mini|Johannes Goßner (Lithografie) mini|Johannes Goßner mini|Stolperschwelle vor dem Haus, Handjerystraße 20a, in Berlin-Friedenau Johannes Evangelista Goßner (* 14. Dezember 1773 in Hausen bei Krumbach (Schwaben); † 30. März 1858 in Berlin) war ein deutscher Autor, Pfarrer, Kirchenlieddichter und Missionar.
Goßner verstand sich zeitlebens als ein Prediger des christlichen Evangeliums – zunächst als Priester der römisch-katholischen Kirche, dann als evangelischer Pastor. Er erlangte bleibende Bedeutung als Schriftsteller und Autor zahlreicher Bücher und Schriften. Er wurde Stifter und Gründer von diakonischen und missionarischen Organisationen im In- und Ausland. Er war Seelsorger von Einzelnen und Gemeinden. Er führte Briefwechsel mit bedeutenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Er stand in engem Kontakt mit den von ihm entsandten Missionaren und Missionarinnen und betete für sie. Sein Denken und Glauben – Reden und Tun waren inspiriert durch die kirchlichen Erweckungsbewegungen des Landshuter Kreises um Bischof Johann Michael Sailer und Martin Boos sowie durch die Herrnhuter Brüdergemeine um Nikolaus von Zinzendorf.
Goßner gilt als der Vordenker, Begründer und unbequemer Mahner der Kirche für eine ganzheitliche Mission in Zeugnis und Dienst, Wort und Tat, innerhalb und – grenzüberschreitend – außerhalb der bestehenden Grenzen. Er bildete Handwerker zu Missionaren aus und sendete insgesamt 141 Missionar-Handwerker nach Australien, Neuseeland, Neuguinea, Samoa, Guatemala, Niederländisch-Indien, Südafrika, Westafrika, Mauritius, Tubai-Inseln, Nordamerika, Kanada und vor allem nach Indien.
Die nach ihm benannte Gossner Mission ist gegenwärtig strukturiert als Stiftung, die in Deutschland projektbezogene ökumenische Zusammenarbeit, Gemeinwesenarbeit und Industriemission fördert, sowie mit Partnern in Nepal, Sambia, Uganda und in Indien (dort mit der Gossner Evangelical-Lutheran Church in Chotanagpur and Assam, kurz GELC) zusammenarbeitet.
Goßner in Bayern und Preußen (1773–1819) Goßner wurde geboren am 14. Dezember 1773 in Hausen, Pfarrei Waldstetten, damals Landkreis Krumbach in Bayerisch-Schwaben, als Sohn fromm-katholischer Eltern. Er besuchte die Dorfschule in Waldstetten, das Gymnasium in Augsburg, die Universitäten Dillingen (Philosophie und Physik) und Ingolstadt (Theologie). Er erhielt die Priesterweihe am 9. Oktober 1796, setzte die Ausbildung am Priesterseminar Pfaffenhausen fort, ging als Kaplan nach Stoffenried und Neuburg.
Er las in dieser Zeit bereits fromme evangelische Schriftsteller wie Matthias Claudius und Gerhard Tersteegen und war tief beeindruckt von Johann Caspar Lavater. Mit ihnen überwand er das Denken der Aufklärung durch neue Aufmerksamkeit auf sein Empfinden. Bestimmend für sein Nachdenken wurden Begriffe wie Genießen, Freundschaft, Tugend, Religion. Mit dem Jahr 1798 begannen Annäherungen an die Überzeugungen der katholischen Erweckungsbewegung um Bischof Sailer und Martin Boos. Goßner wurde bewusst, dass er die Bibel im evangelischen Verständnis auslegte. Das brachte ihm Verdächtigungen und Nachstellungen und 1802 sogar das Priestergefängnis in Göggingen. Durch den Eingriff Napoleons in die deutschen Verhältnisse begannen 1803 in Bayern Modernisierungen sowie die Säkularisation kirchlicher Besitzstände. Minister Montgelas, ein aufklärerischer Reformer nunmehr im Dienste des Kurfürsten (bzw. seit 1806 Königs) von Bayern veranlasste paradoxerweise damit 1803 auch Goßners Rehabilitation und ermöglichte die Freiheit seiner Verkündigung. Goßner erhielt die Erlaubnis für die pfarramtliche Tätigkeit bis 1809 in Dirlewang.
Angesichts des Unheils, das die napoleonischen Kriege auch in Goßners Gemeinden anrichteten, bekamen Krankenpflege und soziale Dienste den gleichen Rang wie Seelsorge und Predigt. Goßner wurde durch zahlreiche Publikationen bekannt. Weltbekannt wurde sein Herzbüchlein („Das Herz des Menschen“). Nach einer schweren Erkrankung erhielt er 1811 einen Ruf nach Basel als Sekretär der überkonfessionellen Christentumsgesellschaft. Goßner überlegte den Übertritt zur evangelischen Kirche, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Im selben Jahr wechselte er nach München wegen der Übernahme einer Stelle an der Frauenkirche. Seinen Schwerpunkt legte er auf Sonntagsschularbeit mit Kindern und Eltern.
Der Sieg über Napoleon und die Abmachungen des Wiener Kongresses 1815 und die einsetzende Restauration brachten für ihn erneut Nachstellungen durch die Jesuiten. Er fand 1819 eine Stelle als Gymnasialprofessor und Schulpfarrer in Düsseldorf, wo zuvor Martin Boos gewesen war. Dort erreichte ihn 1820 eine Berufung zum Pfarrer an die katholische Malteserkirche in Sankt Petersburg. Zar Alexander I., Mitbegründer der konservativ-restaurativen „Heiligen Allianz“, strebte eine geistliche Erneuerung für Russland an und erhoffte dies auch für die Russische Orthodoxe Kirche. Für dieses Vorhaben wurde ihm Goßner empfohlen.
Goßner in Russland (1820–1824) Goßner betonte auch in Russland die vorrangige Bedeutung der Erneuerung von Herz und Gesinnung der Menschen. Er suchte durch Predigt und Seelsorge über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und auch auf die Orthodoxie Einfluss zu gewinnen. Er bedachte die Annäherung der Kirchen und Konfessionen für weite Teile Russlands. Sein Einfluss reichte bis nach Finnland. Die Verbindung von Seelsorge und Sozialarbeit überzeugte Diplomaten, Kaufleute und vor allem Verarmte. Seine Bibelstunden im Ballsaal waren überfüllt. Goßners Verständnis der Bibel und eine Übersetzung nahmen seine Gegner zum Anlass, seine Entfernung aus dem Dienst zu betreiben und ihn zu denunzieren. Auf Anordnung von Fürst Metternich musste der Zar Alexander I. 1824 die Ausweisung Goßners aus Russland verfügen.
Lebenslang trug Goßner an dem Verlust seines segensreichen Wirkungsfeldes in St. Petersburg. Er vermochte nicht nachzuvollziehen, dass er mit seiner lauteren Gesinnung den sich selbst als christlich deklarierten Herrschaften nicht ins Konzept passte. Sein Vermächtnis an die verlassene Goßnergemeinde sind das Lied Segne und behüte und die Bücher Schatzkästchen sowie Goldkörner von 1825. Bis zu seinem Lebensende stand er in persönlicher Verbindung mit der Gemeinde in St. Petersburg.
Goßner auf der Suche (1824–1826) Gebrandmarkt als politisch Verfolgter, konnte Goßner keine feste Anstellung erhalten. Er fand Aufnahme bei Freunden und Gönnern in Hamburg und Altona, in Leipzig und auf Gütern des deutschen Adels. Er wirkte als Prediger und Seelsorger, korrespondierte und publizierte unverdrossen seine Einsichten. Gemeinsam mit Johann Heinrich Tscherlitzky gab er eine Liedsammlung heraus, in der zum ersten Mal eine Melodie von Dmytro Bortnjanskyj, die Goßner in Russland kennengelernt hatte, mit der Choralstrophe Ich bete an die Macht der Liebe von Gerhard Tersteegen verbunden wurde.
Nach dem Tod des katholischen Priesters Martin Boos gelang es ihm, einen großen Teil von dessen umfangreicher Korrespondenz zu sammeln. Damit konnte er Boos’ Leben in einem 800-Seiten-Werk dokumentieren und schuf die Grundlage für zahlreiche, in den folgenden Jahrzehnten herausgegebene kürzere Darstellungen von Boos’ Leben (1826). Die „Selbstbiographie“ (d. h. die erste Hälfte, ohne die Briefe des Nachtrags) in der 2. Auflage von 1831 neu herausgegeben von Franz Graf-Stuhlhofer, erstmals in moderner Schrift und erstmals mit Inhaltsverzeichnis. Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2012.
In Schlesien kam es zur Begegnung mit den Kerngemeinden der Brüdergemeine. Nach dortigem Brauch ließ er das Los über eine Mitgliedschaft in der Brüderunität entscheiden. Er erhielt die Bestätigung nicht. Da vollzog er nach langen Jahren inneren Ringens in Königshain (Schlesien) am 23. Juli 1826 durch Teilnahme am evangelischen Abendmahl den Übertritt zur Evangelischen Kirche in Preußen. Er folgte zunächst weiteren Einladungen zu evangelischen Hausgemeinden auf Gütern in Pommern und Ostpreußen. Vergeblich bewarb er sich als Pfarrer bei der freien Gemeinde Korntal. Seine Freunde rieten ihm, sich um eine Anerkennung als evangelischer Prediger in Berlin zu bewerben. Er folgte einer Einladung der Familie von Schönberg nach Berlin und wohnte ab 12. Oktober 1826 in deren Haus. Sie ebneten ihm den behördlichen Weg für seine künftige Tätigkeit.
Anfang Dezember zog Goßner in eine eigene Wohnung in der Brüderstraße, wohin er Maria Ida (Itta, Idda) Bauberger, seine Haushälterin seit 1803, aus Leipzig nachkommen ließ und mit ihr die Köchin Nanni aus Bayern.
Goßner auf der Suche nach einer Pfarrstelle in Berlin (1826–1829) Goßner stellte den Antrag auf Übernahme als Pfarrer im Dienst der evangelischen Kirche am 12. Januar 1827 beim Evangelischen Konsistorium in Berlin. Der inzwischen weit bekannte Theologe und Prediger musste ein vollständiges Kirchenexamen ablegen, was am 17. Dezember 1827 geschah und ihm am 24. Januar 1828 beurkundet wurde. Nachdem eine erste Bewerbung an der Bethlehemskirche nicht zur Anstellung geführt hatte, übernahm er Dienste als Hilfsprediger, zunächst an der Sophienkirche im neuen Pfarrbezirk vor dem Hamburger Tor zu Berlin.
Die Ortspfarrer verweigerten die Zusammenarbeit, deshalb wurde er ab Mai 1827 Hilfsprediger in der Luisenstadtkirche. Er bezog eine Mietwohnung in der Alten Jakobstraße 102, wo er hautnah das Elend der Menschen in den Vorstädten Berlins erlebte. Er erkannte zunächst die Notwendigkeit zur Einrichtung von Kleinkinderbewahranstalten und wurde Mitbegründer dieser ersten christlichen Sozialeinrichtungen. So geschah es auch durch Goßners weitere Wechsel zur St. Georgen- und Elisabethgemeinde. Die Kirche erhielt den Namen der Kronprinzessin Elisabeth Ludovika von Bayern, welche mit Kronprinz Friedrich Wilhelm verheiratet war und 1823 in Berlin und Potsdam wohnte. Sie war vom Elend in den Vorstädten Berlins tief berührt und blieb es auch als Königin ab 1840 an der Seite von Friedrich Wilhelm IV.
Ihrem Einfluss war es zu verdanken, dass auch die glaubenserweckten Kreise des Hofes die neu entstehenden Werke christlicher Nächstenliebe unterstützten. Man bezeichnete diesen Kreis der konservativ-königstreuen christlich-wohltätig gesinnten als „Kamarilla“. Unter Wilhelm I., dem Nachfolger von Friedrich Wilhelm IV., wurde deren Einfluss zurückgedrängt. Elisabeth verspürte eine besondere Nähe zu Goßner, der wie sie selbst katholisch erzogen und aus freiem Entschluss und evangelischer Gesinnung konvertierte; der wie sie selbst die bayerische Mundart pflegte, auf Herzensbildung wert legte und trotz Krankheit mit immer wieder neuer Tatkraft im Sinne christlicher Nächstenliebe handelte; der wie sie sich nicht auf das offene Feld politischer Auseinandersetzungen locken ließ und sich selten direkt zu den wechselnden politischen Ereignissen äußerte.
Beide waren nicht beliebt in der prunksüchtigen Hauptstadt. Ihr Anliegen bestand in einer Lebensführung nach der Ordnung des Reiches Gottes und weniger nach den Ordnungen der Kirche und der politischen Systeme. Vielmehr blieben sie den Menschen in ihren leiblichen und seelischen Nöten zugewendet.
Goßner wandte sich immer wieder neuen Aufgaben zu, je nachdem wohin es ihn in den Jahren von 1827 bis 1829 bei der Suche nach einer festen Anstellung verschlug. Er wirkte als Gefängnispfarrer und Prediger der Kottwitzschen Anstalten. Er besuchte die Kranken in den verwahrlosten Wohnungen und richtete Kindergottesdienste in der Alexanderkaserne ein. Kirchliche Vertreter sahen darin Protest und Provokation. Eigentlich konnte Goßner nicht verstehen, dass 1828 nur noch zwei Berliner Pfarrer ihre Kanzeln für ihn freigaben: Stobwasser (Brüdergemeine) und Schleiermacher (Dreifaltigkeitskirche).