mini|hochkant=1.2|Liselotte von der PfalzGemälde von Hyacinthe Rigaud, ca. 1713 (Schloss Versailles). Der schwarze Schleier ist ein Witwenschleier, der hermelingefütterte Mantel mit goldenen Lilien auf blauem Grund zeichnet sie als Mitglied des französischen Königshauses aus. Liselotte selbst war von der Ähnlichkeit dieses Porträts so hingerissen, dass sie verschiedene Kopien anfertigen ließ, die sie an Verwandte schickte: „[…] man hat sein leben nichts gleicheres gesehen, als Rigaud mich gemalt hat“.Sigrun Paas: Das ‚bärenkatzenaffengesicht‘ der Liselotte von der Pfalz in ihren Bildnissen. In: Liselotte von der Pfalz – Madame am Hofe des Sonnenkönigs. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 65–93, hier: S. 92.Liselottes Unterschrift: rahmenlos|zentriert|150px|klasse=skin-invert-image

Elisabeth Charlotte, Prinzessin von der Pfalz, heute umgangssprachlich Liselotte von der Pfalz genannt, (* 27. Mai 1652 in Heidelberg; † 8. Dezember 1722 in Saint-Cloud bei Paris) war die älteste Tochter von Kurfürst Karl I. Ludwig und Charlotte von Hessen-Kassel. Durch ihre Ehe mit Philippe I. de Bourbon, duc d’Orléans wurde sie Titular-Herzogin von Orléans und Schwägerin des französischen Königs Ludwig XIV. Literarische und historische Bedeutung erlangte sie vor allem durch ihren Briefwechsel, der durch seine teils sehr unverblümten Schilderungen des französischen Hoflebens von kulturgeschichtlichem Wert ist und zu den bekanntesten deutschsprachigen Textwerken der Barockzeit zählt. Gemäß der zeitgenössischen Namenskonvention wird sie in den historischen Quellen abweichend von ihrem erst in jüngerer Zeit gebräuchlichen Spitznamen sowie ihrem eigentlichen Vornamen als Madame d’Orléans bzw. Madame sichtbar.Leonhard Horowski: Das Europa der Könige. Rowohlt Verlag, Hamburg 2017, ISBN 978-3-498-02835-0.

Elisabeth Charlotte entstammte der calvinistischen Linie Pfalz-Simmern des Hauses Wittelsbach und war eine Enkelin des Pfälzer Kurfürsten Friedrich V., der als sogenannter „Winterkönig“ von Böhmen zum Auslöser des Dreißigjährigen Krieges geworden war, und dessen Gemahlin Elisabeth Stuart. Ihr Vater Karl I. Ludwig hatte erst kurz vor Liselottes Geburt die Kurpfalz durch den Westfälischen Frieden zurückerlangt, nachdem die Familie Jahrzehnte im holländischen Exil gelebt hatte. Seine Schwester Sophie von Hannover (Sophie von der Pfalz) nahm Liselotte 1659 für vier Jahre als Ziehkind auf, nachdem deren Eltern sich getrennt hatten; sie blieb lebenslang ihre wichtigste Bezugsperson.

1671 wurde sie mit dem einzigen Bruder des „Sonnenkönigs“, Herzog Philippe I. von Orléans, verheiratet; die Ehe wurde nach etwa einem Jahrzehnt verhältnismäßiger Zufriedenheit sehr unglücklich. 1688 nahm der König ihre vermeintlichen Erbansprüche zum Anlass für den Pfälzischen Erbfolgekrieg, in dem zu Liselottes Verzweiflung die Kurpfalz mehrfach verwüstet wurde. Schließlich litt ihr zuvor gutes Verhältnis zum König unter ihrer Feindschaft zu dessen Mätresse Madame de Maintenon, welche Ludwig XIV. zur Verfolgung der Hugenotten überredet haben soll. Diese dreifache Misere beherrscht zusammen mit Liselottes Unangepasstheit in der französischen höfischen Gesellschaft ihren Briefwechsel. Nach dem Tod des Königs 1715 wurde ihr Sohn Philippe II. von Orléans zum Regenten von Frankreich bis 1723, und ihre Situation besserte sich, jedoch traten nun Gesundheitsprobleme in den Vordergrund.

Durch ihre beiden überlebenden Kinder wurde sie nicht nur zur Stammmutter des Hauses Orléans, das mit Louis Philippe, dem sogenannten „Bürgerkönig“, von 1830 bis 1848 auf den französischen Thron gelangte, sondern zur Ahnfrau zahlreicher europäischer Königshäuser, sodass man sie auch den „Bauch Europas“ nannte.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 229. Über ihre Tochter Élisabeth Charlotte d’Orléans war sie die Großmutter des römisch-deutschen Kaisers Franz I. Stephan, des Gemahls der Maria Theresia, und Urgroßmutter der Kaiser Joseph II. und Leopold II. sowie der französischen Königin Marie-Antoinette.

Leben Deutschland mini|hochkant|Liselotte von der Pfalz als Kind von etwa 4 oder 5 Jahren, Kupferstich von Johann Schweizer nach Waelrant Vaillant (Nationalbibliothek, Wien)Sigrun Paas: Das ‚bärenkatzenaffengesicht‘ der Liselotte von der Pfalz in ihren Bildnissen. In: Liselotte von der Pfalz – Madame am Hofe des Sonnenkönigs. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 65–93, hier: S. 65–67.

Elisabeth Charlotte wurde am 27. Mai 1652 in Heidelberg geboren. Ihre Eltern waren Kurfürst Karl I. Ludwig von der Pfalz (der Sohn des „Winterkönigs“) und Charlotte von Hessen-Kassel. Benannt wurde sie nach ihrer Großmutter Elisabeth Stuart und ihrer Mutter Charlotte, wurde aber zeitlebens nur „Liselotte“ genannt. Liselotte war bei ihrer Geburt ein schmächtiges Kind, weshalb sie die Nottaufe erhielt. Sie wuchs zunächst im reformiert-protestantischen Glauben auf, der in der Pfalz damals am weitesten verbreiteten Konfession.Sigrun Paas (Hrsg.): Liselotte von der Pfalz – Madame am Hofe des Sonnenkönigs. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 33–34.

Das Leben am Hof unter Karl I. Ludwig ist in Ausschnitten durch die zahlreichen Briefe bekannt, die Liselotte später in ihrem Leben schrieb und in denen sie gelegentlich auch Kindheitserinnerungen thematisierte. Diesen Zeugnissen zufolge spielten sich ihre jungen Jahre in einem eher bürgerlichen Rahmen ab. Ihr Vater liebte es, mit seinen Kindern in der Stadt Heidelberg und auf den Hängen des Odenwalds spazieren zu gehen. Liselotte, die sich selber später als „dolle Hummel“ charakterisierte, ritt im Galopp über die Hügel um Heidelberg und genoss ihre Freiheit. Sie tollte gerne herum und kletterte auf Bäume, um Kirschen zu naschen;Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 66f. sie behauptete manchmal, sie wäre lieber ein Junge gewesen, und bezeichnete sich in ihren Briefen öfter als „rauschenplattenknechtgen“.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 64.

Die Ehe der Eltern war spätestens 1653 zerrüttet und häusliche Szenen waren an der Tagesordnung.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 39–61. 1658 trennte sich Kurfürst Karl Ludwig von seiner Ehefrau Charlotte, um deren ehemalige Hofdame Freiin Marie Luise von Degenfeld zur linken Hand zu ehelichen, die damit Liselottes Stiefmutter wurde. Liselotte empfand sie wohl als EindringlingVan der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 103–104. und lehnte sie ab, liebte aber zumindest einige ihrer Halbgeschwister, die dreizehn Raugräfinnen und Raugrafen. Mit zweien ihrer Halbschwestern, Luise (1661–1733) und Amalie Elisabeth, genannt Amelise (1663–1709), hielt sie zeitlebens regen Briefkontakt. Der jung verstorbene Raugraf Karl Ludwig (1658–1688), genannt Karllutz, war ein besonderer Liebling von ihr, sie nannte ihn wegen seiner Haarfarbe auch „Schwarzkopfel“ und war außer sich vor Freude, als er sie später (1673) in Paris besuchte;Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 251–254, hier: 252 und 349–350. sein früher Tod betrübte sie sehr.

mini|hochkant=0.7|Sophie von der Pfalz, spätere Kurfürstin von Hannover Die wichtigste Bezugsperson in ihrem Leben war von Anfang an ihre Tante Sophie von der Pfalz, die jüngste Schwester ihres Vaters, die bis zu ihrer Heirat im Jahr 1658 ebenfalls im Heidelberger Schloss bei Karl Ludwig wohnte.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 52–58, S. 56–58, S. 67–68. Nachdem Sophie als Ehefrau des Herzogs Ernst August, des späteren ersten Kurfürsten von Hannover, Heidelberg verlassen hatte, und um der Mutter die Tochter zu entziehen,Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 68–73 schickte der Kurfürst Liselotte im Alter von sieben Jahren an den Hof von Hannover, wo sie nach eigenem Bekunden die glücklichsten vier Jahre ihres Lebens verbrachte.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 92. Sophie wurde so endgültig zu einer Art „Ersatzmutter“ für Liselotte und blieb zeit ihres Lebens ihre wichtigste Vertraute und Briefpartnerin.Sigrun Paas (Hrsg.): Liselotte von der Pfalz – Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 52–59. Während dieser Zeit unternahmen sie auch insgesamt drei Reisen nach Den Haag, wo Liselotte ein geschliffeneres Verhalten lernen sollte und ihre Großmutter Elisabeth Stuart kennenlernte, die ehemalige „Winterkönigin“ von Böhmen, die dort immer noch im Exil lebte.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 76–81, S. 89. Diese war „ganz vernarrt“ in ihre Enkelin, obwohl sie Kinder im Allgemeinen nicht besonders liebte, und fand, dass Liselotte ihrer Familie, den Stuarts, ähnele: „Schi is not leike the hous off Hesse, … schi is leike ours.“Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 77. Zu ihren Verwandten in Den Haag gehörte auch der nur wenig ältere Wilhelm von Oranien-Nassau, der ihr Spielkamerad war und später König von England werden sollte.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 79. Sie erinnerte sich später auch an die Geburt von Sophies Sohn Georg Ludwig, der ebenfalls König von England wurde.Zu Georg: Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 82–83. Bereits 1661 konnte Liselotte so gut Französisch, dass sie als Gouvernante eine Französin namens Madame Trelon bekam, die kein Deutsch verstand.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 90. Als Ernst August im September 1662 das Amt des Fürstbischofs von Osnabrück antrat, zog Liselotte mit ihren Zieheltern auf Schloss Iburg.Van der Cruysse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck. S. 88ff.

mini|Heidelberg 1670, von Gerrit Adriaenszoon Berckheyde