mini|hochkant=1.7|Palazzo Venezia Der Palazzo Venezia oder Palazzo di Venezia (früher auch Palazzo San Marco oder Palazzo Barbo) ist ein an der Piazza Venezia in Rom gelegener Palast aus dem 15. Jahrhundert. In den Palast wurde die aus dem 4. Jahrhundert stammende Basilica minor San Marco integriert, die National- oder Regionalkirche der Venezianer in Rom. Der Palazzo Venezia war im Lauf der Jahrhunderte Residenz von Päpsten und Kardinälen, insbesondere von aus Venedig stammenden, Sitz der Botschaften der Republik Venedig und der Habsburgermonarchie beim Papst sowie Amtssitz des Diktators Benito Mussolini. Der Palazzo Venezia beherbergt das Museo di Palazzo Venezia, das nationale Institut für Archäologie und Kunstgeschichte (Istituto Nazionale di Archeologia e Storia dell’Arte) sowie Dienststellen der Museumsverwaltung.
Geschichte mini|Wappen Papst Pauls II. am Palazzo Venezia mit der Inschrift Paulus Venetus PP. II. mini|Innenhof des Palazzo Venezianische Epoche Der venezianische Kardinal Pietro Barbo ließ 1455 einen kleineren Palast neben der Kirche San Marco, seiner Titelkirche, durch einen Neubau erweitern, der 1467 vollendet war. 1464 wurde Barbo als Paul II. zum Papst gewählt. Zunächst verlegte er seine päpstliche Residenz hierhin, zog aber 1470 in den Vatikan zurück.
Der Palast ging in der Folge an seinen Neffen, Kardinal Marco Barbo, über. Dieser ließ die Ausbauarbeiten fortführen. 1491 erhielt Kardinal Lorenzo Cibo de’ Mari die Basilika von San Marco als Titelkirche und bezog den Palazzo San Marco. Cibo de’ Mari kümmerte sich vor allem um die Innengestaltung, insbesondere um die Appartements im Norden, die noch heute seinen Namen tragen. Nachfolger Cibo de’ Maris wurde 1503 der venezianische Gelehrte und Kardinal Domenico Grimani, der den Palazzo mit seiner Privatbibliothek und seiner Kunstsammlung bereicherte. Zu dieser Zeit galt der Palazzo als eines bedeutendsten und schönsten Bauwerke der Stadt und war daher Ziel zahlreicher Rom-Reisender. Darüber hinaus beherbergte er eine Reihe illustrer Gäste, wie Borso d’Este, Herzog von Modena und Reggio, oder den französischen König Karl VIII. Kaiser Karl V. traf sich hier mit Papst Paul III. und vereinbarte mit ihm die Einberufung des Konzils von Trient. Papst Clemens VIII. leitete hier 1597 das letzte von ihm einberufene Konsistorium.
Papst Paul III. nutzte den Palazzo San Marco ab 1534 insbesondere als Sommerresidenz. Er ließ die Bögen des Viridariums (Gartenhof) schließen und den Palazzo baulich durch einen Übergang mit dem Kapitol verbinden, wo ein mächtiger Wehrturm entstand. Damit reproduzierte Paul III. im Grunde das architektonische Charakteristikum, das im Nordwesten der Stadt mit dem Passetto di Borgo zwischen dem Vatikan und der Engelsburg geschaffen worden war: Eine päpstliche Residenz, die durch einen Wehrgang mit einer Festung verbunden ist. Damit untermauerte der Papst auch seinen Anspruch auf das Kapitol, den Sitz der Stadtväter. Pauls Turm und die Verbindung zum Palazzo fielen Ende des 19. Jahrhunderts der Neugestaltung der Piazza Venezia zum Opfer.
Am 10. Juni 1564 schenkte Papst Pius IV. den Palazzo San Marco der Republik Venedig. Einzige Bedingung war die Übernahme der Instandhaltungskosten. Die gleichnamige Basilika, unveränderter Bezugspunkt der Venezianer in Rom, blieb Titelkirche in aller Regel venezianischer Kardinäle. Der Palazzo wurde Amtssitz der venezianischen Botschafter beim Heiligen Stuhl. Zunächst überließen sie dem Papst Teile des Palastes als Sommerresidenz, bis gegen Ende des Jahrhunderts der Quirinalspalast diese Funktion übernahm. Die verbitterten venezianischen Kardinäle der Titelkirche San Marco, die nunmehr nur ein Wohnrecht in unbedeutenden Teilen des Palazzos behielten, standen wegen ihrer exklusiven Nutzungsansprüche andauernd in Konflikt mit den Botschaftern Venedigs in Rom.
Weil der Palast von 1567 bis 1797 die venezianische Botschaft beherbergte, änderte sich seine Bezeichnung nach und nach in Palazzo Venezia. Verschiedene venezianische Kardinäle und Botschafter ließen Teile des Palazzos im 18. Jahrhundert renovieren oder umbauen: Zu nennen sind insbesondere Kardinal Angelo Maria Querini, der Marco Barbos westlichen Wehrgang (Passetto dei Cardinali) zwischen dem nördlichen und südlichen Flügel des Palazzos umbauen und überdachen ließ, Botschafter Lorenzo Tiepolo, der von Carlo Fontana dringende Stabilisierungsarbeiten im nordöstlichen Teil ausführen ließ, Botschafter Nicolò Duodo, der sich um das Dach kümmerte, die Teilung der Sala del Mappamondo in zwei Säle anordnete und an der Ostfassade einen Balkon anbringen ließ, Botschafter Barbon Morosini, der für den Innenhof den Marmorbrunnen mit der Bezeichnung „Vermählung Venedigs mit dem Meer“ in Auftrag gab, und Botschafter Girolamo Zulian, der den Bildhauer Antonio Canova vier Jahre im Palazzo leben und arbeiten ließ.
Von Campo Formio bis zum Faschismus Nach dem Italienfeldzug Napoleon Bonapartes, der Beseitigung der Republik Venedig und des Friedens von Campo Formio (1797) ging der Palazzo Venezia zunächst in das Eigentum der Habsburgermonarchie über, die dort am 1. Januar 1798 ihre Botschaft beim Heiligen Stuhl einrichtete. Der vorübergehende napoleonische Einfluss bedeutete für den Palazzo, auch wenn er in Teilen verwahrloste, ein wegweisendes Intermezzo: Er diente in diesen Jahren wiederum als diplomatische Vertretung, aber auch als Sitz einer von dem Archäologen, Kunstkritiker und Diplomaten Giuseppe Tambroni zusammen mit dem Bildhauer Antonio Canova begründeten Kunstakademie, die einen drei- bis vierjährigen Studienaufenthalt ermöglichte.
Als nach dem Wiener Kongress im Zug der Restauration der Palazzo Venezia wiederum in österreichische Hände fiel, blieb die parallele Nutzung als diplomatische Vertretung und Kunstakademie zunächst erhalten. Wegen der Baufälligkeit des Gebäudes musste die Botschaft dann vorübergehend verlegt werden. Ab 1855 leitete der aus Prag stammende und damals in Rom lebende Architekt Anton Viktor Barvitius die fälligen Renovierungs- und Umbauarbeiten am Palazzo Venezia, der wo notwendig strukturell stabilisiert wurde; weitere Arbeiten betrafen die Fassade sowie die größten Säle im nordöstlichen Bereich, in die Teilungswände eingezogen wurden. mini|Palazzo und Piazza Venezia vor deren Umgestaltung mini|Palazzo Venezia vor der Verlegung des Palazzetto mini|Palazzo und Piazza Venezia am 10. Juni 1940 mini|Mussolini auf dem Balkon des Palazzo Venezia Als sich 1870 das Königreich Italien den verbliebenen Kirchenstaat einverleibte und Rom damit italienische Hauptstadt wurde, gab es im Palazzo Venezia, weiterhin Sitz der österreich-ungarischen Vertretung beim Heiligen Stuhl, elf Ateliers für Stipendiaten, davon sieben im markanten Turm des Palazzos. Zwischen 1884 und 1888 wurde wegen des Baus des Nationaldenkmals Vittoriano der im 16. Jahrhundert von Papst Paul III. errichtete Wehrturm und dessen bauliche Verbindung mit dem Palazzo Venezia abgerissen. Giuseppe Sacconi, der das Nationalmonument entwarf und dessen Bau leitete, legte 1897 Pläne für eine umfassende Neugestaltung der Piazza Venezia vor. Der Platz sollte verbreitert und von der von Norden kommenden Via del Corso eine Sichtachse auf das neue Nationalmonument geschaffen werden, was eine Verlegung von Teilen des Palazzo Venezia notwendig machte, namentlich des beinahe quadratischen Palazzetto, von der Piazza weiter nach Westen, bis an die Via degli Astalli. Österreichische Widerstände gegen diese Pläne konnten erst mit einem Abkommen vom 23. Juni 1908 überwunden werden. Österreich-Ungarn finanzierte den Rückbau des Palazzetto und dessen Wiederaufbau an genannter Stelle, behielt sich dafür allerdings die Planungshoheit vor.
Am 24. Mai 1915 trat Italien auf Seiten der Entente cordiale in den Ersten Weltkrieg ein. Während die im Palazzo Chigi ansässige österreich-ungarische Botschaft beim Königreich Italien umgehend geschlossen wurde, blieb die für den Heiligen Stuhl zuständige diplomatische Vertretung im Palazzo Venezia zunächst bestehen. Weil österreich-ungarische Luftstreitkräfte 1916 die Stadt Venedig bombardierten, zog die italienische Regierung den Palazzo Venezia zum 1. November 1916 ein; auch den Palazzo Chigi, den Österreich-Ungarn von den Chigi gemietet hatte, erwarb die italienische Regierung zu dieser Zeit. Hinsichtlich des eingezogenen Palazzo Venezia ergab sich sofort ein Konflikt mit dem Heiligen Stuhl, der Anspruch auf das Gebäude erhob. Entschärft wurde der Konflikt zunächst durch ein Dekret der italienischen Regierung, das den Palazzo zu einem Museum erklärte, danach durch die Friedensverträge von Saint-Germain und Trianon, die die Eigentumsrechte Italien zusprachen,Artikel 37 des Vertrags von Saint-Germain lautet: Italien hat aus dem Titel der Besitznahme des „Palazzo Venetia“ in Rom keinerlei Zahlung zu leisten. (Beleg) und schließlich durch die Lateranverträge, mit denen die Römische Frage 1929 endgültig geklärt wurde.
Einer der Gründer des Museo di Palazzo Venezia, der Kunsthistoriker Corrado Ricci, hatte für den Palazzo eine Rolle im Sinn, die der des Louvre in Paris entsprechen sollte. Ein erstes Ausstellungskonzept entwarf der Museumsdirektor Federico Hermanin zusammen mit Ricci im Jahr 1917. Aber die im Lauf der Zeit erfolgten Umbauten, insbesondere die Unterteilung der größten Säle im Nordosten durch Barvitius, machten umfassende Restaurierungsarbeiten erforderlich, mit denen die ursprünglichen Räumlichkeiten und Fresken wiederhergestellt werden mussten. Ab 1917 trafen im Palazzo Venezia etliche ausgewählte Kunstwerke aus anderen römischen und italienischen Museen ein, wegen des Krieges insbesondere aus Venedig. Nach Kriegsende wurde der Palazzo Venezia zusammen mit dem Palazzo Chigi, dem Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol und dem Vittoriano als Sinnbild für den Sieg verklärt, auch weil in Italien die Nutzung der drei Paläste als Botschaften bis zum Krieg als besonders unangemessen empfunden wurde.
Die Monumentalität und die politische Bedeutung des Palazzo Venezia zog auch die Aufmerksamkeit Benito Mussolinis auf sich, der Ende 1922 an die Macht kam. Er bestimmte den Palazzo zum neuen Regierungssitz, wobei er dem Museum den Palazzetto und das Cibo-Appartement überlassen wollte. Im Grunde kam es damit zu einer Unterteilung, wie sie schon vom 16. bis zum 18. Jahrhundert bestanden hatte. Wegen der nötigen Umbauarbeiten blieb Mussolini bis 1929 im Palazzo Chigi und nutzte den Palazzo Venezia bis dahin nur zu besonderen Anlässen als Repräsentationsort. Die Umbauarbeiten unter der Leitung von Giuseppe Volpi, Corrado Ricci, Federico Hermanin, Armando Brasini und Luigi Marangoni dauerten von 1924 bis 1936 und umfassten auch den Bau eines Treppenhauses im Stile der Neorenaissance.
Mussolini nutzte (neben der Villa Torlonia als Privatresidenz) im Palazzo Venezia das Barbo-Appartement und die als Arbeitszimmer etwas überdimensionierte Sala del Mappamondo, wo sein Schreibtisch am offenen Kamin stand. Von dort aus gelangte er auf den Balkon zur Piazza Venezia hin, wo er seine Reden an die Volksmassen hielt, die ihn über die Sichtachse der neuen Reichsstraße (Via dell’Impero) noch vom Kolosseum aus erkennen konnten. Auf diesem Balkon erklärte er Frankreich und dem Vereinigten Königreich am 10. Juni 1940 den Krieg. Nicht unbeeinflusst von dieser Kulisse blieben Hitlers Reichskanzleibau und weitere Pläne in Berlin. Das Museum im Palazzo Venezia machte Mussolini nie der Öffentlichkeit zugänglich; er nutzte es für sich selbst oder zeigte es ausgewählten Gästen. Am 25. Juli 1943 machte der im Palazzo Venezia tagende faschistische Großrat Mussolinis Diktatur ein Ende. Wegen zunehmender Luftangriffe hatte er sich noch einen Luftschutzkeller 16 Meter unter dem Palazzo bauen lassen.Berthold Seewald: In: Berliner Morgenpost. 22. Juni 2012, abgerufen am 30. März 2025.
Von der Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert