mini|Symbol der Theosophischen Gesellschaft Die Theosophische Gesellschaft (TG) ist eine 1875 in New York City gegründete esoterische Organisation.
Inhaltlich beruht die Gesellschaft auf der Theosophie Helena Petrovna Blavatskys, die Vorstellungen von kosmischer Evolution, karmischer Gesetzmäßigkeit und einer geistigen Hierarchie von „Meistern“ enthält.
Nach ihrem Selbstverständnis steht die TG in der Tradition einer universalen geistigen und ethischen Strömung, die zu allen Zeiten vorhanden gewesen sei. Ihre zentrale Grundlage ist die Idee einer universalen Bruderschaft aller Lebewesen. Diese gründet auf der Annahme, dass alles Existierende in einem anfangs- und endlosen Universum eine gemeinsame geistige Essenz teilt und von einem kosmischen Bewusstsein durchdrungen ist.
Im Verlauf ihrer Geschichte führten unterschiedliche Lehrinterpretationen und organisatorische Konflikte zu zahlreichen Abspaltungen und Neugründungen, die sich teils deutlich von den ursprünglichen Zielsetzungen entfernten.
Gründung mini|hochkant|Helena Blavatsky mini|hochkant|Henry Steel Olcott mini|hochkant|William Quan Judge Am 17. November 1875 wurde die Theosophische Gesellschaft (TG) u. a. von Helena Petrovna Blavatsky, Henry Steel Olcott und William Quan Judge in New York gegründet. Dazu wurde der einige Wochen zuvor gegründete spiritistische Zirkel Miracle Club (Wunderclub), der sich um das „Medium“ Blavatsky gebildet hatte und dessen Zielsetzung die wissenschaftliche Erforschung spiritistischer Phänomene war, in TG umbenannt.Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens (= Esoterik. Bd. 12179). Original-Ausgabe; sowie 3. aktualisierte Auflage, beide Goldmann, München 1993, ISBN 3-442-12179-5, S. 617.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, S. 167. Nach anfänglicher Stagnation konnte sich die Organisation etablieren, Tochtergesellschaften (Logen) ins Leben rufen und verbreitete sich schließlich über die ganze Welt.
Erforschung spiritistischer Phänomene (Miracle Club) Blavatsky und Olcott begegneten sich erstmals im Oktober 1874 bei den Eddy Brothers in Chittenden, Vermont, wo sie sich für die in deren Haus auftretenden Spukerscheinungen interessierten.Ursula Keller, Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Eine Biographie. Insel Verlag, Berlin 2013, S. 117. Daraufhin gründeten sie 1875 den Miracle Club, um sich mit Gleichgesinnten der Erforschung spiritistischer Phänomene zu widmen. Diesem Kreis schloss sich der Jurist Judge an. Die Mitgliedertreffen unterlagen der Geheimhaltung. Zu dieser Zeit geriet der Spiritismus wegen zahlreicher Betrugsfälle in Verruf. Als das Club-Mitglied David Dana, der Bruder des Herausgebers der Zeitung The Sun, für seine Dienste mehr Geld verlangte, was Blavatsky strikt verweigerte, begann die Gerüchteküche über sie zu brodeln. Letztlich scheiterte der Miracle Club und Blavatsky und Olcott, die späteren Gründer der TG, begannen sich vom Spiritismus abzugrenzen und andere Theorien und Erklärungen für spiritistische Vorkommnisse aufzustellen.Ursula Keller, Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Eine Biographie. Insel Verlag, Berlin 2013, S. 115, S. 117, S. 134–135, S. 137 f.
Anstoß zur Gründung Am 7. September 1875 hielt der Ingenieur George Henry Felt in der New Yorker Wohnung Blavatskys vor siebzehn Personen ein Referat über den verschollenen Kanon der Proportionalität von Ägyptern, Griechen und Römern.Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Beck, München 2004, S. 203. Felt war überzeugt, den Schlüssel zum Symbolgehalt der geometrischen Figuren und zu verschollenen ägyptischen Weisheiten entdeckt zu haben, in denen man okkultes Geheimwissen vermutete. Er behauptete, mittels unterschiedlicher Hilfsmittel Elementargeister herbeirufen und in materialisierter Form projizieren zu können. Diese Vorstellungen veranlassten Olcott zu dem Vorschlag, eine Nachfolgegesellschaft des Miracle Club zu gründen, um solche Dinge zu erforschen. Blavatsky und Jugde signalisierten Zustimmung, woraufhin die Gründung einer Gesellschaft zur Untersuchung der geheimen, zugrunde liegenden Naturgesetze, die den Chaldäern und Ägyptern vermeintlich noch vertraut waren, in Angriff zu nehmen.Ursula Keller, Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Eine Biographie. Insel Verlag, Berlin 2013, S. 156.
Die Gründung mini|hochkant|Gründungsprotokoll 1875 Am 8. September 1875 traf man sich erneut, um die Gründung einer Gesellschaft zum Studium und zur Erklärung des Okkultismus, der Kabbala usw. zu beschließen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Blavatsky, Olcott, Judge, Felt, das Ehepaar Britten, Charles Sotheran, Charles E. Simmons, H. D. Monachesi, Charles Carleton Massey, William Livingston Alden, D. E. de Lara, Henry Jotham Newton, John Storer Cobb, James Hervey Hyslop und H. M. Stevens. Die Anwesenden besprachen erste Details, darunter auch die Ausrichtung der zu gründenden Gesellschaft. Als Name standen Ägyptologische, Hermetische oder Rosenkreuzerische Gesellschaft zur Disposition. Schließlich einigte man sich auf The Theosophical Society (Theosophische Gesellschaft), da die Bezeichnung „theosophy“ (altgriechisch ‚Göttliche Weisheit‘) mit der Suche nach esoterischer Wahrheit und dem Streben nach wissenschaftlicher Erforschung des Okkulten vereinbar war.
Am 30. Oktober 1875 wurden die Satzungen verlesen und mit dem Vorbehalt angenommen, dass die Präambel noch von Olcott, Sotheran und Cobb revidiert werden sollte.Hans-Jürgen Ruppert: Theosophie – unterwegs zum okkulten Übermenschen (= Reihe Apologetische Themen; 2). Friedrich Bahn, Konstanz 1993. S. 93–94. Es wurden Vorstand und Beisitzer gewählt. Olcott wurde Präsident, Judge Rechtsbeistand und Blavatsky zur korrespondierenden Sekretärin ernannt.Ursula Keller, Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Eine Biographie. Insel Verlag, Berlin 2013, S. 136–137.
Am 17. November 1875 fand in der Mott Memorial Hall in der Madison Avenue eine zeremonielle Feier anlässlich der TG-Gründung statt und Olcott dozierte über die Ziele der TG. 1876 erklärte sich die TG zur Geheimgesellschaft.Ursula Keller, Natalja Sharandak: Madame Blavatsky. Eine Biographie. Insel Verlag, Berlin 2013, S. 137 und S. 139.
Drei Ziele Die zunächst am praktischen Okkultismus interessierten Mitglieder der 1875 gegründeten Theosophischen Gesellschaft formulierten drei Ziele:
Das in der Präambel der TG-Satzung formulierte Postulat lautete:
Die im Oktober 1902 als Verein gegründete deutsche Sektion der TG gab sich ein Jahr später eine Satzung, die sich in ihren drei Zielen eng an die Vorlagen der Muttergesellschaft anlehnte. Zusätzlich fügte man in einem vierten Punkt eine Negativliste an:
Während man die Distanz zur Politik bis zum Zusammenbruch des Kaiserreichs durchhielt, brach der Glaubenssatz der Dogmenfreiheit und der grenzenlosen Toleranz mit der durch die Konsolidierung der Positionen Rudolf Steiners verursachten Krise und der Leadbeater-Affäre schon nach wenigen Jahren zusammen.Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biographie. Piper Verlag GmbH, München 2011, ISBN 978-3-492-05448-5. S. 197–198.
Stagnation Die anfangs positive Stimmung schlug rasch ins Gegenteil um, in den folgenden Monaten wuchs und gedieh dann auch einzig die Bibliothek der Theosophischen Gesellschaft an okkulter Literatur. Noch vor Jahresende 1875 kam es bereits zu ersten Austritten, die sich in den folgenden Jahren fortsetzten, wodurch auch die Führung einem ständigen Wechsel unterlag. In den Folgejahren bestimmten hauptsächlich Blavatsky, Olcott und Judge die Entwicklung der TG. Die meisten anderen Gründungsmitglieder hatten der Theosophischen Gesellschaft zwischenzeitlich den Rücken gekehrt und gerieten weitgehend in Vergessenheit.
Ein Hauptgrund für die Stagnation war Felt, dessen Versprechen einer öffentlichen Demonstration der magischen Kräfte der Impulsgeber für die Gründung der Theosophischen Gesellschaft gewesen war. Trotz wiederholtem Drängen Olcotts schob Felt seine Vorführung immer wieder hinaus und nahm schließlich auch an den ohnehin recht unregelmäßig stattfindenden Treffen der Theosophen nicht mehr teil. Dies war eine herbe Enttäuschung für viele Mitglieder, war damit doch dem ersten Studium der Geheimwissenschaft ein klarer Misserfolg beschieden. Die Suche nach anderen okkulten „Phänomenen“ erwies sich ebenso als nicht besonders erfolgreich; nur Bagatellen konnten zu Tage gefördert werden. Zusätzlich erschwerend wirkte sich die praktisch völlige Abwesenheit Blavatskys bei den Treffen der TG aus, dies umso mehr, als sie als „Kuriosität“ galt und stets Anziehungspunkt zahlreicher Neugieriger war. Sie hatte mittlerweile ihr erstes Buch Isis entschleiert zu schreiben begonnen und eine rege Korrespondenz mit Interessenten und der Presse in Gang gesetzt; dadurch fand sie keine Zeit für die Theosophen. Judge interessierte sich mehr für die in kleinem Kreis stattfindenden Lehrgespräche Blavatskys als für die TG selbst. So blieb einzig Olcott, der in dieser Zeit die Geschicke der Organisation lenkte, sie vor dem völligen Absinken in die Bedeutungslosigkeit und damit vor dem Zusammenbruch bewahrte.
1876 veranstaltete Olcott die erste öffentliche Feuerbestattung (eines Mitgliedes) in den USA,Es handelte sich um Joseph Henry Louis Charles Baron de Palm (* 10. Mai 1809 in Augsburg; † 20. Mai 1876 in New York). Die Feier anlässlich der Kremation lockte mehr als 2000 Neugierige an; über 7000 Zeitungsartikel wurden über dieses Ereignis in den USA publiziert. was ein landesweites Medienecho nach sich zog.
Ende 1876 hatte die TG 85 eingetragene Mitglieder, darunter 17 Frauen.
Isis entschleiert Am 29. September 1877 erschien Blavatskys Werk Isis entschleiert. Das Buch erregte die Gemüter zum einen in enthusiastisch zustimmender, aber auch andererseits vernichtend ablehnender Kritik. In der Folge expandierte die TG. Nachdem bereits vorher inoffizielle Logen in Liverpool sowie auf Korfu entstanden waren, gründete Charles Carleton Massey am 27. Juni 1878 mit der London Lodge eine „offizielle“ Zweigstelle der Theosophischen Gesellschaft, autorisiert durch eine bereits 1876 von Olcott ausgestellte Stiftungsurkunde. 1879 folgte eine Loge im indischen Mumbai und 1882 in Rochester die erste Loge auf amerikanischem Boden.
Annäherung an den Neohinduismus und Umbenennung In der Zwischenzeit suchte die TG die Nähe zum Neohinduismus. Dazu siedelten Blavatsky und Olcott 1878 nach Indien über, um sich um eine Angliederung der TG an die hinduistische Reformbewegung Arya Samaj zu bemühen. Der Zusammenschluss scheiterte.Julia Iwersen: Wege der Esoterik. Ideen und Ziele. Herder, Freiburg im Breisgau 2003, ISBN 3-451-04940-6. S. 100.
Programmatik Im Jahre 1878 nannte sich die TG zeitweilig Theosophical Society of the Arya Samaj. Nachdem dieser Impuls verklungen war, schärften die Theosophen ihr weltanschauliches Profil. Im Mai 1878 wurde aus der Beschäftigung mit orientalischer Literatur und Philosophie Praxis. Blavatsky und Olcott wanderten nach Indien aus. 1879 wurde die Zeitschrift The Theosophist gegründet. 1880 traten beide zum Buddhismus über. 1882 wurde im südindischen Adyar nahe Madras das TG-Hauptquartier errichtet. Nun wurde nach Lehrern mit Meditationswissen Ausschau gehalten. Der Erwerb okkulter Kräfte mit Kundalini-Yoga wurde erwogen. Bengalische Theosophen beschäftigten sich mit Tantrismus. Andere zogen Raja-Yoga vor. Letztlich erwies sich die Hoffnung, in Indien auf eine Guru-Kultur zu treffen, als Trugbild. Europäische Theosophen standen dieser orientalischen Sinnsuche zwiespältig gegenüber. Als der Journalist Percy Sinnett auf der Basis von Briefen geheimer Meister, den Mahatmabriefen, das Buch Esoteric Buddhism (Geheimbuddhismus) veröffentlichte und darauf beharrte, dass es das Fundament der Theosophie bilde, kam es zu massiven Auseinandersetzungen, weil alle Theosophen wussten, dass er quasi als Sprachrohr Blavatskys fungierte.Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biographie. Piper Verlag GmbH, München 2011, ISBN 978-3-492-05448-5, S. 134–136.