Die Drachenvariante ist ein Abspiel der Sizilianischen Verteidigung, einer Eröffnung im Schachspiel. Sie wurde erstmals um 1880 vom Eröffnungstheoretiker Louis Paulsen angewandt. Kasparow wandte sie 1995 erfolgreich im WM-Match gegen Anand an.John Emms: Sizilianische Geheimnisse, Everyman Chess, 2004, S. 12.
In der Eröffnungsklassifikation der ECO-Codes ist die Drachenvariante unter den Schlüsseln B70 bis B79 klassifiziert und entsteht nach den Zügen:
1. e2–e4 c7–c5 2. Sg1–f3 d7–d6 3. d2–d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8–f6 5. Sb1–c3 g7–g6
Spielpläne Mit seinem letzten Zug beabsichtigt Schwarz, den Königsläufer zu fianchettieren, das Hauptmerkmal der Drachenvariante. Damit verbunden sind die Spielpläne beider Parteien: Da der fianchettierte Läufer auf der langen Diagonale der Felder h8–a1 große Wirkung erzielen kann, versucht Weiß häufig, ihn zu tauschen und dadurch zudem die schwarzen Felder um den König zu schwächen, nachdem die Rochadestellung mittels g7–g6 etwas geschwächt wurde. Dazu rochiert Weiß oft lang und greift mit dem vom Turm unterstützten h-Bauern die schwarze Königsstellung an und öffnet die h-Linie. Schwarz versucht nach der kurzen Rochade entweder mit dem Bauernzug d5 das Zentrum zu sprengen oder am Damenflügel über die halboffene c-Linie anzugreifen und mittels Qualitätsopfer auf c3 die weiße Königsstellung zu zerstören.
Namensherkunft Der Name dieses Systems wurde 1901 in Kiew von Meister Fjodor Dus-Chotimirski eingeführt. Er beschäftigte sich mit Astronomie und fand Ähnlichkeiten der Bauernstellung d6–e7–f7–g6–h7 zum Sternbild Drache.Eduard Jefimowitsch Gufeld: Sizilianskaja Saschtschita. Fiskultura i sport, Moskwa 1982, S. 8; vgl. auch F. Dus-Chotimirski: Isbrannye partii. Fiskultura i sport, Moskwa 1954, S. 58. In den deutschen Sprachraum gelangte diese Bezeichnung nachweislich erstmals im Jahr 1914, als der russische Meister A.M. Evenssohn eine seiner Partien für die Wiener Schachzeitung kommentierte. Edward Winter: Chess Notes 7826 Die Variante wurde allerdings schon im Meisterschach gespielt, bevor der Name sich etabliert hatte. Louis Paulsen wandte sie bereits beim Turnier von Wiesbaden 1880Deutsche Schachzeitung 1881, S. 119. gegen den deutschen Meisterspieler Alexander Fritz an, anschließend nahmen einige andere Spieler seine Idee auf.
Bis in die 1930er Jahre wurde der Aufbau praktisch ausschließlich mit der Zugfolge 2. … Sb8–c6 und 5. … d7–d6 gepflegt. Mit der gründlichen Analyse des Zuges 6. Lf1–c4 (nach 1. e2–e4 c7–c5 2. Sg1–f3 Sb8–c6 3. d2–d4 c5xd4 4. Sf3xd4 Sg8–f6 5. Sb1–c3 d7–d6) fand Weiß jedoch einen Weg, schwarzes 6. … g7–g6 zu erschweren. Auf diesen Zug hat Weiß nämlich das vorteilhafte 7. Sd4xc6 b7xc6 8. e4–e5 zur Verfügung; nun kann Schwarz den Bauern auf e5 nicht schlagen, wegen 9. Lc4xf7+ mit weißem Damengewinn und muss eine Schwächung seiner Bauernstellung mit e5xd6 zulassen. Ebenso erschwerte die etwa zeitgleiche Einführung des Zuges 6. Lc1–g5 in dieser Zugfolge den Übergang zur Drachenvariante, da Weiß nun auf 6. … g7–g6 wiederum mit 7. Lg5xf6 e7xf6 die schwarze Bauernstruktur schwächen kann. Die Praxis lehrte zudem, dass 5. … g7-g6 an Stelle von 5 … d7-d6 gleichfalls ungünstig für Schwarz ist, da Weiß mit Vorteil 6. Sd4xc6 antwortet. Auf 6. … b7xc6 7. e4-e5 muss Schwarz bereits den Rückzug 7. … Sf6-g8 antreten. Nach 6. … d7xc6 tauscht Weiß auf d8 die Damen und Schwarz verliert sein Rochaderecht. Um diese Varianten zu umgehen, die aus den üblichen Mustern der Drachenvariante herausführten, begann man, Sb8-c6 zurückzuhalten und es etablierte sich die heute übliche Zugfolge mit 2. … d7–d6.
Es gibt auch eine sogenannte Beschleunigte Drachenvariante nach den Zügen 1. e2–e4 c7–c5 2. Sg1–f3 Sb8–c6 3. d2–d4 c5xd4 4. Sf3xd4 g7–g6. Die Absicht ist, den Tempoverlust d7–d6 nebst späterem d6–d5 zu vermeiden, allerdings kann Weiß nun mit 5. c2–c4 einen Maróczy-Aufbau anstreben, der in seinen typischen Abspielen nicht mehr dem „Drachen“ entspricht.
Varianten und Eröffnungsideen Es gibt mannigfaltige Aufbauten gegen den „Drachen“. Bekannte weiße Fortsetzungen mit einem Namen sind:
6. f2–f3, 6. Lc1–e3 oder 6. Lf1–c4 mit Übergang in den „Jugoslawischen Angriff“. 6. Lf1–e2, die klassische Variante. 6. f2–f4, die Löwenfisch-Variante, mit der heutigen Hauptfortsetzung 6. … Sb8–c6 7. Sd4xc6 b7xc6 8. e4–e5 Sf6–d7 9. e5xd6 e7xd6. 6. g2–g3, das positionelle Gegenfianchetto.
Jugoslawischer Angriff
Heutzutage ist 6. Lc1–e3, der Jugoslawische Angriff, die Hauptfortsetzung. Dieser Aufbau wurde von Wsewolod Alfredowitsch Rauser erstmals gespielt und deshalb gelegentlich auch Rauser-Angriff genannt. Er kam um 1930 unter sowjetischen Spielern vereinzelt auf und wurde später häufig von führenden jugoslawischen Spielern angewandt.
Strategische Ideen Direktes Ziel ist ein Mattangriff noch im Mittelspiel. Weiß möchte lang rochieren, um am Königsflügel die Bauern vorpreschen zu lassen. In der Regel den h-Bauern, der sich gegen den Bauern auf g6 tauscht, um die h-Linie für einen Mattangriff auf h7 zu öffnen. Insbesondere wenn Schwarz h7–h5 gespielt hat, wird zusätzlich oder alternativ auch g2–g4 oder f2–f4–f5 gespielt. Der schwarze Drachenläufer auf g7 soll mittels Lh6 gegen den eigenen Läufer getauscht werden. Der Springer auf f6 wird entweder gegen einen eigenen Springer getauscht oder mit Bauern vertrieben. Dame und Türme versuchen sodann einen Mattangriff über die offene h-Linie. Opfer zu diesem Zweck sind keine Seltenheit. Bobby Fischer fasste die weiße Strategie folgendermaßen zusammen: „H-Linie aufreißen, Opfer, Opfer, ... Matt“. Ein heute oft gespielter vorbereitender Zug für Weiß ist dabei Kc1–b1, was den König sicherer stellt. Auch im jugoslawischen Angriff vermeiden die Weißen allerdings oft, mit scharfen Angriffen die Brücken hinter sich abzubrechen, und wählen eine zentrumsorientierte Aufstellung, da der Punkt d5 im Drachen normalerweise in weißer Hand ist. Es wird dann zum Beispiel auf f3–f4 gefolgt von e4–e5 oder f4–f5 hingearbeitet.
Die schwarze Strategie ist subtiler und variiert je nach weißem Aufbau. Das strategische Hauptziel von Schwarz ist der Punkt c2, der über die c-Linie, falls möglich mit einem Läufer auf f5, und unterstützt von einem den Sc3 vertreibenden Bauernzug b7–b5–b4, angegriffen wird. Steht der weiße Läufer schon auf b3 und der Springer noch auf c6, so kommen Sc6xd4 und b7–b5 nebst a7–a5 infrage, wobei nicht nur der weiße König, sondern auch der Lb3 ein Angriffsziel ist. Steht der schwarze Springer auf e5, der Läufer auf b3 und Weiß hat den Bauern nach g4 gezogen, so ist b7–b5 ebenfalls ein guter Zug, da f3 ungedeckt ist, wenn die weißen Springer auf b5 zugreifen. Manchmal wird dieser Bauernzug mit Tb8, selten mit a7–a6 – zu langsam – vorbereitet. Manchmal wird der Bauer einfach geopfert. Der Bauernzug kann allerdings auch nicht gut sein, etwa weil er einer Dame auf a5 den Blick auf die fünfte Reihe versperrt oder sie die Deckung verlieren lässt. Mit dem Zug Se5–c4 wird gewartet, bis dieser Zug wirklich etwas droht, etwa die Taktik Sc4-a3+, da sich gezeigt hat, dass nach frühem Se5–c4 Lxc4 Txc4 b2–b3 nebst g2–g4 der weiße Aufbau sehr harmonisch ist. Typische positionelle schwarze Züge, insbesondere wenn Weiß seinen Läufer nach g5 gezogen hat, sind Tf8–e8 und Tc8–c5. Ersterer deckt den Bauern e7 und erlaubt auf weißes Lh6 unter Umständen (aber oft ist keine Zeit dafür und besser ist Kg8–h7 nebst Th8) dem Lg7, nach h8 wegzuziehen, ohne eine Qualität zu verlieren. Zweiterer verteidigt auf der fünften Reihe und verdoppelt unter Umständen die Türme auf der c-Linie. Häufig wartet Schwarz auf einen günstigen Moment, um die Qualität auf c3 zu opfern, wenn Weiß bereits seine Figuren auf den Königsflügel geworfen hat. Bei verfrühter Gabe der Qualität kann sich Weiß allerdings darauf einstellen und den Damenflügel mit allem, was er hat, verteidigen und versuchen, das Mehrmaterial zu verwerten. Die gleiche Strategie wendet auch Schwarz je nach Lage an: Er versucht, den weißen Angriff auszuhalten, Figuren abzutauschen und im Endspiel dann mit seiner verbleibenden Bauernwalze am Königsflügel zur Dame zu marschieren, da Weiß seinerseits seine Bauern dort geopfert hat.
Varianten
Beabsichtigt sind dabei nach dem weiteren 6. … Lf8–g7 (droht Sf6–g4, was zuvor an Lf1–b5+ scheiterte) 7. f2–f3 0–0 8. Dd1–d2 Sb8–c6 entgegengesetzte Rochaden mittels 9. 0–0–0 oder 10. 0–0–0 nach 9. Lf1–c4. Nach letzterem ist das in der Sizilianischen Verteidigung erstrebenswerte d6–d5 erschwert und das für den Lc8 hier optimale Feld e6 nicht zugänglich. 9. … Lc8–d7 macht Platz für einen Turmzug nach c8.
In der vorentscheidenden 2. Partie des Kandidatenfinales 1974 in Moskau zwischen Anatoli Karpow und Viktor Kortschnoi hatte Weiß nach 10. h2–h4 (wenn Weiß mit 10. 0–0–0 zuerst rochiert, kann Schwarz nach 10. … Ta8–c8 11. Lc4–b3 auch 11. … Sc6xd4 nebst b7–b5 in Erwägung ziehen) Ta8–c8 (droht Sc6xd4 Dd2xd4 Sf6–g4 mit Figurengewinn. Schwarz spielt auch direkt 10 … Sc6–e5, um zu verhindern, dass Weiß seinerseits auf c6 nimmt) 11. Lc4–b3 Sc6–e5 (Hier wäre der weiße Angriff nach 11. … Sc6xd4? 12. Le3xd4 b7–b5 13. h4–h5 zu schnell) 12. 0–0–0 Se5–c4?! 13. Lb3xc4 Tc8xc4 14. h4–h5 Sxh5 15. g2–g4 Sh5–f6 mit 16. Sd4–e2 und nach weiterem 16. … Dd8–a5?! (in späteren Partien wurde mit 16. … Tf8–e8 der Abtausch des g7-Läufers verhindert) 17. Le3–h6 Lg7xh6 18. Dd2xh6 Tf8–c8 19. Td1–d3 das typische Qualitätsopfer auf c3 ausgeschlossen. 16. Le3–h6 hätte 16 … Sf6xe4 17. Dd2–e3 Tc8xc3 wie in der Partie Kasparow – Piket, Tilburg 1989 zur Folge.
Zur Verzögerung des weißen Angriffs wurde von Tony Miles als Erwiderung auf 10. h2–h4 Ta8–c8 11. Lc4–b3 h7–h5 eingeführt. Diese Abspiele, in denen h2–h4 mit h7–h5 beantwortet wird, sind als Soltis-Variante bekannt und werden auch noch in der aktuellen Großmeisterpraxis auf höchstem Niveau gespielt. Gegen diese Maßnahme ergab sich unter anderem eine Verlagerung des Kampfgeschehens ins Zentrum mit 12. 0–0–0 Sc6–e5 13. Le3–g5 Tc8–c5.
9. Lf1–c4 Lc8–d7 10. 0–0–0 Ta8–b8 wird „Chinesischer Drache“ genannt.
9. Lf1–c4 Lc8–d7 10. Lc4–b3 (deckt nun nicht b5) erlaubt 10. … Sc6xd4 11. Le3xd4 b7–b5.
9. Lf1–c4 Sf6–d7?! 10. h2–h4 Sd7–b6 11. Lc4–b3 Sc6–a5 will über c4 den Le3 abtauschen. 12. Dd2–d3 verhindert das.
Bei 9. 0–0–0 Sc6xd4?! (Der Springertausch soll der Vorbereitung zu Dd8–a5 dienen, um das darauf erfolgende Sd4–b3 auszuschließen) 10. Le3xd4 Lc8–e6 11. Kc1–b1! müsste ein angriffslustiger Schwarzer erst 11. … Dd8–c7 12. h2–h4 Tf8–c8 ziehen, um 13. … Dc7–a5 vorzubereiten, da nach sofort 11. … Da5? 12. Sc3–d5 Da5xd2?! der Zwischenzug 13. Sd5xe7+ möglich wäre, worauf Schwarz nun Kg8–f8 hat. Allerdings haben Partien wie etwa Van der Wiel – Sax, EU Mannschaftsmeisterschaft 1983 gezeigt, dass der schwarze Aufbau zu langsam ist.
Die Hauptvariante nach 9. 0–0–0 ist daher heute das Bauernopfer 9. … d6–d5. Nach 10. e4xd5 (auch u. A. 10. Dd2–e1, 10. Kc1–b1 und 10. Sd4xc6 sind eigenständige Spielweisen) 10. … Sf6xd5 11. Sd4xc6 b7xc6 kann Weiß dieses mit 12. Sc3xd5 c6xd5 13. Dd2xd5 Dd8–c7 annehmen, was zu schwarzer Kompensation führt. Populärer ist die Ablehnung mit 12. Le3–d4, was den isolierten c6-Bauern auf dem Brett lässt.
Bei sofortigem weißen Bauernaufmarsch am Königsflügel wie z. B. 9. g2–g4 ist 9. … Le6 10. 0–0–0 (9. … Sd4xe6 schwächt durch die sich öffnende f-Linie auch den weißen Bauern f3, ferner ist das Feld d5 dann gut gedeckt) 10. … Sc6xd4 11. Le3xd4 Dd8–a5 12. Kc1–b1 Tf8–c8 möglich.
Klassische Variante