mini|Grabstein von Edit Ruß (1919–1993) auf dem Gertruden-Kirchhof in Oldenburg (Oldg)

Edith Maria Ruß (auch Russ; * 22. Januar 1919 in Hildesheim; † 18. Juli 1993 in Oldenburg) war eine nationalsozialistische Journalistin und später deutsche Mäzenin. Sie ist die Stifterin des Hauses für Medienkunst Oldenburg in Oldenburg. Leben Ruß wurde am 22. Januar 1919 in Hildesheim geboren. Im Herbst 1929 zog die Familie nach Oldenburg um, wo sie nur bis Ostern 1932 das Mädchengymnasium Cäcilienschule besuchte. Von 1934 bis 1936 besuchte sie die „Staatliche Deutsche Oberschule“. Die nationalsozialistischen Jugenddienstpflichten absolvierte sie jeweils schon bevor sie verpflichtend für alle Jugendlichen im Dritten Reich wurden: bereits ab 1. Februar 1934 (verpflichtend ab 1936) wurde sie Mitglied im Bund Deutscher Mädel (BDM); vermutlich 1936/37 leistete sie ihr BDM-Pflichtjahr (verpflichtend ab 1938) in einem Haushalt in Bad Rothenfelde; und vom 27. April bis 30. September 1937 arbeitete sie als Postbetriebsangestellte im Fernsprechbetriebsdienst, möglicherweise im Rahmen des Reichsarbeitsdienstes der weiblichen Jugend (RADwJ).

Der Weg zur Schriftleiterin im Nationalsozialismus

Ihre schreibende Tätigkeit begann ab Oktober 1937 als Schulsekretärin an ihrem früheren Mädchengymnasium. Im Jahr 1939 wechselte sie zunächst als Sekretärin zu den Oldenburger Nachrichten, um eine Ausbildung zur Schriftleiterin zu machen. Nach Kriegsbeginn ab Oktober 1939 startete sie hier mit einem Volontariat ihre Karriere als Journalistin. Auf der Zugreise für eine Reportage über die Worpsweder Künstlergruppe begegnete sie 1940 dem über 20 Jahre älteren Schriftsteller und Kulturjournalisten Manfred Hausmann, mit dem sie dann über viele Jahre befreundet und liiert war und einen BriefwechselDer Briefwechsel liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach unter Verschluss bis 2056. begann. Für beide galt damals das schon seit 1934 in Kraft getretene nationalsozialistische Schriftleitergesetz, es machte auch den vermeintlich unpolitischen Kulturjournalismus zum Sprachrohr der NS-Regierung und des Propagandaapparates der Reichspressekammer, einer Abteilung der Reichskulturkammer. Daher entsprachen auch die Themen und Kulturbeiträge von Edith Ruß dem Ton jener Zeit.

Ab Herbst 1940 arbeitete Ruß über ein Jahr lang – zunächst wiederum als Sekretärin – beim Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts Oldenburg, Eugen Dugend, in dessen Aufgabenbereich ab 1933 der Umbau der Verwaltungsstrukturen (→ Gleichschaltung) gefallen war. Am 21. November 1940 beantragte sie die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Januar 1941 aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.346.788).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/36130956

Sie bestand ihre Prüfung als Schriftleiterin, was im NS-Staat einem beamtenähnlichen Status gleichkam. Für diese Laufbahn hatte sie nicht nur ihre arische Abstammung nachweisen müssen, auch eine politische Gesinnungsprüfung gehörte dazu. Ihr Schriftleiterausweis, der sich im Besitz der Stadt befindet, weist sie in der Berufsliste der Schriftleiter als Angehörige der „Kategorie A“ aus, einer Einstufung für besonders ideologiefeste Schriftleiter. Nun durfte sie für alle Ressorts, insbesondere auch die politischen schreiben.Informationsbroschüre zur Ausstellung im Projekt: Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus 28.1.-1.3.2026, Haus für Medienkunst (Hg.) Oldenburg 2026, S. 6, S. 7, S. 1. Nach dem nationalsozialistischen Schriftleitergesetz bestimmten nicht mehr die Verlage, sondern die Schriftleiter sowohl Inhalte einer Zeitung als auch die Stellenvergaben.

So zog Edith Ruß im November 1941 in die Reichshauptstadt Berlin als Schriftleiterin im Frauenmagazin Hella. Ihre vorgesetzte Hauptschriftleiterin bei der Zeitschrift Hella war Luiselotte Enderle, die Lebensgefährtin des vom NS-Regime verfemten Schriftstellers Erich Kästner, mit ihr stand Ruß noch später nach dem Krieg in privatem Briefkontakt.

Nachdem die Hella 1943 kriegsbedingt wegen Papiermangels eingestellt worden war, zog Ruß weiter zum Gauverlag NS-Schlesien in Breslau, der damaligen deutschen Gauhauptstadt in Schlesien, als Schriftleiterin bei der Schlesischen Sonntagspost. Wegen Heimweh und Schwierigkeiten mit dem Breslauer „Klima“ kehrte sie jedoch bereits nach wenigen Wochen zurück nach Oldenburg.

In der Oldenburgischen Staatszeitung (Amtliches Verkündungsblatt des Reichsstatthalters, der Oldenburgischen Staatsregierung, der NSDAP und DAF) profilierte sie sich ab Juli 1943 als Feuilletonchefin; bis 1945 griff sie in ihren Texten wiederholt Propagandabegriffe wie „Lebensraum“ und „Endsieg“ auf. Ruß schrieb bis Kriegsende u. a. zahlreiche Rezensionen zu Film, Theater und Kunst. Der Journalist Aljoscha Höpfner spürte im digitalen Archiv der Oldenburgischen Landesbibliothek fast 200 ihrer Oldenburger Artikel aus dieser Zeit auf und analysierte diese nach Kategorien: demnach erschienen sie ihm jeweils zur Hälfte als unpolitisch bzw. politisch.Aljoscha Hoepfner: Wer war Edith Russ? Vortrag III am 5. Februar 2026, i. R. der Veranstaltungsreihe: Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus, Haus für Medienkunst Oldenburg, 28.1.-1.3.2026. Zum größten Teil schrieb sie demnach Filmrezensionen, u. a. zum Film Robert Koch, der Bekämpfer des Todes, der als typisches Beispiel einer NS-Filmproduktion gilt. Im typischen Propaganda-Ton der Zeit hatte sie auch über Kriegshandlungen geschrieben oder unkritische Rezensionen von Werken der NS-Literatur verfasst, die den Soldatentod heroisierten.

Entnazifizierung und Lehramt nach 1945 Nach dem Ende des NS-Regimes im Mai 1945 beendete sie ihre schreibende Tätigkeit und begann ein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Akademie in Oldenburg. 1948 stellte sie ihrem früheren Vorgesetzten bei der Oldenburgischen Staatszeitung, dem Antisemiten Herbert Heitz, einen Persilschein für dessen Entnazifizierungsverfahren aus und erhielt im Gegenzug eine Bescheinigung, sie sei selbst nicht in der NSDAP gewesen; die falsche Angabe blieb lange unbeanstandet und fand auch Eingang in die zur Eröffnung des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst 2000 erschienene Biografie, während inzwischen eine neue Biografie erarbeitet wird.

Für die Aufnahme in den Schuldienst an Volksschulen wurde sie 1950 in ihrem Entnazifizierungsverfahren als entlastet in der „Kategorie V“ eingestuft. Es folgten Arbeitsstellen als Volksschullehrerin in Iprump bei Delmenhorst (1946–47), Holzhausen (1948–1952) und in Oldenburg (Mädchenschule Eversten 1952–1956, Schule Bürgeresch 1956–1970). 1970 begann sie noch ein Zusatzstudium am Institut für Sonderpädagogik in Hannover, das sie 1972 mit 53 Jahren abschloss. Danach arbeitete sie weiter als Sonderschullehrerin an der „Sonderschule für Geistigbehinderte“ am Oldenburger Pferdemarkt. 1978 wurde sie im Alter von 59 Jahren krankheitsbedingt vorzeitig pensioniert.

Die Pensionärin als Mäzenin Edith Ruß hatte sich zeitlebens für Literatur, Theater, Musik und die bildenden Künste interessiert. Nachdem sie in den Ruhestand gegangen war, erwarb sie ab den 1980er Jahren überwiegend Kleinplastiken, die sie sie der Dauerausstellung „Kunst des 20. Jahrhunderts“ im Augusteum (Teil des Oldenburger Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte) zunächst als Leihgaben zur Verfügung stellte. Indem sie die von ihr erworbenen Skulpturen nicht in ihrer Wohnung bewahrte, sondern im Museum, kuratierte sie ihre Auswahl. „Dabei war es ihr wichtig, dass die Werke einen Bezug zu ihrem eigenen Leben hatten – und ganz besonders ihre verborgene Liebesbeziehung zu Manfred Hausmann in das kulturelle Gedächtnis einzuschreiben.“ Zu Ehren Hausmanns regte sie auch die Errichtung der Plastik Die Lebensalter (1987) in Bremen an und finanzierte sie mit; auch die Benennung des Manfred-Hausmann-Wegs in Worpswede geht wohl auf sie zurück.

1990 erkrankte Edith Ruß an Krebs, woran sie am 18. Juli 1993 im Alter von 72 Jahren starb.

Die Edith Ruß-Stiftung Die Herkunft ihres erheblichen Vermögens ist ungeklärt; möglich ist ein Erbe ihres Onkels, gesichert ist hingegen, dass bei der Testamentsvollstreckung wegen zuvor hinterzogener Steuern eine Nachzahlung fällig wurde.

Schon seit der Erkrankung hatte sie damit begonnen, ihren Nachlass zu regeln; die früheren Leihgaben an das Museum wurden zu Schenkungen. Ihr gesamtes Barvermögen von fast 2 Millionen DM vermachte sie darüber hinaus der Stadt Oldenburg mit der Maßgabe, ein Haus für die „Kunst im Übergang ins neue Jahrtausend“ zu erschaffen. Auch verfügte sie testamentarisch, dass es ihren Namen tragen müsse und im Stil des Architekten Mies van der Rohe gestaltet sein soll.

So wurde im Jahr 2000 das Edith-Russ-Haus für Medienkunst eröffnet. Das Kulturamt veröffentlichte als Dank eine Biografie ihrer Oldenburger Mäzenin, ohne dabei deren Position in der NS-Zeit kritisch zu beleuchten.

Edith-Russ-Haus für Medienkunst – Kontroverse zur Namensgebung Erst im Jahr 2024 entspann sich eine öffentliche Diskussion über mögliche nationalsozialistische Verstrickungen der Stifterin. Ruß sei laut einem Bericht der taz eine „fanatische Nationalsozialistin“ gewesen, die während des Zweiten Weltkriegs in ihrer Rolle als Feuilleton-Chefin der Oldenburgischen Staatszeitung ihre ideologischen Ansichten verbreitet hatte. Trotz ihres schriftstellerischen Engagements für das NS-Regime, ihrer Bewunderung für NS-Künstler und ihres propagandistischen Kulturjournalismus hatten die Stadt Oldenburg und das Edith-Russ-Haus zunächst auf eine Aufarbeitung dieser Aspekte ihrer Biografie verzichtet. Lange hatte man sich auf ihre eigenen Angaben im Entnazifizierungsverfahren verlassen, in dem sie ihre Parteimitgliedschaft wie auch ihre Arbeit für den Gauverlag NS-Schlesien verschwiegen hatte und als „entlastet“ eingestuft worden war.

Eine Veröffentlichung ihrer NSDAP-Mitgliedskarte im April 2024 widerlegte diese Selbstdarstellung, die in einer vom Kulturamt der Stadt Oldenburg zur Eröffnung des Edith-Russ-Hauses im Jahr 2000 herausgegebenen Biografie noch unkritisch verbreitet worden war. In Wirklichkeit hatte Edith Ruß zehn Monate nach dem Erreichen der Volljährigkeit am 21. November 1940 ihre Mitgliedschaft in der NSDAP beantragt und diese zum 1. Januar 1941 erhalten (Mitgliedsnummer 8.346.788).

Das Gutachten Die 2024 von der Stadt beauftragten Historiker Mareike Witkowski und Joachim Tautz kamen in ihrem GutachtenMareike Witkowski, Joachim Tautz: Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung zur Person Edith Ruß. Oldenburg, 25. September 2024 (Onlineveröffentlichung der Stadt Oldenburg, hier abrufbar). zum Ergebnis, dass Ruß mit ihren kulturjournalistischen Artikeln zu Kino, Filme, Kunst und Musik und weiteren Themen das NS-System während des Krieges gestützt hatte: „In dem Sinne war sie eine, die das System stabilisiert hatte, aber – das muss man auch deutlich sagen – auf einer untergeordneten Ebene.“ 2026 stellte Joachim Tautz das von der Stadt in Auftrag gegebene Gutachten auf einer Veranstaltung des Hauses für Medienkunst erneut vor; nach öffentlichen Hinweisen auf Fehler wurde es inzwischen teilweise überarbeitet.

Im Rahmen dieser Gutachtertätigkeit wurde auch festgestellt, dass die zweite Stifterin Elisabeth Brand ebenfalls Mitglied der NSDAP (ab 1933) war. Sie war weiterhin Mitglied in zahlreichen anderen nationalsozialistischen Organisationen, so in der NS-Frauenschaft, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem NS-Lehrerbund, dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland, dem Reichsluftschutzbund und dem Reichskolonialbund. Für die NS-Frauenschaft Varel war sie Propagandaleiterin und Ortsgruppenkassenwalterin, für die NS-Frauenschaft Oldenburg Blockwalterin.

Konsequenzen: Die Umbenennung 2025