Psychedelic Rock ist eine Spielart der Rockmusik, die sich um 1965 in Großbritannien und den USA entwickelte. Sie setzte sich als einer der bedeutenden Bestandteile der westlichen Popkultur durch. Die Blütezeit dauerte bis Ende der 1960er Jahre an, aber auch später griffen viele Musiker oft Elemente davon wieder auf. Bis heute gibt es weltweit psychedelisch geprägte Bands. Als wesentliche Gemeinsamkeit der beteiligten Interpreten lässt sich die Verwendung ungewöhnlicher und neuartiger Klänge sowie der bisweilen experimentelle Umgang mit Songstrukturen feststellen, die vormals einfacher gehalten waren.
Begriff Der Begriff Psychedelic wurde von Humphry Osmond gemeinsam mit Aldous Huxley erfunden und beschreibt die Auswirkungen halluzinogener Drogen auf die Wahrnehmung des Menschen. Erstmals Erwähnung fand der Begriff Psychedelic in Osmonds Abstract A Review of the Clinical Effects of Psychotomimetic Agents von 1957 und hat sich seitdem in der Psychiatrie etabliert.The Albert Hofmann Foundation: Auszüge aus: „A Review of the Clinical Effects of Psychotomimetic Agents“ von Humphry Osmond. Aus dem Journal Annals of the New York Academy of Sciences. Vol. 66(3), 1957, S. 418–434
Anstelle von Psychedelic Rock wurde häufig auch der Begriff Acid Rock in Anspielung auf die Droge LSD verwendet, ebenso die leicht abgewandelte Schreibweise Psychedelia. So findet man Begriffe wie Sixties Psychedelia oder Neo-Psychedelia. Eine häufige Verwendung fand auch die Kurzform Psych. Im deutschsprachigen Raum wurde der Fachbegriff als Psychodelic oder Psychodelisch eingedeutscht. Es gab immer wieder Ambitionen, die Stilrichtung in Kategorien aufzusplitten. Für einige extreme Bands des Psychedelic Rock wurde 1978 die Kategorie Acid Punk erfunden.Greg Shaw: Acid Punk. In: Greg Shaw’s Bomb!, RoRoRo, Hamburg 1982, ISBN 3-499-17659-9. Zudem gab es Kategorien wie Raga Rock, in Anlehnung an die indische Ragamusik, oder Space Rock.
Die früheste bisher bekannte Verwendung des Begriffs Psychedelic in der populären Musik findet sich bei einer Version des Hesitation Blues des Folk-Duos The Holy Modal Rounders auf ihrer ersten Schallplatte von 1964.Michael Hicks: Sixties Rock: Garage, Psychedelic and Other Satisfactions. University of Illinois Press, Urbana and Chicago 2000, S. 59. ISBN 0-252-06915-3.
Geschichte 1960–1964: Die musikalische Situation in den USA Der Psychedelic Rock hat seinen Ursprung in der Bay Area um San Francisco und geht Hand in Hand mit der Entwicklung der Hippiebewegung als Gegenkultur. In den frühen 1960er Jahren dominierte in San Francisco die fast ausschließlich akustisch instrumentierte Folkmusik.Robert Palmer: Rock & Roll – An Unruly History. Harmony Books, 1995, ISBN 0-517-70050-6, S. 102. Die Musiker spielten in den unzähligen Caféhäusern und Bars der Stadt. Die Folkwelle in San Francisco wurde von den Überresten der Beatniks getragen, die sich im Haight-Ashbury Viertel ansiedelten. Auch in anderen Großstädten der USA war die auch als American Folk Music Revival bezeichnete Folkmusik in Kreisen der Bohème populär. Im Umland von San Francisco gab es viele kleine Musiklabel, deren Bands sich weitgehend unbeachtet am Rock ’n’ Roll der Fünfziger oder der Surfmusik im Stil der landesweit populären Beach Boys orientierten.Greg Shaw: The Bay Area. In: Greg Shaw’s Bomp!, RoRoRo, 1982, ISBN 3-499-17659-9, S. 205ff. Neben den Beach Boys und einigen Folk-Musikern waren die Girlgroups und der poppige Soul des Motown Labels in den Charts vertreten. Mit der British Invasion kam es zu einer Wende. Als Vorläufer in den USA galten die Beau Brummels und die Byrds, die als Mods gekleidet mit einer 12-saitigen elektrischen Gitarre der Firma Rickenbacker den Klang der britischen Bands The Beatles und The Searchers kopierten. Im Frühjahr 1965 erreichten die Byrds mit einem der ersten Folk-Rock-Stücke Mr. Tambourine Man, einer Coverversion von Bob Dylan, Platz eins in den Billboard Charts. Die Elektrifizierung der Folkszene begünstigte die Entwicklung zum Psychedelic Rock.Craig Morrison: . Gesichtet: 19. September 2008.
1965: Aufblühen einer musikalischen Nischenkultur Am 29. Juni 1965 gab die US-amerikanische Band The Charlatans ihr erstes Konzert im Red Dog Saloon in Virginia City (Nevada).Charles Perry: The Haight-Ashbury – A History. Random House, New York 1984, ISBN 0-394-41098-X, S. 9. Das Bandmitglied George Hunter kreierte das erste „psychedelische“ Plakat, auch Seed (dt.: Saat) genannt, das deutlich vom Jugendstil inspiriert war. Diese grafisch aufwändigen Konzertplakate sollten zu einer wichtigen Begleiterscheinung des Psychedelic Rock werden. Für den Auftritt der Charlatans im Red Dog Saloon gestaltete Bill Ham eine Lichtshow (englisch Lightshow). Zu seiner Ausrüstung gehörten z. B. Tageslichtprojektoren, auf denen verschiedene kinetische Materialien zum Einsatz kamen. Sein Ziel war es, ein sich selbstständig bewegendes „Lichtgemälde“ an die Wand zu projizieren.Bill Ham Lights: , Seite 1, abgerufen am 13. Oktober 2012. Aufwändig gestaltete Lichtshows waren ein weiteres Merkmal, das den Psychedelic Rock begleiteten sollte. Der Musikstil der Charlatans unterschied sich vom damals üblichen Folk bzw. Folk-Rock. Sie klangen wie eine US-amerikanische Version der Rolling Stones und waren angeblich die erste Rock-Band, die unter dem Einfluss von LSD ein Konzert gab. Die Charlatans waren eine wichtige Band zur Entwicklung des San Francisco Sound und des Psychedelic Rock.Harry Shapiro: Sky High – Droge und Musik im 20. Jahrhundert. Hannibal Verlag, 1995, ISBN 3-85445-148-2, S. 187.Vernon Joynson: Fuzz, Acid And Flowers – A Comprehensive Guide to American Garage, Psychedelic and Hippie Rock (1964–1975). Borderline Productions, 1993, ISBN 0-9512875-8-3, S. 55.
Im Juli 1965 trafen sich Jim Morrison und Ray Manzarek in Los Angeles. Ihr Beschluss, gemeinsam Musik zu machen, führte einige Monate später zur Gründung der Band The Doors. Die Band bezog sich mit ihrem Namen auf den Dichter William Blake: “If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite”, übersetzt in Deutsch: „Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich“. Aldous Huxley zitierte diesen Satz von Blake in seinem Buch The Doors of Perception, das The Doors vermutlich als Quelle diente.Melissa Ursula Dawn Goldsmith: (PDF; 888 kB). Louisiana State University and Agricultural and Mechanical College 2007.
In Großbritannien erschien am 30. Juli die Single See my Friends von The Kinks, die dort Platz 10 als höchste Chartposition erreichte. Das Stück war direkt von der traditionellen indischen Musik beeinflusst. Ein Zwischenstopp in Mumbai, während einer Reise nach Australien und Neuseeland im Januar 1965, inspirierte den Sänger Ray Davies zu dieser Komposition. Auch die Yardbirds experimentierten mit einer indischen Instrumentation während der Aufnahmen zu Heartful of Soul. Ihr Produzent Giorgio Gomelski hatte Tabla- und Sitarspieler zu den Aufnahmen eingeladen, die aber damals unveröffentlicht blieben.Chris Welch: Begleittext zur CD The Yardbirds – For Your Love. Repertoire 4757-WY, London 1997.
In den USA erschien die Single The Trip von Kim Fowley, textlich eine Hommage an LSD. Einige Stammgäste des Red Dog Saloon gründeten in Haight-Ashbury die Aktivistengruppe The Family Dog. Dazu gehörten Luria Castell, Ellen Harman und Alton Kelley. Sie organisierten am 16. Oktober, nach dem Vorbild des Red Dog Saloon, ein Konzert in der Longshoremen’s Hall, bei dem die Charlatans, The Great Society und Jefferson Airplane auftraten.Virtual Museum of the City of San Francisco: Chronology of San Francisco Rock – 1965–1969. Stand: 15. Januar 2008. Die Lichtshow gestaltete Bill Ham. Eine Woche später fand eine weitere Veranstaltung von Family Dog mit den Charlatans und der Folk-Rock-Band The Lovin’ Spoonful statt. Zu dieser Zeit stieß Stanley „Mouse“ Miller zu Family Dog hinzu. Alton Kelley und Stanley Mouse gestalteten in Zukunft erfolgreich psychedelische Konzertplakate und Plattencover.
Am 27. November hatte Ken Kesey den ersten Acid Test (dt.: LSD-Test) ins Leben gerufen.The Wild Bohemian Home Page: The Haight-Ashbury 30 Years Ago: A Timeline. Stand: 12. Januar 2008. Dabei handelte es sich um aufwendige Partys, die zunächst in La Honda, einem Landsitz in der Nähe von San Francisco, später auch an anderen Orten von Kesey organisiert wurden. Wer daran teilhaben wollte, musste sich verrückt anziehen und einen US-Dollar Eintritt zahlen. Dafür durfte man so viel mit LSD versetzten Orangensaft trinken, wie man wollte.Harry Shapiro: Sky High – Droge und Musik im 20. Jahrhundert. Hannibal Verlag, 1995, ISBN 3-85445-148-2, S. 184. Die Acid Tests entwickelten sich zu einer Multimedia-Show mit mehreren Filmen, die gleichzeitig liefen, einer Lichtshow mit Stroboskopen und Spotlights mit Farbfiltern und Live-Musik. Während des zweiten Acid-Tests im Dezember 1965 trat eine Folk-Rock-Band namens The Warlocks auf, die später unter dem Namen Grateful Dead berühmt wurde.
Die Beatles veröffentlichten am 3. Dezember 1965 das Album Rubber Soul. Auf dem Stück Norwegian Wood (This Bird Has Flown) des Albums spielte George Harrison auf einer Sitar. Sitarklänge, wenn auch nur mit einer E-Gitarre simuliert, und weitere indische Instrumente, sowie indisch klingende Melodien wurden in der Folge zu einer Modeerscheinung.
1966: Der multimediale Stil setzt sich durch In Haight-Ashbury wurde am 3. Januar der erste Headshop, The Psychedelic Shop, eröffnet.Charles Perry: The Haight-Ashbury – A History. Random House, New York 1984, ISBN 0-394-41098-X, S. 49 Das Geschäft verkaufte neben Science-Fiction-Literatur Bücher von Hermann Hesse (z. B. Der Steppenwolf und Siddhartha), Aldous Huxley, Timothy Leary, Alan Watts, sowie Bücher, die fernöstliche Religionen und den Okkultismus thematisierten. Weiterhin befanden sich Produkte aus der aufblühenden Undergroundkultur wie Comics, Magazine, Kunst und auch Raucherutensilien im Angebot. Der Psychedelic Shop wurde zu einem zentralen Anlaufpunkt für die Szene.University of Saskatchewan: In: Journal of Religion and Popular Culture, Volume VII: Summer 2004. Stand: 20. Januar 2008 Gegen Ende Januar 1966 fand in San Francisco das drei Tage andauernde Trips Festival in der Longshoremen’s Hall statt. Die Grateful Dead traten auf, die für ihre wilden Improvisationen und exzessiven Gitarrensoli während ihrer Liveauftritte berühmt werden sollten. Ein weiterer Bestandteil des Festivals war der achte Acid Test. Das multimediale Festival galt aufgrund seiner Dauer, des Umfangs der Darbietungen und der Besucherzahlen als ein wichtiges Ereignis der psychedelischen Bewegung in Kalifornien.Merry Pranksters History Project: Stand: 20. Januar 2008
Chet Helms, ein loses Mitglied der Aktivistengruppe The Family Dog, gründete Anfang Februar die Agentur Family Dog Productions und organisierte unter diesem Markenzeichen bis 1970 eine große Anzahl von Konzerten in der Region um San Francisco. Im gleichen Monat veröffentlichten The Yardbirds die Single Shapes of Things. Bei der Aufnahme dieses Stücks imitierte der Gitarrist Jeff Beck den Klang einer Sitar mit E-Gitarre und einer Fuzzbox. The Byrds nahmen eine zweite Version von Eight Miles High auf, die im März veröffentlicht wurde. Bemerkenswert an diesem Stück war das hektische, von John Coltrane beeinflusste, modale Gitarrenspiel.Robert Palmer: Rock & Roll – An Unruly History. Harmony Books, New York 1995, ISBN 0-517-70050-6, S. 110.