Eine Weiterentwicklung der Theorie der sozialen Identität stellt die von Turner, Hogg, Oakes, Reicher und Wetherell (1987) vorgestellte Selbstkategorisierungs-Theorie dar. Sie wurde 1987 unter dem Titel „Rediscovering the social group. A Self-Categorization Theory“ veröffentlicht. Turner et al. verstehen diese Theorie nicht als einen Ersatz für die Theorie der sozialen Identität, sondern als eine allgemeinere Theorie, die die Theorie der sozialen Identität mit einschließt. Das Ziel der Selbst-Kategorisierungstheorie ist nicht, ein bestimmtes Verhalten zwischen Gruppen zu erklären, sondern die kognitiven Voraussetzungen und Mechanismen zu beschreiben, die es den Menschen überhaupt erst ermöglichen, besondere Verhaltensweisen als Gruppenmitglieder zu zeigen.

Die Grundvoraussetzungen der Selbst-Kategorisierungstheorie Selbstkonzept Ein wichtiger Begriff der Selbst-Kategorisierungstheorie ist das Selbstkonzept, das definiert werden kann als „ein Set von einer Person zugänglichen kognitiven Repräsentationen des Selbst“ (Turner et al., 1987, 44). Das Selbstkonzept besteht aus verschiedenen Komponenten, die je nach Situation salient werden. Es ist beispielsweise denkbar, dass jemand die beiden Selbstkonzepte von sich hat, dass er ein guter Schachspieler, aber ein schlechter Fußballspieler ist. Auf einem Schachturnier wird das Selbstkonzept, das diese Person bezüglich ihrer Fähigkeiten Fußball zu spielen hat, verständlicherweise nicht so in den Vordergrund treten wie das Konzept über die Fähigkeiten, Schach zu spielen.

Hierarchische Organisation von Kategorisierungen Eine weitere Voraussetzung, von der Turner et al. (1987) ausgehen, ist die, dass die oben angesprochenen kognitiven Repräsentationen in Form von Kategorisierungen organisiert sind, die sich aus Ähnlichkeiten innerhalb einer Klasse und Unterschieden zwischen den Klassen ableiten. Diese Selbst-Kategorisierungen sind als ein hierarchisches System aufgebaut, wie es Rosch (1978) beschrieben hat. Dieses System ähnelt einer Pyramide insofern, als eine Kategorie, die in der Hierarchie ganz oben steht, mehrere untergeordnete Kategorien mit einschließt, aber niemals durch eine einzige untergeordnete Kategorie vollständig beschrieben werden kann. Ein bestimmter Hund könnte beispielsweise Teil der Kategorie Pekinese sein, während ein anderer Hund Teil der Kategorie Schäferhund sein könnte. Auf dem nächsten Level könnten Pekinesen Teil der Kategorie „kleine Hunde“ sein, während Schäferhunde zu den „großen Hunden“ zählen könnten. Beide gehören jedoch der Kategorie „Hund“ an. Dieser Kategorie können sie zugeordnet werden über Merkmale, die sie beide aufweisen (sie bellen möglicherweise beide, sie stammen beide vom Wolf ab usw.) und über Unterschiede, beispielsweise zu einer Katze, die eindeutig nicht zu der Kategorie „Hund“ zu zählen ist. Weder der Schäferhund noch der Pekinese geben beispielsweise Geräusche von sich, die mit „Miau“ beschrieben werden könnten; weder Pekinese noch Schäferhund haben die Angewohnheit, tote Tiere mit nach Hause zu bringen usw.

Bezüglich des Selbstkonzeptes setzt Turner drei Ebenen an Selbst-Kategorisierungen voraus. Die oberste Ebene ist das Konzept von einem selbst als menschlichem Wesen im Gegensatz zu Tieren oder Pflanzen. Die mittlere, die „soziale“ Ebene ist die der In-group– Out-group-Kategorisierungen. Auf dieser Ebene ordnet man sich als Mitglied bestimmter Gruppen ein, indem man nach Ähnlichkeiten zu bestimmten Gruppen sucht oder Unterscheidungen zu Mitgliedern anderer Gruppen trifft. Die unterste Ebene, die Turner beschreibt, ist die „individuelle Ebene“. Diese Ebene basiert auf Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen einem selbst und anderen In-group-Mitgliedern.

Beispiel Ein Beispiel soll dieses System verdeutlichen: Herr Meier sieht sich beispielsweise als menschliches Wesen an und unterscheidet sich daher eindeutig von einem Pferd. Herr Meier lebt in einer deutschen Kleinstadt, ist Mitglied im Kaninchenzüchterverein und Angestellter bei einer Bank. Der Kaninchenzüchterverein trifft sich meist in geselliger Runde, es wird meist viel getrunken und gelacht – Herr Meier sieht sich selbst also als einen geselligen Menschen an und unterscheidet sich somit (in seinen Augen) signifikant von einem Mitglied des örtlichen Lesekreises. Am Arbeitsplatz ist Herr Meier sehr ordentlich und gewissenhaft, was ihn, in seinen Augen, von jemandem unterscheidet, der der Berufsgruppe der Künstler angehört. Ein Kollege von Herrn Meier, der ebenfalls Bankangestellter ist, hat eine Familie und ist glücklich verheiratet. Herr Meier dagegen hat trotz großer Anstrengungen noch keine passende Frau gefunden, was ihn bisweilen sehr melancholisch werden lässt. Hierin unterscheidet sich Herr Meier individuell von seinem Kollegen.

Der Metakontrast-Wert Eine weitere Voraussetzung der Theorie ist die, dass eine Kategorisierung auf Grund von Vergleichen zwischen Stimuli stattfindet, die beide Teil der nächsthöheren Ebene des oben angesprochenen hierarchischen Systems sind. Das heißt, dass Kategorisierungen und Vergleiche einander bedingen. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Die Bildung einer Kategorie folgt dem so genannten Prinzip des Metakontrastes. Das bedeutet, dass eine Ansammlung von Stimuli so zu einer Einheit kategorisiert wird, dass die Unterschiede auf einer relevanten Vergleichsdimension zwischen ihnen minimal und die Unterschiede zu anderen Stimuli maximal sind. Daraus folgt direkt der Metakontrast-Wert, den Turner folgendermaßen definiert: Der MCR (meta contrast ratio) ist gleich dem wahrgenommenen Unterschied zwischen den Mitgliedern einer Kategorie und anderen Stimuli, geteilt durch den wahrgenommenen Unterschied innerhalb der Mitglieder einer Kategorie.

Diesen Metakontrast-Wert kann man nun für jedes Mitglied einer Kategorie errechnen. Das Mitglied der Kategorie, dessen MCR am höchsten ist, ist laut Turner et al. auch das prototypischste Mitglied der Kategorie. Es folgt logischerweise, dass die Prototypikalität eines Mitglieds einer Kategorie ein dynamischer Wert ist, der von der Vergleichskategorie abhängt. Beispielsweise könnte jemand, der eine Gruppe Deutscher mit Franzosen vergleicht zu einem anderen Ergebnis bezüglich des prototypischsten Deutschen kommen, als jemand, der eine Gruppe Deutscher mit einer Gruppe Engländer vergleicht. Daher wird auch von der relativen Prototypikalität eines Gruppenmitglieds gesprochen. Dies steht Roschs (1978) Auffassung entgegen, dass eine Kategorie durch ihr prototypischstes Mitglied definiert wird, da laut Turner die Prototypikalität eines Kategorienmitglieds in einer wechselseitigen Beziehung zur Kategorie selbst steht. Eine weitere logische Schlussfolgerung wäre die, dass eine Umkategorisierung erfolgt, wenn der MCR kleiner als 1 ist. Allerdings äußern sich Turner et al. (1987, 47ff.) nicht zu diesem Fall.

Eine Bedingung für einen Vergleich ist, dass beide Stimuli auf einer abstrakteren Ebene einander ähnlich sind. Idealerweise erfolgt dieser Vergleich auf der am wenigsten abstrakten Ebene, die gerade noch beide Stimuli mit einschließt. Paradoxerweise folgt daraus, dass ein Unterschied zwischen zwei Stimuli nur festgestellt werden kann, wenn sie sich auf einer abstrakteren Ebene ähneln. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Hund und Katzen können auf der Ebene „Haustiere“ miteinander verglichen werden, sie ähneln sich also auf dieser Ebene. Ein Vergleich auf der Ebene „Lebewesen“ wäre zwar ebenfalls möglich, aber wenig sinnvoll, da diese Ebene zu abstrakt ist. Ein Vergleich auf der Ebene „Caniden“ wäre dagegen nicht möglich, da die Katze von dieser Kategorie nicht mit eingeschlossen wird.

Auf Selbst-Kategorisierungen angewendet bedeutet dies, dass ein Vergleich zweier Individuen auf der nächsthöheren Ebene des oben dargestellten hierarchischen Systems stattfindet und daher ein Vergleich innerhalb von Gruppen ist. Ein Vergleich zwischen Gruppen ist daher ein Vergleich innerhalb der Ebene „menschliches Wesen“ usf.

Die Salienz einer Selbst-Kategorie variiert mit dem Bezugsrahmen, das heißt die individuellen Selbst-Kategorien werden salient, wenn Vergleiche nur innerhalb der eigenen Gruppe stattfinden. Die sozialen Selbst-Kategorien werden salient, wenn Vergleiche nur innerhalb der Ebene „menschliches Wesen“ stattfinden und die Selbst-Kategorien bezüglich der Vorstellungen von einem selbst als menschlichem Wesen werden wiederum salient, wenn Vergleiche zwischen Lebensformen stattfinden.

Einige Hypothesen der Selbst-Kategorisierungstheorie Aus den oben genannten und weiteren Voraussetzungen leiten Turner et al. (1987) eine Vielzahl an Hypothesen bezüglich der Bildung und Funktion von Gruppen und deren Phänomenen ab. Hier sollen nur einige ausgesuchte dargestellt werden.

Beziehung zwischen individualer und sozialer Ebene Die erste von Turner et al. (1987) dargestellte Hypothese ist im Prinzip äquivalent dem ersten Kontinuum der Theorie der sozialen Identität. Tajfel und Turner (1986) unterscheiden zwischen intergruppalem und individuellem Verhalten, Turner et al. sagen eine inverse Beziehung zwischen der individuellen (der untersten) Ebene und der sozialen (der mittleren) Ebene der Selbst-Kategorisierung voraus, mit dem Unterschied, dass Turner et al. sich schon auf die Wahrnehmung und nicht nur auf das Verhalten beziehen. Das bedeutet, dass sich Personen, je nach Situation entweder in erster Linie als Mitglied einer bestimmten Gruppe, oder aber als individuelle Person kategorisieren. Situationen, in denen die Mitgliedschaft einer Gruppe salient wird, reduzieren die Wahrnehmung interindividueller Unterschiede innerhalb der Gruppe und umgekehrt.

Depersonalisation Eine weitere Hypothese besagt, dass Faktoren, die die Salienz der Vergleichsdimension auf der In-group– Out-group-Ebene erhöhen, dazu führen, dass die Wahrnehmung der Ähnlichkeit mit den In-group-Mitgliedern erhöht wird. So wird die individuelle Selbst-Wahrnehmung depersonalisiert, das heißt es wird auf Stereotype zurückgegriffen, die den Charakter der in-group Mitgliedschaft beschreiben. Diese Depersonalisation ist, laut der dritten Hypothese, die Ursache für sämtliche bekannten Gruppenphänomene. Turner weist darauf hin, dass unter Depersonalisierung in diesem Zusammenhang nicht der Verlust an individueller Identität zu verstehen ist, sondern dass es sich um einen Wechsel von der individuellen Ebene der Selbst-Kategorisierungen auf die soziale Ebene der Selbst-Kategorisierungen handelt. Um diesen zentralen Begriff der Depersonalisation drehen sich die nächsten der dargestellten Hypothesen.

Grundlegende Bedingungen für Depersonalisation Voraussetzung für den oben beschriebenen Depersonalisationseffekt ist eine Mitgliedschaft in einer oder mehreren Gruppen. Psychologische Gruppen in der Selbst-Kategorisierungstheorie kommen zustande, sobald zwei oder mehr Menschen sich über In-group– Out-group-Kategorien wahrnehmen und definieren. Diese Idee ähnelt somit der Definition sozialer Gruppen von Tajfel und Turner (siehe Theorie der sozialen Identität).

Äquivalent zu der Annahme, dass man sich selbst auf Grund von Ähnlichkeiten kategorisiert und es wahrscheinlicher ist, dass man sich einer Kategorie zuordnet, mit der man eine hohe Ähnlichkeit aufweist als einer Kategorie, mit der die wahrgenommenen Ähnlichkeiten geringer sind, geht die Selbst-Kategorisierungstheorie davon aus, dass es umso wahrscheinlicher ist, dass eine Ansammlung von Individuen eine Gruppe bildet, je höher die wahrgenommene Ähnlichkeit zwischen ihnen ist. Wird dagegen eine größere Ähnlichkeit zu anderen Leuten wahrgenommen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansammlung von Individuen eine Gruppe bildet.

Beispiel