mini|Das Grab von asch-Schāfiʿī in Kairo Muhammad ibn Idrīs asch-Schāfiʿī (; geb. 767 in Palästina; gest. 20. Januar 820 in al-Fustāt in Ägypten) war ein islamischer Rechtsgelehrter, der im sunnitischen Islam als einer der vier Imame gilt. Auf ihn wird die schafiitische Rechtsschule zurückgeführt wird. Bei Schafiiten, Malikiten und Hanbaliten gilt er als der eigentliche Begründer der Wissenschaft der Usūl al-fiqh. Die frühen Quellen über sein Leben vermitteln den Eindruck, dass er den Kalām ablehnte, und überliefern zahlreiche kalām-kritische Aussagen von ihm.

Leben Asch-Schāfiʿī gehörte zum mekkanischen Stamm der Quraisch und war ein Nachkomme von al-Muttalib, dem Bruder von Hāschim ibn ʿAbd Manāf. Nach Ibn Abī Hātim ar-Rāzī (gest. 939) wurde er entweder in Ashkelon oder im Jemen geboren, während die meisten anderen Biographen Gaza als Geburtsort angeben. Asch-Schāfiʿīs Schüler ar-Rabīʿ ibn Sulaimān al-Murādī (gest. 884) wird mit der Aussage zitiert, dass asch-Schāfiʿī am selben Tag geboren wurde, an dem Abū Hanīfa starb, allerdings diente diese Aussage wahrscheinlich nur dazu, eine Kette von Imamen gemäß einem göttlichen Heilsplan zu konstruieren.Bacem Dziri: „Unter Imamen Poet, unter Poeten Imam: Gelehrsame Dichtung in aš-Šāfiʿīs Dīwān“ in Milad Karimi und Mouhannad Khorchide (Hrsg.): Muslimische Gelehrte neu gelesen, Teil 2 (= Jahrbuch für islamische Theologie und Religionspädagogik 4). Kalam-Verlag, Freiburg i. Br. 2016. S. 29–72. Hier S. 32.

Jugend und Ausbildung Im Alter von zwei Jahren (oder nach der Quelle, die seine Geburt im Jemen ansiedelt, zehn Jahren) wurde asch-Schāfiʿī von seiner verwitweten und offenbar völlig mittellosen Mutter nach Mekka gebracht, wo sie Verwandte hatten. Hier interessierte sich der Junge eifrig für Dichtung und Bogenschießen.Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995. Der Hadith-Wissenschaft scheint er in dieser Zeit noch ziemlich ferngestanden zu haben. Der Genealoge Musʿab az-Zubairī (gest. 851) wird mit der Aussage zitiert: „Als sich mein Vater (sc. ʿAbdallāh ibn Musʿab) und asch-Schāfiʿī gegenseitig Verse vortrugen, fielen asch-Schāfiʿī Gedichte der Hudhail ein, die er aus dem Gedächtnis rezitierte. Und er sagte: Bring dies keinem der Hadith-Leute (ahl al-ḥadīṯ) bei, denn sie können dies nicht ertragen.“Yāqūt ar-Rūmī: Muʿǧam al-udabāʾ. 1993, S. 2403.

Außerdem besuchte asch-Schāfiʿī in Mekka die Lehrsitzungen von Muslim ibn Chālid az-Zandschī (st. 795/96), der als Mufti der Stadt fungierte, und Sufyān ibn ʿUyaina (st. 813).Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995, S. 182a. Muslim ibn Chālid soll auch derjenige gewesen sein, der ihn zu einer intensiveren Beschäftigung mit Fiqh anregte. Nachdem er mit 15 oder 18 Jahren von Muslim die Erlaubnis erhalten hatte, Fatwas zu erteilen,Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tawālī 't-ta'sīs li-maʿālī Muḥammad Ibn-Idrīs. Ed. Abū l-Fidā ʿAbdallāh al-Qāḍī. Dār al-Kutub al-ʿIlmīya, Beirut 1986. wandte er sich mit 23 Jahren Mālik ibn Anas in Medina zu und wurde sein Schüler. Schon zuvor soll er Māliks al-Muwaṭṭaʾ auswendig gelernt haben. Seine Dankbarkeit gegenüber Mālik soll er einmal in die folgenden Worte gefasst haben: „Wenn von Gelehrten die Rede ist, ist Mālik der Star (naǧm), und niemand hat mir mehr Gunst erwiesen als Mālik ibn Anas.“Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ min faḍāʾil aṯ-ṯalāṯa al-aʾimma al-fuqahāʾ. 1932, S. 23.

Zwischen dem Jemen, dem Irak und dem Hedschas Sodann übernahm asch-Schāfiʿī ein Amt in Nadschrān im Jemen.Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995, S. 182b. Hier wurde er in alidische Umtriebe verwickelt. So huldigte er dem Hasaniden Yahyā ibn ʿAbdallāh.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1982, Bd. X. Nach Ibn an-Nadīm war asch-Schāfiʿī ein strammer Schiit (šadīd fī t-tašaiyuʿ).Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. 1988, S. 263. Zusammen mit neun Aliden wurde er 803 in Ketten vor den Kalifen Hārūn ar-Raschīd gebracht.Heffening: „al-Shāfiʿī“ 1934, S. 271.

Dank der Intervention des bedeutenden Juristen asch-Schaibānī wurde asch-Schāfiʿī im Gegensatz zu den anderen neun Mitangeklagten vom Kalifen begnadigt, möglicherweise nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe. Er wurde zu einem regelmäßigen Besucher von asch-Schaibānīs Kreis und widmete ihm später eine Widerlegung. Bei einem Streitgespräch mit asch-Schaibānī soll er einmal auf die Überlegenheit seines Lehrers Mālik gegenüber asch-Schaibānīs Lehrer Abū Hanīfa gepocht haben.Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ min faḍāʾil aṯ-ṯalāṯa al-aʾimma al-fuqahāʾ. 1932, S. 23f. Nach diesem ersten Irak-Aufenthalt kehrte asch-Schāfiʿī nach Mekka zurück, wo er etwa neun Jahre blieb und sich als Lehrer betätigte. Ab 810 lehrte er wieder in Bagdad. 813, wahrscheinlich nach einem weiteren Besuch im Hedschas, war asch-Schāfiʿī erneut in Bagdad, allerdings nur für wenige Monate. Es war wahrscheinlich die Zeit danach, dass Ahmad ibn Hanbal (gest. 855) al-Schāfiʿī in Mekka traf.

Als Rechtslehrer in Ägypten Um 814 ließ sich asch-Schāfiʿī im ägyptischen Fustāt nieder, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 820 in der ʿAmr-Moschee lehrte.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 484f. In Ägypten begann asch-Schāfiʿī allerdings Māliks Lehren öffentlich zu kritisieren,Ali: Imam Shafiʿi: scholar and saint. 2011, S. 33. was im Laufe der Zeit zu Spannungen in seinem Verhältnis zur ägyptischen malikitischen Elite führte. Als sein Ansehen wuchs, beschwerten sich einige einflussreiche Malikiten bei Regierungsbeamten und forderten seine Verbannung oder Bestrafung. Ein prominenter Malikit, Fityān ibn Abī Samh (gest. 846–847), griff asch-Schāfiʿī an und wurde vom Gouverneur as-Sarī ibn al-Hakam zu öffentlicher Auspeitschung verurteilt. Dieser Vorfall führte zu einem gewalttätigen öffentlichen Aufruhr gegen asch-Schāfiʿī, der daraufhin von einem Mob angegriffen und bis zu seinem Tod in seinem Haus festgehalten wurde.Ali: Imam Shafiʿi: scholar and saint. 2011, S. 37. Die Umstände seines Todes im Alter von 54 Jahren, am letzten Tag des Radschab 204 (= 20. Januar 820), sind unklar: Einige behaupten, er sei an den Folgen des gewaltsamen Angriffs durch einen fanatischen Malikiten gestorben, andere sprechen von Krankheit.Chaumont: "al-Shāfiʿī". 1995, S. 183a. Er wurde in der Familiengruft der Banū ʿAbd al-Hakam beigesetzt.Ali: Imam Shafiʿi: scholar and saint. 2011, S. 38.

Schüler Nach Ibn ʿAbd al-Barr gehörten zu asch-Schāfiʿīs Schülern in Mekka Abū Bakr al-Hamīdī (gest. 835) und Abū Ishāq al-Muttalibī.Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ fī faḍāʾil al-aʾimma aṯ-ṯalāṯa al-fuqahāʾ. 1932, S. 104–105. In Bagdad gehörten zu seinen Schülern az-Zaʿfarānī (gest. 874), al-Husain al-Karābīsī (gest. 862/63), Abū Thaur (gest. 854), Ahmad ibn Hanbal (gest. 855) und Abū ʿUbaid al-Qāsim ibn Sallām (gest. 838).Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ fī faḍāʾil al-aʾimma aṯ-ṯalāṯa al-fuqahāʾ. 1932, S. 105–107. Und die führenden Überlieferer seiner Lehre in Ägypten waren Harmala (gest. 857), Abū Yaʿqūb al-Buwaitī (gest. 846), al-Muzanī (gest. 877), Yūnus ibn ʿAbd al-Aʿlā (gest. 879), ar-Rabīʿ ibn Sulaimān al-Murādī (gest. 884) und ʿAbdallāh ibn ʿAbd al-Hakam, der Vater von Ibn ʿAbd al-Hakam.Ibn ʿAbd al-Barr: al-Intiqāʾ fī faḍāʾil al-aʾimma aṯ-ṯalāṯa al-fuqahāʾ. 1932, S. 109–113.

Werke Asch-Schāfiʿī hat 113 bis 140 Schriften verfasst, von denen 109 bei Ibn an-Nadīm aufgeführt werden.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 486.

ar-Risāla

ar-Risāla („Sendschreiben“) asch-Schāfiʿīs Hauptwerk zur islamischen Rechtstheorie. Er selbst nannte das Werk al-Kitāb. Der Titel „Sendschreiben“ bezieht sich darauf, dass asch-Schāfiʿī dieses Werk als Antwort auf Bitten des Traditionisten ʿAbd ar-Rahmān ibn Mahdī (st. 813) abfasste und ihm zuschickte.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 488. ʿAbd ar-Rahmān hatte ihn gebeten, ein Werk abzufassen, das sich mit rechtlichen Aussagen des Korans, den historischen Berichten, die sich auf sie beziehen, und der Beweiskraft des Idschmāʿ befasst und Klarheit über die abrogierenden und abrogrierten Aussagen von Koran und prophetischer Sunna schafft.Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 6. Das Buch gilt als das erste Werk zu den Usūl al-fiqh, allerdings kommt dieser Ausdruck an keiner Stelle des Werks vor.Makdisi: The Juridical Theology of Shâfiʿî. Origins and Significance of “Uṣūl al-fiqh”. 1984, S. 9.

Nach Lowry dreht sich asch-Schāfiʿīs Risāla vor allem um das juristisch-hermeneutische Konzept des bayān ("Erläuterung"). Nach diesem Konzept ist das islamische Gesetz grundsätzlich in Koran und Sunna enthalten, wobei sich die einzelnen rechtlichen Regeln auf fünferlei Art aus diesen Quellen ergeben: (1) aus dem Koran allein; (2) aus Koran und Sunna zusammen, wobei beide auf dasselbe hinauslaufen; (3) aus Koran und Sunna zusammen, wobei die Sunna den Koran erläutert; (4) aus der Sunna allein; (5) aus keiner der beiden Rechtsquellen. In letztgenanntem Fall ist eigene Urteilsbemühung (Idschtihād) erforderlich.Lowry: Early Islamic Legal Theory. The Risāla of Muḥammad ibn Idrīs al-Shāfiʿī. 2007, S. 23f.

Nach al-Baihaqī hat asch-Schāfiʿī zwei ar-Risāla betitelte Schriften verfasst, eine alte und eine neue.al-Baihaqī: Manāqib aš-Šāfiʿī. 1970. Fachr ad-Dīn ar-Rāzī gibt an, dass asch-Schāfiʿī seine Risāla in Bagdad abgefasst und dann nach seiner Übersiedlung nach Ägypten neu geschrieben habe.ar-Rāzī: Manāqib al-imām aš-Šāfiʿī. 1986, S. 157.

Kitāb al-Umm Beim Kitāb al-Umm („Das grundlegende Werk“) handelt es sich um eine Sammlung von Abhandlungen asch-Schāfiʿīs, die erst nach seinem Tode von Schülern besorgt und unter diesem Titel verbreitet wurde. Zwar nahm sein Schüler Rabīʿ ibn Sulaimān für sich in Anspruch, die Sammlung zusammengestellt zu haben, doch hatte er sie in Wirklichkeit von Yūsuf ibn Yahyā al-Buwaitī (gest. 845), einem anderen Schüler asch-Schāfiʿīs, übernommen.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 486f. Zu den Werken, die in ihm zusammengestellt wurden, gehören Iḫtilāf al-ʿIrāqīyīn, Iḫtilāf Mālik wa-š-Šāfiʿī, Ǧimāʿ al-ʿilm und Ibṭāl al-istiḥsān.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 487. Die moderne Druckausgabe umfasst sieben Bände. Sein Schüler al-Muzanī verfasste dazu einen Auszug (muḫtaṣar).

Iḫtilāf Mālik wa-š-Šāfiʿī Iḫtilāf Mālik wa-š-Šāfiʿī ist eine Widerlegung von Mālik ibn Anas, die in ihrer überlieferten Form das Werk eines Schülers von asch-Schāfiʿī ist. Nach dem Bericht al-Baihaqīs, der sich auf ein Werk des basrischen Traditionariers Zakarīyā ibn Yahyā as-Sādschī (gest. 920) stützt, war der Grund für die Abfassung des Werks, dass asch-Schāfiʿī gehört hatte, dass es in al-Andalus eine Kappe Māliks gab, die von den Muslimen für das Regengebet verwendet wurde. Außerdem hätten die Malikiten den Aussagen Māliks höhere Autorität zugesprochen als den Aussagen des Gottesgesandten. Demgegenüber betonte asch-Schāfiʿī die Fehlbarkeit Māliks. Die von asch-Schāfiʿī abgelehnte übermäßige Verehrung Māliks durch seine Anhänger habe ihn schließlich veranlasst, dieses Buch gegen Mālik zu schreiben.al-Baihaqī: Manāqib aš-Šāfiʿī. 1970, S. 508f. Die Malikiten nahmen ihm die Abfassung des Werks sehr übel.

Andere Schriften Kitāb Iḫtilāf al-ḥadīṯ („Buch über das Widersprüchliche im Hadith“). Das Werk ist am Rande des Kitāb al-Umm abgedruckt worden. Ǧimāʿ al-ʿilm („Sammlung des Wissens“) ist eine kurze Abhandlung zum Nachweis der Notwendigkeit, Hadith als Rechtsquelle zu akzeptieren. Daneben behandelt sie auch Idschtihād und Idschmāʿ.Ali: Imam Shafiʿi: scholar and saint. 2011, S. 52. Aḥkām al-Qurʾān, Buch zur juristischen Koraninterpretation asch-Schāfiʿīs, von al-Baihaqī (gest. 1066) zusammengestellt.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 489. Musnad, eine Sammlung von Traditionen, die von Abū l-ʿAbbās Muhammad ibn Yaʿqūb al-Asamm (gest. 861) aus verschiedenen Schriften asch-Schāfiʿīs zusammengestellt wurde und später mehrfach kommentiert wurde.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 488f.