Eine Anämie (lateinisch Anaemia, deutsch Blutarmut, umgangssprachlich auch Blutmangel, früher auch Bleichsucht) ist eine Verminderung der Hämoglobin-Konzentration im Blut (oder alternativ des Hämatokrits) unter die alters- und geschlechtsspezifische Norm.
Hämoglobin ist ein Sauerstoff tragendes Protein, das sich im Blut ganz überwiegend in den roten Blutzellen (Erythrozyten) befindet. Eine Anämie geht daher in der Regel mit einem Mangel an Erythrozyten (Erythrozytopenie) einher. Bei einer Anämie ist die Sauerstoff-Transportkapazität des Blutes vermindert. Um die Sauerstoffversorgung der Organe weiter zu gewährleisten, reagiert der Organismus typischerweise mit einer Steigerung der Herzfrequenz, so dass das Blut schneller durch den Kreislauf gepumpt wird. Dadurch gerät der Körper aber leichter an seine Belastungsgrenzen. Typische Symptome einer Anämie sind daher leichte Ermüdbarkeit, Luftnot besonders bei körperlicher Belastung und häufig auch Kopfschmerzen.
Eine Anämie ist entweder erworben oder angeboren. Ursachen für erworbene Anämien können Blutverluste, ein vermehrter Blutabbau, Erkrankungen des blutbildenden Systems, Mangelerkrankungen, Nierenerkrankungen, Hormonstörungen, Schwangerschaft oder „konsumierende Erkrankungen“ wie Tumorerkrankungen oder chronisch-entzündliche Erkrankungen sein. Angeborene Anämien kommen z. B. bei Hämoglobinopathien (genetischen Störungen der Hämoglobinbildung) vor.
Etymologie Der Begriff Anämie, lateinisch als anaemia 1843 von dem französischen Mediziner Gabriel Andral geprägt, stammt aus dem Altgriechischen „blutlos“ und setzt sich zusammen aus der Vorsilbe „un-“, „ohne“, „nicht“ und dem Wort „Blut“.
Symptome
300px|mini|Mögliche Symptome einer Anämie Die bei einer Anämie auftretenden Symptome sind entweder eine direkte Folge der Sauerstoffunterversorgung oder der Kompensationsmechanismen des Körpers. Patienten merken infolge der mangelhaften Sauerstoffversorgung des ganzen Körpers als erste Symptome häufig eine Körperschwäche, eine Dyspnoe, einen Leistungsabfall und eine schnelle Ermüdbarkeit.
Haut und Schleimhäute sind durch Blässe gekennzeichnet, wobei zumindest die Hautblässe abhängig von der Hautfarbe nicht immer leicht erkennbar ist. An den Skleren kann in manchen Fällen eine weißliche Farbe mit bläulichem Unterton festgestellt werden, bedingt durch Blutarmut kleinster konjunktivaler Gefäße. Durch eine Sauerstoffunterversorgung des Gehirns können Kopfschmerzen, Ohrgeräusche (Tinnitus), Übelkeit, Ohnmacht (Synkopen), Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme und Sehstörungen auftreten. Eine Sauerstoffunterversorgung des Herzmuskels führt zu Angina Pectoris. Infolge einer Sauerstoffunterversorgung kann es in den Nieren zu einem geringfügigen Ausscheiden von Blut im Urin (mikroskopische Hämaturie), zu einer leichten Eiweißausscheidung (Proteinurie) und zu einem Rückhalt von Salz und Wasser (Niereninsuffizienz) kommen. Weiterhin können bei länger anhaltender Anämie brüchige Finger- und Fußnägel, Haarausfall und Splitterung von Haaren beobachtet werden.
Da der Körper versucht, den Sauerstoffbedarf der Gewebe trotz der verminderten Sauerstofftransportkapazität des Blutes zu decken, können eine beschleunigte Atmung (Tachypnoe) und ein erhöhter Herzschlag (Tachykardie) auftreten.
Aufgrund der erhöhten Frequenz des Blutumlaufs und damit auch der erhöhten Strömungsgeschwindigkeit des Blutes kann es zu charakteristischen Geräuschen in den Jugularvenen am Hals kommen, dem sogenannten Nonnensausen, sowie zu anämischen Strömungsgeräuschen an den Herzklappen, die mit dem Stethoskop wahrnehmbar sind, ohne dass ein struktureller Herzklappenfehler besteht.
Neben diesen allgemeinen Symptomen kann es je nach Anämieform noch zu weiteren Krankheitsbildern kommen. Eine Anämie ist jedoch immer Symptom einer Grunderkrankung oder einer Fehlernährung, sie kann nie eine vollständige Diagnose sein. Trotzdem sollten schon kleine Anzeichen der Anämie ernst genommen werden, da diese auf lange Zeit zu einer erhöhten Sterblichkeit, vor allem durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, führen können.
Diagnostik + Normalwerte beim Menschen Bezeichnung Frauen Männer Hämoglobin 12 bis 16 g/dl 13 bis 18 g/dlErythrozyten 4,3 bis 5,2 Mio./μl 4,8 bis 5,9 Mio./μl MCH 28–34 pg MCHC 30–36 g/dl MCV 78–94 flRetikulozyten 1 %Hämatokrit 37–47 % 40–54 %Ferritin 22–112 µg/l 34–310 µg/lTransferrin 212–360 mg/dlVitamin B12 >300 ng/lFolsäure >2,5 ng/ml Eine Verdachtsdiagnose kann sich bereits aus der Krankengeschichte (Anamnese) und dem allgemeinen körperlichen Befund ergeben. Im Rahmen einer weiteren Ursachenabklärung stehen insbesondere die Suche nach Blutungsquellen (besonders Blutungen aus Magen und Darm sowie genitale Blutungen bei Frauen) sowie Hämolysezeichen und ein abgestuftes System von Laboruntersuchungen zur Verfügung.
Dabei ist es wichtig zu unterscheiden, ob es sich bei einer Anämie um eine durch einen vermehrten Blutverlust/-abbau oder aber um eine durch eine Blutbildungsstörung bedingte Blutarmut handelt. Es können auch Mischformen vorkommen. Das wichtigste technische Hilfsmittel für die Diagnose einer Anämie ist das Blutbild.
So liefert ein Blutbild eine erste Information, ob überhaupt eine Anämie vorliegt. Es kann dabei, durch Bestimmung von Hämatokrit und Erythrozytenzahl, eine Verminderung der Zellen im Blut anzeigen. Die Werte zum mittleren Volumen (mittleres Erythrozyteneinzelvolumen, MCV von engl. mean chuscular volume) der Erythrozyten und die Erythrozytenverteilungsbreite geben Aufschluss über die Größe der Zellen (und damit Hinweis auf die Ursache, siehe Abschnitt Einteilung). Die Hämoglobinkonzentration im Blut sowie der Hämoglobingehalt (mittleres korpuskuläres Hämoglobin, MCH) und die Hämoglobinkonzentration (mittlere korpuskuläre Hämoglobinkonzentration, MCHC) der Erythrozyten bieten mögliche Hinweise auf Störungen in der Bildung des roten Blutfarbstoffs.
Häufig ist die Anämie Zeichen einer systemischen Erkrankung (zum Beispiel Infektionen oder Tumoren) oder das Leitsymptom einer Störung der Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen).
Beispiele aus der Diagnostik: Anhand der Anzahl der Retikulozyten (unreife rote Blutkörperchen) lässt sich feststellen, ob eine Blutbildungsstörung vorliegt, da diese unter normalen Umständen bei einem Verlust an roten Blutkörperchen in erhöhter Anzahl vom Knochenmark freigesetzt werden. Die Konzentration der am Eisenstoffwechsel beteiligten Proteine wie Ferritin, Transferrin und Transferrinrezeptor gibt Aufschluss über das Vorhandensein einer Eisenmangelanämie oder aber über einen Mangel an Vitamin B12 und an Folsäure bei einer megaloblastären oder bei einer perniziösen Anämie. Auch Formabweichungen der roten Blutkörperchen können Aufschluss über bestimmte Anämien geben (zum Beispiel Sichelzellenanämie). Ein Knochenmarksausstrich kann zeigen, ob die Ursache im blutbildenden Gewebe im Knochenmark selbst liegt.
Hämoglobin-Gehalt Die auch heute weitgehend anerkannten Kriterien für die Diagnose von Anämien beruhen auf einem Bericht einer WHO-Expertengruppe aus dem Jahr 1968.Nutritional anaemias. Report of a WHO scientific group. In: World Health Organ Tech Rep Ser. 1968; 405, S. 5–37. who.int (PDF; 1,5 MB) Demnach liegt eine Anämie vor, wenn der Hämoglobin-Gehalt folgende Werte unterschreitet:
Personenkategorie Hb-Untergrenze(g/dl) Kinder von 6 Monaten bis 6 Jahren 11 Kinder von 6 bis 14 Jahren 12 Erwachsene Männer 13 Erwachsene Frauen, nicht schwanger 12 Erwachsene Frauen, schwanger 11
Diese Werte wurden aufgrund von neueren Erkenntnissen und größeren Bezugsstichproben angepasst. Neuere Studien in den USA beobachten Unterschiede zwischen physiologischen Hämoglobin-Werten weißer und schwarzer Bevölkerung.Ernest Beutler, Jill Waalen: The definition of anemia: what is the lower limit of normal of the blood hemoglobin concentration? In: Blood. 2006; 107, S. 1747–1750.
Quelle Männer Hb-Untergrenze(g/dl) Frauen Hb-Untergrenze(g/dl) WHO 1968 13 12 Jandl 1996 14,3 12,3 Williams (Beutler et al.) 2001 14,0 12,3 Wintrobe (Lee et al.) 1998 13,2 11,6 Rapaport 1987 14 12 Goyette 1997 13,2 11,7 Tietz 1995 13,2 11,7 Hoffman u. a. 2004 13,5 12,0
Einteilung Anämien lassen sich wie folgt einteilen:G. Halwachs-Baumann (Hrsg.): Labormedizin. Klinik – Praxis – Fallbeispiele. Springer, Wien/New York 2006.
nach der Morphologie in mikro-, makro- oder normozytäre Anämien (MCV) nach dem Hämoglobin-Gehalt in normo-, hypo- oder hyperchrome Anämien (MCH) nach der Erythropoese in hypo-, normo- oder hyperregenerative Anämien in akute oder chronische Anämien in angeborene oder erworbene Anämien
Aregenerative Anämie Abhängig vom Erscheinungsbild der verbleibenden Erythrozyten werden Anämien in der Klinik in drei Gruppen eingeteilt. Betrachtet werden dabei die Größe der Zellen und der Hämoglobingehalt. Bei normal erscheinenden Zellen spricht man von normochromer, normozytärer Anämie, ist der Hämoglobingehalt vermindert, von hypochromer, mikrozytärer Anämie, ist er erhöht, von hyperchromer, makrozytärer Anämie.
Normochrome, normozytäre Anämie
Während die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Sauerstofftransportkapazität des Blutes reduziert sind, erscheinen die Zellen morphologisch normal. Bei hypoproliferativen Anämien werden infolge eines Mangels oder infolge nicht ausreichender Reaktion auf das Hormon Erythropoetin und auf Zytokine mit vergleichbarer Wirkung (besonders Interleukin-6 und Interleukin-8) nicht ausreichend neue Erythrozyten produziert, um den Bedarf zu decken. Ursache sind entweder Nierenerkrankungen, da dort Erythropoetin synthetisiert wird (renale Anämie), oder Erkrankungen, die einen hypometabolischen Zustand (niedrigen Stoffwechselzustand) des Patienten verursachen. Dies betrifft insbesondere Schilddrüsenunterfunktion, Hypophyseninsuffizienz oder Eiweißmangel.
Ist die Anzahl der Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen verringert, so können ebenso nicht ausreichend neue Zellen in den Kreislauf abgegeben werden. Bei diesen Erkrankungen ist die Konzentration von Erythropoetin im Blut zumeist normal. Aplastische Anämien resultieren aus einem Verlust der Stammzellen. Die Ursache dafür ist häufig unbekannt. Aplastische Anämien sind sehr selten, in Europa treten jährlich 0,2 Fälle/100.000 Einwohner auf, gehäuft während Adoleszenz, Schwangerschaft und im Alter.G. Herold u. a.: Innere Medizin. 2007. Manchmal finden sich Chromosomenveränderungen als Ursache (Fanconi-Anämie). Ebenso beschädigen Strahlung, Chemikalien, Infektionen, manche Medikamente und ein (die Anaemia splenica verursachender) Hypersplenismus das Knochenmark und haben so indirekt eine Anämie zur Folge. Diese Beschädigungen sind jedoch unspezifisch und betreffen auch die Vorläuferzellen der anderen Blutbestandteile. Bei Tumorerkrankungen kommt es häufig zu einer normochromen, normozytären Anämie, deren Ausmaß durch eine Chemotherapie verstärkt werden kann. Man spricht auch von einer chemotherapieassoziierten Anämie. Je nach Ausgangsbefund und Chemotherapieschema ist die Anämie normozytär oder geringgradig makrozytär typischerweise mit Retikulopenie als Folge des Erythropoeseschadens. Sind ausschließlich die Vorläufer der Erythrozyten betroffen, spricht man von Erythroblastopenie oder PRCA (von engl. Pure Red Cell Aplasia). Ursache für eine chronische PRCA sind Virusinfekte, chronische PRCA können angeboren oder erworben (durch Erkrankungen der Hämolyse, Thymome, Immunreaktionen oder bei chronischer lymphatischer Leukämie) sein. Schließlich geht beim myelodysplastischen Syndrom die Blutbildung nicht von gesunden, sondern von genetisch veränderten Ursprungszellen aus. Auch dies führt zu Anämie.
Bei der Osteomyelofibrose wird das blutbildende Gewebe im Knochenmark nach und nach durch Bindegewebe ersetzt, so dass keine normale Erythropoese stattfinden kann. Andere Ursachen für eine Degeneration des Knochenmarks sind bestimmte Malignome, Infiltration durch Metastasen, maligne Lymphome oder Leukämien.
Hyperchrome makrozytäre Anämie