Holismus ( „ganz“), auch Ganzheitslehre, ist die Vorstellung, dass natürliche und z. B. soziale Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind. Der Holismus vertritt die Auffassung, dass ein System nicht vollständig aus dem Zusammenwirken aller seiner Einzelteile verstanden werden kann (bottom-up), und dass die Bestimmung der Einzelteile von ihrer funktionalen Rolle im Ganzen abhängig ist (top-down). Entgegengesetzte Positionen sind Reduktionismus und Atomismus, die Systeme als Anordnung von unabhängig von Zusammenhang bestimmbaren Elementen und deren Eigenschaften beschreiben. Dabei kann es sich um gesellschaftliche, wirtschaftliche, physikalische, chemische, biologische, geistige, linguistische Systeme usw. handeln. Ein damit verwandter Ansatz ist das ontologische, prozessorientierte Modell der emergenten Selbstorganisation und der Autopoiesis.
Auch außerhalb theoretischer Zusammenhänge wird der Begriff „holistisch“ heute in verschiedenen Fachsprachen als Synonym für „ganzheitlich“ verwendet.
Geschichte des Holismus Die Bezeichnung „Holismus“ geht auf Jan Christiaan Smuts zurück, der sie in seinem 1926 erschienenen Buch Holism and Evolution bekannt machte. Das ganzheitlich-holistische Denken hat vermutlich ältere Wurzeln und beruft sich auf Vorläufer avant la lettre. Dies belegen Untersuchungen über das mythische Denken naturangepasster Kulturen, das geradezu „zwingend“ auf die Harmonie zwischen den Objekten und ihre Einordnung im „Großen Ganzen“ ausgerichtet war.Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Übersetzung von Hans Naumann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968.
In der griechischen Antike wurde die Vorstellung von der Welt als ein in sich Ganzes (Kosmos) erstmals philosophisch begründet. Die Wurzeln liegen in der ionischen Naturphilosophie wie bei Heraklit, kommen aber erst bei PlatonPlaton, Theaitetos 207a. und Aristoteles („Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“)Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart 1982, S. 211. zur Vollendung.
In der Philosophie der Renaissance und des Humanismus wurden die antiken Ideen erneut belebt und mit jüdisch-christlichen und naturmagischen Vorstellungen zur Idee der „Organischen Einheit der Natur“ verbunden. In der darauf folgenden Philosophie der Neuzeit bildete sich der Gegensatz zwischen Reduktionismus und Holismus heraus. Holistische Grundauffassungen finden sich vor allem in der Monadenlehre von Gottfried Wilhelm Leibniz, den Naturphilosophien von Friedrich Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, aber auch bei Schriftstellern und Philosophen der Romantik wie Johann Gottfried Herder, Novalis oder Friedrich Hölderlin.Karen Gloy: Die Geschichte des ganzheitlichen Denkens: Das Verständnis der Natur. Neuauflage, Komet, Köln 2005.
Obgleich reduktionistische Denkansätze aufgrund einer vergleichsweise einfachen Methodik, des Kausalitätsprinzips und allgemeingültiger Schlussfolgerungen in den modernen Wissenschaften weitaus häufiger vertreten sind, gewann der Holismus nach der starken Differenzierung der unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen an Bedeutung, da die Spezialisierung einen „fehlenden Überblick“ zur Folge hatte. Hauptargument des modernen Holismus gegen den Reduktionismus ist oftmals eine nicht vollständige Erklärbarkeit des Ganzen aus den Eigenschaften seiner Teile. Die Ganzheit hat jedoch kein Ziel, sondern ist rein funktional zu verstehen: Es geht um Herstellung und Erhaltung der Ganzheit, insbesondere in biologischen Systemen. Drei der wenigen modernen Disziplinen, die mehr oder weniger auf holistischen Ansätzen basieren, sind die Systemwissenschaften (hier insbesondere die Systemtheorie,Ervin Laszlo: System-Theorie als Weltanschauung. Diederichs, München 1998. S. 28 f. die auf Ludwig von Bertalanffy zurückgeht), die Ökologie und die Ethnologie.Robert Borofsky (Hrsg.): Assessing Cultural Anthropology. McGraw-Hill, New York 1994. S. 13
Als einer der Hauptvertreter eines ganzheitlich-systemischen Ansatzes, der fernöstliche Weisheit, Physik und Ökologie verbindet, gilt Fritjof Capra. Eines der populärsten holistischen Denkmodelle ist die Gaia-Hypothese, die das System Erde mit einem Organismus gleichsetzt. Eine holistische Interpretation der Quantenphysik findet man bei David Bohm.
Haldanes und Smuts’ Holismustheorie Jan Christiaan Smuts baute seine Theorie des Holismus auf der Grundlage des Gedankens einer schöpferischen Evolution auf. Dabei knüpfte er an Gedanken John Scott Haldanes an, der sich gegen den mechanischen Monismus ebenso wie gegen den vitalistischen Dualismus wendete und sich seinerseits auf Smuts bezog.John S. Haldane: The Philosophy of a Biologist. Oxford 1935.
Smuts postulierte, dass „alle Daseinsformen […] danach streben, Ganze zu sein […] Das neue Ganze enthält dem Werkstoff nach in sich ältere Ganze, aber es selbst ist wesenhaft neu und geht über den Stoff oder die Teile, auf die es sich gründet, hinaus“, ein Phänomen, das er mit dem Namen „Emergenz“ (des Neuen) bezeichnete.Jan Christiaan Smuts: Die holistische Welt. Berlin 1938, S. XVI.
Der Vorgang der Ganzenbildung begründet nach Smuts die Evolution und mache die Welt zu einer fortschreitenden Reihe von Ganzen von ihren physikalischen Anfängen als Materie oder Energie bis zu ihren höchsten Schöpfungen als Leben. Die traditionelle Naturwissenschaft habe sich zu sehr mit der Zergliederung und der synthetischen Wiederherstellung des Lebenden und der nichtlebenden Dinge aus ihren analytisch gewonnenen Elementen befasst.
Smuts nahm an, dass zur Erklärung der Evolution sowohl die Naturwissenschaften als auch die Philosophie nötig seien. Die Naturwissenschaften lieferten die Strukturen, die Philosophie die Prinzipien der Evolution. Materie und Leben bestehen nach Smuts aus Teilstrukturen, deren Anordnung zu natürlichen Ganzen führt. Auch diese Teilstrukturen sind jeweils ein Ganzes. Ob es sich um ein Atom, ein Molekül, eine chemische Verbindung, Pflanzen, Tiere oder Staaten handelt, alles ist jeweils ein Ganzes. Konglomerate dieser Ganzheiten bilden wieder ein neues Ganzes mit neuen Funktionen und Fähigkeiten. Dieses Streben nach Ganzheit, also dieser Holismus ist die treibende Kraft der Evolution, ihre vera causa, wie Smuts sagt, welche Einfluss auf die Mechanismen der Evolution, Variation und Selektion, ausübt. Die verschiedenen Formen der Variation wurden nach Smuts durch individuelle Zweckmäßigkeit, Gebrauch (Nutzung von Körperteilen auf neue Art) und durch physikalische Umweltbedingungen erklärt. Eine Variation ist keine isolierte Variation eines Teiles des Organismus, sondern besteht immer aus mehreren Variationen, die den Organismus als Ganzes verändern, so Smuts. Bei Smuts ist der Holismus nicht nur ein Erklärungsprinzip, sondern gleichsam selbst tätig, als schöpferische Ursache der Evolution.
Philosophie Naturphilosophie Adolf Meyer-Abich hat eine umfassende Holismuskonzeption in ontologischer wie epistemologischer Perspektive entwickelt.Adolf Meyer-Abich: Naturphilosophie auf neuen Wegen. Stuttgart 1948. Dabei knüpfte er kritisch an Konzepte von Hans Driesch an, einen Begründer der Systembiologie, der bei Experimenten mit Seeigelkeimen zum Schluss kam, dass künftige Zustände und Formen eines Organismus nicht aus einem gegenwärtigen materiellen Zustand abgeleitet werden können. Driesch hielt es für unmöglich, die Morphogenese der Organismen auf diese Weise zu erklären. Jenseits von mechanistischem und vitalistischem Weltbild entwickelt er eine „ordnungsmonistische“ Sicht auf biologische Systeme, grenzte sich aber später vom Holismusbegriff ab, da er den Dualismus von Materialismus und Vitalismus für unüberwindbar hielt.Michael Ewers: Philosophie des Organismus in teleologischer und dialektischer Sicht: ein ideengeschichtlicher Grundriss. Münster 1986, S. 57 ff.
Holismus ist bei Meyer-Abich ein relativer und korrelativer Begriff. Für ihn sind wie für Haldane die biologischen Gesetze nicht aus den physikalischen Gesetzen ableitbar, da die physikalischen Gesetze Vereinfachungen der biologischen Gesetze sind. Damit sind die biologischen universaler und allgemeingültiger als die physikalischen. Die Biologie enthält demnach die Theorien der Physik und Chemie, wobei nach Meyer-Abich die physikalischen Theorien durch Simplifikation aus den biologischen ableitbar sind, nicht jedoch umgekehrt. Auch sein Sohn Klaus Michael Meyer-Abich vertritt holistische Positionen. Seine praktische Naturphilosophie ist ein Aufklärungsprojekt: Alles in der Natur existiere um seiner selbst willen; sie sei nicht am Menschen ausgerichtet. Dieser müsse anerkennen, dass er ein Teil der Natur sei, und seine Umwelt als „Mitwelt“ verstehen.Klaus Michael Meyer-Abich: Aufstand für die Natur. Von der Umwelt zur Mitwelt. München, Wien 1990.
Ontischer Holismus Als ontischen Holismus definiert man eine philosophische Theorie, wonach alles, was existiert, Existenzweise einer Substanz ist bzw. dass alle Wirklichkeitsbereiche trotz grundlegender Verschiedenheiten eine echte Ganzheit bilden (z. B. in Form einer Stufenleiter). Zu diesen Theorien gehört Spinozas Pantheismus ebenso wie neuere Positionen der Naturphilosophie, die von einem Blockuniversum ausgehen.
Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie Der auch als semantisch bezeichnete Holismus vertritt die Auffassung, dass die Bedeutung eines Satzes nur durch den Gesamtzusammenhang in der jeweiligen Sprache ermittelt werden könne.Georg Bertram (Hrsg.): In der Welt der Sprache. Konsequenzen des semantischen Holismus. Frankfurt a. M. 2008, S. 13. Er wurde u. a. von Quine und Davidson vertreten. Jeder sprachliche Ausdruck steht demzufolge nicht nur in Beziehung zur Welt der Gegenstände und anderen nichtsprachlichen Objekten, sondern zu anderen sprachlichen Elementen, so dass sich ein umfassendes Bild der Sprache als Struktur ergibt. In der Poetik wird der Sinn oft nicht durch den Gegenstandsbezug der Sprache erzeugt, sondern „emergiert“ durch den in der Beziehung der sprachlichen Elemente untereinander entstehenden Ausdrucksgehalt.
Nach dem erkenntnistheoretischen Holismus oder epistemischen Holismus kann eine Hypothese nicht isoliert, sondern nur im Kontext einer umfassenden Theorie überprüft (falsifiziert) werden (siehe auch: Duhem-Quine-These). Ein Vertreter war Norwood Russell Hanson. Der erkenntnistheoretische Holismus basiert auf dem semantischen Holismus und hat weitreichende wissenschaftstheoretische Folgen.
Strukturalismus In einem strukturalistischen Sinn wird Holismus dadurch definiert, dass die Elemente eines Gegenstandsbereiches nur durch ihre wechselseitigen Beziehungen das sind, was sie sind.Vgl. Detel, Grundkurs Philosophie, Bd. 3. 2007. S. 30. Beispiel: Ein Medikament gegen ein bestimmtes Leiden enthalte einen Wirkstoff, dessen Wirkung Linderung verspricht. Dieses ist der relevante Gegenstandsbereich einer gezielten Behandlung. Es besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen Leidenslinderung und der Wirkung des Medikaments. Im holistischen Sinne klammert dieser Umstand alle Wirkungen des Medikamentes aus, die nicht in Beziehung zur Leidenslinderung stehen. Jene ausgeklammerten Wirkungen werden für sich genommen landläufig als Nebenwirkungen bezeichnet, obwohl es sich im eigentlichen, holistischen Sinne ebenfalls um Wirkungen handelt. Die Wirkung wird zur Nebenwirkung, wenn sie nicht Bestandteil des Gegenstandsbereiches ist. Enthält das Medikament trotz lindernder Wirkung keinen Wirkstoff, besteht dennoch eine wechselseitige Beziehung. Somit ist der analytisch kausale Zusammenhang zwischen den Elementen eines Gegenstandsbereiches für den Holismus keine Bedingung.
Biologie und Kosmologie