mini|Geschichte des Automobils durch Fahrzeuggestaltung: Automobildesigner der American Motors Corporation (AMC) 1961
Automobildesign ist eine Fachrichtung des Industriedesigns, die sich mit der Gestaltung des Äußeren (Exterieur) und des Innenraumes (Interieur) von Kraftfahrzeugen beschäftigt.
Automobildesigner müssen drei Erwartungen erfüllen: Sie müssen für die Technik eine funktionale, ergonomische und ästhetische Form finden. Diese soll die Markenwerte des Unternehmens wie beispielsweise Sportlichkeit, Komfort oder Technologie versinnbildlichen. Das Design soll Emotionen wecken und auf diese Weise Interessenten zu Käufern machen.Wolf-Heinrich Hucho: Design und Aerodynamik – Wechselspiel zwischen Kunst und Physik, in: Ralf Kieselbach (Hrsg.): The drive to design, Geschichte, Ausbildung und Perspektiven im Autodesign, Stuttgart 1998, S. 188 Beim Kauf eines Autos ist das Fahrzeugdesign heute eines der wichtigsten Entscheidungskriterien.
Designobjekt Modernes Automobildesign Das Auto wurde ab Mitte der 1930er Jahre nicht mehr ausschließlich als technisches Gerät, sondern auch als Designobjekt betrachtet.Paolo Tumminelli: Car Design Europe, Myths, Brands, People, Kempen 2011, S. 4 In dieser Zeit verbanden sich zwei Entwicklungen: in Europa, vor allem in Deutschland, führten Versuche über die Stromlinie zu einem neuen Verständnis für das Automobildesign. In den Vereinigten Staaten bildete sich – getrieben durch die Aktivitäten von Raymond Loewy – das neue Berufsbild des Industrial Designers heraus, der der Vision des Streamline folgte und dieses Prinzip auf die Automobilgestaltung übertrug.Bernd Polster, Phil Patton: Autodesign International, Marken, Modelle und ihre Macher, Köln 2010, S. 13f Beides führte zum Automobildesign.Paolo Tumminelli: Car Design Europe, Myths, Brands, People, Kempen 2011, S. 24
Als Startpunkt für das moderne Autodesign gilt das Jahr 1927. Alfred P. Sloan, der Vorstandsvorsitzende von General Motors, richtete damals die erste Design-Abteilung eines Automobilunternehmens ein. Zum ersten Leiter der sogenannten Art and Color Section berief er Harley Earl.Ralf Kieselbach: Kulturgeschichte des Autodesigns von den Anfängen bis in die 70er Jahre; in: Ralf Kieselbach (Hrsg.): The drive to design, Geschichte, Ausbildung und Perspektiven im Autodesign, Stuttgart 1998, S. 30. Sloan und Earl begannen mit jährlichen Modeschauen neuer Fahrzeugmodelle und schufen damit Designtrends.Bernd Polster, Phil Patton: Autodesign International, Marken, Modelle und ihre Macher, Köln 2010, S. 13f Das Automobil wurde „zum sozialen Wesen mit eigener Identität“.Paolo Tumminelli: Car Design Europe, Myths, Brands, People, Kempen 2011, S. 4
Styling und Design mini|links|Industriedesign: Fiat Panda, Haushaltsgerät auf Rädern mini|Styling: Mercedes-Benz-Heckflosse, eine modische Übertreibung
Bis in die 1960er Jahre lag der Schwerpunkt der Autodesigner auf der Stilistik, das heißt auf der ästhetischen Verkleidung der ingenieurstechnisch definierten Grundform. Patrick le Quément, Designdirektor bei Renault, verglich in den 1980er Jahren Styling mit „der Kunst, einen Buckel einzukleiden“.zitiert nach George Mason: Patrick le Quément, Renault Design (Car Men 6), Mailand 2000, S. 51
Ein typisches Beispiel für Styling waren die Heckflossen an den Automobilen der 1950er Jahre. Zu diesem „wahnsinnigen Modegag“Rob de la Rive Box: Cadillac, Der amerikanische Traumwagen, Wien 1993, S. 20 soll Harley Earl, Chefdesigner bei General Motors, 1941 durch einen Lightning-Jagdbomber inspiriert worden sein. Die Flossen wurden 1948 in Serie eingeführt und erreichten 1959 ihre größte Dimension beim Cadillac Sixty Special. Die Heckflossenmode wurde auf der ganzen Welt nachgeahmt. Selbst eine so konservative Marke wie Mercedes-Benz entzog sich dem nicht.Odo Klose: Autoform, das Auto in Design, Kunst und Unterricht, Stuttgart 1984, S. 40ff. Der spätere Mercedes-Designdirektor Bruno Sacco nannte sie rückblickend eine Übertreibung. Andere Designmoden waren Dagmar Bumpers, Knudsen-Nase und Coke-Bottle-Linie.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Automobildesign als formschöpfende Aufgabe emanzipiert; die Designer müssen bei ihrer Arbeit auch Ergonomie, Ökologie, Aerodynamik, Kosten und weitere Aspekte berücksichtigen.Prof. James Kelly, Leiter Transportationdesign FH Pforzheim, in: Ralf Kieselbach (Hrsg.): The drive to design, Geschichte, Ausbildung und Perspektiven im Autodesign, Stuttgart 1998, S. 104f Organisatorisch lösten sich die Designbereiche aus dem Engineering und der Designdirektor rückte oft in die Vorstandsetage auf. Gleichzeitig nahmen die Designer Einfluss auf das Lastenheft eines neuen Automobilprojektes und übernahmen eine aktive, einflussreiche Rolle im gesamten Produktdesignprozess.George Mason: Patrick le Quément, Renault Design (Car Men 6), Mailand 2000, S. 50f Designer handeln in ihrem Selbstverständnis auch als Ingenieure.
Ein bemerkenswertes Produkt des Industriedesigns ist der 1980 vorgestellte Fiat Panda des Designers Giorgetto Giugiaro. Zur Entwicklung des Panda hatte das Designteam zwei Vorgaben: begrenzte Kosten und geringes Gewicht. Gleichzeitig sollte das Fahrzeug so groß wie möglich werden. Die Designer bearbeiteten daher die Gesamtform des Fahrzeugs und entwickelten jedes Detail einschließlich Sitzen und Aschenbecher. Giugiaro nannte das Ergebnis „Haushaltsgerät auf Rädern“.
Design-Prozess Phasen im Design-Prozess Design gilt als schwieriger Teil der Fahrzeugentwicklung; der Designer muss rund 12 Jahre in die Zukunft denken: vier Jahre Entwicklungszeit und rund acht Jahre Produktionsdauer.Wolf-Heinrich Hucho: Design und Aerodynamik – Wechselspiel zwischen Kunst und Physik, in: Ralf Kieselbach (Hrsg.): The drive to design, Geschichte, Ausbildung und Perspektiven im Autodesign, Stuttgart 1998, S. 188. Die Anstrengungen, eine Form für ein Automobil zu finden, lassen sich vereinfacht in vier Phasen unterteilen:Phasen-Struktur nach Wolf-Heinrich Hucho: Design und Aerodynamik – Wechselspiel zwischen Kunst und Physik; in: Ralf Kieselbach (Hrsg.): The drive to design, Geschichte, Ausbildung und Perspektiven im Autodesign, Stuttgart 1998, S. 191ff.
In einer ersten Phase werden meist mehrere Designer gebeten, ihre Ideen in zeichnerischen Entwürfen anzufertigen. Diese Skizzen sind oft überhöht, weil sie bestimmte Eigenschaften des künftigen Autos besonders betonen. Für eine Auswahl der Entwürfe werden Bildsynthesen oder Renderings erstellt. Es handelt sich um Seitenansichten, bevorzugt in natürlicher Größe, die sich in farbiger Darstellung um eine angemessen proportionale Visualisierung bemühen.
In der dritten Phase werden von den selektierten Renderings dreidimensionale Modelle erstellt. Dazu erstellen die Designabteilungen Tonmodelle aus Clay in unterschiedlichen Maßstäben, bevorzugt in Originalgröße. Erst am räumlichen Körper werden die formalen Details ausgearbeitet. Das Ton-Modell gibt bereits einen guten räumlichen Eindruck der Autoform. Allerdings fehlt die Illusion von Fenstern und Lack. Daher wird schließlich viertens eine Attrappe des künftigen Automobils, das sogenannte Mock-up, gebaut. Im Gegensatz zum Prototyp ist der Mock-up technisch nicht funktionsfähig. Er lässt sich allerdings leicht und intuitiv mit existierenden Fahrzeugen vergleichen und wird daher auch zu vertraulichen Publikumstests, den sogenannten Car Clinics, genutzt.
Historie des Design-Prozesses In den frühen Jahren der Automobilherstellung war die Gestaltung des Automobilaufbaus eine Aufgabe der spezialisierten Karosseriebauerwerkstätten. Harley Earl, langjähriger Design-Chef von General Motors, gilt als derjenige Designer, der diese Gestaltungsaufgabe seit dem Ende der 1920er Jahre in das Zentrum der Automobilentwicklung holte und damit die Basis für das Automobildesign legte. Earl wird auch zugeschrieben, das Ton-Modell für die Gestaltung neuer Entwürfe erfunden zu haben.Larry Edsall: Triumphe des Automobil-Designs, Von Darrins Rolls-Royce Phantom zu Fiskers BMW Z8, Wiesbaden 2008, S. 198 In jedem Falle schuf Earl mit dem integrierten Autodesign bei General Motors die Grundform des bis heute gültigen Designprozesses. Er legte fest, dass die Zeichnung in über Holzformen gebaute Tonmodelle übersetzt werden sollten; so konnten Designer und Geschäftsführung die Wirkung des Fahrzeugs besser bewerten und die Fertigungsingenieure die Formen leichter in Metall und Produktion übertragen.Larry Edsall: Triumphe des Automobil-Designs, Von Darrins Rolls-Royce Phantom zu Fiskers BMW Z8, Wiesbaden 2008, S. 202
Der Aufwand, den Unternehmen betrieben, um eine neue Automobilform zu finden, schwankte beträchtlich. Claus Luthe, Chefdesigner bei NSU und später bei BMW ist nach eigenen Angaben in den 1960er Jahren bei der Entwicklung der revolutionären Form des NSU Ro 80 mit nur einem Tonmodell und einem Holzmodell ausgekommen. Dagegen waren an der bereits 1976 begonnenen Entwicklung der ebenfalls als neuartig empfundenen Karosserieform für den Ford Sierra die vier Ford-Designstudios in Köln, Ghia in Turin, Dunton (Vereinigtes Königreich) und Detroit (USA) mit Entwürfen beteiligt, die für den Entscheidungsprozess mehr als 15 Designmodelle herstellten. Gleichzeitig wurden eigene Modelle für gesonderte Aerodynamik-Tests geschaffen.Odo Klose: Autoform, das Auto in Design, Kunst und Unterricht, Stuttgart 1984, S. 72ff
Heute wird der Design-Prozess im Computer durchlaufen. Die zeichnerischen Entwürfe, die Einbindung der technischen Konstruktion sowie die lebensechte dreidimensionale Abbildung des Modells erfolgen in elektronischer Form. Die Designstudios können die Entwürfe als bewegte Modelle in realitätsnahe Filme einbinden. Dennoch wird auf ein dreidimensionales Tonmodell und eine anfassbare Attrappe nicht verzichtet.Wolf-Heinrich Hucho: Design und Aerodynamik – Wechselspiel zwischen Kunst und Physik; in: Ralf Kieselbach (Hrsg.): The drive to design, Geschichte, Ausbildung und Perspektiven im Autodesign, Stuttgart 1998, S. 193
Designtrends Das Automobildesign ist in parallele Stilrichtungen aufgefächert, so dass eine Kennzeichnung nach seriellen Stilphasen nicht sinnvoll ist.Hartmut Seeger: Basiswissen Transportation Design, Wiesbaden 2014, S. 6 ff. Zur Unterscheidung der wesentlichen Designtrends sind zuletzt fünf Kategorien vorgeschlagen worden, die das Automobildesign zwischen den 1930er Jahren und der Gegenwart durchlaufen hat:nach Paolo Tumminelli: Car Design Europe, Myths, Brands, People, Kempen 2011, S. 12 f. Aeroform (ab den 1930er Jahren) Muschelform (seit Mitte der 1940er Jahre) Dominanz der Linie (seit Ende der 1950er Jahre) Box-Design (seit Anfang der 1970er Jahre) Ausprägung als Formkörper (seit Mitte der 1990er Jahre).
Aeroformen (ab den 1930er Jahren) Stromlinie