Platonischer Mythos ist die Bezeichnung für die mythischen Erzählungen, die Platon in seine literarisch gestalteten philosophischen Werke eingefügt hat. Sie werden „platonisch“ genannt, weil Platon sie teils selbst erfunden, teils durch Umgestaltung von bereits vorhandenem mythischem Material für seine Zwecke adaptiert hat. Platons Verhältnis zum Mythos ist ambivalent: Einerseits übt er scharfe inhaltliche Kritik an den überlieferten, allgemein verbreiteten Mythen, andererseits hält er das Erzählen von selbst erfundenen Mythen für einen legitimen Weg der Vermittlung von Einsichten im Rahmen einer philosophischen Didaktik. Seine Auffassung vom Sinn und Wahrheitsgehalt der philosophischen Mythen und von ihrer Rolle als Ergänzung der dialektischen Argumentation im philosophischen Dialog ist ein viel erörtertes Thema der modernen philosophiegeschichtlichen Forschung.

Begriffsbestimmung und Gruppierung

Platon betrachtet den Mythos als Alternative und Ergänzung zum Logos (der vernunftgesteuerten Erwägung und argumentativ nachvollziehbaren Untersuchung). Einerseits lässt er die beiden Ausdrücke von den Figuren seiner Dialoge wie einander entgegengesetzte Begriffe behandeln, andererseits grenzt er sie nicht terminologisch klar voneinander ab. Dies entspricht dem oft uneindeutigen Sprachgebrauch früherer und zeitgenössischer Autoren.Siehe dazu Markus Janka: Mythos. In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon. Darmstadt 2007, S. 203–209, hier: 203 und allgemein zu Platons einschlägigem Sprachgebrauch Markus Janka: Semantik und Kontext: Mythos und Verwandtes im Corpus Platonicum. In: Markus Janka, Christian Schäfer: Platon als Mythologe. 2., überarbeitete Auflage. Darmstadt 2014, S. 23–46. Außerdem weist er auf einen subjektiven Aspekt der Unterscheidung hin: Was für den einen belanglose mythische Fabelei ist, das findet ein anderer so stimmig und einleuchtend, dass er es dem Bereich des Logos zuordnet.Platon, Gorgias 523a, 526d–527c. Daher lässt sich nicht in allen Fällen mit Sicherheit bestimmen, welche Textpartien in Platons Werken zu den „platonischen Mythen“ zu zählen sind. In der Forschungsliteratur sind verschiedene inhaltliche oder formale Kriterien zur Bestimmung dieser Partien erwogen worden.Glenn Most: Platons exoterische Mythen. In: Markus Janka, Christian Schäfer (Hrsg.): Platon als Mythologe. 2., überarbeitete Auflage. Darmstadt 2014, S. 9–21, hier: 10–12 (überarbeitete Fassung: Plato’s Exoteric Myths. In: Catherine Collobert u. a. (Hrsg.): Plato and Myth. Leiden 2012, S. 13–24, hier: 14–16); Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2), Basel 2007, S. 89. Vgl. Robert Zaslavsky: Platonic Myth and Platonic Writing. Lanham 1981, S. 12–16; Geneviève Droz: Les mythes platoniciens, Paris 1992, S. 10–16.

Nach heutigem Forschungsstand ist eine Kombination mehrerer Merkmale für den platonischen Mythos charakteristisch. Glenn Most folgt einem diskursiven Ansatz, indem er von der jeweiligen Kommunikationssituation ausgeht.Glenn Most: Platons exoterische Mythen. In: Markus Janka, Christian Schäfer (Hrsg.): Platon als Mythologe. 2., überarbeitete Auflage. Darmstadt 2014, S. 9–21, hier: 12f. (überarbeitete Fassung: Plato’s Exoteric Myths. In: Catherine Collobert u. a. (Hrsg.): Plato and Myth. Leiden 2012, S. 13–24, hier: 15f.). Er hat acht Merkmale herausgearbeitet, die das Charakteristische ausmachen, wobei aber nicht erforderlich ist, dass in jedem einzelnen Fall alle acht gegeben sein müssen:Glenn Most: Platons exoterische Mythen. In: Markus Janka, Christian Schäfer (Hrsg.): Platon als Mythologe. 2., überarbeitete Auflage. Darmstadt 2014, S. 9–21, hier: 13–15 (überarbeitete Fassung: Plato’s Exoteric Myths. In: Catherine Collobert u. a. (Hrsg.): Plato and Myth. Leiden 2012, S. 13–24, hier: 16–19).

1. Monologische Darbietung: Im Gegensatz zum dialogischen Charakter des dialektischen Gesprächs wird der Mythos stets von nur einem Sprecher vorgetragen, gewöhnlich ohne Unterbrechung durch die Zuhörer.

2. Sozialer Rang des Sprechers: Der Vortragende ist in der Regel eine ältere Respektsperson, die für ihre relativ jungen Zuhörer eine Autorität darstellt.

3. Berufung auf eine angebliche mündliche Quelle: Der Vortragende behauptet – auch bei den zweifellos von Platon erfundenen Mythen –, er gebe mündlich Überliefertes wieder, und teilt etwas über seine angebliche Quelle mit.

4. Fehlende Überprüfbarkeit: Es geht stets um Themen, die sich ihrer Natur nach einer empirischen Nachprüfung gänzlich entziehen. Entweder ist von einer sehr fernen Vergangenheit die Rede oder vom Schicksal der Seele nach dem Tode.

5. Autorität der Tradition: Es wird versucht, die Erzählung als authentischen Bericht erscheinen zu lassen. Ihre Autorität beruht auf der Tradition, auf die sich der Sprecher beruft. In manchen Fällen wird die Frage der Glaubwürdigkeit angesprochen – sei es dass die Möglichkeit von Zweifeln thematisiert wird, sei es dass der Glaube an den Mythos beteuert wird.

6. Angestrebte emotionale Wirkung: Der Mythos wird von den Zuhörern als unterhaltsam empfunden und appelliert an die Gefühle. Er soll zu einer erwünschten Haltung und Verhaltensweise ermutigen oder Vertrauen in deren Richtigkeit einflößen.

7. Struktur: Im Gegensatz zur Dialektik, deren Struktur in der Abfolge logischer Schritte besteht, weist der Mythos eine Struktur auf, die durch die zeitliche Abfolge von Handlungselementen oder in manchen Fällen durch die räumliche Beschaffenheit eines beschriebenen Ortes bestimmt ist.

8. Position: Platon stellt den Mythos immer entweder an den Anfang oder an das Ende einer dialektischen Erörterung. Entweder soll bei der Erkenntnisbemühung ein Neuanfang gemacht werden oder es geht um eine einprägsame Veranschaulichung von bereits spekulativ vorgebrachten oder argumentativ abgestützten Gedanken.

Die Mythen lassen sich nach ihren Erzählern in „sokratische“ und „nichtsokratische“ gruppieren. Sokratische Mythen sind diejenigen, die Platon seinem Lehrer Sokrates in den Mund legt. Dieser in den platonischen Dialogen auftretende Sokrates ist eine von Platon literarisch gestaltete Figur; seine Ansichten unterscheiden sich zumindest teilweise von denen des historischen Sokrates. Daher wird er als der „platonische Sokrates“ bezeichnet. Ein anderes Gruppierungskriterium ist inhaltlicher Art: Man unterscheidet aitiologische Mythen, die gegenwärtige Gegebenheiten auf einen historischen Ursprung in einer mythischen Vergangenheit zurückführen, und Jenseitsmythen oder eschatologische Mythen, die vom Schicksal der Seele nach dem Tode handeln.

Die einzelnen platonischen Mythen Die Entstehung der Zivilisation

Diesen Mythos lässt Platon in seinem Dialog Protagoras von der Titelfigur, dem Sophisten Protagoras, erzählen.Platon, Protagoras 320c–323a. Der Kern geht möglicherweise auf den historischen Protagoras zurück.Bernd Manuwald: Platons Mythenerzähler. In: Markus Janka, Christian Schäfer (Hrsg.): Platon als Mythologe. 2., überarbeitete Auflage. Darmstadt 2014, S. 113–135, hier: 116; Kathryn A. Morgan: Myth and Philosophy from the Presocratics to Plato, Cambridge 2000, S. 132–154. Dem Mythos zufolge beauftragten die Götter die Brüder Prometheus und Epimetheus, die neu geschaffenen sterblichen Geschöpfe mit allem zum Überleben Benötigten auszustatten. Epimetheus kümmerte sich um die Tiere, vernachlässigte aber den Menschen, worauf sich Prometheus des Menschen annahm und ihm den Gebrauch des Feuers vermittelte. Die anfangs zerstreut lebenden Menschen schlossen sich zum Schutz gegen die wilden Tiere in Siedlungen zusammen, waren aber den dadurch entstehenden sozialen Spannungen nicht gewachsen. Erst als die Götter ihnen die Eigenschaften „Scham“ (Fähigkeit zur Respektierung der Mitbürger) und „Recht“ (Rechtsempfinden, Sinn für rechtliches Verhalten) zuteilwerden ließen, wurde ein geordnetes, dauerhaftes Zusammenleben möglich.

Zalmoxis

Diesen Mythos trägt der platonische Sokrates im Dialog Charmides seinem jungen Gesprächspartner Charmides vor.Platon, Charmides 156d–157c. Er berichtet von seiner Begegnung mit einem thrakischen Arzt, der mit Berufung auf den legendären Gottkönig Zalmoxis eine ganzheitliche Heilkunst gelehrt habe, die von der Seele ausgehend den Körper heile.

Das Jenseits nach der Apologie

Platons Apologie des Sokrates ist eine literarisch ausgestaltete Version der Verteidigungsrede, die Sokrates als Angeklagter hielt. Hier lässt Platon seinen Lehrer eine knappe, optimistische Schilderung des erhofften Schicksals der Seele nach dem Tod geben.Platon, Apologie 40e–41c. Der platonische Sokrates beruft sich dabei auf einen mündlich überlieferten Mythos. Er hofft im Totenreich bedeutenden Persönlichkeiten zu begegnen und ist zuversichtlich, dort gerecht behandelt zu werden – eine Erwartung, die er mit der Ungerechtigkeit der irdischen Justiz kontrastiert.

Die Inseln der Seligen und der Tartaros

Am Ende des Dialogs Gorgias erzählt der platonische Sokrates einen Jenseitsmythos.Platon, Gorgias 523a–527a. Diesem zufolge gelangen die Seelen gerechter Menschen nach dem Tode auf die paradiesischen Inseln der Seligen, diejenigen der Ungerechten in den Tartaros. Früher wurde das Urteil über sie am Tag ihres Todes, als sie noch lebten, von lebenden Richtern gefällt. Dies führte zu Fehlurteilen, da die Richter die von den Körpern verhüllten Seelen nicht richtig einschätzen konnten. Daher ordnete Zeus eine Änderung an. Seither treten die Seelen nackt (körperlos) vor ihre ebenfalls körperlosen Richter, die Söhne des Zeus sind. Infolgedessen sehen die Richter sie so, wie sie wirklich sind, und urteilen gerecht.

Das Fass und das Sieb

Diesen kurzen Mythos trägt der platonische Sokrates im Dialog Gorgias vor.Platon, Gorgias 492e–493c. Hier findet sich die berühmte Metapher vom Leib als Grab der Seele. Unersättliche Menschen tragen nach ihrem Tode im Hades (Unterwelt) Wasser mit einem lecken Sieb in ein löchriges Fass. Diese Tätigkeit symbolisiert die Fruchtlosigkeit ihres Bestrebens.

Die Seelenwanderung

Im Dialog Menon trägt der platonische Sokrates seine Anamnesis-Lehre vor, eine metaphysische Erkenntnistheorie, die er sowohl argumentativ begründet als auch in mythischer Einkleidung präsentiert.Platon, Menon 81a–e. Er deutet alles Lernen und Erkennen als Erinnerung an ein bereits vorhandenes, aber zeitweilig vergessenes Wissen, das die Seele aus ihrem vorgeburtlichen Dasein mitbringt. Da sie im Verlauf der Seelenwanderung schon viele Erfahrungen gesammelt hat, verfügt sie über einen reichen Wissensschatz.

Das Jenseits nach dem Phaidon

Im Dialog Phaidon führt Sokrates an seinem Todestag im Gefängnis mit einigen Freunden ein Gespräch über die Unsterblichkeit der Seele. Abschließend schildert er in einem Mythos ausführlich die unterschiedlichen Wege und Aufenthaltsorte der Seelen in den verschiedenartigen Bereichen der Totenwelt.Platon, Phaidon 107d–114c. Auch in diesem Jenseitsmythos wird die Abhängigkeit des Schicksals der Seelen von ihren Taten hervorgehoben. Dem durch Weisheitsliebe (Philosophie) Gereinigten wird in Aussicht gestellt, dass seine Seele aus dem Prozess der Seelenwanderung ausscheiden und für alle künftigen Zeiten eine körperfreie Existenz führen wird.

Der Jenseitsbericht des Er