mini|Das 1945 zerstörte Vivarium im Wiener Prater (1880) Das Wiener Vivarium war ein Schauaquarium, das anlässlich der Wiener Weltausstellung 1873 im Wiener Prater erbaut wurde. 1903 wurde es unter dem Zoologen Hans Leo Przibram in eine experimentelle Biologische Versuchsanstalt umgewandelt, in der auch der Biologe Paul Kammerer und kurzzeitig Alma Mahler-Werfel tätig waren.
Die Biologische Versuchsanstalt war eine der bemerkenswertesten wissenschaftlichen Einrichtungen Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mehr als dreißig Jahre lang entstanden dort innovative wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der experimentellen Biologie.
mini|Lage des Aquariums (1883)
Vivarium Das Neorenaissance-Gebäude im Wiener Prater, am Anfang der Hauptallee stehend und offiziell als Praterbude Nr. 1 bezeichnet, wurde nach Plänen des Zoologen Alfred Brehm als Schauaquarium zur Wiener Weltausstellung 1873 gebaut. Ab 1878 wurden ein Terrarium für Reptilien und andere Landtiere hinzugefügt und auch Affen und Krokodile gezeigt.
mini|Wiener Vivarium, Annonce in Kikeriki, August 1888
1888 wurde das Aquarium zu einem Tiergarten erweitert und in Vivarium umbenannt. Es war Teil eines kleinen zoologischen Gartens, der im Prater bestand, Leiter wurde der Initiator des Projekts, der Zoologe Friedrich Knauer (1850–1926), finanziell unterstützt wurde das Vorhaben von Karl Adolf Bachofen von Echt (1830–1922). Vor und hinter dem Gebäude lagen insgesamt 16 Meerwasserbecken, gefüllt mit dem Wasser der Adria. Im Inneren des Gebäudes befanden sich Süßwasser-Aquarien. Grottenolme aus der bekannten Adelsberger Grotte (sie wurden später Versuchstiere der neuen Nutzer) zählten zu den Attraktionen des Hauses. Am 23. Dezember 1890 wurden die im Juni begonnenen Neu- und Umbauten fertiggestellt, und die Einrichtung beherbergte über 1000 lebende seltene Thiere.
Am 13. Mai 1894 wurde südlich gegenüber dem Vivarium der von der Laufenbergergasse erschlossene Tiergarten am Schüttel als Außenstelle des Vivariums wiedereröffnet. Nach Eröffnung des Tiergartens wurden Tiere des Vivariums in Stallungen der neuen Anlage verlegt. Schließlich kam es zu einem betrieblichen Zusammenschluss mit dem neuen Tiergarten, der im Stil der damals modischen Exotik Menschen und Tiere zur Schau stellte.
Im Vivarium hingegen zeigte man seltene kleine Tiere: Schleichkatzen, Beuteltiere und Affen. Eine selten in menschlicher Obhut gezeigte Rarität war der Kap-Verden-Riesenskink (Macroscincus coctei). Doch das große Publikum blieb sukzessive aus. Die Hagenbecksche Tierschau sollte als Publikumsmagnet den Bankrott verhindern: Im Hof des Vivariums wurde eine Polarlandschaft aufgebaut und mit Seelöwen, Pinguinen und, als besondere Sehenswürdigkeit, mit einem jungen Walross bevölkert. In Käfigen wurden Eisbären zur Schau gestellt.
Trotzdem konnte sich das Vivarium mit dem Tiergarten nicht dauerhaft behaupten und wurde 1901 geschlossen.
Biologische Versuchsanstalt
Der Zoologe Hans Leo Przibram kaufte das Vivarium gemeinsam mit dem Botaniker Leopold von Portheim, einem wohlhabenden Privatgelehrten, mit dem ihn eine Freundschaft verband, der sich dann auch der Botaniker Wilhelm Figdor anschloss. Die Gründung der Biologischen Versuchsanstalt im Prater in Wien, der ersten diesem Zweck gewidmeten Anstalt überhaupt, ermöglichte es den Wissenschaftlern, qualitativ-experimentelle Untersuchungen durchzuführen.
„Während heutzutage niemand versuchen würde, in Physik, Chemie oder selbst in der Physiologie Gesetze ohne experimentelle Begründung aufzustellen, beruhten die allgemeinen Feststellungen in der Morphologie der Tiere zumeist auf Spekulation. Erst seit kurzem hat die experimentelle Methode an Boden gewonnen, und Untersuchungen werden in großem Stil in Instituten ausgeführt, die für diesen Zweck eingerichtet sind. Vor 25 Jahren hatten wir diese Notwendigkeit vorausgesehen und gründeten die erste Station für experimentelle Biologie im ,Vivarium‘ in Wien. Sie wurde mit der Zeit mit Einrichtungen versehen, die es ermöglichten, nicht nur qualitative, sondern auch insbesondere quantitative Experimente auszuführen. Wieder möchte ich auf Physik und Chemie hinweisen als glänzende Beispiele dafür, was in der Entwirrung der Naturgesetze geleistet werden kann durch quantitative Experimente und darauf gegründete mathematische Formulierungen. Es ist meine feste Überzeugung, Dass wir auf dieselbe Weise verfahren müssen, wenn wir wünschen, Dass die Biologie sich zu einer exakten Wissenschaft entwickeln soll. Dies war mein Ziel in allen meinen Arbeiten.“ (Hans Leo Przibram zur Biologischen Versuchsanstalt)
1903 wurde das Gebäude als eine Forschungsanstalt für experimentelle Biologie eingerichtet und erhielt die Bezeichnung „Biologische Versuchsanstalt“ (BVA). Przibram und Portheim übernahmen die Leitung, Przibram als Vorstand der Zoologischen Abteilung, Portheim gemeinsam mit Figdor als Vorstand der Botanischen Abteilung. Die chemisch-physikalische Abteilung wurde von Wolfgang Joseph Pauli (1869–1955), dem bedeutenden Kolloidchemiker und Vater des gleichnamigen Physikers und Nobelpreisträgers Wolfgang Pauli geleitet, die physiologische Abteilung von Eugen Steinach, bekannt durch seine Versuche zur Geschlechtsbeeinflussung und „Verjüngung“. Für einen späteren Zeitpunkt war die Errichtung einer pflanzenphysiologischen Abteilung vorgesehen.
Visionär war das für die wissenschaftliche Arbeit bestimmende Organisationsprinzip, ein komplexes Forschungsgebiet wie die Biologie im Zusammenwirken verschiedener Teildisziplinen zu bearbeiten. Die Synthese von botanischer, zoologischer, chemischer und physikalischer Forschung fand hier schon statt, als von interdisziplinärer Forschung noch nicht die Rede war.
Neben den notwendigen Arbeitssälen, Zimmern für die Mitarbeiter und Laboratorien wurden Ställe, Freilandterrarien und Glashäuser, Garten- und Hofparzellen, Temperaturkammern, sechs zementierte Becken sowie ein großes Froschbassin errichtet. Die neuen Temperaturkammern stellten eine Pionierleistung der Regelungstechnik dar.
Paul Kammerer
Als Assistenten hatte Przibram den jungen Paul Kammerer aufgenommen, der sich ihm besonders durch sein großes Geschick in der Aufzucht von Tieren empfohlen hatte und der später zum berühmtesten Biologen seiner Zeit wurde. 1903 wurde Kammerer Adjunkt Przibrams und wurde mit der Einrichtung von Terrarien und Aquarien betraut. Mit den damals modernsten Einrichtungen begann er Amphibien zu züchten. Bald fiel er durch sein Geschick in der Tierzucht auf und konnte erste selbständige Versuche über die Vererbung erworbener Eigenschaften (Lamarckismus) durchführen. Przibram berichtete später:
„Wir suchten bei der Errichtung der biologischen Versuchsanstalt nach einem Mitarbeiter, der die Terrarien und Aquarien anlegen und dem Kleingetier die Anstalt wohnlich machen sollte. Durch einen Zeitungsartikel Kammerers über seine Tierpflege auf ihn aufmerksam gemacht, suchte ich ihn auf und fand einen begeisterten und geschickten Mitarbeiter. In ihm steckte eine Anlage zur musikalischen Betätigung und ein Großteil Künstlernatur ebenso wie die Fähigkeit zur genauesten Naturbeobachtung und insbesondere eine Liebe zu allen lebendigen Geschöpfen, die ich sonst noch an keinem anderen gesehen habe. Hier lag der Angelpunkt seines ganzen Wesens. Er richtete namentlich die für biologische Versuche so wichtige Pflege der Amphibien und Reptilien vorbildlich ein. Ich habe kaum jemanden gekannt, der dafür alle Voraussetzungen so erfüllt hätte wie er. Dies war allerdings nicht unbedingt ein Vorteil, denn der Hauptwert der experimentellen Methode besteht gerade darin, dass unter gleichen Versuchsbedingungen immer wieder dieselben Resultate erzielt und bei Nachprüfung bestätigt werden können. Gelingt es dem Nachuntersucher nicht, die Tiere ebenso lange oder ebenso viele Generationen hindurch am Leben zu erhalten wie dem ersten Beobachter, wie soll dann eine Nachprüfung zu einer Bestätigung und dadurch Sicherheit der Befunde führen?“ (Hans Leo Przibram: Paul Kammerer als Biologe. In: Monistische Monatshefte. November 1926)
Man sagte Kammerer sagenhafte Fähigkeiten im experimentellen Umgang nach, etwa mit Fröschen, und seine Experimente konnten – obwohl genau dokumentiert – von niemandem später wiederholt werden, da niemand mit Fröschen so umzugehen wusste wie er. Kammerer verfasste zwischen 1903 und 1908 130 Artikel, Beiträge und Forschungsberichte in der Biologischen Versuchsanstalt im Prater.
mini|Eine Europäische Gottesanbeterin Ihm assistierte zeitweise die berühmte Künstlermuse Alma Mahler-Werfel, die darüber berichtete: „Nun übergab er mir einen mnemotechnischen Versuch mit Gottesanbeterinnen zu bearbeiten. Er wollte es herausbringen, ob diese Tiere durch die Häutung ihr Gedächtnis verlieren oder ob dieser Akt nur eine oberflächliche Hautreaktion ist. Zu diesem Behuf sollte ich ihnen eine Gewohnheit beibringen. Es misslang insofern, als diesen Viechern nichts recht beizubringen war. Ich musste sie unten im Käfig füttern, da sie a priori immer in der Höhe und im Licht fressen. Der Käfig war unten verdunkelt. Sie waren nicht dazu zu bringen, ihre schöne Gewohnheit, Kammerer zu Liebe, aufzugeben.“ Mahler musste die Versuchstiere mit Mehlwürmern füttern „und mir grauste etwas vor dieser Riesenkiste voll sich schlängelnder Würmer. Er sah es, nahm eine Handvoll und steckte die Viecher in den Mund. Er fraß sie laut schmatzend.“Alma Mahler-Werfel: Der schimmernde Weg. Zitiert in: Oliver Hilmes: Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel. Siedler Verlag, München 2004.
Alma Mahler ließ später anklingen, dass es bei Kammerers Experimenten im Praterlabor zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein könnte: „Er wünschte die Ergebnisse seiner Forschungen so glühend herbei, dass er unbewusst von der Wahrheit abweichen konnte.“Alma Mahler-Werfel: Mein Leben. Fischer Verlag, 1960.
Kammerer gelang es dank seinem Geschick in der Aufzucht von Tieren, namentlich der Amphibien unter veränderten Bedingungen Generationen hindurch aufzuziehen, und er glaubte, Veränderungen erhalten zu haben, die nur durch die Vererbung erworbener Eigenschaften erklärt werden konnten. Da dies gegen ein Dogma der herrschenden Entwicklungslehre verstieß, wurden Kammerers Ergebnisse heftig bestritten, und als es sich herausstellte, dass ein Belegexemplar nachträgliche Manipulationen erkennen ließ, wurde Kammerer als Schwindler hingestellt. Kammerer nahm sich 1926 das Leben. Przibram blieb stets von der Echtheit der Kammererschen Beobachtungen überzeugt und äußerte sich in Privatgesprächen wiederholt, er glaube zu wissen, wer die Fälschung zur Kompromittierung Kammerers begangen habe, könne aber mangels hinreichender Beweise damit nicht an die Öffentlichkeit treten.
Temperaturkammern
Um die BVA auf eine sicherere Grundlage als die eines Privatinstituts zu stellen, übergaben die Gründer die Anstalt samt einem ansehnlichen Betriebskapital am 1. Jänner 1914 in das Eigentum der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, die dafür die Gründer als Leiter der einzelnen Abteilungen beibehielt. Die Verbindung mit der Akademie hielt ein von dieser eingesetztes Kuratorium aufrecht, dessen erster Vorsitzender der Botaniker Richard von Wettstein war.