miniatur|Grundriss des Lateranbaptisteriums mini|Grundriss des Felsendoms mini|Oktogon des Aachener Doms mini|Grundriss der Seiffener Kirche mini|Plan für ein Oktogonhaus von O. S. Fowler mini|Beim Castel del Monte wird aufgrund der Architektur eine sakrale Funktion vermutet. mini|Die achteckige, auf dem Boden stehende Nikolauskirche (1581–1584) aus Holz in der Pogost Ljavlja, Oblast Archangelsk, Russland
Ein Oktogon oder Oktagon (Achteck) ist in der Architektur ein Zentralbau oder -raum mit einem Grundriss in Form eines regelmäßigen Achtecks. Das Achteck hat seit der Antike eine symbolische Bedeutung, die auf das Urbild des achtstrahligen Sterns zurückgeht und für Vollkommenheit steht.Georg Friedrich Kempter: Das Oktogon als architektonische Grundform. (PDF; 187 kB) Abgerufen am 13. Dezember 2013.
Antike und frühmittelalterliche Gebäude Die wohl erste dokumentierte Anwendung eines Achtecks als Grundriss war im Athener Turm der Winde.Karlheinz Schaldach: Die antiken Sonnenuhren Griechenlands. Frankfurt am Main, 2006, ISBN 3-8171-1756-6, S. 78–81. Während hierbei das Achteck vor allem zur Veranschaulichung der acht Winde und als Zeiger der Wetterfahne zur Anwendung kam, folgten zahlreiche oktogonale Bauten vorrangig im sakralen Bereich.
Der zweifach achsensymmetrische Grundriss wurde bei säkular-repräsentativen Bauten wie auch bei Sakralbauten wegen der symbolischen Bedeutung der Zahl Acht gewählt. Sie steht meist für Vollkommenheit und göttliche Perfektion. Achteckige Bauten haben vier Symmetrieachsen. Die Acht steht im Christentum auch für die Auferstehung Jesu Christi und die Teilhabe an Christus in der Taufe.Franz Joseph Dölger: Das Oktogon und die Symbolik der Achtzahl. In: Franz Joseph Dölger: Antike und Christentum, Band 4. Münster 1934, S. 153–187. Häufig sind daher Baptisterien und Taufbecken in Achteckform.
In frühmittelalterlichen Kirchengebäuden ist das Oktogon als eigenständiger Zentralbau zu finden. Es wird angenommen, dass die oktogonale Form von Sakralbauten aus der byzantinischen Architektur über Bauten wie die Kirche San VitaleJürgen Rasch: Die Kuppel in der römischen Architektur. Entwicklung, Formgebung, Konstruktion, In: Architectura, Bd. 15 1985, S. 117–139 (123). in Ravenna (6. Jahrhundert) nach Südeuropa kam. (Das ältere Baptisterium des Lateran aus dem frühen 4. Jahrhundert war wohl zur Bauzeit noch nicht achteckig.) Karl der Große, der die Kirche von Ravenna kannte, wählte im 8. Jahrhundert diese Form für die Aachener Pfalzkapelle.Udo Mainzer: Die Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen als Teil des Welterbes. In: Andrea Pufke (Hrsg.): Die karolingische Pfalzkapelle in Aachen. Material – Bautechnik – Restaurierung (= Arbeitsheft der rheinischen Denkmalpflege 78). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2012, ISBN 978-3-88462-325-1, S. 9. Diese wiederum war im Rahmen der Karlsverehrung Vorbild weiterer frühmittelalterlicher Kirchen im Heiligen Römischen Reich, etwa der Mettlacher GrabkircheHerbert Brunner et al.: Reclams Kunstführer Deutschland VI. Stuttgart 1980, ISBN 3-15-010286-3, S. 294. (um 990) oder der Abteikirche Ottmarsheim (1020–1030). Während die Form der Basilika, ab der Ottonik auch mit kreuzförmigem Grundriss, immer beliebter wurde, wurden die Zentralbauten und damit auch das Oktogon an den Rand gedrängt, meist als Tauf- oder Grabkapelle. Kaiser Friedrich II. von Stauffen errichtete das Castel del Monte ebenfalls auf oktonalem Grundriss, eine architektonische Bezugnahme zu voran genannten Sakralbauten ist anzunehmen.
In der Romanik und Gotik finden sich Oktogone als Turmgeschosse und Vierungstürme, insbesondere bei Kaiserdomen. Der Achtort wurde wohl als Proportionsschlüssel dabei verwendet. Auch die Reichskrone des Heiligen Römischen Reichs weist eine oktogonale Form auf, ferner der Untersatz des Cappenberger Kopfes.Caroline Horch: …caput argentum ad imperatoris formatum effigiem… Der Cappenberger Barbarossakopf: Bild oder Bildnis In: AufRuhr 1225! Das Mittelalter in Rhein und Ruhr. Katalog zur Ausstellung im LWL-Museum für Archäologie Herne vom 27. Februar bis 28. November 2010, Mainz 2010, ISBN 978-3-8053-4108-0, S. 107–121. Aus acht Segmenten besteht der Aachener Barbarossaleuchter,Georg Minkenberg: Der Barbarossaleuchter im Dom zu Aachen. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsverein 96, 1989, S. 69–102. der das Himmlische Jerusalem symbolisiert.
Eine Art der Ehrung stellt die oktogone Kuppel in der Kemptener St. Lorenz-Kirche dar. Aufgrund der Gründungsgeschichte, Gründung und Stiftung des Kemptener Klosters durch Karl den Großen und seiner dritten Gemahlin Hildegard, stellt die in ihrer Grundform achteckige Kuppel einen Nachklang an den Aachener Dom dar. Auch weitere Indizien wie verschiedene Deckenfresko mit Darstellungen von Karl dem Großen und Hildegard unterstützen diese These.gvba.de: Das Aachener Oktogon als Krone der Stiftskirche St. Lorenz zu Kempten. 21. Januar 2011 (abgerufen am 17. November 2012).
Bedeutende Oktogonalbauten (nach Alter) mini|Oktogonale Empore mit runder Kragkuppel im Adinath-Tempel in Ranakpur, Rajasthan, Indien mini|Max-Morlock-Stadion in Nürnberg in der Form eines unregelmäßigen Achtecks Turm der Winde, Athen (2. Jahrhundert v. Chr.) Speisesaal der Domus Aurea, Rom (64 n. Chr. als Kuppelbau errichtet)Jürgen Rasch: Die Kuppel in der römischen Architektur. Entwicklung, Formgebung, Konstruktion, Architectura, Bd. 15, 1985, S. 117–139 (118f., 122, 136). Diokletianmausoleum im Diokletianpalast in Split (um 295–305), erhalten als Kathedrale von Split Planetarium der Diokletianthermen, Rom (298–306)Jürgen Rasch: Die Kuppel in der römischen Architektur. Entwicklung, Formgebung, Konstruktion, Architectura, Bd. 15, 1985, S. 117–139 (130 & 136). Himmelfahrtskapelle (Jerusalem) (387), Neubau auf altem Grundriss (um 1150) Baptisterium des Lateran, Rom (als Rundbau um 315 errichtet, zwischen 432 und 440 zu einem Oktogon umgebaut)Carlo Pietrangeli (Hrsg.): Il palazzo apostolico Lateranense. Nardini, Florenz 1992, ISBN 88-404-1205-0. Oktogon als nachträglicher Einbau in das Praetorium der Colonia Claudia Ara Agrippinensium des 4. Jahrhunderts Georgskirche in Izra’, Syrien (515)Marcell Restle: (PDF; 307 kB). San Vitale, Ravenna (526–547) Felsendom, Jerusalem (7. Jahrhundert)C. v. Bothmer: Zur architekturgeschichtlichen Interpretation des Felsendoms in Jerusalem. Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG), Supplementband III, 2 (1975), S. 1568–1573. Aachener Dom (8. Jahrhundert) Die Heilige Kapelle zu Altötting (8.–10. Jahrhundert, genaue Entstehungszeit ungewiss) Mettlacher Grabkirche, um 990 Wieselburger Oktogon, um 993/994, abgerufen am 17. November 2012. Vierungstürme des Mainzer Doms, um 1000–1051Karl Heinz Esser: Der Dom des Willigis. In: Willigis und sein Dom. Festschrift zur Tausendjahrfeier, Mainz 1975, S. 179. Abteikirche Ottmarsheim (1020–1030)Paul Stintzi: Ottmarsheim : Geschichte und Kunst der ehemaligen Abteikirche, Mulhouse, 1955, 10 S. Turm des Westwerks und Vierungsturm des Speyerer Doms, vermutlich ab 1025 Oktogon Konrads II. in der Stiftsruine St. Georg (Goslar), um 1025 Nikolauskapelle in Nimwegen, erbaut um 1030 Essener Dom, Westwerk (frühes 11. Jahrhundert)Klaus Lange: Der Westbau des Essener Doms. Architektur und Herrschaft in ottonischer Zeit, Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 2001, ISBN 3-402-06248-8. Sakyamuni-Pagode des Buddhapalast-Tempels im Kreis Ying (China), 1056 Baptisterium San Giovanni, Florenz (11. Jahrhundert?)Annamaria Giusti: Das Baptisterium San Giovanni in Florenz. Mandragora, Florenz 2000, ISBN 88-85957-57-9. Vierungsglockenturm der Basilika Notre-Dame-de-l’Assomption in Anzy-le-Duc (Frankreich), 1090–1130 Zentraltürme am Westchor und über der Vierung des Wormser Doms, 1030–1181 Vierungsturm des Kaiserdoms Königslutter, 1135–ca. 1150 Oktogonaler Innenbau im Tempelritter-Wehrbau Convento de Cristo in Tomar (Portugal), ab 1160 Sakya-Schrift-Pagode in Putian (China), vor 1165 Holsterburg (bei Warburg (Westf.)), 1191, eines der frühesten oktogonalen Profanbauten, 1294 zerstört Baptisterium des Doms von Parma, 1196–1216 Turm der Basilika St. Margareta in Düsseldorf-Gerresheim, vermutlich 1236 Vierungsturm von St. Peter in Sinzig, 1225–1241Toni Diederich: Die Baugeschichte der Sinziger Pfarrkirche St. Peter im Lichte eines neuen Siegelfundes. In: Rheinische Vierteljahrsblätter 45, 1981, S. 35–43. Burg Egisheim (13. Jahrhundert) Castel del Monte (Apulien, 13. Jahrhundert)Carl A. Willemsen (Hrsg.): Castel del Monte. Das vollendetste Baudenkmal Kaiser Friedrichs des Zweiten. Insel-Bücherei. Bd. 619 B., Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-458-08619-6. „Turm Friedrichs II.“ (Sizilien, 13. Jahrhundert) Vierung der Kathedrale von Ely (1328–1342) Vierungsturm der Stiftskirche Notre Dame in Semur-en-Auxois (Frankreich, 14. Jahrhundert) mini|Oktogonale Holsterburg aus dem Jahr 1191 bei Warburg (Ostwestfalen), zerstört 1294, Ausgrabungen erfolgten 2010–2015Karlshofskirche in Prag (14. Jahrhundert) Königsstuhl von Rhens (vor 1398, Nachfolgebau 1842)Landesamt für Denkmalpflege, Burgen, Schlösser, Altertümer Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Staatliche Burgen, Schlösser und Altertümer in Rheinland-Pfalz. Koblenz 2003, S. 146 f. Brunelleschi-Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore, Florenz (ab 1418) Empore im Jain-Tempel von Ranakpur, Indien (um 1450) Tiburio des Hospiz Santo Spirito in Sassia, Rom (1473–1478) Kaiserkreuz von Kleinenglis (15. Jahrhundert) Rathausturm der Stadt Hof (Saale), 1563–1566 Zentralbau der Villa Pisani in Lonigo (Italien, 1576) Capella dei Principi der Basilica di San Lorenzo, Florenz (ab 1604) Oktogon in Schloss Hellbrunn in Salzburg (17. Jahrhundert) Votivkirche Santa Maria della Salute in Venedig (1630–1687) Marekerk in Leiden, oktagonale evangelisch-reformierte Predigtkirche (1639–1649) Kirche Lappienen (Ostpreußen) (1675) Chiswick House in London-Chiswick, zwischen 1720 und 1730 Christi Himmelfahrt (Arnstadt), 1743 St. Lorenz-Basilika in Kempten (1748), 42 Meter hohe Kuppel mit Oktogon Zentralbau im Herrenhaus Monticello bei Charlottesville, USA (ab 1768) Napoleonsturm in Mildensee, 1809–1812 Dorfkirche Glienicke (Heiligengrabe), entworfen 1814 von Karl Friedrich Schinkel, gebaut 1815–1817 Riedhof in Frankfurt, Mörfelder Landstrasse, 1815, Architekt: Nicolas Alexandre Salins de Montfort (1944 zerstört) Evangelische Kirche Bischmisheim, 1821–1824 von Karl Friedrich Schinkel Jagdschloss Antonin, 1822–24 von Karl Friedrich Schinkel Schlosskapelle als oktogonaler, kuppelbekrönter Tambour des Berliner Schlosses, Friedrich August Stüler nach Vorlagen von Friedrich Wilhelm IV. und Karl Friedrich Schinkel, 1845–1853,Alfred Hagemann: Symbolpolitik. Die Kuppel Friedrich Wilhelms IV. für das Berliner Schloss, Artikel vom 25. Mai 2020 im Portal humboldtforum.org, abgerufen am 30. Juli 2020 äußerlich rekonstruiert 2013–2020 Haus Greiffenhorst in Krefeld-Linn (19. Jahrhundert)Christoph Dautermann: Krefeld-Linn. 1. Auflage. Neuss 2009, ISBN 978-3-86526-032-1 (Rheinische Kunststätten. Heft 509), S. 17–18. Großer Ausstellungssaal der Kunstakademie Dresden (1887–1894) unter der das Stadtbild prägenden Glaskuppel („Zitronenpresse“) mini|Blick in die Kuppel des Oktogons der Kunstakademie in Dresden zur „Zitronenpresse“ St. Georgs-Kathedrale in Addis Abeba (Äthiopien), 1896 Bismarck-Mausoleum 1899 in Friedrichsruh Deutscher Brunnen (Istanbul), 1898–1900 Schanzenturm (Wasserturm) – Hamburg, 1907–1910 Erweiterungsbau der St. Blasiuskirche in Balve, um 1910Werner Ahrens: Balve und sein romanisches Erbe. Heimwacht Balve, Balve 2006, ISBN 3-89053-109-1. Vierungsturm der Kreuzkirche in Düsseldorf-Pempelfort, 1907–1910Inge Zacher: Evangelische Kreuzkirche in Düsseldorf. Köln 2010. (Rheinische Kunststätten Heft 522, hrsg. vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz e. V.), ISBN 978-3-86526-052-9. Synagoge in Linnich, 1912–13