mini|Hermann Nitsch, 2009 Hermann Nitsch (* 29. August 1938 in Wien; † 18. April 2022 in Mistelbach) war ein österreichischer Maler und Aktionskünstler. Er war ein bedeutender Vertreter des Wiener Aktionismus.
Leben mini|Hermann Nitsch Museum Nach einem diplomierten Abschluss an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien übernahm Nitsch 1957 eine Stelle als Gebrauchsgrafiker am Technischen Museum. Einige Jahre später entstanden die ersten Malaktionen und auch die Idee des Orgien-Mysterien-Theaters, das ihn von da ab unablässig beschäftigte und in dem sich alle seine Bestrebungen sammelten. Seine in Wien in der Öffentlichkeit abgehaltene Aktionsarbeit führte in den frühen 1960er Jahren zu ständigen Konfrontationen mit den Behörden und mehrwöchigen Gefängnisaufenthalten, die den Künstler 1968 veranlassten, nach Deutschland überzusiedeln.
Nitschs Malerei, die Hand in Hand mit den Aktionen des Orgien-Mysterien-Theaters geht, hat ihre Wurzeln im Wiener Aktionismus und im abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock. Im Gegensatz zu Pollocks Bildern, die in all ihrer Zufälligkeit doch kalkulierter und kontrollierter wirken, sind die Schüttbilder Nitschs um einiges eruptiver.Hermann Nitsch auf imkinsky.com. Abgerufen am 2. Dezember 2025.
Nach großen Erfolgen des Orgien-Mysterien-Theaters Ende der 1960er Jahre in den USA und Deutschland führte Nitsch während der 1970er Jahre in vielen europäischen und nordamerikanischen Städten Aktionen durch. 1971 gelang ihm der Ankauf des niederösterreichischen Schlosses Prinzendorf aus dem Eigentum der Kirche, wo Nitsch im Zuge größer angelegter Aktionen auch seine Vorstellungen von der Musik zu seinem Theater verwirklichte. Bei den Aktionen wurden Lärmorchester, Schreichöre und elektrisch verstärkte Instrumente eingesetzt. Nitsch deutete das Leben als Passion, den Malprozess als verdichtetes Leben und damit als Inbegriff der Passion.Marion Ackermann: Drei: Das Triptychon in der Moderne, Hatje Cantz Verlag, 2009, S. 225
Der Künstler selbst blieb durch seine an zentraler Stelle im Gemälde eingefügten Malhemden, die er während der Arbeit trug, anwesend und animierte den Betrachter, sich mit dem Malvorgang zu identifizieren und mit ihm ins Bild einzutreten. Nach Gastprofessuren an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main und der Hochschule für bildende Künste Hamburg unterrichtete Nitsch von 1989 bis zu seiner Emeritierung an der Städelschule eine Klasse für Interdisziplinäre Kunst. Im Wintersemester 2004 hatte er einen Lehrauftrag (im Lebenslauf oft als „Gastprofessur“ bezeichnet) an der Universität Wien.Hinweis auf die Gastprofessur beim Kunstsenat und auf der Homepage von Hermann Nitsch (unter dem Datum 13.10.2004). Laut Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien fand die Lehrveranstaltung vom 7. Oktober 2004 bis zum 27. Januar 2005 an jedem Mittwoch und Donnerstag nachmittags statt. Der Philosoph Peter Kampits berichtet von einem Vortrag Nitschs an der Universität Wien, vor dem Nitsch von Studierenden mit Acrylfarbe besprüht wurde. Diese ließ sich nur schlecht abwaschen, und Kampits erinnert sich, dass Nitsch insbesondere auf seinen Vorschlag, den besprühten Bart einfach abzuschneiden, sehr zornig reagiert hat. Der Vortrag, den abzuhalten sich Nitsch nicht nehmen ließ, fand dann aber in einer guten Atmosphäre statt. Kampits, der damals bereits mit Nitsch per Du war, weil er ihn als gelegentlichen Besucher der Lehrveranstaltungen von Leo Gabriel, die damals viele Schriftsteller und Künstler interessierten, kannte, berichtet, dass dem Maler der schwarze Armani-Anzug und der schwarze Hut aus Dekanatsmitteln ersetzt wurde. Diese Aussagen sind in einem Interview mit Peter Kampits zu finden, das am 28. Dezember 2022 auf Ö1 gesendet wurde (Salzburger Nachtstudio: 12 Fragen an den Philosophen Peter Kampits) und anlässlich des Ablebens von Kampits am 22. Juni 2026 im Rahmen der Reihe Science Arena wiederholt wurde (Link zur Science Arena vom 22. Juni 2026 und zur Wiederholung der Sendung am 24. Juli 2026, Minuten 27–30). Die Sendung ist mittlerweile nur noch auf Anfrage nachzuhören. Kampits verortet den Vortrag im Jahr 1968 an einem Abend um 18 Uhr, aber es ist wahrscheinlich, dass er sich dabei um die Lehrveranstaltung vom 13. Oktober 2004 gehandelt hat; in diesem Jahr war Kampits Institutsvorstand und danach Dekan.
Nitsch starb am 18. April 2022 im Alter von 83 Jahren in Mistelbach.Aktionskünstler Hermann Nitsch ist tot auf orf.at Seine letzte Ruhestätte fand er in Prinzendorf. Die Totenmesse in engem Familienkreis zelebrierte der Jesuitenpater und Kunstprofessor Friedhelm Mennekes.
Sein Werk werde weiterleben, sagte Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen in einer Würdigung des Künstlers. Nitsch habe Österreich mit seiner Aktionskunst international positioniert und Kunstgeschichte geschrieben.
Auszeichnungen 1984 Österreichischer Kunstpreis für Bildende Kunst 1988 Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst 2005 Goldene Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien 2005 Großer Österreichischer Staatspreis für Bildende Kunst 2009 Ehrenbürger der Stadt Pogradec, Albanien
Kunst miniatur|Eines der Schüttbilder an einem Parkhaus in Wien 1960 entstanden seine ersten Schüttbilder. 1962 war das Geburtsjahr des Wiener Aktionismus. Zusammen mit Otto Muehl und Adolf Frohner realisierte er in Wien die dreiteilige Aktion „Die Blutorgel“, zu der ein gemeinsames Manifest veröffentlicht wurde.Hermann Fillitz, Wieland Schmied: Geschichte der bildenden Kunst in Österreich: 20. Jahrhundert, Band 6, Prestel, München, 2002, ISBN 978-3-7913-2516-3, S. 163. , abgerufen am 21. Oktober 2012. Anfang der 1960er Jahre entwickelte er die Hauptgedanken für sein Orgien-Mysterien-Theater: Unter Einbeziehung aller Kunstformen (Malerei, Architektur, Musik, Opferritual, Messliturgie etc.) sollten die Sinne der Teilnehmer schrittweise bis aufs Äußerste angespannt werden, um auf einem Höhenpunkt die Erkenntnis des Lebensprozesses an sich möglich zu machen: die Wiederholung von Freuds 'Totemmahlzeit'. Im November 1988 bis zum Januar 1989 zeigte die Städtische Galerie im Lenbachhaus München einige Werke des Künstlers im Rahmen der Einzelausstellung „Nitsch – Das Bildnerische Werk“.
Ab 1971 veranstaltete Nitsch auf dem von ihm erworbenen Areal des Schlosses Prinzendorf regelmäßig seine „Orgien-Mysterien-Spiele“, darunter als Höhepunkt seines Lebenswerks das große „6-Tage-Spiel“ im Sommer 1998 unter der Regie von Alfred Gulden, sowie als seine 120. Aktion das „2-Tages-Spiel“ im Sommer 2004.Holger Mehlig/AP: Hermann-Nitsch-Retrospektive:- Schlachten, kreuzigen und schreien, in: Der Stern vom 29. November 2006
1972 war Nitsch Teilnehmer der von Harald Szeemann kuratierten Documenta 5 in Kassel in der Abteilung Individuelle Mythologien; auch auf der Documenta 7 im Jahr 1982 war er vertreten. 1975 wirkte Marina Abramović in einer Aufführung von Hermann Nitsch mit. Bei den folgenden Aktionen strebte er keine weitere Zusammenarbeit mit eigenständigen Künstlern an, sondern ließ Laien zum Einsatz kommen, die sich für jede Aktion erneut bewerben konnten. Neben Abramović bezog sich auch Christoph Schlingensief auf die Arbeit von Nitsch.Christoph Schlingensief: Ein Plädoyer für die Werkschau von Hermann Nitsch in Berlin., Artikel vom 17. Mai 2010 auf sueddeutsche.de.Hermann Nitsch: 3-Tage-Spiel, Centraltheater Leipzig, 21.–23. Juni 2013 Am 19. November 2005 fand im Wiener Burgtheater im Rahmen der 50-jährigen Jubiläumsfeier zur Wiederöffnung nach dem Krieg die 122. Aktion des Orgien-Mysterien-Theaters statt.
Nitsch wurde wiederholt eingeladen, seine Auffassungen von Kunst und Ritual auch in die Oper einzubringen. An der Wiener Staatsoper führte er 1995 Co-Regie und schuf Ausstattung und Kostüme zu Jules Massenets Oper Hérodiade. 2001 war Nitsch bei der Aufführung der Gandhioper Satyagraha des amerikanischen Komponisten Philip Glass im Festspielhaus St. Pölten in Niederösterreich für das Bühnenbild und die Kostüme zuständig. 2005 schuf er die Ausstattung zu Igor Strawinskis Le Renard. 2007 führte er Regie bei den Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann im Opernhaus Zürich.Christian Bührle: Der Weg ist das Ziel. Neue Zürcher Zeitung, 5. Juni 2007 2011 war er an der Bayerischen Staatsoper München für die szenische Konzeption, Gestaltung, Bühne und Kostüme zu Saint François d’Assise von Olivier Messiaen verantwortlich.Bayerische Staatsoper:
Hermann Nitschs Weltbild war stark von mystischen Autoren, aber unter anderen auch von de Sade, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Antonin Artaud geprägt. In seinem theoretischen Buch Orgien-Mysterien-Theater führte Nitsch aus, dass seine Aktionen und Bilder bei den Zuschauern zunächst Ekel und Abscheu, dann eine Katharsis bewirken sollten.Hermann Nitsch, Orgien Mysterien Theater / Orgies Mysteries Theatre, März-Verlag, Darmstadt, 1969 Die Ekel und Abscheu auslösenden Provokationen und die Verknüpfung von realen Tierkadavern und realem Blut mit religiösen Inhalten wie der Kreuzigung und der unbefleckten Empfängnis setzte Nitsch bewusst ein, um den Betrachter zur Reflexion über im Alltag häufig verdrängte symbolische Topoi wie Blut und Tod zu bringen, die auch in der christlichen Religion eine zentrale Rolle spielen. Christlich geprägte Betrachter und zahlreiche Kritiker nahmen seine Aktionen und Werke als Blasphemie wahr.Wieland Schmied, Blasphemie oder Theodizee?, in: Bernhard Dieckmann (Hrsg.): Das Opfer – aktuelle Kontroversen. Religions-politischer Diskurs im Kontext der mimetischen Theorie, Deutsch-Italienische Fachtagung der Guardini Stiftung 1999, LIT Verlag Münster, 2001, ISBN 3-8258-4755-1, S. 99ff.
Im Zusammenhang mit seinem Orgien-Mysterien-Theater war Hermann Nitsch auch als Komponist und Schriftsteller tätig. Seine Aktionen wurden in akribisch notierten Partituren festgehalten, die neben Handlungsanweisungen und Texten auch grafisch notierte Musikstücke enthalten.
Weil er durch die Einbeziehung und Kombination von Opferritualen und liturgischen Elementen in seine blutigen Aktionen nicht nur Tierschützer, sondern auch Theologen und Vertreter der öffentlichen Moral zu Stellungnahmen reizte, ist sein Werk in der Öffentlichkeit stark umstritten. Umgekehrt distanzierten sich manche Aktions- und Performance-Künstler, auch frühere Mitstreiter, von dem ihrer Meinung nach allzu religiösen, gesamtkunstwerkhaften Einschlag seiner Arbeiten. Allerdings lässt sich sein gesamtkunstwerkhaftes Schaffen auf Schloss Prinzendorf inhaltlich durchaus als Versuch eines Gegenkonzepts zu Wagners Bayreuth deuten. Ob ihm dies gelang, ist äußerst umstritten.
Was bleibt, ist der zweifellos große Einfluss Nitschs auf die österreichische, insbesondere die Wiener Kunst- und Kulturszene. Die Tatsache, dass sein Mysterienspiel auch im Wiener Burgtheater gespielt wurde, zeugt von großer persönlicher Durchsetzungskraft. Nitsch erscheint letztlich als Vertreter einer archaischen und provokanten Ästhetik, die von den einen als originell und künstlerisch wertvoll, von den anderen mit Attributen wie primitiv, anmaßend und geschmacklos eingestuft wird.
mini|hochkant|Seine 128. Aktion am 22. Oktober 2009 anlässlich der Gründung der Nitsch Foundation
Am 24. Mai 2007 wurde das „Hermann Nitsch Museum“ im Museumszentrum Mistelbach eröffnet, was unter der Einwohnerschaft Mistelbachs zu Protesten führte. In Neapel eröffnete am 13. September 2008 Nitschs langjähriger Galerist Peppe Morra ein ausschließlich Nitschs Werk gewidmetes Museum, das „Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch“, das in einem ehemaligen Elektrizitätswerk eingerichtet wurde.Neapel ehrt Blutkünstler Nitsch mit Museum, Spiegel Online, 19. August 2008. In: art – Das Kunstmagazin, 17. September 2008