mini|hochkant|Kizlar Aga, der Chef der Schwarzen Eunuchen im Harem des osmanischen Sultans, um 1763–1779 (Francis Smith, 1722–1822)
Ein Eunuch (von altgriechisch εὐνοῦχος eunouchos, von εὐνή eunē „Bett“, und ἔχω echō „ich hüte, ich bewache“) ist ein Mensch männlichen Geschlechts (Kind, Jugendlicher oder Erwachsener), der einer Kastration unterzogen wurde. Das Phänomen kam zu fast allen Zeiten der Weltgeschichte in vielen Kulturen vor. An vielen Höfen früherer Kulturen, besonders in Byzanz und im Kaiserreich China, waren zum Hofstaat gehörige sogenannte „Palasteunuchen“ begehrt und geschätzt. Teilweise wird oder wurde Eunuchen auch der Penis entfernt. Weil die Kastration in der Regel im Knabenalter vollzogen wurde, haben viele Knaben wegen des hohen Blutverlustes und durch Wundinfektionen den Eingriff nicht überlebt.
Folgen der Kastration mini|hochkant=0.8|Schwarzer Eunuch, 1878. Stich von Karl Werner, in: Georg Moritz Ebers (1837–1898): Egipto. Barcelona 1882
Man unterscheidet zwischen Frühkastraten (kastriert vor oder während der Pubertät) und Spätkastraten (nach dem 20./25. Lebensjahr kastriert). Die Kastration ist am folgenschwersten, wenn sie vor der Pubertät vorgenommen wird, wobei manche, aber nicht alle Folgen im Verlauf der Pubertät allmählich abnehmen. Bei der Kastration Erwachsener bleiben die Veränderungen der Pubertät (z. B. tiefere Stimme, Knochenform, Bartwuchs und die Ausprägung der Genitalien) erhalten oder bilden sich kaum zurück.
Soziale Stellung von Eunuchen mini|hochkant=0.8|Der Kapu-ağası, weißer Obereunuch im Harem des türkischen Sultans. de Choiseul-Gouffier: Voyage pittoresque de la Grèce. Paris, Bd. 3 1822
Die Entmannung konnte einerseits eine schwere, höchst entehrende Strafe sein oder andererseits zu bestimmten Ämtern erst befähigen. Einem Eunuchen war es deshalb möglich, zu hohen Ehren und großem Ansehen zu gelangen, da er beispielsweise für einen Herrscher nicht als „biologischer“ Rivale in Betracht kam. Dies galt für den Bereich der Frau(en) des Herrschers und in Bezug auf dessen Nachkommen, deren Bestand stets gegen Rivalen zu sichern war. Im assyrischen Reich konnten Eunuchen in die höchsten Hofämter aufsteigen. So war Mutakkil-Marduk als oberster Eunuch sogar Eponymenbeamter für die Zeitspanne von 798 bis 797 v. Chr.A. Sachs: Absolute Dating from Mesopotamian Records. In: Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Series A, Mathematical and Physical Sciences. Band 269, Nr. 1193, 17. Dez. 1970, A Symposium on the Impact of the Natural Sciences on Archaeology. S. 19–22.
In der Antike standen Eunuchen im politischen und gesellschaftlichen Bereich im Rang von Ministern, in Byzanz konnten sie hohe Offiziere werden. Bei den Osmanen und in China waren sie vor allem als „Palasteunuchen“ geschätzt. Der Begriff Eunuch selbst ist abgeleitet von der Rolle als Wächter im Harem, beziehungsweise „Schützer des ehelichen Bettes“ eines Potentaten. Einzelnen Eunuchen gelang es darüber hinaus – wie dem chinesischen Admiral Zheng He –, in hohe politische und militärische Ämter zu gelangen.
Besonders im Barock verehrte man Kastraten wegen ihrer Gesangsstimme, die man als überirdisch schön empfand.
Eunuchen in verschiedenen Kulturen Kybelekult mini|hochkant=0.6|links|Priester der Kybele (Kapitolinische Museen, Rom)
Im religiösen Bereich standen sogenannte Eunuchen in verschiedenen Religionen in hohem Ansehen: in der Antike etwa die Galloi oder Galli im Kult der Kybele. Diese unterschieden sich allerdings insofern von normalen oder echten Eunuchen (wie Haremswächtern oder Kastratensängern) dadurch, dass sie als Frauen lebten und die Kastration selber wünschten oder sogar in besonderen Riten selber vornahmen. Gegenstand der Diskussion ist, inwieweit und in welchem Umfang es sich bei Galloi nach heutigem Verständnis um Transmenschen handelte, die sich eigentlich als Frau fühlten und daher diesen Lebensweg beschritten,Filippo Carla-Uhink: Crossing Gender. Transvestismus im römischen Kaisertum als Strategie zur Konstruktion von Ungleichheit. In: Antje Dresen, Florian Freitag (Hrsg.): Crossing. Über Inszenierungen kultureller Differenzen und Identitäten. transcript, Bielefeld 2017, S. 11–38; hier: S. 25–27. wie es bei den heute noch existierenden Hijras in Indien festzustellen ist.Shaun Tougher: Eunuchs. In: Bonnie G. Smith (Hrsg.): The Oxford Encyclopedia of Women in World History. Band 1. Oxford University Press, Oxford 2008, S. 201.
Als sich der Kult der Kybele von Kleinasien aus über das gesamte Römische Reich verbreitete, verbreitete sich auch die Prozedur der Selbstverstümmelung. Jedes Jahr zur Zeit des Frühlingsfestes fanden rauschhafte Festzüge der Priester und Anhänger Kybeles statt, bei denen sich „Jünglinge“ in Frauenkleidern mit einem Zeremonienschwert oder scharfkantigen Gegenständen die Genitalien abschnitten, die sie dann in die Menge der Zuschauer warfen. Diese mussten den Eunuchen-Neuling dann mit Frauenkleidern ausstatten. Von Eunuchen-Priestern ist überliefert, dass es infolge der Kastration häufig zu einer dauerhaften Blasenschwäche kam.
Hijrakult In Indien und anderen südasiatischen Ländern wie Pakistan und Bangladesch hat sich bis in die Gegenwart ein ähnliches Phänomen wie die antiken Galloi erhalten: die Hijra, die ebenfalls im kultischen Dienst einer Göttin stehen. Sie wurden in Indien (1994) und Pakistan (2009) offiziell als „drittes Geschlecht“ anerkannt (vergleiche Liste von dritten Geschlechtern).Samira Shackle: Politicians of the third gender: the “shemale” candidates of Pakistan. In: NewStatesman.com. 7. Mai 2013, abgerufen am 10. November 2019 (englisch).Basim Usmani: Pakistan to register ‘third sex’ hijras. In: theguardian.com. 18. Juli 2009, abgerufen am 10. November 2019 (englisch). Von der übrigen Gesellschaft werden sie häufig verachtet, aber wegen ihrer angeblichen magischen Fähigkeiten auch gefürchtet. Viele Hijras sind keine Eunuchen im Sinne eines kastrierten Mannes, sondern Transmenschen mit einer weiblichen Geschlechtsidentität.Eva Fels, Traude Pillai-Vetschera: Hidschras: das dritte Geschlecht Indiens. In: FrauenSolidarität. Heft Nr. 78, April 2001, S. 18/19 (online auf transgender.at).Lynn Conway: Geschichte und Nachweis der Transsexualität in verschiedenen Kulturen. In: ai.eecs.umich.edu. 26. Mai 2011, abgerufen am 10. November 2019 (aus dem Englischen übersetzt von Vivian Silver). Sie sind oft extremen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, teils auch durch die indische Polizei und Behörden. In: pucl.org. Januar 2004, abgerufen am 10. November 2019 (englisch).Rajesh Talwar: The Third Sex and Human Rights. Gyan Publishing House, New Delhi 1999, ISBN 81-212-0642-1, S. ??.
LGBT-Historiker und Menschenrechtsaktivisten haben bereits versucht, die Hijra als transgeschlechtlich einzustufen.R. B. Towle, L. M. Morgan: Romancing the Transgender Native: Rethinking the Use of the “Third Gender” Concept. In: S. Stryker, S. Whittle: Transgender Studies Reader. Routledge, New York / London 2006, S. ??. So forderten Hijra und andere Trans-Aktivisten 2013/2014 in einer Reihe von Treffen des Transgender-Experten-Komitees von Indiens Ministerium für Soziale Gerechtigkeit und Ermächtigung (Ministry of Social Justice and Empowerment), dass die Bezeichnung „Eunuch“ (englisch eunuch) aus dem Gebrauch in staatlichen Dokumenten gestrichen werde, da sich die Gemeinschaft der Hijra nicht mit dieser Bezeichnung identifiziert.
China mini|hochkant|Die kaiserliche Witwe und Kaiserin von China auf ihrem Thronsessel inmitten von Palasteunuchen, vor 1908 mini|hochkant|Li Lianying (1848–1911), berühmter kaiserlicher Eunuch der Qing-Dynastie, China
Schon für die vorkaiserzeitliche Periode finden sich im Zhouli Hinweise auf Kastraten (yān rén 奄人).U. Jugel: Politische Funktion und soziale Stellung der Eunuchen zur späteren Hanzeit. Wiesbaden 1976, S. 4. Im Kaiserreich China (221 v. Chr. bis 1911) war Männern der Zutritt in den inneren Bereich der kaiserlichen Paläste nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Es gab daher in den Herrscherpalästen Eunuchenbeamte, die auf Chinesisch allgemein als huàn guān 宦官 (Beamteter Eunuche) bezeichnet wurden und werden.Yu Huaqing: Zhongguo huanguan zhidushi. Shanghai 1993, S. 19. In der Qingzeit (1644–1911 n. Chr.) wurde die Bezeichnung tài jiān 太監, die sich ursprünglich nur auf ganz bestimmte Beamte der Tangzeit (618–906 n. Chr.) bezog, als allgemeiner Begriff für alle Eunuchen verwendet. Daneben gab es zu allen Zeiten noch viele andere Alternativbezeichnungen für Eunuchen.Zur Terminologie siehe Yu Huaqing: Zhongguo huanguan zhidushi. Shanghai 1993, S. 9 f.
Eunuchen kamen aus vielen verschiedenen sozialen Umständen. Vor der Suizeit (581–618 n. Chr.) wurden Eunuchen hauptsächlich aus Kriegsgefangenen und Geiseln aus Nachbarländern rekrutiert.Yu Huaqing: Zhongguo huanguan zhidushi. Shanghai 1993, S. 10. Zur Tangzeit und Mingzeit (1368–1644 n. Chr.) gab es auch kastrierte Sklaven aus weit entfernten Provinzen Chinas, die dem Kaiserhof oder auch dem Adel oder den Provinzgouverneuren als Tributgabe dargebracht wurden. Nach der Tangzeit wurde die Eunuchenversorgung normalerweise durch Knaben aufrechterhalten, die von ihren eigenen Eltern bereits kastriert oder noch unkastriert verkauft wurden, sowie durch Erwachsene, die sich freiwillig selbst kastrierten, um eine Anstellung bei Hofe zu erhalten und wirtschaftlicher Armut zu entgehen. Die Selbstkastration war besonders in der Qingzeit (1644–1911) verbreitet. Erhielten diese Kastraten einen Posten im Palast, egal ob beabsichtigt oder nicht, bedeutete das für die ganze Familie Lebensunterhalt und Sozialprestige. Die Prozedur selbst wurde in der Regel von dafür ausgebildeten Kastrateuren ohne Betäubung durchgeführt. Da jedoch eine Kastration allein die Erektionsfähigkeit nicht völlig ausschließt, wurde am chinesischen Kaiserhof die Kastration zusammen mit einer Penektomie gefordert.
Beamtete Eunuchen gehörten zum kaiserlichen Hofstaat oder den Haushalten der Prinzen, auch in der Verbotenen Stadt selbst lebten und arbeiteten sogenannte „Palasteunuchen“. Sie verrichteten verschiedenste Tätigkeiten, beispielsweise als Minister und Berater, als Haremswächter und Badediener, als Sänftenträger, Boten und Herolde und als Hausdiener etc. Eunuchen verrichteten aber auch alle möglichen niederen Dienstleistungen als Köche, Reinigungskräfte, Gärtner, Stallburschen, Parkwächter, Schneider, Manufakturarbeiter u. a.U. Jugel: Politische Funktion und soziale Stellung der Eunuchen zur späteren Hanzeit. Wiesbaden 1976, S. 182; Yu Huaqing: Zhongguo huanguan zhidushi. Shanghai 1993, S. 12.
Vor allem der kriegerische Kaiser der Han (reg. 141–87 v. Chr.) und seine Nachfolger verstärkten die Präsenz von Eunuchen in ihren Privatgemächern, wo gewöhnlich außer dem Herrscher kein „richtiger Mann“, also auch kein regulärer Beamter, sondern nur Frauen (beispielsweise Hofdamen, Zofen und Konkubinen) und Eunuchen anwesend sein durften. Insofern sind Haremsdienst, persönliche Beratertätigkeit und die Informationsübermittlung zwischen Privatgemächern und den äußeren, öffentlicheren Teilen des Palastes, die Entgegennahme von Eingaben an den Herrscher und die Verkündung seiner Erlasse, und darauf aufbauend die politischen Einflussmöglichkeiten von dem Herrscher nahestehenden Eunuchen (oft auch identisch mit seinen Erziehern seit frühester Kindheit) eng miteinander verwoben.
Während der Regierungsperiode des Kangxi-Kaisers (reg. 1662–1722 n. Chr.) waren speziell die Eunuchen des „Gemachs für ehrwürdige Angelegenheiten“ (jìng shì fáng 敬事房) für die Verwaltung und penible Buchführung des kaiserlichen Beischlafs zuständig.Yu Huaqing: Zhongguo huanguan zhidushi. Shanghai 1993, S. 468. Während der Qingzeit wurden die kaiserlichen Eunuchen in 48 Abteilungen unterteilt, denen Anzahl, Aufgabenbereiche und auch die konkreten Tätigkeiten in bestimmten Palästen oder Abteilungen vorgeschrieben waren.C. Doran: Chinese palace eunuchs: shadows of the emperor. 2010, S. 18.