wolle, bezeichnete er als „aberwitzig“.Walter Laqueur: Putinismus: Wohin treibt Russland? Verlag Ullstein, 2015, ISBN 978-3-8437-1100-5, Einleitung.
Grand Tour Anfang der 1950er Jahre begann er seine Grand Tour durch Europa mit den Stationen Paris, Berlin und London. Als Laqueur nach dem Zweiten Weltkrieg Europa bereiste, studierte er nicht nur europäische Geschichte, sondern verfolgte regelmäßig auch die britische, französische und deutsche Presse; er war daher über die aktuelle internationale Politik gut informiert. Einige Jahre lang hatte er bereits Kommentare zur europäischen Politik geschrieben, doch war er stets auf das Wissen und auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen, weil er keine eigenen einschlägigen Erfahrungen gemacht hatte. In Paris besuchte er im Mai 1953 das Büro des Kongresses für kulturelle Freiheit.S. 316. Für den Kongress, der, weil er von der CIA finanziell unterstützt wurde, in den 1960er Jahren in Ungnade fiel, verfasste Laqueur ein monatliches Rundschreiben mit einer Auflage von mehreren hundert Exemplaren. Anfangs wurde es vom Kongress nicht als fester Bestandteil des Programms akzeptiert, dennoch wuchs nach einiger Zeit der Umfang des Rundschreibens. Allmählich entwickelte es sich zu einem Vierteljahresheft – der Name wurde von Soviet Culture zu Soviet Survey geändert und hieß schließlich nur noch Survey. Der Survey war eine Zeitschrift für Geschichte, Politik und Soziologie sowie für kulturelle Trends und erschien danach regelmäßig noch fast ein Vierteljahrhundert lang. Ungefähr zehn Jahre dauerte Laqueurs Mitarbeit im Kongress, jedoch war er nie fest angestellt. Danach gründete Laqueur 1966 zusammen mit George Mosse das Journal of Contemporary History, wofür er führende Historiker als Autoren für wichtige Beiträge gewann, wie z. B. Klaus Epstein, Wolfgang J. Mommsen, Eugen Weber und andere. Bis heute erscheint das Journal of Contemporary History vierteljährlich.S. 104–107. Laqueurs zweite Station war das zerstörte Berlin, wo zwar die Trümmer weggeräumt, jedoch viele Viertel nicht saniert worden waren. Hinzu kam noch die Teilung der Stadt. Seine dritte Station war London. Was ursprünglich nur als längerer Besuch gedacht war, entwickelte sich zu einem Aufenthalt von fünfzehn Jahren.