mini|Alfred Rosenberg (1941), Foto: Heinrich Hoffmann (Bundesarchiv) rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image|Signatur
Alfred Ernst Rosenberg (, Alfred Woldemarowitsch Rosenberg; * Eintrag im Taufregister der Nikolaikirche zu Reval (estnisch Tallinna Niguliste kirik). in Reval, Russisches Kaiserreich; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein deutscher Politiker zur Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus und führender Ideologe der NSDAP sowie Kriegsverbrecher. Als Student war er 1917 Zeuge der Revolution in Moskau. Unter dem Einfluss russischer Emigranten interpretierte er diese als Folge einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung. Mit dieser Vorstellung prägte er später maßgeblich die Ideologie der NSDAP. Ab 1920 trug Rosenberg mit zahlreichen rassenideologischen Schriften erheblich zur Verschärfung des Antisemitismus in Deutschland bei. Im Zweiten Weltkrieg unternahm er mit seinem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) Beutezüge in ganz Europa, insbesondere zum Raub von Kulturgütern.
Als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) verfolgte er im Rahmen seiner Ostpolitik das Projekt der Germanisierung der besetzten Ostgebiete bei gleichzeitiger systematischer Vernichtung der Juden. Rosenberg wurde im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher angeklagt, in allen vier Anklagepunkten für schuldig befunden, zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Herkunft und Familie Jugendliche Prägungen Lange wurde gerätselt, ob der glühende Antisemit Rosenberg möglicherweise selbst jüdische Vorfahren hatte. Die Frage stellte sich erstmals im Monat der Veröffentlichung seiner antisemitischen Schrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts und seiner Wahl in den Reichstag im Oktober 1930. Damals hieß es, dass „kein Tropfen deutschen Blutes“ in seinen Adern fließe und sich unter seinen Vorfahren nur „Letten, Juden, Mongolen und Franzosen“ befunden hätten.Manfred Weißbecker: Alfred Rosenberg. „Die antisemitische Bewegung war nur eine Schutzmaßnahme…“. In: Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker (Hrsg.): Stufen zum Galgen. Lebenswege vor den Nürnberger Urteilen. Leipzig 1999, ISBN 3-86189-163-8, S. 171 (dazu ausführlich: Baumgärtner: Weltanschauungskampf im Dritten Reich. 1977, S. 6 ff.); Walter Laqueur: Deutschland und Russland. Frankfurt am Main/Berlin 1965, S. 93. Verkündet haben soll diese Aussage etwa der Journalist Franz SzellDer Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg 14. November 1945–1. Oktober 1946. Band V, München/Zürich 1984, S. 53 ff. und am 15. September 1937 ebenso die Vatikan-Zeitung L’Osservatore Romano.Eduard Gugenberger: Boten der Apokalypse. Visionäre des Dritten Reichs. Wien 2002, ISBN 3-8000-3840-4, S. 196. Nachgewiesen werden konnten jüdische Familienwurzeln allerdings bislang nicht. Über die Großeltern Alfred Rosenbergs liegen inzwischen genaue Informationen vor:Toomas Hiio: Noch einmal zu Alfred Rosenberg: Anmerkungen zu einer neuen Biografie. In: Forschungen zur baltischen Geschichte. 13, 2018, S. 161–170. Der Großvater väterlicherseits, der Schuhmachermeister Martin Rosenberg (1820–1896), wahrscheinlich lettischer Herkunft, heiratete 1856 in der deutschen St.-Nikolaus-Gemeinde in Reval die aus Jörden/Estland stammende Julie Stramm (* 1835). Der Sohn Woldemar Rosenberg (1862–1904) war ihr drittes Kind. – Alfred Rosenbergs Großvater mütterlicherseits war der Eisenbahnbeamte Friedrich August Siré (* 1843 in St. Petersburg, dort zur evangelisch-lutherischen St.-Katharinen-Gemeinde gehörend); er heiratete in der lettischen Jesuskirche in St. Petersburg Louise Rosalie Fabricius (* 1842 in Leal/Estland, ihr Vater war der Weißgerbermeister Johann Carl Fabricius). Ihre Tochter Elfriede Caroline Louise Siré (1868–1893) wurde in St. Petersburg geboren und 1885 in Reval konfirmiert. Woldemar Rosenberg und Elfriede Siré heirateten 1886 in der St. Petersburger evangelisch-lutherischen St.-Petri-Kirche.
Die ersten Lebensjahre von Alfred Rosenberg, der in einer deutschbaltischen Großfamilie im Haus Poststraße 9 in Reval,Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft. Harnack Verlag, München 1983, ISBN 3-88966-004-5, S. 229. das damals zu Russland gehörte, aufwuchs, waren durch mehrere Todesfälle mitgeprägt. Nur zwei Monate nach seiner Geburt starb seine Mutter Elfriede Caroline Siré an Tuberkulose. Als Rosenberg elf Jahre alt war, starb 1904 nach langer Krankheit sein Vater Woldemar Wilhelm Rosenberg, ein Kaufmann mit Wurzeln in Livland; 1905 dann seine Großmutter.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, ISBN 3-89667-148-0, S. 21 f. Zu seinen Pflegemüttern wurden zwei Schwestern seines Vaters, Cäcilie Rosalie (geb. 1860) und Lydia Henriette (geb. 1864), an die er sich später stets mit Dankbarkeit erinnerte.
Er lernte Hilda Leesmann kennen, die er 1915 heiratete. Ihre Familie galt als äußerst kultiviert, gebildet und unterhielt zahlreiche Beziehungen zur Sankt Petersburger Gesellschaft.Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, , S. 254; Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen. Göttingen 1955, , S. 167. Vor allem über diese Verbindung, wie er später in seinem NS-Erinnerungsbuch andeutete,Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen. Göttingen 1955, S. 47. begann Rosenberg in dieser Zeit, populäre Literatur zu lesen, so vor allem philosophische Bücher aus dem deutschen Idealismus, wie Herder und Fichte, der Weimarer Klassik (Goethe), Romane (Charles Dickens), Heldenmythen (Thomas Carlyle) und christlich geprägte Sozialliteratur (Ralph Waldo Emerson)Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg 14. November 1945–1. Oktober 1946. Band XI, München/Zürich 1984, S. 493. sowie wichtige Klassiker der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts.Johannes Baur: Die Russische Kolonie in München 1900–1945: deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert. Harrassowitz Verlag, 1998, ISBN 3-447-04023-8, S. 273. Später, zwischen 1909 und 1912, kamen noch natur- (Arthur Schopenhauer) und lebensphilosophische Schriften von NietzscheWalter Laqueur: Deutschland und Russland. Frankfurt am Main/Berlin 1965, S. 93. sowie rassenideologisch-christlich verklärte Bücher von Chamberlain hinzu, wobei Rosenberg besonders von Chamberlains Schriften über Goethe und Kant angetan war, wie Alfred Baeumler in einer Einleitung zu Rosenbergs frühen Aufzeichnungen noch während des Krieges mitteilte.Alfred Rosenberg: Schriften und Reden. Band 1, mit einer Einleitung von Alfred Baeumler, München 1943, S. XXXIII. Diese Schriften sollen in jener Zeit bei Rosenberg mehr Eindruck hinterlassen haben als Chamberlains damals populäres Buch Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts. Und noch 1946 bedauerte Rosenberg, dass er während seiner Jugendzeit „keine humanistische Vorbildung“ erhalten habe.Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen. Göttingen 1955, S. 14 f.
Noch während seiner Schulzeit in der Petri-Oberrealschule, die er bis Juni 1910 besuchte, entdeckte Rosenberg sein Interesse für Vorgeschichte, insbesondere für Archäologie, und für die Völkerwanderung.Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen. Göttingen 1955, S. 16. Inspiriert dazu wurde er durch seinen Geographielehrer Arthur Spreckelsen, der sich vor allem an den im vorrevolutionären Russland populären und mythisierten Geschichtsbüchern des Historikers Dmitrij Iwanowitsch Ilowaiski (1832–1920) orientierte. Mit Spreckelsen hatte Rosenberg auch erfolgreich an einer Ausgrabung teilgenommen. Diese Ereignisse fallen in eine Zeit, als Bücher des Vorgeschichtlers Gustaf Kossinna populär wurden. Diese frühen Erlebnisse weckten erstmals Rosenbergs Interesse für „Vor- und Frühgeschichtsforschung“, die er später in Deutschland bekannt machen und ideologisieren sollte.Christiane Althoff: „Die Ergebnisse der vorgeschichtlichen Forschung sind das alte Testament des deutschen Volkes“. Ur- und Frühgeschichte in den Schulen des Dritten Reiches. In: Christiane Althoff, Jochen Löher, Rüdiger Wulf (Hrsg.): Auch du gehörst dem Führer. „Nationalpolitische Erziehung“ in den Schulen der NS-Diktatur. Dortmund 2003, ISBN 3-00-005838-9, S. 73 f. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden das „Amt Rosenberg“, der angeschlossene „Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte“ mit dem Prähistoriker Hans Reinerth, der „Nordische Bund“ mit Walter Darré und Heinrich Himmler (der die „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ gegründet hatte), zu einem mächtigen Wirkungskreis, der massiv die Inhalte der politisierten Unterrichtspläne in deutschen Schulen bestimmte.
Revolutionäre Kunst Vorgeprägt durch persönliche und gesellschaftliche KrisenerfahrungenThomas Nipperdey: Religion im Umbruch. Deutschland 1870–1918. München 1988, ISBN 3-406-33119-X, S. 139; Klaus Vondung: Die Apokalypse in Deutschland. München 1988, ISBN 3-423-04488-8, S. 62. sowie christliches und völkisches Gedankengut,Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen. Göttingen 1955, S. 12 ff., 32 ff., 38, 42, 274. das um die Jahrhundertwende populär war, begann Rosenberg im Herbst 1910 mit seinem Studium der Architektur am Polytechnikum in Riga,Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 24 f.; Alfred Rosenberg: Rubonia im Exil. Selbstverlag, 1925. wo zum selben Zeitpunkt auch der damals bekannte Wagner-Verehrer Carl Friedrich Glasenapp arbeitete.Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen. Göttingen 1955, S. 18. (Rosenberg bezeichnete Glasenapps Biographie als „grundlegend“.) Noch im selben Jahr wurde Rosenberg engagiertes Mitglied des 1875 gegründeten Corps Rubonia. Während seiner Studienzeit lernte er die Musikdramen des – ebenso von Chamberlain verehrten – Komponisten und antisemitischen politischen Schriftstellers Richard Wagner kennen, für dessen Opern Rosenberg mehrmals das Theater aufsuchte. Insbesondere von Wagners Meistersingern und von Tristan und Isolde sowie von Wolframs von Eschenbach Versroman Parzival, der literarischen Grundlage für Wagners Parsifal, war Rosenberg in jener Zeit angetan.
Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges evakuierte man das Rigaer Polytechnikum im Sommer 1915 mit sämtlichen Professoren nach Moskau,Der Nürnberger Prozeß, Nachmittagssitzung 15. April 1946, auf Zeno.org.Hans -P. Hasenfratz: Die Religion Alfred Rosenbergs. In: Numen. Vol. 36, Fasc. 1 (Jun., 1989), S. 113–126. am 3. September 1917 wurde Riga von deutschen Truppen eingenommen. In Moskau, wo Rosenberg das Ende der Zarenherrschaft, die Oktoberrevolution und die Gewaltherrschaft der von ihm äußerst verachteten Bolschewisten miterlebte, schloss er im Frühjahr 1918 sein Studium mit einer Diplomarbeit über die Architektur eines für russische Verhältnisse geeigneten Krematoriums ab.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 26.