mini|Das babylonische Exil, mit dem Ischtar-Tor (eines der Stadttore von Babylon) und der Zikkurat von Babylon unten rechts und Jerusalem in Flammen oben links. Dieses Flachrelief ist in der Davidszitadelle ausgestellt. mini|Das ungefähre judäische Siedlungsgebiet (graue Zone), gemäß den al-Yahudu-Tafeln in Babylon (6. bis 5. Jahrhundert v. Chr.) Als babylonisches Exil (häufig auch babylonische Gefangenschaft)Vgl. H. Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Band 2. 1986, S. 416.Duden online gibt unter babylonisch die Schreibweise Babylonische Gefangenschaft an, die Kleinschreibung babylonische Gefangenschaft ist jedoch ebenso üblich. wird eine Epoche der jüdischen Geschichte bezeichnet. Sie beginnt 597 v. Chr. mit der ersten Eroberung Jerusalems und des Königreiches Juda durch den babylonischen König Nebukadnezar II. und dauert bis zur Eroberung Babylons 539 v. Chr. durch den Perserkönig Kyros II.
Exil in Babylon Beginn mini|Ungefähre territoriale Ausdehnung des Reiches unter Nabū-kudurrī-uṣur II. oder Nebukadnezar II. (neubabylonischer König von 605 bis 562 v. Chr.) Ab 597 v. Chr. wurde ein wesentlicher Teil der Bevölkerung Judäas, vor allem Angehörige der Oberschicht, – wie es babylonischer Praxis nach Eroberungen entsprach – nach Babylon exiliert und dort angesiedelt.Vgl. H. Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Band 2. 1986, S. 370–381. Laut dem Buch Jeremia mussten bis 582 bei drei Ausweisungsaktionen insgesamt 4600 Menschen ihre Heimat verlassen . Weitere historische Quellen zur Anzahl der Exilierten liegen nicht vor. Sicher belegt ist nur, dass nach 597 v. Chr. Namen von Hebräern aus der privilegierten Oberschicht in babylonischen Urkunden auftauchen.Wolfgang Oswald, Michael Tilly: Geschichte Israels. Von den Anfängen bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. (Geschichte Kompakt), WBG, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-534-26805-4, S. 62–75Martin Metzger: Grundriß der Geschichte Israels. 5. Auflage, Neukirchner Verlag, Neukirchen-Vluyn 1979, ISBN 3-7887-0463-2, S. 135–148
Alternative Datierung religiöser Gruppen Zweifel über die genauen Jahreszahlen (so wurde das Exil auch mit 580–536 v. Chr. datiert) treten hierbei fast nur in Chronologien von Religionsgemeinschaften auf, insbesondere bei den Zeugen Jehovas. Anstatt den wissenschaftlich anerkannten Zeitraum des 5.–10. Ab 587/586 v. Chr. der zweiten Exilierungswelle zu akzeptieren, bestehen sie aus theologischen Gründen auf 607 v. Chr. Dies entspricht ihrer Auslegung der biblischen Chronologie, nach der das Exil exakt siebzig Jahre dauern sollte und die Rückkehr einige Zeit nach der Eroberung Babylons durch Kyros II. 539 v. Chr. erfolgt sein müsse.Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört? Teil 1 und Teil 2 in der Wachturm-Bibliothek, abgerufen am 2. November 2020.
Leben Aufgrund von Fehlinterpretationen des Tanach und religiösen Interessen wird bis heute ein falsches Bild vom Exil gezeichnet. So sieht man beispielsweise im Psalm 137 die „Bevölkerung als Gefangene zur Sklavenarbeit gezwungen, am Ende des Tages an den Flüssen Babylons und weinend an Zion denkend“. Es ist wohl davon auszugehen, dass das Exil als religiöse Strafe empfunden wurde, doch äußerlich bestanden für die Juden in Babylon komfortable Lebensumstände. Genauso wie andere, in verschiedenen Kolonien angesiedelte Juden konnten sie ohne Zwang Handel, Landwirtschaft und Häuserbau betreiben. Selbst Sklavenhaltung war erlaubt.
Die Verwaltung oblag den Exilanten selbst. Belege über speziell den Juden auferlegte Fronarbeit gibt es nicht. Bekannt ist nur, dass die babylonische Bevölkerung generell in bestimmten Fällen zur kurzfristigen Fronarbeit gezwungen wurde, etwa um königliche Bauvorhaben durchzuführen. Im babylonischen Exil konnten die Juden ihre Traditionen und ihre religiöse Identität bewahren; sie waren wohl gut integriert.
So fand man in Schriftzeugnissen jüdische Namen, die belegen, dass Juden im Hofstaat und im Militär von Nebukadnezar II. Karriere machen konnten. Nach der biblischen Erzählung im Buch Daniel des Tanach gehörten unter anderen Daniel, Schadrach, Meschach und Abed-Nego zu den auserwählten Exilanten, die eine Ausbildung für den babylonischen Staatsdienst erhielten. Diese schnelle Integration und die damit verbundene Versuchung zur Annahme einer fremden Religion trugen wohl auch dazu bei, dass im Tanach ein recht düsteres Bild vom babylonischen Exil gezeichnet wird.Vgl. H. Donner: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Band 2. 1986, S. 381–387.
Um zu verhindern, dass die Eigenart der Juden vollkommen im Vielvölkergemisch Babylons unterginge, betonten die jüdischen Theologen und Gelehrten die Besonderheit des Judentums, insbesondere des jüdischen Glaubens. Mittelpunkt des Lebens wurden die Tora und die religiöse Gelehrsamkeit. So gilt das babylonische Exil als eine der fruchtbarsten Zeiten der jüdischen Theologie. Vor dem Hintergrund, dass der heimatliche Tempel für das gemeinsame Gebet fehlte, entstanden wahrscheinlich die ersten Synagogen.
Nach Auffassung der historisch-kritischen Bibelwissenschaft entstand in dieser Zeit auch mit der Priesterschrift die letzte Einfügung in die Tora, in der unter anderem die Vorschriften zur Beschneidung hinzugefügt wurden.
Theologie Bei einem religionsgeschichtlichen Vergleich von Israel und anderen Völkern fällt ein entscheidender Unterschied auf. Bei anderen Völkern war es üblich, solange einen Gott zu verehren, wie er das Volk beschützt. Wenn aber das Land besiegt wurde, so galt der Gott der Sieger als stärker als der Gott der Verlierer. Der babylonische Marduk-Glaube ist ein Beispiel hierfür. Babylon und Marduk sind von Anfang an miteinander verknüpft. Daher verliert der Mythos um Marduk seine Erklärungskraft, als die Herrschaft Babylons endet.
Ganz anders ist es in Israel: Das Exil führt nicht – wie vielleicht erwartet – dazu, dass der Glaube an Gott aufgegeben wird und der Gott der Sieger übernommen wird. Das hat unter anderem zwei Gründe:
1. Anfänge der Gottesbeziehung: In den Anfängen der Gottesverehrung gab es zunächst nicht JHWH, sondern El. Der Glaube an JHWH wird teils als bewusste Entscheidung porträtiert . JHWH hat seine Ursprünge außerdem im Süden, die Keniter haben JHWH anscheinend zuerst angerufen . Der Zusammenhang von Land/Volk und Gott ist nicht so eng wie etwa bei den Babyloniern.
2. Schriftprophetie: Die Schriftpropheten haben eine Deutung bereitgestellt, die das Gottesbild sozusagen „gerettet“ hat. Es ist nicht so, dass Gott zu schwach gewesen wäre, um seinen Tempel, seinen König und sein Land zu schützen, sondern Gott lässt die Niederlage Israels aufgrund der Sünde geschehen. Die Rede vom Zorn Gottes über diese Sünde wird zur theologischen Erklärung des Exils.
Ende Nachdem der Perserkönig Kyros II. im Jahr 539 v. Chr. das babylonische Reich erobert hatte, erlaubte er die Rückkehr einzelner Personengruppen in ihre Heimat jenseits des Tigris. Namen nennt das Kyros-Edikt, mit dem dies verkündet wurde, nicht, und es enthält auch keine Anordnung zum Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels, mit dessen Errichtung 517 v. Chr. begonnen wurde und der im März des Jahres 515 v. Chr. so weit fertiggestellt war, dass die Juden ihrem Gottesdienst dort wieder nachgehen konnten.Vgl. E. A. Knauf: Die Umwelt des Alten Testaments. 1994, S. 157–163. (Flavius Josephus berichtet dagegen in seinem Werk Über die Ursprünglichkeit des Judentums, dass im zweiten Jahr des Kyros das Fundament des Tempels gelegt und er im zweiten Jahr des Dareios I. fertiggestellt wurde. Danach währte der Bau von 538 bis 521 v. Chr.)
Nach Darstellung der Bibel ist das Kyros-Edikt von den Heimkehrern als Aufruf zum Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels verstanden worden. Und dieser sollte auch nur für sie bestimmt sein. So verwehrte man unter Berufung auf Kyros’ Befehl – bis in die Zeiten Esras galten nur die „Erben“ des Kyros-Edikts als Juden – der im Lande gebliebenen Bevölkerung, sich an dem Bau zu beteiligen . Daraufhin soll sich diese vehement gegen die Wiedererrichtung des Tempels gewandt haben .
Ein Teil der Juden blieb in Babylon zurück und bildete dort eine jüdische Gemeinde. Die in ihr unter den Schriftgelehrten geführten Diskussionen lieferten die Grundlage für den im 6. Jahrhundert n. Chr. verfassten babylonischen Talmud.
Abwanderung aus Babylon und babylonisches Judentum Nach den biblischen Büchern Nehemia und Esra (siehe und ) sind 49.897 bzw. 49.942 Menschen in die Region Judäa zurückgekehrt, darunter 7337 wirtschaftlich Hörige (Sklaven) sowie 200 bzw. 245 Sänger und Sängerinnen. Was sonst den sozialen Stand der Rückkehrer angeht, werden neben Angehörigen von Großfamilien mit Grundbesitz und Verbänden von Bergbewohnern ohne Grundbesitz hauptsächlich Priester, Leviten, Tempelsänger, Torhüter und Tempelangehörige aufgeführt. In ist von weiteren 1600 Rückkehrern die Rede. Die Heimkehr dieser großen Zahl von Menschen führte in Jerusalem zu Problemen bei der Versorgung mit Lebensmitteln und der Wohnraumzuteilung, weshalb sie bei den Ansässigen auf Ablehnung stießen (, , und ).
Die Richtigkeit dieser detaillierten, in sich schlüssigen Berichte wird in Zweifel gezogen. Vier Generationen zuvor gelangten nur höchstens 10.000 Judäer in das babylonische Exil, von denen aber eine große Anzahl nicht zurückkehrte. Die Zahlen scheinen insgesamt zu hoch zu sein.A. H. J. Gunneweg: Geschichte Israels bis Bar Kochba. 2., verbesserte und ergänzte Auflage. 1976, S. 136. Antonius Hermann Josef Gunneweg, Thomas Wagner und Werner H. SchmidtW. H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament. 5., erweiterte Auflage. 1995, S. 164 und 168. vermuten, dass in den ersten Jahren nach dem Sieg der Perser Heimkehrer nur sporadisch in Judäa ankamen. Erst unter Darius I. habe wohl eine größere, planvolle Rückkehrbewegung eingesetzt. Auch die hergestellten historisch-politischen Bezüge sind fragwürdig. So sollen nach Esra 6, 1–22 die Tempelgegner im Lande den persischen König Artaxerxes um Unterstützung angerufen haben; dieser hat sein Amt allerdings erst 465 v. Chr. angetreten. Dementsprechend müsste es sich bei dem genannten Nachfolger Dareios, unter dem angeblich der Tempelbau fortgeführt wurde, um Dareios II. handeln, der erst 423 v. Chr. König wurde. König Artaxerxes gehört laut Esra auch zu denen, die den Tempelbau befahlen.
Nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft zog eine Gruppe freigelassener Juden über die Seidenstraße Richtung Osten und ließ sich in den damaligen Wirtschaftszentren Buchara und Samarkand nieder. Hier begründeten sie eine blühende jüdische Kultur. Heute gibt es in diesem Gebiet Usbekistans nur noch eine kleine jüdische Gemeinschaft.Julia Smilga: Juden in Usbekistan – Der letzte Rabbi von Buchara. Deutschlandfunk Kultur, 9. Januar 2015
Eine erhebliche Anzahl von Judäern muss jedoch im Zweistromland verblieben sein. Es ist von einer kontinuierlichen jüdischen Präsenz bis ins 20. Jahrhundert auszugehen; die rabbinischen Lehrhäuser entwickelten sich in der Spätantike zum geistigen Zentrum, das als vorbildhaft für die gesamte jüdische Welt bis weit ins Mittelalter hinein galt.
So konstituierten sich bedeutende Gelehrtenschulen, deren Diskussionsresultate im babylonischen Talmud wiedergegeben wurden, in Sura,Encyclopedia Judaica, Bd. 15, S. 521–523 PumbeditaEncyclopedia Judaica, Bd. 13, S. 1383–1386 und in frühen Jahren auch in Nehardea.Encyclopedia Judaica, Bd. 12, S. 934–935
Seine Bedeutung kommt insbesondere im bis heute als maßgeblich anerkannten babylonischen Talmud zum Ausdruck. Der Schwerpunkt jüdischer Gelehrsamkeit verlagerte sich erst im Laufe des Mittelalters nach Westen (Iberische Halbinsel) und Norden (Rheinland/Nordfrankreich), doch standen auch die dortigen Gemeinden zunächst noch direkt oder indirekt unter dem Einfluss babylonischer Gelehrter.
Rezeption mini|hochkant=1|Chludow-Psalter: Die Wasser von Babylon, 9. Jahrhundert. Illustriert ist .