miniatur|rechts|Étienne Marcel in einer historisierenden Darstellung aus dem 19. Jahrhundert. (Illustration aus L'Histoire de France von François Guizot)

Étienne Marcel (* zwischen 1302 und 1310; † 31. Juli 1358 in Paris) war ein führender Kaufmann und Vorsteher der Bürgerschaft von Paris. Er führte im Mittelalter die erste bürgerliche Revolte der französischen Geschichte gegen die königliche Autorität an und wird deshalb seit der französischen Revolution als ein Nationalheld angesehen.

Herkunft und Amt

Marcel entstammte einer etablierten Kaufmannsfamilie aus der Pariser Bürgerschaft, als Sohn des Tuchhändlers Simon Marcel und der Isabelle Barbou. Er war zweimal verheiratet, zunächst mit Jeanne de Dammartin und anschließend mit Marguerite des Essars, die ihn überlebte. Besonders durch den Bruder seiner zweiten Frau, Philippe des Essars, kam er in Kontakt zu Kreisen der königlichen Finanzverwaltung. Im Jahr 1350 wurde Marcel erstmals als Grande-Confrérie de Notre Dame („Vorsteher der Bruderschaft von Notre-Dame“) erwähnt, 1354 wurde er als Nachfolger des Jean de Pacy zum Prévôt des marchands de Paris („Vogt der Kaufleute in Paris“) gewählt.Das Amt des Prévôt des marchands existierte vermutlich schon seit der Herrschaft König Philipps II. August, wenngleich erst 1263 mit Evrouin de Valenciennes der erste Prévôt namentlich erwähnt wird.

Das letztgenannte war das wichtigste von der Bürgerschaft des mittelalterlichen Paris unabhängig vom königlichen Willen vergebene Amt. Der Prévôt des marchands wurde alle zwei Jahre von Vertretern aller bürgerlichen Schichten aus den Reihen der Seineflusshändler gewählt. Er war Vorsitzender eines bürgerlichen Tribunals, das die lehnsherrliche Gerichtsbarkeit über die Straßen und Viertel der Stadt ausübte, die der Gilde der Flusshändler gehörten. Ihm oblag der Schutz der Hanseprivilegien sowie die Rechtsprechung in Angelegenheiten, die das Gewerbe der Flusshändler betrafen. Weiterhin hatte er die richterliche Gewalt über die Maße, Weinausfuhr und die Eicher. Mit der ihm zur Seite gestellten Bürgerwache („Sitzwache“ genannt) nahm er zugleich auch polizeiliche Kompetenzen auf den den Flusshändlern zugewiesenen Posten wie dem Hafen, den Kais oder den Stadtbrunnen wahr. Die in dem Amt des Prévôt des marchands hervorgehobene Stellung der Flusshändler lag in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für die Stadt begründet, denn sie besaßen das alleinige Monopol auf den Warentransport auf der Seine innerhalb von Paris bis zur Brücke von Mantes. Die für die Stadt historische Bedeutung der Flusshändler ist noch heute im Stadtwappen von Paris verewigt.Das Amt des Prévôt des marchands ist nicht mit dem des Prévôt de Paris zu verwechseln. Letzterer wurde direkt vom König ernannt und hatte die Funktion eines Bailli (königlicher Statthalter) für das gesamte Gebiet der Vizegrafschaft Paris inne. Der Prévôt de Paris konnte Beschlüsse des Prévôt des marchands revidieren.

Die Generalstände 1355

Zur Mitte des 14. Jahrhunderts befand sich Frankreich in einer tiefen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise. Das bestimmende Ereignis jener Zeit war der Hundertjährige Krieg gegen England, der sich vor allem in Raub- und Plünderungszügen (chevauchée) englischer Soldheere negativ auf die wirtschaftlichen Grundlagen der einfachen Landbevölkerung Frankreichs auswirkte. Mehrere Pestwellen, die seit 1347 über alle Regionen des Landes einbrachen, trugen das übrige zu dieser Situation bei. Die Unfähigkeit des Adels, das einfache Volk vor den Verheerungen des Krieges zu schützen, begünstigte in dieser Zeit eine politische Emanzipation des städtischen Bürgertums gegen die feudale Bevormundung des privilegierten Standes. Als Vorbild dienten die gleichzeitig entstehenden italienischen Stadtrepubliken, die in engem wirtschaftlichen Kontakt zu Frankreich standen, sowie die Städte Flanderns, die sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine weitgehende Autonomie von jeder landesherrlichen Gewalt erkämpft hatten.

Im Jahr 1355 unternahmen die französischen Städte einen ersten Schritt, um zu einem andauernden Einfluss auf die königliche Politik zu gelangen. In diesem Jahr wurde die Krone zahlungsunfähig, worauf König Johann II. die Generalstände in Paris einberief. Der König erbat von den im dritten Stand vertretenen Städten Nordfrankreichs eine Sonderabgabe, mit der er wenigstens seine Soldtruppen für den Krieg gegen England bezahlen könne. Hier trat Étienne Marcel erstmals als Sprecher des dritten Standes auf und erreichte eine Einschränkung der monarchischen Gewalt. Denn als Bedingung zur Zustimmung der Forderungen des Königs musste dieser dem Bürgertum eine Beteiligung an der königlichen Finanzpolitik zusichern.

Im Sommer 1356 führte der Schwarze Prinz einen Raubzug durch den Süden Frankreichs in den Norden bis an die Loire. König Johann II. marschierte ihm mit einem Ritter- und Soldheer entgegen, doch in der Schlacht bei Maupertuis am 19. September 1356 wurde er vom Schwarzen Prinzen vernichtend geschlagen und geriet in englische Gefangenschaft.

Die Reform 1356–1357 mini|rechts|Der Dauphin Karl (der spätere König Karl V.) empfängt Étienne Marcel und eine Delegation der Pariser Bürgerschaft. (Grandes Chroniques de France, 14. Jahrhundert) Am 29. September 1356 zog der älteste Sohn des Königs, der Dauphin Karl (der spätere König Karl V.), in Paris ein, ernannte sich zum Stellvertreter des Königs (lieutenant du roi) und übernahm die Regierungsgeschäfte. Der Dauphin war nicht sonderlich beliebt, zumal er über keinerlei Regierungserfahrung verfügte. Er berief im Oktober des Jahres die Stände Nordfrankreichs ein, wo besonders der erste Stand des Klerus unter dem Bischof von Laon, Robert le Coq, seine Missstimmung über die königliche Regierung zum Ausdruck brachte. Der Bischof verfolgte damit vor allem persönliche Ziele, indem er offen seinen Gönner, den gefangen gesetzten König Karl II. von Navarra (genannt „der Böse“), der ein Cousin des Dauphin war, als Regenten des Landes forderte. Zugleich aber trat mit dem Bischof auch Étienne Marcel erneut als Sprecher der Bürgerschaft auf, der dieses Mal ein umfassendes Reformkonzept zu einem fundamentalen Umbau des Staates vorlegte.

Diese Reform zielte darauf ab, die königliche Regierung unter die Aufsicht eines von den Generalständen ernannten Ratsgremiums zu stellen. Zugrunde lag dabei vor allem das Motiv, eine ständige Kontrolle über die königlichen Finanzen zu erreichen, die darüber hinaus einen Einfluss auf die gesamte Regierung des Landes gewährleisten konnte. Dazu sollten 22 königliche Staatsbeamte entlassen und durch 50 Abgeordnete aus allen drei Ständen ersetzt werden. Weiterhin sollten in alle Provinzen des Königreiches von den Ständen ernannte Kommissare entsandt werden, die dort fortan die staatliche Gewalt vertreten sollten. Zusätzlich sollte der Dauphin 28 Abgeordnete der Stände in seinen persönlichen Rat (curia regis) aufnehmen. Um dem Dauphin entgegenzukommen, sicherten Marcel und die Bürgerschaft ihm Abgaben für die Aufstellung eines 30.000 Mann starken Heeres zu, mit dem der Krieg gewonnen werden sollte.

Der Dauphin erklärte sich bereit diese Reform bis zu einer baldig abgehaltenen Versammlung zu überdenken und reiste im Frühjahr 1357 zu einem Treffen mit Kaiser Karl IV. nach Metz, den er vergebens um Unterstützung im Krieg gegen England bat. Für die Zeit seiner Abwesenheit hatte der Dauphin seinen Bruder, den Grafen Ludwig von Anjou, zu seinem Stellvertreter in Paris ernannt und ihn mit der Durchführung einer Reform des Münzumlaufes beauftragt. Dies aber führte zu einer ersten gewaltsamen Erhebung der Bürgerschaft, die den Dauphin zu einer schnellen Rückkehr nach Paris zwang. In einer neuen im Februar 1357 einberufenen Ständeversammlung nahm der Dauphin Marcels Reformprogramm an und bestätigte es im März des Jahres in einer großen Ordonnanz. Damit nahm der französische Staat erstmals in seiner Geschichte eine ständisch-demokratische Verfassung (Konstitutionalismus) nach dem Vorbild Englands an.

König Johann II. aber verweigerte aus seiner Gefangenschaft in England heraus die Anerkennung der Ordonnanz seines Sohnes und betrachtete sie so als rechtsungültig. Der Dauphin aber gab den Ständen zu erkennen, dass er sich nicht an die Weisung seines Vaters gebunden fühle und verhinderte somit einstweilen einen offenen Konflikt mit den Ständen.

Der Aufstand und die Jacquerie 1358 miniatur|rechts|Die Ermordung der Marschälle vor dem Dauphin (Grandes Chroniques de France, 14. Jahrhundert) Im November 1357 gelang dem König von Navarra, Karl dem Bösen, die Flucht aus seinem Gefängnis in die Normandie. Um ihn versammelten sich vor allem der auf mehr Autonomie pochende normannische und bretonische Adel sowie die alten Gegner des Hauses Valois. Die Position Marcels fand damit gegenüber dem Dauphin eine Stärkung, denn der musste nun fürchten, dass die Stände in Karl eine Alternative zu ihm als Regenten Frankreichs finden könnten, wenn er ihnen nicht entgegenkäme. Marcel befand sich somit auf dem Höhepunkt seiner Macht, die er gegenüber dem Dauphin auch demonstrierte, als er ihm mittels Barrikaden den Auszug aus Paris zur Bekämpfung marodierender Söldnerbanden verwehrte. Im Februar 1358 erzwang er von dem Dauphin die Einberufung einer weiteren Ständeversammlung, auf der er das Verbot aller Provinztage zugunsten einer einheitlichen Ständevertretung für Nordfrankreich forderte. Damit sollte vor allem dem Dauphin die Unterstützung der breiten Landbevölkerung genommen werden, die dem städtischen Bürgertum traditionell misstrauisch gegenüberstand. Diesmal verweigerte der Dauphin mit der Rückendeckung des Adels diesen Wünschen seine Zustimmung, was zum Bruch zwischen ihm und Marcel sowie der Bürgerschaft und dem Adel führte.

Die Lage eskalierte, nachdem der Bürger Perrin den Schatzmeister des Dauphins ermordet hatte, der darauf seine Marschälle der Champagne (Jean de Conflans) und der Normandie (Robert de Clermont) mit der Strafverfolgung beauftragte. Sie zogen den Mörder gewaltsam aus seinem Kirchenasyl und hängten ihn auf einem öffentlichen Platz. Am 22. Februar 1358 erfolgte die Reaktion der Pariser Bürgerschaft, die mit 3.000 Mann, angeführt von Marcel, den Palais de la Cité stürmte und vor den Augen des Dauphins die Marschälle mit Äxten erschlug. Sie nötigte den Dauphin, diese Tat zu billigen, indem sie ihm die rot-blaue Bürgermütze, die Marcel wenige Tage zuvor als Erkennungszeichen seiner Anhängerschaft eingeführt hatte, aufsetzen ließen. Die Leichen der Marschälle wurden öffentlich zur Schau gestellt, welche Marcel als zwei Aristokraten bezeichnete, die „die Nation ermorden wollten“. Der Dauphin musste sich von der Bürgerschaft formell zum Regenten des Königreiches legitimieren lassen sowie vier ihrer Mitglieder, darunter Marcel, in seinen Staatsrat aufnehmen und den Bischof Robert le Coq zum Prinzipalminister (Premierminister) ernennen.

Marcel beging aber bald darauf den Fehler, den Dauphin aus der Stadt ziehen zu lassen. Der Dauphin gab als Vorwand an, den Adel mit dem Pariser Bürgertum versöhnen zu wollen, sobald er aber die Stadt verlassen hatte, zog er nach Compiègne, wo er am 4. Mai eine neue Ständeversammlung einberief, die ihre Loyalität zu ihm bekundete. Damit aber stellte er vor allem Marcel und dessen Forderungen in den Schein der Illegalität, als eine gegen die bestehende Ordnung gerichtete Bewegung.