mini|Arbeit auf der Hachschara-Farm in Betzenrod, Deutschland, 1920er Jahre Als Hachschara () wurde die systematische Vorbereitung von Juden auf die ʿAlija bezeichnet, das heißt für die Besiedlung Palästinas vor allem in den 1920er und 1930er Jahren. Die Grundlage für dieses Programm war der Zionismus, getragen und propagiert wurde sie von der jüdischen Jugendbewegung, dabei vor allem von den beiden Dachverbänden Hechaluz und Bachad.
Meist fanden Hachschara-Kurse auf landwirtschaftlichen Gütern statt. Eine Gruppe von Auswanderungswilligen () lernte dort gemeinsam, was für den Aufbau eines Gemeinwesens in Palästina notwendig erschien. Die häufig aus bürgerlichen Umgebungen stammenden jungen Menschen erwarben vor allem gärtnerische, land- und hauswirtschaftliche sowie handwerkliche Fertigkeiten und lernten ʿIvrīt, das moderne Hebräisch. In der weiteren Entwicklung der Hachschara galt zunehmend auch die Schaffung einer jüdischen Identität als wichtige Aufgabe. Dazu gehörte auch, die jüdischen Feste zu feiern, jüdische Geschichte und Literatur kennenzulernen. Leben und Arbeiten im Kollektiv sollten dabei die kulturellen Grundlagen für die neue Existenz in Palästina schaffen. Im späteren Israel setzten sich die Hachschara-Gemeinschaften in den Kibbuzim fort. Seltener lernten auch einzelne Auswanderungswillige bei einem Landwirt oder Handwerker.
Geschichte Im 19. Jahrhundert nahmen immer wieder Hoffnungen vieler Juden auf eine Rückkehr nach Eretz Israel Gestalt an, die gegen Ende des Jahrhunderts zunehmend praktische Formen annahmen. Beispiel hierfür ist das 1864 von Zwi Hirsch Kalischer in Berlin gegründete Zentralkomitee für jüdische Siedlungen in Palästina, dem 1870 in Zusammenarbeit zwischen Kalischer und Charles Netter die Gründung der Mikwe Israel folgte, der bis heute ältesten jüdischen Landwirtschaftsschule in Palästina. 1893 wurde dann von Max I. Bodenheimer gemeinsam mit David Wolffsohn der Kölner Verein zur Förderung von Ackerbau und Handwerk in Palästina gegründet, und vor dem Hintergrund der osteuropäischen Pogrome, der gescheiterten jüdischen Emanzipationsbestrebungen in West- und Mitteleuropa und dem Erstarken des politischen Zionismus in der Folge des Zionistenkongresses von 1897 formierte sich schließlich am Ende des 19. Jahrhunderts aus der „Chaluzbewegung“ (von ) heraus die Hachschara-Bewegung, die vor allem unter Juden in den USA und Russland auf Zustimmung stieß. Ihr Kerngedanke war die Vorbereitung auf ein Leben im Kibbuz im umfassenden Sinn: landwirtschaftliche Ausbildung, Vertrautheit mit der Geschichte des Judentums, Erlernung der hebräischen Sprache.
Auf dem 12. Zionistenkongress 1922 in Karlsbad bildete sich der Pionier-Weltverband Hechaluz. 1923 gründete sich ein deutscher Hechaluz-Verband, der 1928 500 Mitglieder und vier Lehrgüter zählte. Insgesamt verbreitete sich die Bewegung unter den stark assimilierten Juden Westeuropas nur langsam. Erst seit der Weltwirtschaftskrise wurde die Auswanderung von vielen als Chance für einen wirtschaftlichen Neuanfang verstanden. Die idealistische Einstellung des frühen Zionismus trat in den Hintergrund.
Die zunehmende Diskriminierung der Juden verschaffte der Hachschara-Bewegung in der Anfangsphase der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland großen Zulauf. Neben der Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina spielte vor allem für junge Jüdinnen und Juden eine Rolle, dass die Hachschara eine der letzten Möglichkeiten für sie war, überhaupt eine Berufsausbildung (Umschichtung im damaligen Sprachgebrauch) zu erlangen. 1934 verzeichnete die deutsche Hechaluz rund 15.000 Mitglieder. Rund 3.500 Menschen wurden zu dieser Zeit in den Hachschara-Lehreinrichtungen ausgebildet.Francis R. Nicosia referiert für den März 1934 allerdings andere Zahlen und beruft sich dazu auf Angaben des Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau. Demnach seien zu diesem Zeitpunkt bereits 6069 Juden in zionistischen Berufsumschulungsprogrammen in Deutschland eingebunden gewesen, und davon fast 2400 in landwirtschaftlichen Umschulungslagern. (Francis R. Nicosia: Jewish Farmers in Hitler’s Germany. S. 368). Diese wurden im Auftrage der Reichsvertretung der Deutschen Juden von Martin Gerson betreut. Insgesamt wurden innerhalb der damaligen deutschen Grenzen mindestens 32 dieser Vorbereitungslager eingerichtet.
In den Anfangsjahren war die vorherrschende Ausbildungsform die Einzel-Hachschara, bei der Ausreisewillige bei einem Bauern oder in einem Handwerksbetrieb arbeiteten und dabei von einem Hachschara- oder Hechaluz-Zentrum unterstützt und betreut wurden. Mit der ab 1933 steigenden Nachfrage an Ausbildungsplätzen bildeten sich auch andere Hachschara-Formen heraus, so zum Beispiel „Hachschara-Kibbuzim, wo die Jugendlichen gemeinsam lebten und ausgebildet wurden, Hachschara-Zentren, wo sie zusammenlebten, aber eine Ausbildung auf verschiedenen landwirtschaftlichen und handwerklichen Stellen bekamen und – vor allem in größeren Städten – die Batei-Chaluz (, Sing. ), Wohnheime für ausreisewillige Jugendliche mit handwerklicher oder hauswirtschaftlicher Einzelausbildung. Der erhöhte Bedarf an Ausbildungsplätzen erklärt den forcierten Ausbau gerade der gemeinschaftlichen Hachschara-Lehrgüter in den folgenden Jahren nur zum Teil, denn dieser war auch aus ideologischen und erzieherischen Gründen besonders wichtig: Vor allem hier, losgelöst von sozialen und familiären Bindungen, glaubte man die Erziehung zur Kibbuz-Gemeinschaft effektiv verwirklichen zu können.“Ulrike Pilarczyk: Gemeinschaft in Bildern. 2009, S. 107.
Hachschara und Jugend-Alijah waren wichtige Säulen der jüdischen Selbsthilfe zur Vorbereitung Jugendlicher auf eine Auswanderung nach Palästina. Hinzu kam 1935 die sogenannte Mittlere-Hachschara (auch: Mi-Ha). Sie richtete sich an 15- bis 17-Jährige und sah ebenso wie die reguläre Hachschara eine zweijährige landwirtschaftliche, gärtnerische oder hauswirtschaftliche Ausbildung vor. Eine handwerkliche Ausbildung dauerte drei Jahre.Ulrike Pilarczyk: Gemeinschaft in Bildern. 2009, S. 108. Joseph Walk bezeichnet sie als einen Ersatz für die nicht über die Jugend-Alija nach Palästina einwandernden Jugendlichen dieser Altersgruppe. Sie „lehnt sich in ihrem Tagesablauf an das Vorbild der in den dortigen Kollektivsiedlungen erzogenen Gruppen an: der Vormittag war der fachlichen, im Wesentlichen landwirtschaftlichen (für Mädchen: hauswirtschaftlichen) Ausbildung, der Nachmittag der geistigen Fortbildung vorbehalten. Der Lehrplan umfaßte Hebräisch (6 Std.), Judentums- und Judenheitskunde (2), Erdkunde (2), Naturwissenschaft (2); je eine Stunde Palästinakunde und Zionismus. Einen breiten Raum nahmen die in den Abendstunden an freien Tagen geführten Aussprachen und Diskussionen ein, welche sich in erster Linie um Probleme des Palästinaaufbaus drehten. Die sich im ländlichen Milieu formende Gemeinschaft wurde weitgehend von der Persönlichkeit des aus der Jugendbewegung hervorgegangenen Führers geprägt und ging nach beendeter zweijähriger Ausbildung zumeist mit diesem auf Alija.“Joseph Walk: Jüdische Schule und Erziehung im Dritten Reich. 1991, S. 155.
Als Träger der Mi-Ha erwähnt Walk außer den schon genannten Verbänden Hechaluz und Bachad zusätzlich noch die Noʿar Aguddati („Jugend der Agudda“). Bei der handelte es sich um den deutschen Jugendverband der 1912 gegründeten ultraorthodox-jüdischen Agudath Israel Weltorganisation. Eine wichtige Rolle in dieser Organisation spielte Kalman Kahana, der in Deutschland an der Gründung der Noar Agudati beteiligt war.
Eine besondere Rolle spielte die Auslands-Hachschara (siehe unten). Sie gab es in den 1930er Jahren in zwölf europäischen LändernPerez Leshem: Strasse zur Rettung 1933–1939 (Manuskript), vorwiegend in der Form der Einzel-Hachschara. Die Auslands-Hachschara bot besonders gefährdete Personen zusätzlich die Möglichkeit, sich dem Zugriff nationalsozialistischer Behörden zu entziehen. Auch Jugend-Alija-Zentren im Ausland existierten, zum Beispiel das Internat Kristinehov in Schweden. Sie boten die Möglichkeit, Jugendliche unterzubringen, für die es noch keine Einreisezertifikate für Palästina gab (meist wegen altersbedingt fehlender Zertifikatsreife).
Hachschara-Einrichtungen Die Ausbildungsmöglichkeiten und Ausbildungsorte im Jahr 1938 Albert J. Phiebig (* 2. Januar 1908 in Berlin – † 27. März 2004 in den USA) wuchs in einer liberalen und sozial ambitionierten Familie auf. Er betätigte sich schon als Jugendlicher als Büchersammler und begeisterte sich früh für die Ahnenforschung. Phiebig studierte Jura an den Universitäten in Berlin und Freiburg im Breisgau und begann danach eine Karriere als Jurist. 1933 wurde er von den Nazis aus dem Staatsdienst entlassen und arbeitete danach als Statistiker bei der Reichsvertretung der Deutschen Juden. Er schloss sich auch der Gesellschaft für Jüdische Familienforschung an und arbeitete mit dem bekannten Genealogen Arthur Czellitzer zusammen. Im Juni 1938 heiratete Phiebig in Berlin Rosa Gottlieb (1912–1960). Die beiden wurden von Leo Baeck getraut und konnten später in die USA emigrieren.Albert Phiebig Collection. In: archives.cjh.org, Center for Jewish History, abgerufen am 6. April 2021.
Im Jahre 1938 erstellte Phiebig eine Statistik über die Ausbildungs- und Umschichtungsstätten für Juden in Deutschland. Diese Statistik erschien im Almanach des SchockenVerlags auf das Jahr 5699 (1938/39) und gibt einen umfassenden Überblick über die Ausbildungsmöglichkeiten kurz vor den November-Pogromen von 1938. Ebenfalls 1938 erschien der von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der Jüdischen Gemeinde Berlin und dem Zentralverband Jüdischer Handwerker Deutschlands herausgegebene Ratgeber Vor der Berufswahl. Ein Wegweiser für jüdische Eltern und Kinder (siehe Literatur). In der Einführung hieß es, man wolle „einer Generation, die aus dem Gefühl der Sicherheit aufgerüttelt ist, und das uralte jüdische Schicksal des Wanderns in einer politisch und wirtschaftlich veränderten Welt mit aller Schärfe spürt, die Fragen, um die es sich bei der Berufswahl heute handelt, mit allem Ernst und aller Deutlichkeit vor Augen führen“. Die Broschüre begann mit der Vorstellung der handwerklichen Berufe und endete mit akademischen Berufen, was alleine schon „die veränderte Lage des Judentums in Deutschland“ zeige. Gezeigt werden sollte auch die Verwendungsmöglichkeit des jeweils vorgestellten Berufs im Ausland, verbunden mit der Hoffnung, „daß ausländische Verbindungen, besonders auch bereits ausgewanderte Angehörige vielleicht den Weg zu ihm ungeachtet aller Schwierigkeiten ermöglichen“.Reichsvertretung der Juden in Deutschland; Jüdische Gemeinde, Berlin; Zentralverband Jüdischer Handwerker Deutschlands (Hrsg.): Vor der Berufswahl. Ein Wegweiser für jüdische Eltern und Kinder. Zur Einführung. Dieser klar auf die Hachschara ausgerichteten Schrift war auch ein Flyer Verzeichnis der Ausbildungsstätten (unten in den Tabellen und den dazugehörigen Anmerkungen zitiert als Flyer der Reichsvertretung) beigefügt, der zwar nicht die Zahlen aus Phiebigs Statistik enthält, aber weitgehend mit dessen Systematik übereinstimmt und weitere Zusatzinformationen liefert. Die wichtigsten Zusatzinformationen finden sich unten bei der Tabelle III (im Flyer Tabelle V), da Phiebig für die hauswirtschaftliche Ausbildung nur die Gesamtzahl der Ausbildungsstätten und ihrer Auszubildenden aufführte, nicht aber die einzelnen Ausbildungsstätten selber. Diese wurden nun als Tabelle IIIa hinzugefügt.