mini|Poel und Wustrow in der Mecklenburger Bucht mini|Karte von 1893 mit drei Siedlungen Wustrow ist eine 10 km² große Halbinsel in der Mecklenburger Bucht südwestlich von Rerik. Von 1933 bis 1990 war die Halbinsel militärisch genutzt. Auch nach dem Abzug der Militärs blieb Wustrow für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich. Der südwestliche Teil der Halbinsel ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen.
Geographie
Lage und Name Der Name Wustrow stammt vom slawischen Wort für „Insel“, vgl. tschechisch ostrov. Die Halbinsel liegt südwestlich von Rerik zwischen der offenen Ostsee und dem Salzhaff. Mit dem Festland bei Rerik ist sie über eine schmale Landverbindung (Nehrung), den Wustrower Hals, verbunden. Sie ist gekennzeichnet durch ihre Ausgleichsküste.
Wustrower Hals mini|Blick vom Schmiedeberg über den Wustrower Hals zur Halbinsel Wustrow (links das Salzhaff, rechts die Ostsee) Zwischen den Hansestädten Rostock und Wismar gelegen, war Wustrow ursprünglich eine Insel. Die slawische Burg Alt Gaarz (Alte Burg) schützte die Zufahrt zum Salzhaff. Später entstand eine Nehrung, die Wustrow mit dem Festland bei Rerik verbindet, sodass Wustrow eine Halbinsel wurde. Die 700 m lange Nehrung wurde beim Ostseesturmhochwasser 1872 und beim Sturmhochwasser am 10. Februar 1874 durchbrochen und an mehreren Stellen erheblich verändert.Meer und Museum (Deutsches Meeresmuseum), Band 13 (1997), S. 22, Die Flachküste Die Düne wurde gänzlich abgetragen. Da ein ständiger Durchbruch der Nehrung die Ortschaften am Salzhaff gefährdet hätte, wurden noch 1874 Windfangzäune, ein Deich und eine Straße angelegt. Dieser Wustrower Hals verbindet Wustrow mit Rerik, der „Stadt im Röhricht“.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 19.
Kern der Halbinsel Wustrow An die Nehrung schließt sich der im Pleistozän entstandene Halbinselkern an. Er ist 5 km lang und maximal 2,5 km breit.
Das Areal wird von Nordost nach Südwest in drei Zonen gegliedert. Gleich hinter dem Damm beginnt der rund 100 Hektar große und bebaute Teil der früheren Wohnsiedlung Rerik-West und der militärischen Zweckbauten. Dieser Teil ist abgesperrt und der Zugang untersagt, den Warnschildern zufolge wegen Gefährdung durch verbliebene Munition.
Es folgt eine 200 ha große Fläche, die Teil des Landschaftsschutzgebietes Salzhaff ist. Den Rest nimmt das 700 ha große Naturschutzgebiet „Wustrow“ ein.
Südwestliche Ausläufer Den südwestlichen Abschluss der Halbinsel bildet ein Sandhaken, der etwa 4 km lange und wenige hundert Meter breite Kieler Ort. Ursprünglich war er fest mit dem Kern der Halbinsel verbunden.Messtischblatt Nr. 1935 Russow, 1911. Ursprünglich lief die Halbinsel nach Süden in zwei Landzungen aus. Den südlichen Abschluss der Halbinsel bildet die Kirchmesse, ursprünglich eine Insel, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Halbinsel zusammenwuchs. Zwischen Kieler Ort und Kirchmesse liegt die Wasserfläche Kroy. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete sich am Hals des Kieler Orts ein Durchbruch, der auf natürliche Weise offenbar nicht wieder versandet, so dass der Kieler Ort nun eine Insel ist.
Geschichte bis 1932 mini|Frühere Wohnsiedlung Rerik-West, heute Sperrgebiet 1273 erstmals im Stadtbuch von Wismar erwähnt, war die Halbinsel bis Anfang der 1930er-Jahre ein landwirtschaftliches Gut in den Händen zahlreicher Besitzer. Daneben gab es mehrere Bauernhöfe, die zuletzt im Ortsteil Neu Wustrow angesiedelt waren. Erster urkundlich belegter Besitzer am Anfang des 14. Jahrhunderts war die Familie Moltke. Dann ging das Gut in der Mitte des 14. Jahrhunderts auf die von Oertzen über. Mathias von Oertzen wurde 1514 von den Herzögen Albrecht VII. und Heinrich V. das Recht zum Bau einer Windmühle verliehen. Die Mühle wurde auf dem Wustrower Hals errichtet. Mathias von Oertzen war der jüngste Landrat in Mecklenburg.
Ein schweres Sturmhochwasser zerstörte das Gut am 10. Februar 1625 fast vollständig. Die gesamte Halbinsel wurde überschwemmt. Der Überlieferung nach flohen die Bewohner auf den höchsten Punkt und standen trotzdem noch bis zum Bauch im Wasser. Am 15. Februar 1625 wurde aus dem Lehngut ein Allod. Die Besitzer mussten keine Abgaben mehr entrichten und waren vom Hof- und Kriegsdienst befreit. Das Gut gehörte 1649 Erich Hansson Ulfsparre, königlich schwedischer Oberst und Kommandant von Wismar.
1675 war ein Baron von Winterfeld Besitzer, ihm und seinen Nachfahren wurde am 27. Oktober das Kirchenpatronat in Alt-Gaarz verliehen. Die Familie konnte Geistliche ernennen und auch absetzen; sie durfte über das Vermögen und das Einkommen verfügen. Im Gegenzug bestand die Pflicht zur Erhaltung und zum Ausbau des Kirchengebäudes. Helmuth Otto von Winterfeld verstarb 1694 und hinterließ 17 Kinder, die Halbinsel erbte Friedrich von Winterfeld, damals ein Major der dänischen Armee. Er verkaufte 1696 an den Generalleutnant Samuel Christopher von Plessen, der den Besitz an seinen Sohn Helmut August vererbte. Helmut August wurde 1724 ermordet, die Umstände sind nicht geklärt. In den folgenden Jahren wechselten die Besitzer häufig. Die Herrschaft der Schweden dauerte bis 1803. 1838 wurde Neu Wustrow mit drei Erbpachthöfen gegründet. Erst die Familie Stever, die das Gut 1820 übernommen hatte, konnte es wieder über einen längeren Zeitraum halten.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 11. 1859 brach die Cholera aus, es erkrankten 30 Menschen, von denen fünf an den Folgen der Krankheit starben. Der gesamte Gutshof brannte einige Jahre danach bis auf das neue Herrenhaus nieder. Danach wechselten die Besitzer wieder mehrfach. Der Rittergutsbesitzer Hans von Plessen kaufte das Gut 1925.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 20.
Militärische Nutzung Reichswehr und Wehrmacht 1932 wurde die Halbinsel Wustrow von den Damshagener Brüdern Bernhard und Hans Balduin von PlessenEdelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 25. an die Reichswehr verkauft, die 1933 unverzüglich mit dem Aufbau von Deutschlands größter Flakartillerieschule, der FAS I, begann. Der Standort wurde auch als „Rerik-West“ bezeichnet.mini|Kaserneneingang der Flakartillerieschule Rerik
Eine Heeresstandortverwaltung wurde am 1. August 1933 eingerichtet und vorläufig in der Pension Ingeborg untergebracht. Das Herrenhaus, der Jungviehstall und ein Speichergebäude wurden zu provisorischen Unterkünften für übende Soldaten umgebaut. Es wurde schnell Platz für 350 Personen geschaffen. Das Geschäftszimmer der Standortverwaltung wurde Anfang 1934 auf die Halbinsel verlegt. Sie kam in der ehemaligen Schule unter. Im April 1934 wurden erste Kasernengebäude, das neue Lager fertig. Die dreistöckigen Gebäude waren unterkellert.
Für Zivilbeschäftigte und Offiziere entstand die Siedlung Rerik West mit Wohnhäusern nach Plänen von Heinrich Tessenow.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 32.
Am 6. April 1934 wurde aus einer 7,5-cm-Flak L/60 der erste Übungsschuss abgefeuert. Dieses Geschütz wurde von Bofors in Schweden als „Bofors 75 mm m/1929“ eigens für die deutsche Reichswehr entwickelt; wegen fehlender Eignung entstand hieraus danach die 8,8-cm-Flak. Die übenden Flakabteilungen wechselten alle vierzehn Tage. Die Flakartillerieschule und der Luftwaffenübungsplatz beeinflussten das Leben in Alt Gaarz entscheidend. Im vorderen Teil der Halbinsel wurde eine Wohnsiedlung und der Militärbautenkomplex mit Flugplatz und Sportanlagen errichtet. Soldaten aus allen Teilen Deutschlands wurden in mehrwöchigen Lehrgängen an den Flak-Geschützen ausgebildet. Im Laufe des Krieges wurden die Anlagen immer wieder erweitert und ausgebaut. Am 25. Juli 1943 war der Standort Ziel eines aus Richtung Hamburg anfliegenden US-Bomberverbands (388th Bombardment Group).Von 20 B17-Bombern wurde einer (Nr. 42-5907) (388th BG, 563rd BS, „Wing and a Prayer“, 10 Tote) abgeschossen, der auf dem Rückflug über See abstürzte. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges diente Wustrow als Zwischenstation für Einheiten, die zur Verteidigung der Stadt nach Berlin geflogen wurden. Auf der Flucht vor der vorrückenden Roten Armee verließen viele Bewohner und Soldaten die Halbinsel.
Am 2. Mai 1945 wurde Wustrow von dem Stadtkommandanten Deckwitz kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 50–75. Nachdem 1945 eine Bodenreform durchgeführt und Neubauern angesiedelt worden waren, wurde die Halbinsel Wustrow 1949 zur sowjetischen Garnison bestimmt. Die sowjetische Militärführung forderte alle noch verbliebenen deutschen Zivilisten zur Räumung der Halbinsel auf. Die Rote Armee übernahm die Halbinsel und schottete sie von der Außenwelt ab.
Rote Armee mini|Wüstung Über die sowjetische Besatzungszeit ist nur weniges überliefert. Es wird geschätzt, dass auf Wustrow bis zu 3000 Soldaten und deren Familienangehörige stationiert waren. Kontakte zur einheimischen Bevölkerung beschränkten sich auf Feiertage wie den 7. November, den Tag der großen Sozialistischen Oktoberrevolution. An solchen Tagen durften ausgewählte deutsche Delegationen an den Feierlichkeiten teilnehmen. Zeitweise wurden auch militärische und sportliche Aktionen mit den Mitgliedern der Betriebskampfgruppen und Soldaten der Nationalen Volksarmee durchgeführt.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. Ch. Links Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 94. Gesichert ist, dass wieder ein Schieß- und Ausbildungsplatz errichtet wurde, die Einheiten wurden durch Marine- und Nachrichtentruppen ergänzt. Nach dem Ende des Krieges hatten Soldaten der Roten Armee einen Teil der Kasernenanlagen gesprengt. Dort wurden für die Mannschaften einfache Baracken aus Stein errichtet, die an einer Stirnseite Toiletten- und Waschräume hatten. Zwei abgetrennte Räume dienten als Waffenkammer. Neben den Schlafbaracken wurden diverse Gebäude zur Versorgung der Truppe, wie Küchen, Bäckerei, Speisesaal, Kartoffelbunker und ein Fleischlager, gebaut. Für die Selbstversorgung mit Schweinefleisch wurden etliche Schweineställe unterhalten. Diese Schweine liefen auch außerhalb der Ställe frei herum und verließen auch teilweise die Umzäunung. Sie paarten sich mit den dort lebenden Wildschweinen. Die daraus resultierenden gescheckten Schweine waren noch viele Jahre auf der Halbinsel präsent.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 75–86. Das ehemalige Postgebäude wurde um einen großen Saal erweitert und dann als Kino genutzt. Hier wurden hauptsächlich an Sonntagen Filme vorgeführt. Ein Kindergarten und eine Schule für die jüngeren Kinder komplettierten die Anlage. Die älteren Kinder besuchten zuerst die Schule in Wismar und dann die in Schwerin. Für die Einheimischen war die Halbinsel eine verbotene Zone. Eine quer über die Straße verlaufende Mauer trennte Rerik von Wustrow. Die Mauer war mit Stacheldraht bewehrt, der an beiden Seiten bis weit in die Ostsee und das Salzhaff reichte. In den 1970er Jahren wurde in Rerik ein Ausbildungszentrum des Deutschen Turn- und Sportbundes gebaut. Das Zentrum benötigte Platz, aus diesem Grund wurde die Mauer bis zur Mitte des Wustrower Halses zurückverlegt. Das Blechtor zur Straße nach Rerik war ständig bewacht; beide Straßenseiten waren von einem starken Zaun eingefasst. Auch innerhalb des Militärgeländes gab es etliche abgegrenzte Areale, die nur von Berechtigten mit entsprechendem Passierschein betreten werden durften. Die Bäckerei war beispielsweise mit einer Mauer umgeben und wurde von zwei Posten bewacht.Edelgard Feiler, Klaus Feiler: Die verbotene Halbinsel Wustrow. 2004, ISBN 3-86153-323-5, S. 87–90.