mini|Abraham Harold Maslow, auf einer Fotografie von William Carter Abraham Harold Maslow (geboren 1. April 1908 in Brooklyn, New York City; gestorben 8. Juni 1970 in Menlo Park, KalifornienGuru: Abraham Maslow. auf: economist.com, 10. Oktober 2008.) war ein US-amerikanischer Psychologe. Er gilt als ein Gründervater der Humanistischen Psychologie und führte den Begriff Positive Psychologie ein.
Leben Maslow war das älteste von sieben Kindern. Seine Eltern waren jüdisch-ukrainische Immigranten. Obgleich seine Eltern wenig Zugang zu Bildungseinrichtungen hatten, war ihnen Gelehrsamkeit wichtig. Die Familie lebte in einem multiethnischen Arbeiterviertel in New York City. Maslow hatte mehrfach Begegnungen mit antisemitischen Gruppen und Banden, die ihn verfolgten und mit Steinen bewarfen.Edward Hoffman: The Right to be Human: A Biography of Abraham Maslow. St. Martin's Press, New York 1988, ISBN 0-87477-461-6, S. 9. Seine Kindheit beschreibt Maslow als unglücklich und isoliert. Er hatte keine Freunde und verbrachte viel Zeit in Bibliotheken.Abraham Maslow. auf: psy.rin.ru in engl. SpracheC. George Boeree: Abraham Maslow 1908–1970. April 30, 2016, Webspace.ship.edu, auf web.archive.org web.archive.org Kapitel: „Biography“, als deutsche Übersetzung von Diana Wieser, auf wuecampus.uni-wuerzburg.de wuecampus.uni-wuerzburg.de
Maslow studierte zunächst am City College of New York (CCNY) drei Semester Jurisprudenz, wechselte aber dann an die Cornell University und dann zurück ans CCNY. Gegen den Willen seiner Eltern heiratete er im Jahre 1928, Bertha Goodman (1903–1983), seine Cousine ersten Grades, die beiden hatten zwei Töchter.C. George Boeree: Abraham Maslow 1908–1970. April 30, 2016, Webspace.ship.edu, auf web.archive.org web.archive.org Kapitel: „Biography“Edward Hoffman: The Right to be Human: A Biography of Abraham Maslow. St. Martin's Press, New York 1988, ISBN 0-87477-461-6, S. 40, auf archive.org archive.org
Abraham und Bertha zogen nach Wisconsin, damit er die University of Wisconsin besuchen konnte. Hier begann er sich für Psychologie zu interessieren und seine Leistungen verbesserten sich. Maslow verbrachte einige Zeit bei Harry Harlow, der für seine Experimente mit Rhesusaffenbabys und dem Bindungsverhalten bekannt wurde.
Maslow studierte an der University of Wisconsin–Madison, wo er 1930 den Grad des B.A. und 1931 den des M.A. erhielt und 1934 in Psychologie promoviert wurde. 1937 erhielt er eine Professur am Brooklyn College der City University of New York und der Columbia University. An der Columbia University setzte Maslow seine Forschungen zu ähnlichen Themen fort. Ein Mentor aus dieser Zeit war Alfred Adler. Von 1937 bis 1951 war Maslow Dozent am Brooklyn College. Sein Familienleben und seine Erfahrungen beeinflussten seine psychologischen Ideen. Nach dem Zweiten Weltkrieg reflektierte Maslow, wie Psychologen zu ihren Schlussfolgerungen kämen.Kathleen Stassen Berger: The Developing Person through the Life Span. Worth Publishers, New York City 1983, S. 42.
Im Jahre 1951 wechselte er zur Brandeis University nahe Boston. Dort war Maslow von 1951 bis 1969 Leiter der Psychologieabteilung der Brandeis University. Maslow war häufig zu Gast im Esalen-Institut, erstmals im September 1966.Abraham Maslow's 1966 Lecture at Esalen: Motivations of Self-Actualized People. November 6, 2020, auf esalen.org
In Boston lernte er auch Kurt Goldstein kennen, der in seinem Werk „Der Organismus“ (1934) die Idee der Selbstverwirklichung begründet hatte. Abraham Maslow, Charlotte Bühler und Carl Rogers gründeten 1962 die „Gesellschaft für Humanistische Psychologie“.Jürgen Kriz: Grundkonzepte der Psychotherapie. Beltz, Weinheim 1989, ISBN 3-621-27090-6. 1967 wurde er als „Humanist des Jahres“ geehrt.
Maslow starb am 8. Juni 1970 im Alter von 62 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.
Leistungen Er ist insbesondere durch die Maslowsche Bedürfnispyramide bekannt geworden, die ein Entwicklungsmodell der Hierarchie menschlicher Bedürfnisse darstellt. Sein Werk reicht jedoch weiter. Maslow wollte die Wissenschaft vom Menschen insgesamt neu orientieren. Durch mehr als 100 Aufsätze und Bücher beeinflusste er nicht nur die akademische Psychologie, sondern auch angrenzende Bereiche wie Erziehung und Management. In seinen letzten Lebensjahren wurde er zu einem der Begründer der Transpersonalen Psychologie. In diesem Zeitraum ergänzte er die fünf Stufen der Bedürfnishierarchie um eine sechste, das Bedürfnis nach Transzendenz.
Maslow untersucht den Existentialismus, um daraus Erkenntnisse für Psychologen zu erhalten. Maslow versteht die existentielle Psychologie in zweierlei Hinsicht: Sie lege einen radikalen Nachdruck auf das Konzept der Identität als einer Conditio sine qua non („Bedingung, ohne die nicht“) der menschlichen Natur sowie jedweder Philosophie oder Wissenschaft der menschlichen Natur. Sie lege von Anfang an größeren Nachdruck auf das Erfahrungswissen als auf Begriffssysteme oder abstrakte Kategorien oder Aprioris. Der Existentialismus beruht auf der Phänomenologie, d. h., er verwendet persönliche, subjektive Erfahrung als Grundlage für abstraktes Wissen.
Bedürfnispyramide nach Maslow rand|rechts|rahmenlos|420x420px
Maslow hat aus seinem Menschenbild heraus ein Stufenmodell der Motivation entwickelt, welches sich in fünf Stufen unterteilt. Die physiologischen Bedürfnisse (Nahrung, Wärme usw.) sind die grundlegendsten und mächtigsten unter allen: „Die Bedürfnisse, die man gewöhnlich als Ausgangspunkt der Motivationstheorie benutzt, sind die sogenannten physiologischen Triebe.“Maslow, 1977, S. 74.
Danach folgen, sofern die physiologischen Bedürfnisse weitgehend bedient sind, Sicherheitsbedürfnisse. Unter Sicherheitsbedürfnissen (2. Stufe) wird „Sicherheit; Stabilität; Geborgenheit; Schutz; Angstfreiheit; Bedürfnis nach Struktur, Ordnung, Gesetz, Grenzen; Schutzkraft“Maslow, 1977, S. 79. verstanden. Als Nächstes entstehen soziale Bedürfnisse (3. Stufe). „Wenn sowohl die physiologischen als auch die Sicherheitsbedürfnisse zufriedengestellt sind, werden die Bedürfnisse nach Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit auftauchen […]“Maslow, 1977, S. 85. Im weiteren Verlauf können Bedürfnisse nach Achtung (4. Stufe) und Selbstverwirklichung (5. Stufe) bedient werden.
Maslow behauptet, dass es reale psychologische und funktionale Unterschiede zwischen den „höheren“ und „niedrigeren“ Bedürfnissen gebe. Die höheren Bedürfnisse zeichnen zwar den Menschen (im Gegensatz zu, z. B., dem Tier) spezifisch aus, sind aber nicht zwingend zu seinem Überleben notwendig. Die Bedürfnisse können auch nach Defizitbedürfnissen (essentiellen Bedürfnissen, 1. – 4. Stufe) und Wachstumsbedürfnissen (höheren Bedürfnissen) unterschieden werden; Defizitbedürfnisse müssen erfüllt sein, damit Zufriedenheit entstehen kann, die zusätzliche Erfüllung der Wachstumsbedürfnisse bedeutet über Zufriedenheit hinausführendes Glück.
Erst wenn die Defizitbedürfnisse sicher befriedigt sind und sich auf physischer Ebene Zufriedenheit in Form von höherer Lebenserwartung, weniger Krankheit und einer besseren Ernährungssituation einstellt, treten die Wachstumsbedürfnisse, die zuvor subjektiv weniger dringlich waren, in den Vordergrund. Ihre Befriedigung wiederum führt zu tieferem Glück, Gelassenheit, Reichtum des inneren Lebens und verstärkter Individualität. Des Weiteren haben die höheren Bedürfnisse und ihre Befriedigung erwünschte bürgerliche und soziale Folgen.
Maslows BedürfnispyramideBarbara Methfessel: Maslows Bedürfnistheorie und ihre Bedeutung für die Fachdidaktik. Haushalt in Bildung und Forschung (HiBiFo) 1/2020, S. 69–86. doi:10.3224/hibifo.v9i1.05 auf pedocs.de pedocs.de ist das wohl bekannteste Entwicklungsmodell, aber schon lange vor ihm wurden ähnliche Einteilungen von Bedürfnissen durch europäische Gelehrte vorgenommen, so vor allem in Lujo Brentanos Versuch einer Theorie der Bedürfnisse (1908).Wiederabgedruckt in: Lujo Brentano: Konkrete Bedingungen der Volkswirtschaft. Felix Meiner, Leipzig 1924, S. 104–195; Neuausgabe Metropolis, Marburg, S. 87–158. Bereits in der Antike führte Platon aus: „Das erste und größte aller Bedürfnisse ist aber die Beschaffung der Nahrung um der Existenz und des Lebens Willen … Das zweite dann die Beschaffung einer Wohnstätte, das dritte die von Kleidung und was dahin gehört.“Platon: Der Staat. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1978, S. 108. Darauf aufbauend entwickelt er die Bedürfnisse nach den höherwertigen Gütern Malerei, Stickerei, Gold und Elfenbein, nach Sicherheit, Wissen, Erziehung und Kunst.Vgl. Platon, 1978, S. 113–119. Später erweiterte Maslow dieses Modell und setzte über die Stufe der Selbstverwirklichung als oberste Stufe noch die Transzendenz (Erweiterung des Maslow Modells).
Die Umsetzung von Selbstverwirklichung
Maslow beschreibt, dass in praktisch allen historischen und zeitgenössischen Theorien der Motivation Bedürfnisse, Triebe und motivierende Zustände allgemein als ärgerlich, irritierend und unerwünscht betrachtet werden. Dagegen lässt sich anführen, dass es eine Vielzahl von idiosynkratischen (individuell unterschiedlichen) Bedürfnissen gibt, die zur Selbstverwirklichung gehören. Daher sei – laut Maslow – die Theorie „Bedürfnis gleich Ärger“ nicht zutreffend.Vgl. Maslow, 1973, S. 43, 44.
Maslow sieht im Menschen ein noch kaum erkanntes, geschweige denn entwickeltes Potenzial zur Selbstverwirklichung, dessen Entfaltung zu größerer Reife, Gesundheit und Furchtlosigkeit führen würde:
„Selbstverwirklichende Menschen, Menschen also, die einen hohen Grad der Reife, Gesundheit und Selbsterfüllung erreicht haben, können uns so viel lehren, dass sie manchmal fast wie eine andere Rasse menschlicher Wesen erscheinen. Doch weil sie so neu ist, ist die Erforschung der höchsten Bereiche der menschlichen Natur und ihrer äußersten Möglichkeiten und Hoffnungen eine schwierige und gewundene Aufgabe. Sie hat für mich eine ständige Zerstörung liebgewordener Axiome mit sich gebracht, die unentwegte Auseinandersetzung mit scheinbaren Paradoxa, Widersprüchen und Zweideutigkeiten, manchmal auch den Zusammenbruch lang etablierter, fest geglaubter und scheinbar unangreifbarer Gesetze der Psychologie. Oft stellte sich heraus, daß es keine Gesetze waren, sondern nur Regeln für das Leben in einem Zustand milder und chronischer Psychopathologie und Ängstlichkeit, im Zustand der Behinderung und Verkrüppelung und Unreife, den wir nicht bemerken, weil die meisten anderen dieselbe Krankheit haben wie wir.“Maslow, 1973, S. 83 und 84.
Diese – aus Maslows Sicht noch sehr neue – Auseinandersetzung mit der höchsten Ebene menschlichen Seins und das ultimative Verwerfen etablierter Vorstellungen bezüglich unserer psychischen Verfasstheit sind also nötig, um zu wahrer Selbstverwirklichung zu gelangen und sich aus dem Zustand von Unreife, Ängstlichkeit und Krankheit zu befreien. Maßgeblich von den Ideen Maslows beeinflusst, hat sich von den USA ausgehend das Human Potential Movement entwickelt, bei dem die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und Potentiale und die Sinnerfüllung des Lebens im Mittelpunkt stehen.
Erkennen des Seins versus Erkennen des Defizits Maslow beschreibt zwei unterschiedliche Modi des Erkennens:
„Im S-Erkennen (Erkenntnis des Seins) tendiert die Erfahrung oder das Objekt dazu, als ein Ganzes, als eine vollständige Einheit gesehen zu werden, losgelöst von den Beziehungen, von der möglichen Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit und Angemessenheit. Sie wird wahrgenommen, als wäre sie alles, was es im Universum gibt, als wäre sie das ganze Sein, synonym mit dem Universum. Dies steht im Gegensatz zum D-Erkennen (Erkenntnis des Defizits), das die meisten menschlichen Erkenntniserfahrungen einschließt. Diese Erfahrungen sind fragmentarisch und unvollständig …“Maslow, 1973, S. 85 und 86.