Ein Gleichnis ist eine literarische und rhetorische Form bildhafter Darstellung, die einen Sachverhalt oder Gedanken durch den Vergleich mit einem anderen Vorstellungsbereich veranschaulicht oder deutet. Es kann als ausgeführter Vergleich oder als kurze Erzählung gestaltet sein. Kennzeichnend ist die Beziehung zwischen dem dargestellten Bild oder Geschehen und der damit gemeinten Bedeutung.
Gleichnisse finden sich in der Dichtung, der Philosophie und in religiösen Texten. Neben der Veranschaulichung und Belehrung können sie der poetischen Gestaltung dienen und zur Deutung und Reflexion anregen. Der Begriff überschneidet sich mit verwandten Formen wie der Parabel; seine Verwendung und die Abgrenzung gegenüber anderen Formen bildhafter Rede variieren je nach historischem und fachlichem Zusammenhang.
Literarische Form und Funktion Gleichnisse treten sowohl als ausgeführte Vergleiche innerhalb größerer Werke als auch als selbständige Erzählungen auf. Ihre Funktionen sind nicht auf Belehrung und die Veranschaulichung abstrakter Sachverhalte beschränkt: Sie können auch der poetischen Gestaltung dienen, neue Deutungszusammenhänge eröffnen und zur Reflexion anregen. Die Bezeichnung wird in der Literaturgeschichte und der Poetik unterschiedlich verwendet und überschneidet sich mit verwandten Begriffen wie Parabel, Allegorie und Fabel.Christian Weber: Gleichnis (Analogy, Likeness, Parable, Simile). In: Goethe-Lexicon of Philosophical Concepts., University of Pittsburgh 2022.
Für die Analyse wird häufig zwischen Bildebene und Sachebene unterschieden. Die Bildebene umfasst das zum Vergleich herangezogene Bild oder Geschehen, die Sachebene den dadurch veranschaulichten oder gedeuteten Gegenstand. Der gemeinsame Vergleichsgesichtspunkt wird als tertium comparationis bezeichnet. Ein ausgeführtes Gleichnis kann mehrere Entsprechungen zwischen den beiden Bereichen entfalten und ist daher nicht notwendig auf einen einzelnen Vergleichspunkt beschränkt.Uwe Spörl: Vergleich. In: LiGo – Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe online, Abschnitt „Rhetorik/Stilistik“.
Die Abgrenzung zur Parabel hängt vom jeweiligen Begriffsgebrauch ab. Während ein ausdrücklich formulierter Vergleich seine beiden Bereiche unmittelbar aufeinander bezieht, etwa durch die Wendung „wie …, so …“, kann eine gleichnishafte Erzählung die Übertragung auf einen anderen Bedeutungszusammenhang der Deutung überlassen. Im weiteren Begriffsgebrauch umfasst die Bezeichnung Gleichnis auch parabolische Erzählungen; Gleichnis und Parabel bilden daher keine durchgängig voneinander getrennten Kategorien.
Eine besondere Ausprägung ist das epische Gleichnis, wie es sich in der Ilias und der Odyssee findet. Die homerischen Gleichnisse setzen Vorgänge der epischen Handlung mit Szenen aus der Natur und dem Alltagsleben in Beziehung und gestalten diese Vergleiche häufig zu ausführlichen Bildszenen aus. Über die Veranschaulichung hinaus können sie den Fortgang der Erzählung verzögern, Spannung erzeugen und zur Charakterisierung von Figuren sowie zur Deutung des Geschehens beitragen.Claudia Schindler: Untersuchungen zu den Gleichnissen im römischen Lehrgedicht. Lucrez – Vergil – Manilius. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, S. 40–47.
In der Poetik des 18. Jahrhunderts wird das Verhältnis von bildhafter Darstellung und vermittelter Bedeutung insbesondere im Zusammenhang mit verwandten Erzählformen erörtert. Lessing beschreibt in seinen Abhandlungen über die Fabel die Fabel als eine erfundene Geschichte, in der ein allgemeiner moralischer Satz an einem besonderen Fall anschaulich erkannt wird.Gotthold Ephraim Lessing: Abhandlungen über die Fabel. I: Von dem Wesen der Fabel. Herder hebt in seiner Bestimmung der Parabel deren verhüllende Funktion hervor: Sie diene „mehr zu Einkleidung und Verhüllung einer Lehre, als zu ihrer Enthüllung“.Johann Gottfried Herder: Ueber die vorstehenden Parabeln und die nachfolgenden Gespräche. In: Zerstreute Blätter. Fünfte Sammlung. Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, S. 77–94.
Abgrenzung von anderen Textsorten Bei der formgeschichtlichen Analyse von Bibeltexten versuchte man, Gleichnisse nach unterschiedlichen Kategorien (Textsorten wie Gleichnis, Parabel, Bildwort, Vergleich …) einzuteilen. Joachim Jeremias hält diese Unterscheidung für „ein unfruchtbares Bemühen“.Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen 1970, S. 16.
Oft wird der Unterschied zwischen Gleichnis und Parabel betont: Das Gleichnis sei kurz, ohne selbständige Handlung, mit Deutung; die Parabel sei lang, mit selbständiger Handlung, ohne Deutung. Die Sinnhaftigkeit dieser Unterscheidung wird bestritten. Sie ließe sich nicht konsequent durchführen und solle aufgegeben werden, da die Übergänge fließend seien und in der Literatur der Begriff Gleichnis oft synonym für Parabel, Abbild, Bild, Beispielerzählung und sogar für Fabel und Metapher benutzt werde. Die Differenzierung zwinge dem Textbefund eine „sachfremde Logik“ auf. Ruben Zimmermann plädiert deshalb dafür, als Gattungsbegriff nur noch „Parabel“ zu benutzen.Ruben Zimmermann: Das neue „Kompendium der Gleichnisse Jesu“. In: Bibel und Kirche. Katholisches Bibelwerk Stuttgart, 2/2008, S. 95.
Der Maschal in der Hebräischen Bibel
Die Textgattung, die mit dem Begriff plural hebräisch meschalim, altgriechisch παραβολήOtto Eissfeldt: Der Maschal im Alten Testament. Eine wortgeschichtliche Untersuchung nebst einer literargeschichtlichen Untersuchung der genannten Gattungen „Volkssprichwort“ und „Spottlied“. De Gruyter, 1913, 1. Reprint 2012, ISBN 978-3-11-098356-2. umschrieben wird, steht in der hebräischen Bibel für einen im engeren Sinne „weisheitlichen Spruch“, der sich in unterschiedlichen Textsorten zeigt, so unter anderen und im Wesentlichen in: einem Sprichwort, einem Rätselspruch, einem Weisheitsspruch.Michael Weigl: Weisheitliche Gattungen. Erstellt: März 2013, Deutsche Bibelgesellschaft, auf bibelwissenschaft.de hier „1. Der Spruch“ Anders ausgedrückt: Ein religiös-theologischer Zusammenhang wird in die Erfahrungswelt der Menschen transformiert.Susanne Galley, Katharina Hoba, Anja Kurths, Helga Völkening: Die Hebräische Bibel. Ein Einführung. be.bra wissenschaft, Berlin 20004, ISBN 3-937233-06-7, S. 51 Dabei umfasst das Wortfeld im Hebräischen sehr viel mehr als die oben benannten Kategorien; so werden allgemein das bildliche Reden jedweder Ausformung, als Gleichnis, Vergleich, Allegorie, Fabel, Sprichwort, Rätselwort, Deckname, Symbol, fingierte Gestalt, apokalyptische Offenbarungsrede, Einwand, Witz u. a. m., dazugezählt.Max Weber, Marianne Weber (Hrsg.): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie III. 8. Auflage, Mohr Siebeck UTB, Tübingen 1988, ISBN 978-3-8252-1490-6, S. 209–210 In der rabbinischen Literatur konstituiert sich ein „maschal“ fast immer aus zwei Teilen: der „maschal“ als eine fiktive Handlung beginnt mit einem Vergleich, mit dem Vergleich wird der Übergang zum , zu einer zitierten Bibelstelle, als Schriftbeweis vorbereitet. Diese Schriftstelle ist sowohl der Grund für das Gleichnis als auch sein Höhepunkt. Entsprechend stellt sich in der rabbinischen Literatur die Gliederung der Gleichnisse in ein „Maschal“ (als die Bildebene) und ein „Nimschal“ (als die Offenbarungsebene aus dem Tanach) dar.Clemens Thoma, Simon Lauer: Die Gleichnisse der Rabbinen. Erster Teil und zweiter Teil, Judaica et Christiana Band 10. Peter Lang Verlag, Bern 1986. Buchbesprechung von Olivia Franz-Klauser, in Freiburger Rundbrief, Zeitschrift für jüdisch-christlichen Begegnung, Jahrgang 6/1999 S. 301, auf freiburger-rundbrief.de In der rabbinischen Literatur werden von den Autoren oft mehrere „meschalim“ hintereinander in eine Argumentationskette gehängt, die dann zu neuen Schlussfolgerungen führen können.Harold W. Attridge, Adela Yarbro Collins (Hrsg.): A Commentary (Hermeneia). Fortress Press, Minneapolis 2007, ISBN 978-0-8006-6078-9, S. 240 f
Gleichnisse im Neuen Testament
Gleichnisse Jesu findet man in den Schriften der Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas. Das Evangelium nach Johannes kennt – trotz seiner bildreichen Sprache – Gleichnisse in der Form, wie sie bei den anderen drei Evangelisten vorkommen, nicht; auch nach den Einteilungskriterien lassen sich keine finden. Einige Wissenschaftler wie Albert Schweitzer sehen in den „Ich-bin-Worten“ eine Art von Gleichnis oder übersetzen die παροιμία (vgl. zum Beispiel ) mit Gleichnis. Einen neueren eigenständigen Ansatz verfolgt Ruben Zimmermann, der auch im Johannesevangelium Parabeln erkennt.Ruben Zimmermann: Are there Parables in John? It is time to Revisit the Question. In: Journal for the Study of the Historical Jesus. 9, 2011, S. 243–276.
Außerhalb des Neuen Testaments finden sich Gleichnisse auch in anderen frühchristlichen Schriften wie den Nag-Hammadi-Schriften, insbesondere im Thomasevangelium.
Ein kurzer Abriss aus der Forschungsgeschichte Ein wichtiges Werk in der Geschichte der christlichen Gleichnisauslegung wurde von dem evangelischen Neutestamentler und Kirchenhistoriker Adolf Jülicher vorgelegt. Ausgehend von der Rhetorik des Aristoteles (II,20) und dem hebräischen Begriff מָשָׁל (maschal – „kurze Parabel“) unterscheidet er die Gleichnisse Jesu nach Gleichnis im engeren Sinne, Gleichniserzählung/Parabel, Beispielerzählung (insgesamt nur viermal im Neuen Testament vorhanden, im Evangelium nach Lukas) und Allegorie. Die Allegorie lehnt er für Jesus aufgrund seines Jesusbildes, dass er ein einfacher Mann vom Lande gewesen sei, ab. Die allegorische Deutung müsse deshalb verworfen werden, obwohl sie in den Evangelien vorkommt, vgl. zum Beispiel und die Paralleltexte bei Matthäus und Lukas. Die Evangelisten hätten eben schon geirrt, so Jülicher.
Bei der Gleichnisauslegung muss nach Jülicher zwischen „Bild“ und „Sache“ unterschieden werden, die in der Pointe des Vergleichs zusammenlaufen (auch tertium comparationis genannt); diese Ansicht vertritt gegenwärtig kein Theologe mehr (siehe unten).
Die historische Einordnung der Gleichnisse Jesu waren Charles Harold Dodd (Schlagwort: realized eschatology) und Joachim Jeremias (Schlagwort: ipsissima vox, das heißt die ursprünglichen Worte Jesu) wichtig. Auf der Suche nach der ursprünglichen Form der Gleichnisse formulierte Jeremias zehn Umformungsgesetze.
Mitte der 1960er Jahre knüpfte die Theologie an andere (Fach-)Bereiche an; dadurch wurde die Auslegung erheblich erweitert.
Durch die Literaturwissenschaft wurden die Metapher („Gleichnisse als erweiterte Metaphern“) und durch Hans-Josef Klauck die Allegorie aufgewertet. Wichtige Vertreter sind Eberhard Jüngel, Hans Weder, Wolfgang Harnisch und Paul Ricœur. Eta Linnemann und Dan Otto Via sahen die Gleichnisse als „Sprachereignis“ an, wobei vor allem bei Linnemann der Redeanlass und die Redesituation berücksichtigt werden müssen: Wer hörte zu? Wen und was wollte Jesus erreichen? Via bezeichnete die Gleichnisse zudem als „ästhetisch autonome Kunstwerke“. Dadurch ergab sich, dass jede Engführung der Gleichnisauslegung, erst recht auf das alte tertium comparationis, obsolet wurde und Bild- und Sachhälfte wieder in ihrer Ganzheit für die Gleichnisauslegung interessant wurden (weitere Ergebnisse siehe unten).