mini|Heinrich Böcking (1785–1862), Gemälde von Louis Krevel, um 1830, Katalogbestand des Saarland-Museums mini|Heinrich Böcking vor Teilen seiner Vasen-SammlungChristof Trepesch (Hrsg.): Kultur des Biedermeier, Der Maler Louis Krevel, Worms 2001, S. 45–49., auf der goldenen linken Vase ist zu lesen: „Von dankbaren Bürgern zu Saarbrück & St. Johann den 1. Januar 1835“, rechts eine Kratervase der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin mit dem Bildnis des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., Gemälde von Louis Krevel (Saarland-Museum)

Heinrich Böcking (* 1. Juni 1785 in Trarbach; † 6. Mai 1862 in Bonn) war Bergrat und Bürgermeister in Saarbrücken.

Herkunft Heinrich Böckings Vater war der Großkaufmann und Bankier Adolf Böcking (1754–1800). Adolf Böcking hatte im Jahr 1783 als erster Protestant vom Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Sachsen die Genehmigung erhalten, sich als Protestant im katholisch geprägten Koblenz niederzulassen und eine Handlung zu gründen.Hermann van Ham: Adolf Böcking, der erste Protestant im Erzstift Trier, in: Monatshefte für Rheinische Kirchengeschichte, Nr. 27, 1933, S. 48–50. Die Familie musste beim Herannahen der französischen Revolutionstruppen nach Hanau fliehen und kehrte erst nach dem Sturz Robespierres und dem Ende der Terrorherrschaft in das linksrheinische Gebiet zurück. Ab dem Jahr 1796 wohnte die Familie dann in Saarbrücken. Für die Wahl des neuen Wohnortes waren vermutlich die Geschäfte mit der Ausfuhr lothringischen Salzes und saarländischer Kohle ausschlaggebend. Bereits im Jahr 1789 war der Kohlehandel mit Deutschland auf dem Wasserweg an die Handelsgesellschaften von Heinrich Karcher und Gebrüder Böcking zu Koblenz vergeben worden und drei Jahre zuvor, im Jahre 1786, hatte sich Adolf Böckings Schwester Therese Sophie Böcking (1764–1842) mit dem in Metz geborenen Katholiken Nicolas Villeroy verheiratet. Villeroy hatte im Hause Böcking eine kaufmännische Ausbildung gemacht und gründete später mit Jean-François Boch im Jahre 1836 die heute international bekannte Keramikfirma Villeroy & Boch.Guido Müller: Die Familien Villeroy und de Galhau im Saarland, Saarbrücken 1991, S. 49–55.

Zur Förderung seiner Handelsinteressen hatte sich Adolf Böcking im Jahr 1798 zusammen mit 46 Saarbrücker und 13 St. Johanner Familien in einer gemeinsamen Ergebenheitsadresse an das Direktorium in Paris gewandt.D. Wiese/Ernest Babelon: Aus Saarbrückens Vergangenheit, Ein Rückblick, Paris 1919, S. 22–24. Adolf Böcking starb bei einem Aufenthalt in seiner Heimatstadt Trarbach im Mai 1800. Sein Tod führte zum Ende des Unternehmens an der Mosel.

Adolf Böcking war verheiratet mit Ernestine von Scheibler (1760–1821), der Tochter des im Jahr 1781 in den Freiherrenstand erhobenen Tuchfabrikanten Bernhard Georg von Scheibler aus der international agierenden Monschauer Unternehmerfamilie Scheibler. Das Paar hatte insgesamt 14 Kinder, von denen beim Tod Adolfs noch zehn lebten. An der Saar blieben nur die beiden Söhne Adolfs, Heinrich und Eduard (1798–1866). Böckings Bruder war der Düsseldorfer Landschaftsmaler Adolph Böcking.

Leben Heinrich Böcking durchlief von 1800 bis 1804 eine kaufmännische Lehre bei seinem Onkel Friedrich von Scheibler (1777–1824) im preußischen Iserlohn. Anschließend war er einige Jahre als Volontär in den kaufmännischen Betrieben seiner Verwandtschaft in Amsterdam tätig. Mit 19 Jahren wurde er dort Handlungsgehilfe des Handelshauses Goedhart Cappel & Söhne. Nachdem er dort bis zum Geschäftsführer avancierte, machte er sich bald mit seinem eigenen Unternehmen selbständig. Eine Etablierung als Kaufmann in Amsterdam misslang allerdings, sodass er sich im Jahr 1811 wieder in Saarbrücken niederließ. Durch seine Eheschließung mit der neunzehnjährigen Charlotte Henriette Stumm (1790–1832), der Tochter des angesehenen Berg- und Hüttenunternehmers Friedrich Philipp Stumm, am 28. Dezember 1809 erweiterte sich Böckings Zugang zu den gesellschaftlich führenden Kreisen der Stadt nochmals beträchtlich. Zwar hatten die beiden Familien Stumm und Böcking schon seit Generationen in geschäftlichen Beziehungen gestanden, doch war Böcking schon aus finanziellen Gründen nicht der Wunschschwiegersohn der Familie Stumm. Andere Mitglieder der Stummschen Familie hegten später jedoch weniger Ressentiments gegen die Böckings. So heiratete Charlottes jüngerer Bruder Carl Friedrich (1798–1848) noch im Jahr vor dem Tod seines Vaters Heinrichs Nichte Maria Louise (1813–1864).Die Nachfahren F.P. Stumms und H. Böckings auf (zuletzt abgerufen am 30. Januar 2015) Das Verhältnis zwischen Friedrich Philipp Stumm und seines einflussreichen Bruders Johann Ferdinand Stumm (1764–1839) mit Böcking blieb jedenfalls zeitlebens unterkühlt. Im Auftrag seines Schwiegervaters Friedrich Philipp Stumm unternahm Böcking häufig Geschäftsreisen. Autodidaktisch befasste er sich mit Volkswirtschaft, Mineralogie und Altertumskunde und vertiefte sich in die geographischen Gegebenheiten der saarländischen Steinkohlenvorkommen und die Strukturen der Saarwirtschaft.

Aus der Ehe Heinrichs und Charlotte Henriette gingen vier Kinder hervor:Christof Trepesch (Hrsg.): Kultur des Biedermeier, Der Maler Louis Krevel, Worms 2001, S. 44–49.

Heinrich Rudolf (1810–1871): Er machte eine kaufmännische Ausbildung im Handelshaus Reverchon in Trier, studierte anschließend in Berlin und ließ sich im Jahr 1837 auf der Asbacher Hütte nieder, die nach seinem Tod im Jahr 1871 stillgelegt wurde. Er war verheiratet mit Marie Luise Hildebrand (1817–1901), der Tochter des Saarbrücker Superintendenten Ludwig Philipp Hildebrand (1764–1833).. Sein Sohn Rudolf war Leiter der Halbergerhütte in Saarbrücken-Brebach. Seine Tochter Ida Charlotte (1839–1918) wurde 1860 die Ehefrau von Carl Ferdinand von Stumm-Halberg – dem ältesten Sohn Charlottes Bruders und Heinrichs Nichte, also ihres Cousins 2. Grades.

Gustav Adolf (1812–1893): Er übernahm im Jahr 1839 die Abentheuerer HütteHermann-Josef Braun: Das Eisenhüttenwesen des Hunsrücks, 15. bis Ende 18. Jahrhundert, (Trierer historische Forschungen 17), Trier 1991. und wohnte dort auch nach deren Schließung im Jahr 1870. Aus der Eheschließung mit Wilhelmine Mayr (1819–1889) aus Memmingen gingen die Söhne Eduard Sigismund (Abentheuerer Hütte, Halbergerhütte, Dillinger Hütte, Walzwerk Köln-Mülheim) und Richard (1848–1919, Kaufmann in Antwerpen und verheiratet mit Elly Königs) hervor. Die Nachkommen leben heute im Böckingschen Herrenhaus in Abentheuer.

Eduard (1814–1894): Er lebte auf der Gräfenbacher Hütte und war mit Adelheid Gräff aus Kreuznach verheiratet.

Carolina Clara (1816–1878): Sie war verheiratet mit dem Anwalt Detmar Cramer (1812–1892) und wohnte in Trier, dann in Köln.Christof Trepesch (Hrsg.): Kultur des Biedermeier, Der Maler Louis Krevel, Worms 2001, S. 119–121 und 132, 120–121.

Charlotte Henriette war zeitlebens kränklich und starb im Alter von 42 Jahren in Nizza im Jahr 1832.

Als im Zuge der Befreiungskriege 1814/15 die Frage der künftigen staatlichen Zugehörigkeit Saarbrückens und des Saarreviers diskutiert wurde, war Böcking neben Philipp Fauth der herausragendste Verfechter einer deutsch-patriotischen Parteiung, die die Angliederung des Saargebietes an Preußen forderte.

Der Zivilgouverneur Justus Gruner (1777–1820) ernannte am 17. März 1814 den erst 28-jährigen Böcking zum Bürgermeister von Saarbrücken. Mit der Ernennung war der politische Auftrag verbunden, an der Spitze eines patriotischen Vereins die deutschgesinnten Bevölkerungsteile zu mobilisieren und die wehrfähige männliche Bevölkerung diesbezüglich zu aktivieren. Böcking beantragte schon nach wenigen Wochen aus beruflichen und privaten Gründen seine Entlassung aus dem Bürgermeisteramt. Er glaubte, dass der Anschluss der Saarorte mit dem Königreich Preußen eine entschiedene Sache sei. Umso größer war seine Bestürzung, als entgegen allen Erwartungen der Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 das Kerngebiet des ehemaligen Fürstentums Nassau-Saarbrücken und die von Ludwig XIV. gegründete französische Festungsstadt Saarlouis bei Frankreich beließ. Daraufhin protestierte Böcking gegenüber deutschen Politikern und Patrioten und suchte Unterstützung bei dem Publizisten Joseph Görres, der im „Rheinischen Merkur“ eine Korrektur der Entscheidung der Alliierten hinsichtlich der Saartalorte verlangte.

Mit der Rückkehr des verbannten Napoleons von der Insel Elba und dem dadurch ausgelösten zweiten Befreiungskrieg schien für Böcking die Chance einer Grenzkorrektur in greifbare Nähe gerückt zu sein. In Saarbrücken bildete sich unter Böckings Initiative eine Bürgerinitiative, die sich vehement für die Entlassung aus dem französischen Herrschaftsbereich einsetzte.

Als der preußische Staatskanzler Karl August von Hardenberg auf dem Weg nach Paris Saarbrücken durchquerte, wurde er am Abend des 10. Juli 1815 von einer Abordnung der deutsch-patriotischen Bürgerschaft in Saarbrücken festlich empfangen. Nach eingehenden Gesprächen versicherte Hardenberg, sich für den Wunsch eines Anschlusses der Saartalorte an das Königreich Preußen, einzusetzen. Am Folgetag, dem 11. Juli 1815, unterzeichneten 345 Bürger eine diesbezügliche Bittschrift und wählten einen Ausschuss von sechs Bürgern, angeführt von Böcking und Karl Lauckhard, die für die Durchsetzung des Begehrens weiterhin diplomatisch tätig bleiben sollten.

Mit einer Mehrheit von 26 zu elf Mitgliedern beschloss der Bürgerrat, Böcking und Lauckhard als Bevollmächtigte der Bürgerinitiative nach Paris zu entsenden, um bei den Alliierten für den Anschluss der Saartalorte zu werben und um eine Befreiung von den außerordentlichen Kriegslasten zu bitten. Um ihrem Anliegen noch mehr Nachdruck zu verleihen, gelang es Böcking und Lauckhard, mit Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, der zu dieser Zeit Berater des russischen Zaren Alexander war, noch einen zusätzlichen wichtigen Verbündeten zu gewinnen. mini|Unterschriftenaktion von Bürgern aus Saarbrücken und St. Johann an der Saar vom 11. Juli 1815 zum Anschluss der Saartalorte an das Königreich Preußen (Innenblatt) Darüber hinaus gehörte Böcking verschiedenen Delegationen an, insbesondere der im Sommer 1815 zur Pariser Friedenskonferenz entsandten Deputation zusammen mit Karl Lauckhard. Den entscheidenden Text des Schreibens, das den Anschluss der Saartalorte an das Königreich Preußen in die Wege leiten sollte, hatte allerdings der evangelische Malstatter Pfarrer Johann Friedrich Köllner verfasst.Adolph Köllner: Geschichte der Städte Saarbrücken und St. Johann. Nach Urkunden und authentischen Berichten bearbeitet, 2 Bände, Saarbrücken 1865, Bd. 1, S. 539f. Böcking lernte Köllner bereits als Zwölfjähriger kennen, als dieser bei seiner Familie als sein Hauslehrer angestellt war.

Frankreich musste in den am 2. Oktober 1815 vereinbarten Friedenspräliminarien die Abtretung des wirtschaftlich ertragreichen Saargebietes an das Königreich Preußen akzeptieren. Völkerrechtlich sanktioniert wurde die Übereinkunft im Zweiten Pariser Frieden vom 20. November 1815.

Im gleichen Jahr wurde Böcking am 8. Dezember 1815 in die Königliche Bergamts-Kommission berufen. Die kommissarische Verwaltung wurde am 22. September 1816 zum Königlichen Bergamt umgewandelt, das am Saarbrücker Schlossplatz angesiedelt wurde. Die Leitung des neuen Amtes wurde Bergmeister Leopold Sello übertragen. Böcking war als Rendant Leiter des Finanzwesens. Im Jahr 1838 wurde er nach der Niederlegung seines Bürgermeisteramtes zum Bergrat, im Jahr 1844, kurz vor seiner Pensionierung, zum Oberbergrat ernannt.