Die sogenannten Hitler-Tagebücher sind vom Nachrichtenmagazin Stern im Jahr 1983 veröffentlichte Fälschungen, die der Maler Konrad Kujau angefertigt und der Reporter Gerd Heidemann für das Magazin angekauft hatte. Als Verlagsleitung und Chefredaktion des Stern am 25. April 1983 erklärten, Adolf Hitlers geheime Tagebücher zu besitzen, lösten sie einen der größten deutschen Presseskandale der Nachkriegszeit aus. Am 28. April begann der Stern damit, Auszüge aus den Büchern zu veröffentlichen, ohne eine Echtheitsuntersuchung durch das Bundeskriminalamt (BKA) abzuwarten. Nach deren am 6. Mai veröffentlichtem Endergebnis waren die angeblichen Tagebücher zweifelsfrei gefälscht. Der Stern, der zu diesem Zeitpunkt bereits 62 Bände für 9,3 Millionen DM erworben hatte, büßte erheblich an Ansehen und Glaubwürdigkeit ein.
Verlauf des Skandals Vorgeschichte und Entstehung der Tagebücher mini|Konrad Kujau (1992) mini|hochkant=0.5|Die Initialen FH (obere Reihe) und AH (untere Reihe) in der Schriftart Engravers Old English normal Konrad Kujau lernte 1974 den Militaria-Sammler und Industriellen Fritz Stiefel kennen, dem er sich als Konrad Fischer vorstellte. In der Folgezeit verkaufte er Stiefel die unterschiedlichsten Devotionalien, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen sollten, darunter angebliche Werke Hitlers wie Handschriften, Zeichnungen und Gemälde. Im November 1975 schrieb Kujau dann das erste Hitler-Tagebuch, einen Halbjahresband, der den Zeitraum von Januar bis Juni 1935 umfasst. Zu diesem Zweck hatte er in einem Konsumladen in der DDR eine schwarze Kladde erworben, auf deren Einband er die vermeintlichen Initialen Hitlers in goldfarbenen, metallischen Lettern klebte. Da ihm der Buchstabe A im passenden Schrifttypensatz Engravers Old English normal fehlte, nahm Kujau einfach ein großes F.Bernward Klein: Thema des Jahres – Teure Blähungen und ein Skandal. In: General-Anzeiger. 31. Dezember 1999. Das Buch überließ er Fritz Stiefel zur Ansicht. Kujau bezeichnete es später als Jux, dessen Inhalt er aus einer Chronik der NS-Zeit abgeschrieben habe. Im Frühjahr 1978 begutachtete der Historiker und ehemalige Mitarbeiter des Hauptarchivs der NSDAP August Priesack die vermeintlichen Dokumente. Im November desselben Jahres erhielt auch der Historiker Eberhard Jäckel Kopien von 72 angeblichen Hitler-Dokumenten aus Stiefels Sammlung. Den ersten Band des Tagebuchs, den Stiefel und „Fischer“ ihm im September 1979 vorlegten, bezeichnete er als „Sensation“.
Am 6. Januar 1980 traf Stiefel erstmals den Hamburger Stern-Reporter Gerd Heidemann, der ihm einige Gegenstände aus Hermann Görings früherem Besitz verkaufen wollte. Heidemann hatte 1973 von einem Bonner Druckereibesitzer für 160.000 DM Görings 28-Meter-Motorjacht Carin II erworben, sich mit deren Renovierung aber finanziell übernommen. Da er insgesamt Schulden in Höhe von 250.000 DM angehäuft hatte, wollte er die Jacht nun gewinnbringend verkaufen.. In: stern.de. 16. März 2008 (Interview mit Michael Seufert, Autor des Buchs Der Skandal um die Hitler-Tagebücher). Um ihm dabei behilflich zu sein, stellte der Augsburger Sammler Jakob Tiefenthäler den Kontakt zu Stiefel her.Karl-Heinz Janßen: Unternehmen „Grünes Gewölbe“. In: Die Zeit. 1. Juni 1984. Dieser kaufte Heidemann zwar einzelne Objekte ab, hatte aber kein Interesse an der Jacht. Bei dem Treffen zeigte er Heidemann das vermeintliche Tagebuch Hitlers.Chronik. In: Hamburger Abendblatt. 3. März 2008.
Heidemann bot ihm spontan eine Million DM an und lernte ganze Passagen des Inhalts auswendig. Den Namen des Lieferanten nannte Stiefel ihm nicht. Heidemann erwog zunächst eine Vermarktung ohne den Stern. Er stand in Kontakt mit einem niederländischen Finanzier aus der Ölbranche und ehemaligem Waffenhändler, der den Erwerb vorfinanziert hätte. Außerdem wandte er sich wegen einer möglichen Zusammenarbeit an den britischen Autor David Irving. Thomas Walde, der Leiter des Ressorts Zeitgeschichte beim Stern, überzeugte ihn jedoch davon, die Tagebücher für das Magazin zu beschaffen. Monatelang versuchte Heidemann erfolglos, den Händler der Tagebücher ausfindig zu machen. Kujau hielt sich bewusst im Hintergrund, da ihm der Stern politisch zu links war. Heidemann recherchierte daher zunächst die mögliche Fundgeschichte der Tagebücher. Am 21. April 1980 traf sich das Ressort Zeitgeschichte auf der Carin II. Dabei wurde unter anderem auch über die Hitler-Tagebücher gesprochen, und Heidemann erhielt den Auftrag, diese zu suchen.
Im September desselben Jahres bekam Heidemann einen Hinweis, dass ein kurz vor Kriegsende verschollenes Flugzeug die Tagebücher transportiert haben könnte. Eine von Major Friedrich Anton GundelfingerMichael Seufert: Der Millionen-Deal läuft streng geheim. In: Hamburger Abendblatt. 6. März 2008. gesteuerte Junkers Ju 352 sei im April 1945 mit mehreren Personen und angeblich geheimem Material an Bord im eingekesselten Berlin gestartet und im Bayerischen Wald abgestürzt. Bei den weiteren Recherchen stellte sich Börnersdorf in der DDR als tatsächliche Absturzstelle heraus. Dort fand Heidemann tatsächlich die Gräber von Gundelfinger und weiteren verunglückten Soldaten. Bei seinen Recherchen in der DDR wurde Heidemann von Thomas Walde und Offizieren des Staatssicherheitsdienstes begleitet. Der Fund bestärkte ihn darin, an die Existenz der Tagebücher und an deren Echtheit zu glauben. Daher versuchte er Ende November 1980 erneut, über Tiefenthäler Kontakt zu „Fischer“ aufzunehmen. Dabei erhöhte Heidemann ohne Wissen des Verlags das Angebot auf zwei Millionen DM pro Band.
Über einen Brief von Tiefenthäler erfuhr Kujau von diesem Angebot und signalisierte nach mehreren Wochen Bedenkzeit Interesse. Heidemann erhielt die Telefonnummer der Firma Lieblang, benannt nach Kujaus Lebensgefährtin Edith Lieblang, und rief am 15. Januar 1981 „Fischer“ an. Beide vereinbarten ein Treffen für den 28./29. Januar 1981. Heidemann informierte Kujau über seine Rechercheergebnisse in der DDR, die dieser wiederum geschickt in seine Geschichte der angeblichen Hitler-Tagebücher einbaute. Heidemann sah sich dadurch noch weiter in seiner Recherche und der Existenz der Tagebücher bestätigt.Rainer Burger: Spurensuche in Börnersdorf. Wie Heidemann Hitlers Tagebücher nicht fand. In: faz.net. 25. April 2008. Kujau erzählte ihm, die Tagebücher gelangten über seinen Bruder, der Generalmajor bei der Nationalen Volksarmee sei, in den Westen. Tatsächlich war Kujaus Bruder Gepäckträger bei der Deutschen Reichsbahn. Auch seinen Schwager, einen angeblichen Museumsdirektor, wob er in die Tagebuch-Legende mit ein. Um die Beschaffer der Tagebücher nicht zu gefährden, müsse deren Herkunft geheim bleiben. Von den insgesamt 27 Tagebuchbänden befänden sich drei in der Bundesrepublik und drei in den Vereinigten Staaten. „Fischer“ sagte den Verkauf der Tagebücher an den Stern zu.
Die Geschichte seiner vermeintlichen Entdeckung bereitete Heidemann zusammen mit Thomas Walde im April 1983 unter dem Aufmacher Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand für den Stern auf.Gerd Heidemann, Thomas Walde: Wie Sternreporter Gerd Heidemann die Tagebücher fand. In: Stern. 28. April 1983, S. 37L–37Z. Die in einer Kiste verstauten Bücher seien nach dem Absturz von einem deutschen Offizier geborgen und sichergestellt worden. Über ihr weiteres Schicksal schrieb Heidemann, dass die weiteren Aufbewahrungsorte und Wege der Bücher in den Westen nicht genannt werden könnten, da die Finder Anonymität zur Bedingung gemacht hätten.
Gruner + Jahr und die Stern-Redaktion Am 27. Januar 1981 trafen sich Heidemann und Walde mit Manfred Fischer, dem Vorstandsvorsitzenden, und Jan Hensmann, dem für den Zeitschriftenbereich zuständigen Vorstandsmitglied des Verlags Gruner + Jahr. Fischer entschied, die Tagebücher für zwei Millionen DM für den Stern anzukaufen, dessen Chefredaktion darüber aber nicht zu informieren, um die Recherchen vor der internationalen Konkurrenz geheim zu halten. Es wurde das Geheimprojekt Grünes Gewölbe innerhalb des Stern ins Leben gerufen. Der Name leitet sich vom Grünen Gewölbe ab, der ehemaligen Schatzkammer des sächsischen Herrscherhauses in Dresden. Nur wenige Mitglieder der Verlagsleitung und des Ressorts Zeitgeschichte beim Stern waren eingeweiht. Am 13. Februar 1981 erwarb Gruner + Jahr zunächst drei Tagebücher für je 85.000 DM ohne dafür eine Quittung zu erhalten. Im späteren Prozess wurde Heidemann vorgeworfen, nur maximal 60.000 DM pro Band an Kujau bezahlt und den Rest unterschlagen zu haben. Am 23. Februar 1981 schloss der Reporter mit Vorstandschef Fischer einen Vertrag ab, in dem Heidemann eine Beteiligung an den Lizenzerlösen der Tagebücher zugesichert wurde. Walde und Heidemann erhielten außerdem exklusive Rechte zur Auswertung der Tagebücher sowie die Erlaubnis, die näheren Umstände der Beschaffung und ihre Quellen geheim zu halten. Auf diese Weise wurde jegliche redaktionelle Kontrolle des Vorgangs verhindert.»Auf Gedeih und Verderb ausgeliefert«. In: Der Spiegel, 12. August 1984.
Am 9. März 1981 reiste Manfred Fischer in die Konzernzentrale nach Gütersloh, wo er Reinhard Mohn, den Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann, traf. Mohn wollte Fischer am 29. Juni, Mohns sechzigstem Geburtstag, zu seinem Nachfolger machen. In einem Vieraugengespräch weihte Fischer Mohn in das Geheimprojekt Grünes Gewölbe ein. Dabei zeigte er ihm ein Dossier Heidemanns und mehrere Bände der Tagebücher. Mohn war fasziniert und sprach von der Sensation des Jahrhunderts. Mohn hatte keine Fragen und Zweifel zur Echtheit der Tagebücher.„Es war wie eine Gruppenpsychose“. In: Der Spiegel. 33/1984, 13. August 1984, S. 52–58.
Am 13. Mai 1981 beschloss die Redaktion des Stern, Heidemann in die Türkei zu schicken, um über den Papst-Attentäter Mehmet Ali Ağca zu recherchieren. Da die Verlagsleitung dadurch das Projekt Grünes Gewölbe gefährdet sah, weihte sie nun die Chefredaktion in das Geheimprojekt ein.Seufert: Der Skandal um die Hitler-Tage-Bücher. S. 117. Chefredakteur Peter Koch äußerte Zweifel an der Echtheit der Tagebücher. Um mehr über den Absturz der Ju 352 mit den Tagebüchern an Bord zu erfahren, fuhr Heidemann am 26. Mai 1981 erneut nach Börnersdorf. Zeugen des Absturzes schilderten ihm, dass die Ladung der Maschine verbrannt sei und nur zwei Flugzeugfenster des Wracks erhalten geblieben seien. Am 1. Juli 1981 wurde Gerd Schulte-Hillen neuer Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr. Kurz vor Amtsantritt informierte sein Vorgänger ihn über das Projekt Grünes Gewölbe. Den Preis für den Erwerb der Tagebücher erhöhte Heidemann zunächst auf 100.000 DM, später auf 200.000 DM pro Band. Der neue Vorstandsvorsitzende akzeptierte das Angebot und genehmigte am 6. August eine Million Mark für den Kauf weiterer Bände.
Später veranlasste die Verlagsleitung den Ankauf von insgesamt 62 Bänden für 9,34 Millionen DM. Der Verbleib dieses Geldes wurde auch im späteren Strafprozess nicht geklärt.Hellmuth Vensky: Von der Sensation zum Alptraum. In: Die Zeit. 8. Juli 2010.
Gutachten und erste Hinweise auf eine Fälschung mini|hochkant|Eberhard Jäckel (2009)