Rudolf Röder, später Rudolf Oebsger-Röder, (* 9. März 1912 in Leipzig; † 22. Juni 1992 in München) war im nationalsozialistischen Deutschen Reich SD-Sturmbannführer, Angehöriger des Einsatzkommando 16 Bromberg, 1940 Leiter der Amtsgruppe II A (Grundlagenforschung) im Amt II (SD-Inland) des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), 1940/41 an der Umsiedlung in Polen aktiv beteiligt, 1942 im Stab der Einsatzgruppe A im Baltikum, 1942/43 Leiter des Unternehmens Zeppelin des SD, Führer des Einsatzkommandos Cluj in Ungarn 1944 und zuletzt als Obersturmbannführer und Verbindungsführer des RSHA zum Auswärtigen Amt. Er war Mitarbeiter der Organisation Gehlen und des Bundesnachrichtendienstes sowie Zeitungskorrespondent in Jakarta/Indonesien.
Herkunft und Studium Rudolf Oebsger-Röder war der Sohn eines Werkmeisters.Ulrich von Hehl (Hrsg.): Sachsens Landesuniversität in Monarchie, Republik und Diktatur (= Beiträge zur Geschichte der Universität Leipzig vom Kaiserreich bis zur Auflösung des Landes Sachsen 1952). In: Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte. Reihe A, Band 3. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2005, ISBN 978-3-374-02282-3, S. 278 Nach dem Abschluss seiner Schullaufbahn studierte er an der Universität Leipzig Geschichte, Soziologie und Zeitungswissenschaft.Wildt / Generation, S. 939.
Schon Ende 1929 wurde er Mitglied der Hitlerjugend und trat bereits zum 1. März 1931 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 475.061).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/31041541 Zudem war er ab 1931 Mitglied der SA.Mallmann u. a. / Einsatzgruppen in Polen, S. 42. An der Universität Leipzig wurde er 1933 Pressewart des NS-Studentenbundes (NSDStB) und leitete dort die Abteilung „Presse und Propaganda“. Ab 1935 war er in Leipzig NSDStB-Hochschulgruppenführer und örtlicher Studentenschaftsleiter sowie „Untersuchungsführer für Ehren- und Disziplinarfragen der Gaustudentenschaft Sachsen“. Als Assistent am Leipziger Institut für Zeitungswissenschaft in der Zeit von 1935 bis 1937 promovierte er 1936 mit einer Dissertation über den Bildungsstand der deutschen Journalisten zum Dr. phil.Hachmeister / Presseforschung, S. 75ff. Zuvor hatte er durch Vermittlung von Hans Amandus Münster ein Promotionsstipendium erhalten.Hachmeister / Gegnerforscher, S. 109ff.
Laut Professor Münster habe diese heikle Themenstellung „nur einem Studierenden von besonderen Qualitäten charakterlicher Art“, anvertraut werden können, womit Münster zweifellos eine NS-konforme Einstellung meinte. NSDAP-Mitglied Münster sah die Zeitungswissenschaft getreu der NS-Ideologie als volkserzieherische Aufgabe und publizistisches Führungsmittel. Im NS-Staat war das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVuP, kurz Propagandaministerium) für die Medienkontrolle zuständig. Es war dazu auserkoren, das Lesebedürfnis der Deutschen im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung „umzuformen“ und „in die richtigen Bahnen zu lenken“.Flachowsky / Zeughaus, S. 485. Münster wandte sich somit an das Propagandaministerium und an den Reichsverband der Deutschen Presse (RDP), damit seinem Schüler die entsprechende Zugänge gewährt wurden. Oebsger-Röder erhielt mit Münsters Hilfe Einblick in die Berufslisten des RDP, in die sich laut Schriftleitergesetz jeder Journalist und auszubildende Berufsaspirant einzutragen hatte. Das Schriftleitergesetz war ein Gleichschaltungsinstrument der NS-Propaganda. Münster bestelle quasi ein „Wunschgutachten“, dass der NS-konforme Oebsger-Röder liefern sollte. Der junge Student wühlte sich monatelang im Berliner Hauptquartier des RDP durch die Schriftleiterlisten und schloss seine 87-seitige Fleißarbeit mit den Worten: „Der Journalist von gestern, der Söldner einer gewissenlosen Presse, ist tot. Der Soldat einer neuen Zeit wird herangezogen.“ Münster vergab für die Arbeit im Juni 1936 die Note „sehr gut“. Bereits zuvor hatte er Oebsger-Röder als Assistenten am Institut für Zeitungswissenschaft verpflichtet.
Sicherheitsdienst der SS Im April 1935 trat Oebsger-Röder von der SA in die SS über (SS-Nummer 267.393)Rudolf Oebsger-Röder. In: Dws-xip.pl und war zunächst ehrenamtlich, dann als hauptamtlicher Mitarbeiter für den SD tätig. Er war zudem Referent beim SS-Oberabschnitt Mitte.Hachmeister / Presseforschung, S. 76. 1937 war er hintereinander Mitarbeiter in der Hauptabteilung II Gegnerforschung bei den SD-Oberabschnitten Elbe und Königsberg, zudem war er an der von SS-Führer Franz Six neugegründeten Fakultät für Zeitungswissenschaften an der Universität Königsberg beschäftigt. Six bescheinigte dem ihm bereits seit seiner Studentenzeit bekannten Oebsger-Röder in einer Beförderungsbeurteilung vom 18. Oktober 1937 „eine tadellose soldatische Haltung […] sicheres Auftreten in und außer Dienst [und eine] persönlich saubere Haltung.“ Er habe sich „stets mit seiner ganzen Person für den Nationalsozialismus eingesetzt“ und verfüge über eine „tadellose Auffassungsgabe“.Hachmeister / Presseforschung, S. 77.
Six leitete zunächst im SD-Hauptamt die Abteilung „Presse und Schrifttum“. Das Schrifttum unter Kontrolle zu bekommen, war eine der wesentlichen Aufgaben des SD. Reinhard Heydrich hatte 1935 definiert, dass in der Auseinandersetzung um die geistig-weltanschauliche Macht dem „kulturpolitischen Schrifttum“ eine zentrale Rolle zukomme, denn die „Wühl- und Zersetzungsarbeit“ des Gegners spiele sich zu einem wesentlichen Teil im Schrifttum ab. Es gehe um einen „Kampf der Geister“, der „nicht mehr nur mit technischen Mitteln“ geführt werden könne.Reinhard Heydrich, Wandlungen unseres Kampfes (München, 1935) S. 5ff. Um den Gegner erkennen und ausschalten zu können, markierte die wissenschaftsbasierte, nachrichtendienstliche Auswertung des Schrifttums daher einen zentralen Schwerpunkt der SD-Arbeit.Flachowsky / Zeughaus, S. 504.
Mit seiner Dissertation hatte Oebsger-Röder das nötige Rüstzeug für den SD erworben, was ihn in den Augen von Franz Six zu einem besonders geeigneten Mitarbeiter für die Gegnerforschung machte. Six leitete im SD-Hauptamt unter Heydrich zusätzlich die Hauptabteilungen „Weltanschauliche Gegner“ und „Lebensgebietsmäßige Auswertung“ und war damit praktisch für den gesamten Inlands-SD zuständig. Den SD-Oberabschnitt Nordost in Königsberg führte vom 1. Januar 1937 bis 26. September 1939 Jakob Sporrenberg, der zugleich Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in Königsberg war. Oebsger-Röder gab zu seiner damaligen Tätigkeit an:„Beim SD-Oberabschnitt Königsberg wurde ich Leiter der Hauptabteilung II. Meine Aufgabe war die Vorbereitung und Erstellung des sogenannten SD-Lageberichts Ostpreußen. Bei diesem Lagebericht handelte es sich um eine in regelmäßigen Abständen vorzulegende Übersicht über die Meinung der Bevölkerung und Auswirkung von Maßnahmen des Staates und der Partei sowie über Tendenzen in der Bevölkerung Ostpreußens bzw. der deutschen Volksgruppe in Polen und den baltischen Staaten. Zur Wahrnehmung dieser Aufgaben unternahm ich – getarnt – einige Reisen nach Polen, ins Baltikum und durch Ostpreußen, wobei ich Verbindung zu wichtigen Persönlichkeiten aufnahm."Vernehmung Oebsger-Röder am 2. Mai 1972 in Berlin, S. 2ff, Landesarchiv Berlin, RSHA-Verfahren, Personenakte Oebsger-Röder. Er begann seine Kenntnisse über die Schriftleiter für den SD in Königsberg nutzbar zu machen. Folgerichtig nahm er von Königsberg aus Kontakte zu den Pressevertretern der volksdeutschen Auslandspresse auf, um diese für die Beeinflussung der Volksdeutschen im Ausland zu nutzen und um V-Männer für die Informationslage zu gewinnen und Nachrichten über feindliche Polen zu sammeln. Zwischen Sommer 1937 und September 1939 machte er als „Franz Röder“ im Auftrag des SD und getarnt als Assistent des Juristischen Instituts der Königsberger Universität einige „Dienstreisen“ nach Polen. Er sprach mit der Leitung der Deutschen Vereinigung für Posen und Pommerellen (DV) in Bromberg, mit Gotthold Starke, dem Chefredakteur der „Deutschen Rundschau in Polen“ und sehr wahrscheinlich auch mit Gero von Gersdorff, dem Cheforganisator der DV. „Vertrauensmänner“ fand er in Bydgoszcz (Bromberg), wo er sich einige Tage lang im Frühling 1939 aufhielt.Janusz Kutta, Ereignisse des 3. und 4. Septembers in Bydgoszcz – „Blutsonntag“, in History of Bydgoszcz, Volume II, 1939–1945, herausgegeben von Marian Biskup, Bydgoszcz, 2004, ISBN 83-921454-0-2.
Einsatzkommando 16 in Polen In Bromberg war es nach dem deutschen Überfall auf Polen sowohl zu Sabotageaktionen auf deutscher Seite wie auch zu Vergeltungsaktionen der Polen beim „Bromberger Blutsonntag“ gekommen.
Oebsger-Röder wurde deshalb im Zuge des Überfalls auf Polen zum Führer eines vierköpfigen SD-Trupps bestimmt, dem SD-Einsatzkommando 16 in Bromberg, das als selbständige Einheit direkt dem Führer des SD-Oberabschnitts Nordost, SS-Brigadeführer Jakob Sporrenberg, unterstand.Wildt / Generation, S. 477–478. Er operierte in Bromberg mit seinem SD-Kommando in Ergänzung zum Einsatzkommando 16 der Gestapo unter Kriminalrat Jakob Lölgen. Oebsger-Röder leitete sein SD-Kommando etwa vom 20. September 1939 bis zum 25. Oktober 1939.Stephan Lehnstaedt, Böhler / Berichte, S. 221, 371-373. Sein Stellvertreter war der Obersturmführer Franz Abromeit, der dann noch bis Anfang November 1939 diesen Trupp führte.Stephan Lehnstaedt, Böhler / Berichte, S. 424.
Aufgabe des SD-EK 16 in Bromberg war die nachrichtendienstliche Bearbeitung des zugeteilten Abschnitts, die Zusammenarbeit mit dem Gestapo-EK 16 und die Berichterstattung zum zentralen Einsatzstab des SD in Berlin über den SD in Danzig. Gestapo und SD waren verpflichtet, bedeutende Informationen auszutauschen.Stephan Lehnstaedt, Böhler / Berichte, S. 33–34, 44. Dementsprechend erstellte Oebsger-Röder Stimmungsberichte für den Danziger Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD (IdS) Rudolf Tröger, für Jakob Sporrenberg in Königsberg und für den neuen Bromberger Oberbürgermeister und Kreisleiter Werner Kampe. Außerdem betrieb er die Erfassung von Gegnern in entsprechenden Karteien.Zur Karteierfassung durch den SD beim Ekdo 16 siehe auch die Tätigkeit von Obersturmführer Erwin Rogalski, Henry Leide, NS-Verbrecher und Stasi (V&R, Göttingen, 2005, ISBN 3-525-35018-X), S. 213. Die seinem Trupp zur Verfügung stehenden Informationen über polnische Gegner hatte er teils zuvor selbst in Königsberg über seine Verbindungen nach Polen gewonnen. Jetzt waren diese Informationen mit dem Gestapo-EK 16 und auf Wunsch von Gauleiter Albert Forster mit den beigebrachten Listen der NSDAP-Ortsgruppenleiter abzugleichen.
Solche geheimen V-Mann-Berichte zur Stimmungslage dienten im Oktober 1939 auch als Korrektiv gegen Auswüchse und Vertrauensverlust bei der Bevölkerung. In einem erhaltenen Schriftverkehr vom Oktober 1939 erhielt das Gestapo-SK 16 in Bromberg geheime V-Mann-Berichte vom SD-EK 16. Darin ging es um zwei Bromberger Gestapo-Mitarbeiter, die ihre Tätigkeit beim EK 16 dazu nutzten, sich an Vermögenswerten zu bereichern. Die Gestapo-Leute wurden suspendiert.Landesarchiv Berlin, B Rep. 057-01 Nr. 3488, Dokumentensammlung B I a 101 – 149, Schreiben Oebsger-Röder vom 11.10.1939, Blatt 236–240, Akten Kammergericht Berlin, RSHA-Verfahren.
Ansonsten war der SD aber in die Vernichtung der polnischen Intelligenz involviert. In einem Bericht an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) vom 21. Oktober 1939 meldete er, dass in den westpreußischen Städten von der Gestapo und vom Selbstschutz der Volksdeutschen „Aktionen durchgeführt [werden], um die polnischen Lehrer zu verhaften und in das Zuchthaus Krone anzutransportieren. Es ist geplant, die radikalen polnischen Elemente zu liquidieren.“Wildt / Generation, S. 477.
In einem anderen Bericht beschreibt Oebsger-Röder die Aufgaben seines EK noch drastischer: