Das Eine (, ) ist ein philosophischer Begriff, der ein höchstes Prinzip bezeichnet. Oft wird dieses Prinzip als absolut transzendent betrachtet; das heißt, es wird jenseits des Horizonts möglicher Sinneserfahrung verortet und soll auch dem gedanklichen Zugriff unzugänglich sein. Eine zentrale Rolle spielt das Eine in Theorien, die auf dem Gedankengut des antiken Platonismus fußen und für alles, was ist, eine einzige Grundlage annehmen (monistischer Idealismus). Solche Systeme führen alles letztlich auf das Eine zurück.

Schon die vorsokratischen Philosophen beschäftigten sich mit dem Einen als Gegenteil des Vielen. Sie fassten es aber nicht als absolut transzendent auf. Erst im Platonismus entstand die Theorie eines Einen, das die Ursache von allem ist, jede Vorstellung übersteigt und sich einer gedanklichen Erfassung prinzipiell entzieht.

Nach der Platon zugeschriebenen, jedenfalls im 4. Jahrhundert v. Chr. entstandenen „Prinzipienlehre“ ist das Eine das transzendente höchste Prinzip und zusammen mit dem entgegengesetzten Prinzip, der „unbestimmten Zweiheit“, der Grund für die Existenz von allem. In der Forschung ist stark umstritten, ob Platon tatsächlich der Urheber der Prinzipienlehre ist und ob er, wie manche Forscher annehmen, das Eine mit dem Guten gleichgesetzt hat. Später bauten antike Platoniker die Lehre vom Einen stark aus und arbeiteten den Aspekt der absoluten Transzendenz heraus. Die Neuplatoniker machten diese Lehre zu einem Hauptbestandteil ihrer metaphysischen Modelle.

Da das Eine nach der antiken platonischen Tradition absolut transzendent ist, können ihm keine Bestimmungen zugewiesen werden, auch nicht die des Seins. Es ist „überseiend“, das heißt dem Bereich der seienden Dinge übergeordnet. Alles Seiende hat im Einen (Hen) seinen Ursprung. Daher ist das Hen genau genommen nicht Gegenstand der Ontologie, die sich mit dem Sein und dem Seienden befasst; manche Philosophiehistoriker sprechen von „Henologie“ als einer eigenen Disziplin. Die Henologie macht Aussagen über das Verhältnis des Einen zu den seienden Dingen.

Terminologie Das griechische „der, die, das Eine“ hat verschiedene Bedeutungen: Es bezeichnet sowohl die Zahl Eins als auch ein Individuum als solches und ein Ganzes, dessen Teile zu einer Einheit vereinigt sind. In der letzteren Bedeutung beruht die Einheit darauf, dass alle Teile eine Gemeinsamkeit aufweisen, die für ihre Zugehörigkeit zu dem Ganzen konstitutiv ist. Für den philosophischen Sprachgebrauch stehen drei Aspekte im Vordergrund: die Unteilbarkeit im Sinne der Vorstellung eines Individuums als unteilbare Einheit die Vereinigung oder Verschmelzung von Elementen zu einer einheitlichen Ganzheit der Umstand, dass „Eins“ als Zahlwort in der griechischen Philosophie der Mathematik eine besondere, privilegierte Stellung ausdrückt. Die Eins ist das Maß und Prinzip der anderen Zahlen, an dem sie gemessen werden. So betrachtet ist sie selbst keine Zahl, sondern der ganzen Zahlenwelt übergeordnet.

Der Ausdruck „henological“ ist in der Forschungsliteratur schon 1943 bezeugt; der anglo-katholische Theologe Eric Lionel Mascall bezeichnete damit einen Gottesbeweis bei Thomas von Aquin, in dem sich die Einheit Gottes aus der Vielheit der Dinge ergibt. 1948 verwendete Étienne Gilson den Ausdruck énologie zur Bezeichnung des neuplatonischen, auf dem Gedanken des Überseins beruhenden Einheitskonzepts. Dieses Konzept wollte er damit von der christlichen ontologischen Vorstellung eines seienden Gottes, insbesondere von seinem eigenen neuthomistischen Ansatz abgrenzen.Étienne Gilson: L’être et l’essence, Paris 1948, S. 42. Den Fachbegriff „Henologie“ hat aber erst der norwegische Philosophiehistoriker Egil A. Wyller geprägt und definiert. Er führte ihn 1960 ein, um die „Einheitslehre“ von der „Seinslehre“, der Ontologie, abzutrennen. Damit wollte er die fundamentale Unterscheidung zwischen Seiendem und Überseiendem, die von antiken Philosophen betont wurde, auch in der Terminologie der modernen Forschung verankern. Diesen Gegensatz bezeichnete Wyller als „henologische Differenz“. Er zählte alle der platonischen Tradition folgenden idealistischen Lehren von einer absolut transzendenten Einheit zum Gegenstandsbereich der Henologie, also beispielsweise auch das Einheitskonzept von Johann Gottlieb Fichte.Egil A. Wyller: Henologie. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Basel 1974, Sp. 1059f. Im neueren Sprachgebrauch wird der Begriff „Henologie“ gewöhnlich nicht in diesem umfassenden Sinn, sondern speziell bezogen auf die Einheitslehren antiker Platoniker verwendet.

Vorsokratiker Den vorsokratischen Philosophen war die Vorstellung eines absolut transzendenten Einen fremd. Sie versuchten aber ein einheitliches Urprinzip zu finden, auf das sich die gesamte Wirklichkeit zurückführen lässt. Damit waren sie Vorläufer der späteren Einheitsmetaphysik. Allerdings unterscheiden sich ihre Lehren von den henologischen dadurch, dass anscheinend keiner von ihnen das Urprinzip oberhalb des Seins verortet hat.

Xenophanes Xenophanes, der in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts und im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. tätig war, soll den Anfang gemacht haben. Aristoteles berichtet, Xenophanes sei der erste Denker gewesen, der die Einheit postulierte, und er habe das Eine mit Gott identifiziert.Aristoteles, Metaphysik 986b. Allerdings habe er sein Konzept nicht erläutert. Aus den erhaltenen Fragmenten der Lehrdichtung des Xenophanes geht hervor, dass er tatsächlich in seiner Auseinandersetzung mit dem Polytheismus der homerischen und hesiodeischen Dichtung ein henotheistisches Modell entwickelt hat. Er ging von einer nicht-anthropomorphen höchsten Gottheit aus und behauptete, dieser „eine Gott“ sei „unter Göttern und Menschen der größte“; er sei unbeweglich, beeinflusse alles mühelos durch sein Denken und sehe, denke und höre „als Ganzer“.Xenophanes, Fragmente DK 21 B 23, 21 B 24, 21 B 25, 21 B 26. Siehe dazu Christian Schäfer: Xenophanes von Kolophon, Stuttgart 1996, S. 144–207; Michael C. Stokes: One and Many in Presocratic Philosophy, Cambridge (Massachusetts) 1971, S. 66–85.

Heraklit Heraklit (um 520 – um 460 v. Chr.) fasste die Einheit nicht als Gegensatz zu Polarität und Vielheit auf, sondern fand sie gerade in der Verschränkung der Gegensatzpaare. Nach seiner Lehre zeigt sich im Gegensatz zweier Gegenpole die Einheit als Zusammengehörigkeit des Konträren. Die Pole bedingen einander, sind stets ineinander verschlungen und schlagen ineinander um. In einem Heraklit-Fragment ist vom „Einträchtig-Zwieträchtigen“ die Rede, und es wird festgestellt: „Aus allem eines und aus einem alles“.Heraklit, Fragment DK 22 B 10. Damit meinte Heraklit, dass sich das Eine aus dem Zusammenwirken von Vielem und Gegensätzlichem konstituiert. Der einigende Grund, der die universale Einheit und Ganzheit des Kosmos ermöglicht, ist der Logos.Die einschlägigen Heraklit-Fragmente sind zusammengestellt und übersetzt bei Laura Gemelli Marciano (Hrsg.): Die Vorsokratiker, Band 1, Düsseldorf 2007, S. 300–307.

Die Eleaten Die Philosophen der Schule von Elea vertraten eine streng monistische Ontologie. In ihrem Weltbild spielte ein schroffer, unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Sein und Nichtsein eine zentrale Rolle. Parmenides, der erste und bekannteste Vertreter dieser Richtung, formulierte seine Lehre in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Für ihn war das Seiende „eines“ im Sinne einer unteilbaren Einheit und das einzige wirklich Existierende. Er betrachtete das Seiende als die Ganzheit, die alles andere ausschließt. Das Seiende ist notwendigerweise unentstanden und daher unvergänglich. Als Ganzheit leidet es keinen Mangel, ist zeitlos vollkommen und daher keiner Veränderung unterworfen. Nur Unveränderliches kann als wirklich seiend betrachtet werden. Alles Veränderliche und Vergängliche ordnete Parmenides dem Bereich des Nichtseienden zu, der trügerischen Scheinwelt der doxa (Meinung im Gegensatz zu Wahrheitsbesitz). In Wirklichkeit existiere diese Scheinwelt gar nicht. Den Bereich des Seienden betrachtete er als undifferenziert, in sich geschlossen, räumlich ausgedehnt und wegen des Ausschlusses von Veränderung unbeweglich; er verglich ihn mit einer Kugel. Die Einheit des so aufgefassten eleatischen Seins weist Übereinstimmungen mit der Einheit des unräumlichen und überseienden henologischen Einen des Platonismus auf, unterscheidet sich aber auch grundlegend von ihr. Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass das Eine des Parmenides ebenso wie dasjenige der Platoniker der Sinneswahrnehmung prinzipiell entzogen ist.Karl Bormann: Parmenides. Untersuchungen zu den Fragmenten, Hamburg 1971, S. 150–182.

Während bei Parmenides der Begriff des Einen nur als Prädikat belegt ist, machten die Eleaten Zenon von Elea und Melissos Aussagen über das Eine als Subjekt.Pierre Hadot: Eine (das), Einheit. I. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 2, Basel 1972, Sp. 361–367, hier: 361. Melissos hielt das eine Seiende für unkörperlich, unbeweglich, homogen und für räumlich und zeitlich grenzenlos.Zu Melissos’ Lehre siehe Christof Rapp: Vorsokratiker, München 1997, S. 162–171. Vgl. zu seinem Verständnis von „eines“ und „viele“ Michael C. Stokes: One and Many in Presocratic Philosophy, Cambridge (Massachusetts) 1971, S. 148–152. Zenon, ein Schüler des Parmenides, versuchte zu beweisen, dass die Annahme einer Vielheit verschiedener Entitäten zu paradoxen Konsequenzen führe und daher falsch sein müsse. Somit sei die Vielheit nichtseiend und es könne nur das Eine geben. Dieses müsse unbewegt sein, denn die Annahme von Bewegung führe ebenso wie die von Vielheit zu unmöglichen Konsequenzen.Zu Zenons Argumentation siehe Christof Rapp: Vorsokratiker, München 1997, S. 152–161; Hermann Fränkel: Wege und Formen frühgriechischen Denkens, München 1968, S. 198–236.

Die frühen Pythagoreer Die frühen Pythagoreer hielten das Eine nicht für den transzendenten, absolut einheitlichen Ursprung des Seins, sondern sahen darin etwas aus Unbegrenztem und Begrenzendem Gemischtes und damit Abgeleitetes. Das Eine war für sie ein im Kosmos immanentes Mischungsprodukt.Detlef Thiel: Die Philosophie des Xenokrates im Kontext der Alten Akademie, München 2006, S. 115f., 118–121. Vgl. Carl A. Huffman: Philolaus of Croton, Cambridge 1993, S. 226–230.

Der erste Pythagoreer, von dem bekannt ist, dass er das Eine von einem philosophischen Standpunkt aus betrachtete, war Philolaos, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte. Seine Theorie ähnelt der Prinzipienlehre der Platoniker insofern, als er die gesamte Wirklichkeit – den Kosmos im Ganzen und alle Einzeldinge – auf das Zusammenwirken eines einzigen Gegensatzpaars zurückführte. Sein Denken kreiste um den Gegensatz zwischen den unbegrenzten Gegebenheiten (ápeira) und den grenzbildenden Faktoren (peraínonta). Aus der Verbindung von Unbegrenztem und Begrenzendem geht nach seiner Lehre alles hervor, wobei die Harmonie als dritter Faktor für das Zusammenwirken der beiden Gegenpole sorgt. Dank den Begrenzungen sind die Dinge mathematisch erfassbar.