Das Unternehmen Zeppelin war eine von SS-Sturmbannführer Heinz Gräfe initiierte Sabotage- und Zersetzungsoperation des Geheimdienstes der SS, des Sicherheitsdienstes (SD) im Amt VI (Ausland-SD) des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion kamen dabei ab 1942 im Hinterland der Roten Armee sowjetische Kriegsgefangene zum Einsatz, die freiwillig mit dem SD kollaborierten, um dort Aktionen durchzuführen.Mallmann / Unternehmen Zeppelin, S. 325.
Nachdem der Auslands-SD seit seiner Entstehung im Wettbewerb mit dem Amt Ausland/Abwehr, dem militärischen Geheimdienst der Wehrmacht, stand, war das Unternehmen Zeppelin eine Konkurrenz zur Sabotage- und Zersetzungsabteilung Amt Ausland/Abwehr II. Die Abwehr II operierte überwiegend gegen militärische Ziele in Frontnähe während Zeppelin eher politisch-strategisch agierte. Die Operationen beider Geheimdienste überschnitten sich häufig, jedoch wurde auch kooperiert. Abwehrchef Wilhelm Canaris nutzte Teile der Abwehr II für den geplanten Sturz von Hitler zusammen mit der Militäropposition. Der SD und damit das Unternehmen Zeppelin dienten im Gegensatz dazu der Machterhaltung Hitlers. Als Hitler im Februar 1944 befahl, einen einheitlichen Geheimen Meldedienst aufzubauen, geriet die Abwehr schrittweise und nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 schließlich völlig unter die Kontrolle des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA).
Der SD war 1946 im Nürnberger Militärtribunal als verbrecherische Organisation eingestuft worden. Kriegsverbrechen beim Unternehmen Zeppelin waren in Nürnberg 1948 auch Gegenstand einer Verhandlung gegen den Leiter des Auslands-SD, Walter Schellenberg.Nürnberger Tribunal / Band XIII, S. 551–595. Die deutsche Justiz befasste sich erst ab 1962 mit dem Unternehmen Zeppelin, als die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg ein sogenanntes Zeppelin-Verfahren eröffnete. In Düsseldorf lief erst 1963 ein Verfahren gegen vormalige Zeppelin-Angehörige wegen der aktenkundigen Morde, die bereits in Nürnberg beim Militärtribunal Thema waren.Wildt / Generation, S. 674, FN 213.
Inzwischen hatten viele Ehemalige des Unternehmen Zeppelin ihre Tätigkeit entgegen den Tatsachen als besonders erfolgreich dargestellt, um in den Geheimdiensten des Westens eine zweite Karriere zu starten bzw. einer Strafverfolgung wegen Kriegsverbrechen zu entgehen. Auf diese Weise konnten sie im beginnenden Kalten Krieg weiter geheime Operationen gegen die Sowjetunion durchführen.Vorwort von Heinz Höhne in Mary Ellen Reese, Der deutsche Geheimdienst (Rowohlt, Berlin, 1992, ISBN 3-930656-30-2), S. 16. Sie stellten so ein Sicherheitsrisiko ersten Grades für diese Geheimdienste dar, denn viele Zeppelin-Angehörige waren aufgrund ihrer Kriegsvergangenheit erpressbar und den Geheimdiensten des Ostens bestens bekannt.Mary Ellen Reese, Der deutsche Geheimdienst (Rowohlt, Berlin, 1992, ISBN 3-930656-30-2), S. 149. In Moskau wusste man, dass die Westalliierten die Erfahrungen der Deutschen gegen die Sowjetunion nutzen würden. Das Ministerium für Staatssicherheit (MGB), der Vorläufer des KGB, sammelte alle erbeuteten Dokumente 1946 in dem Sonderarchiv Moskau. Die vorhandenen Erkenntnisse zum Unternehmen Zeppelin wurden beim MGB 1947 zusammengefasst.Sergej Tschujew hat in seinem 2003 erschienenen Werk „Die Sicherheitsdienste im Dritten Reich“, Buch 2, Kapitel Unternehmen Zeppelin, S. 172–221 (in Russisch) vielfach daraus zitiert. Die sowjetischen Sicherheitsorgane entwickelten daraus und durch Befragungen deutscher Kriegsgefangener Operationen gegen den Westen in den Folgejahren des Kalten Krieges.Birstein / Smersh, S. 324.
1974 erhielt schließlich das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) u. a. Akteneinsicht zum Unternehmen Zeppelin beim KGB und durfte massenhaft Kopien erbeuteter Dokumente aus Kriegszeiten anfertigen.Leide / NS-Verbrecher, S. 185. Dieser umfängliche Aktenfundus wurde von der Hauptabteilung IX/11 des MfS (NS-Archiv) 1977 in einer Forschungsarbeit analysiert.siehe Literaturverzeichnis Schwips, Riedel / Forschungsarbeit. In der Folge wurde alle identifizierten Personen den diversen Einheiten des MfS zur weiteren Bearbeitung zugewiesen. Die Angehörigen des Unternehmen Zeppelin blieben somit bis zu ihrem Lebensende Zielobjekte östlicher Geheimdienste. Heute befindet sich dieser komplette Aktenfundus zum Unternehmen Zeppelin im sogenannten Stasi-Archiv des Bundesarchivs in Berlin.Mallmann / Unternehmen Zeppelin, S. 324–325.
Entstehung Heinz Gräfe und die Kriegsgefangenen SS-Sturmbannführer Heinz Gräfe hatte am 1. April 1941 die Amtsgruppe VI C (Russisch-japanisches Einflussgebiet) im RSHA übernommen und war damit für die gesamte Ostaufklärung im Auslandsgeheimdienst des SD zuständig geworden.Wildt / Generation, S. 662. Mehrere Monate nach Beginn des Russland-Feldzugs waren im Herbst 1941 die großen russischen Metropolen Leningrad und Moskau entgegen den deutschen Plänen nach wie vor in sowjetischer Hand. Es hatte sich gezeigt, dass man die Widerstandskraft der Roten Armee unterschätzt hatte und die Kenntnisse über die Sowjetunion völlig unzureichend waren. Gräfe beabsichtigte deshalb durch die Vernehmung der Kriegsgefangenen das große Informationsdefizit über die Sowjetunion zu verbessern.
Die Gestapo betrieb inzwischen Einsatzgruppen in den Gefangenenlagern der Wehrmacht, die hauptsächlich die Ermordung Gefangener durchführten, aber auch nach Freiwilligen für die Abwehr II und für das Ostministerium zur Verwaltung der eroberten Gebiete suchten. Gestapo-Chef Heinrich Müller war deshalb mehrfach mit Vertretern des OKW und des Ostministeriums in Fragen der Kriegsgefangenen zusammengekommen. Beteiligt waren Abwehr-II-Chef Erwin von Lahousen und der stellvertretende Hauptabteilungsleiter Otto Bräutigam des im Aufbau befindlichen Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete. Das sogenannte Ostministerium war zuständig für die politische Eingliederung und Verwaltung der eroberten Gebiete in das Reich. Es arbeitete eng mit pro-deutschen Exilpolitikern aus dem Osten zusammen, die sich von Deutschland eine Befreiung vom sowjetischen Joch erhofften. Die Abwehr II plante mit Hilfe dieser Exilpolitiker geeignetes Personal für militärische Sonderoperationen aus diesen Volksgruppen zu gewinnen. Hier bewegte sich die Abwehr aber auf politischem Feld und damit in der Zuständigkeit von Gestapo und SD. Es kam somit erneut zur Aufgabenteilung zwischen Abwehr, Gestapo und SD bezüglich des Zugangs zu diesen Volksgruppen in Absprache mit dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und der Wehrmacht.
Heinz Gräfe wurde am 21. Oktober 1941 vom Amt VI (Auslands-SD) zum Amt IV (Gestapo) des RSHA abgeordnet. Bereits am 25. Oktober 1941 dekretierte Müller, dass jetzt auch Angehörige des Amtes VI zu den bereits bestehenden Gestapo-Einsatzgruppen abgeordnet würden. Es wäre ihre Aufgabe, Informationen über die Politik und die ökonomischen und kulturellen Bedingungen in den noch nicht besetzten russischen Gebieten durch Befragungen zu ermitteln. Dafür besonders wertvolle Kriegsgefangene wären dem Amt VI zu überstellen.Befehl von Heinrich Müller, Chef Sipo und SD, Reg. No. 815 B/41 Secret-IV A I c, v. 25. Oktober 1941, abgedruckt in Nürnberger Tribunal / Band XIII, S. 558–560. Laut dem neuen Amtschef VI, Walter Schellenberg, war damit auch beabsichtigt, geeignete Agenten für den SD aus den Kriegsgefangenenlagern zu gewinnen.Vernehmung Walter Schellenberg, Nürnberger Tribunal / Band XIII, S. 576. Mit Zustimmung der Wehrmacht entsandte das Amt VI schließlich elf SD-Führer mit Dolmetschern in die Lager und ließ ausgewählte Gefangene befragen und rekrutieren.
Gründung des Unternehmen Zeppelin Während der Gefangenenbefragungen reifte bei Gräfe die Idee, besonders geeignete Gefangene als Agenten für die Aufklärung im sowjetischen Hinterland einzusetzen.Schwips, Riedel / Forschungsarbeit, S. 165. Gräfe entwarf zwei Denkschriften für die künftige politische Kriegsführung des Auslands-SD im Osten. Die erste Studie resultierte aus den positiven Ergebnissen der Kriegsgefangenenbefragungen und entstand im Januar 1942 mit Unterstützung des SD-Russland-Instituts, des „Wannsee-Instituts“.Schwips, Riedel / Forschungsarbeit, S. 166–169. Überschrieben ist sie mit dem Titel „Die Widerstandskraft der Sowjet-Union und Möglichkeiten ihrer Zersetzung“. Wörtlich hieß es in dieser anspruchsvollen aber hochgradig der NS-Ideologie entsprechenden Arbeit:„Es bietet sich die Möglichkeit aus dem ungeheuren Menschenreservoir der Kriegsgefangenen geeignete Gruppen auszuwählen und sie im aktiven Kampf gegen die Sowjetunion auf dem politischen und teilweise militärischen Gebiet einzusetzen.“ […] „Diese Agenten würden den Auftrag haben, durch geeignete Propaganda zersetzend auf die kommunistische Partei einzuwirken, das ständig wache Misstrauen der sowjetischen Führung zu beunruhigen und die Moral und den Widerstandswillen der Bevölkerung und des Heeres zu unterhöhlen.“ […] „Besonders ausgewählte Agenten müssten unter den antisowjetisch gesinnten Völkerschaften nationale Propaganda treiben und versuchen in Gebieten, wo die Voraussetzungen dazu gegeben erscheinen, örtliche nationale Revolten zu organisieren. Unter Umständen können diese Gruppen dazu benutzt werden, um Attentate gegen die sowjetischen Machthaber zu organisieren und Sabotageakte vorzubereiten.“ […] „Die Voraussetzung dafür wäre allerdings deutscherseits eine propagandistische Linie, die den Bolschewismus nicht mit irgendeinem Volkstum oder einer Rasse, also nicht mit dem Russentum, insbesondere aber – auch unter Berücksichtigung unseres japanischen Bundesgenossen – nicht mit Asien oder Asiatentum identifiziert, sondern ausschließlich vom internationalen Judentum herleitet.“Forschungsvorgang Wannsee-Institut, BStU MfS HA IX/11, FV 2/72, Sachakten, Band 9, Blatt 158 ff.Der Vorschlag Gräfes fiel auf fruchtbaren Boden, denn er wurde aufgefordert, seine Pläne detailliert zu beschreiben, was er dann in seiner zweiten Denkschrift tat. Diesen zweiten, detaillierten Vorschlag hatte Gräfe ebenfalls aus den Gefangenenbefragungen abgeleitet und nach dem Muster der Abwehr II entwickelt und als „Plan einer Aktion für politische Zersetzungsversuche in der Sowjet-Union“ bezeichnet:„Die Möglichkeiten zur Zersetzung sind, wie sich ebenfalls aus den Aussagen der Kriegsgefangenen ergibt, zweifellos gegeben. Es braucht nur die an sich vorhandene antibolschewistische Einstellung, besonders der nationalen Minderheiten, gestärkt und für unsere Zwecke ausgenutzt werden. Das OKW und OKH haben selbst, u. a. in einer am 19.12.1941 beim Reichsministerium Ost stattgefundenen Besprechung darauf hingewiesen, dass eine politische Propaganda unbedingt erforderlich ist. Eine in genügend großem Umfange und mit allem Nachdruck betriebene Aktion zur politischen Zersetzung der Sowjet-Union wird zweifellos eine erhebliche Hilfe für unsere Ostfront bringen und bei einer künftigen Offensive Blut und Kräfte sparen.“Schwips, Riedel / Forschungsarbeit, S. 171. Gräfe wollte die vorhandene antibolschewistische Einstellung der nationalen Minderheiten Russlands nutzen und sie für seine Zwecke einsetzen. Typisch für die Effizienz der SS sollte daher deutsches Blut gespart werden und die Völker Russlands sollten selbst ihren Beitrag zur Vernichtung der Sowjetunion leisten. Heinz Gräfe listete abschließend die Hauptaufgabengebiete dieser als „Unternehmen Zeppelin“ bezeichneten Aktion auf. Das waren Nachrichtengewinnung, Propaganda durch Verbreitung nationaler, religiöser und sozialer Parolen und Auslösen von Revolten in dafür reifen Gebieten.Mallmann / Unternehmen Zeppelin, S. 326.