Durch ein Arrangement wird in der Musik ein oftmals urheberrechtlich geschütztes Musikwerk mit Hilfe musikalischer oder technischer Gestaltungsmittel in seiner ursprünglichen Ausdrucksform verändert. Arrangeur ist die Person, die derartige Arrangements durchführt. Daneben existiert auch die Bezeichnung Orchestrator, dessen Tätigkeitsfeld meist auf größer besetzte orchestrale Werke abzielt.
Allgemeines In der klassischen Musik verlangt heutzutage die sogenannte Werktreue eine originalgetreue Wiedergabe der Partituren, selbst für geringfügige Neugestaltungen ist dadurch kein Raum. Die Werktreue verleiht den Werken einen sicheren Wiedererkennungswert, ohne Rücksicht darauf, welches Sinfonieorchester oder Ensemble sie spielt. Aber selbst bei strengen Partituren bedarf die Realisierung des Werkes doch der Interpretation durch Musiker und Sänger und damit der ästhetischen Auslegung der Noten, auch wenn die Grenzen eng gesetzt sind.A. A. Schmieder: Werkintegrität und Freiheit der Interpretation. In: NJW. 1990, 1945, 1947 Arrangements sind somit eine besondere Form der Interpretation und die Abweichung von der Partitur des Originals durch musikalische Gestaltungsmittel.Sebastian Schunke: Das Bearbeitungsrecht in der Musik und dessen Wahrnehmung durch die GEMA. De Gruyter, Berlin 2008, S. 63 Arrangements als Form der Werkinterpretation gibt es daher heutzutage meist nur bei anderen Musikstilen, insbesondere in Jazz-, Popmusik und Rockmusik. Die Arrangements des 19. Jahrhunderts oder Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen sind allerdings Beispiele für weitverbreitete historische Praxis von Arrangements klassischer Musik.
Als Arrangement wird nur die Neugestaltung eines Originals verstanden. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass – auch in der klassischen Musik – Komponisten oft auf Arrangeure zurückgegriffen hatten, weil sie nicht selbst arrangieren wollten oder konnten. Das Arrangement ist eine für den Bereich der populären Musik typische kreative Erscheinung.Wieland Ziegenrücker, Peter Wicke: Sachlexikon Popularmusik. 1987, S. 25 Die Skala des Arrangements reicht hier vom gelegentlichen Eingriff bis hin zu einer vollständigen Neugestaltung des Originals.Tibor Kneif: Sachlexikon Rockmusik. 1978, S. 25.
Die Art der (Neu-)Einrichtung eines Musikstücks bzw. die BearbeitungWolf Moser: Das Repertoire aus zweiter Hand. Die Geschichte der Übertragung und ihrer Aufgaben. In: Gitarre & Laute, 9, 1987, 3, S. 19–26; hier: S. 19 (zu Adaption, Arrangement und Bearbeitung) kann dabei sehr unterschiedlich sein: Der Inhalt des Originals bleibt erhalten wie etwa bei der Umschreibung (Transkription) einer Komposition für eine andere Besetzung. Teile des Originals oder verschiedene Originalkompositionen werden zu einer neuen Reihenfolge zusammengestellt und gegebenenfalls mit zusätzlich komponierten Überleitungen verbunden wie bei Suiten, Potpourris oder Medleys von beliebten Melodien eines bestimmten Themenkreises.
Gestaltungsmittel Der Stellenwert des Arrangements kann anhand der Bestandteile einer Komposition abgelesen werden. Eine Komposition besteht aus Primärkomponenten (Melodik, Rhythmik, Harmonik und Form) und Sekundärkomponenten (Arrangement, Interpretation und Aufnahmetechnik). Für Arrangements stehen dem Arrangeur musikalische und/oder technische Gestaltungsmittel zur Verfügung. Von ihnen kann er eines oder mehrere beim Arrangement betonen, andere wiederum ignorieren. Die Gestaltungsmittel bestehen insbesondere aus anderen Instrumentierungen, Reharmonisierungen oder Modulationen.
Musikalisch Für ein anderes Arrangement stehen dieselben Gestaltungsmittel zur Verfügung, die auch der Komponist bei der Gestaltung seines Originalwerkes anwenden kann. Zu den musikalischen Gestaltungsmitteln gehören Besetzung, Melodik, Harmonik, Rhythmik, Metrik, Tempo, Phrasierung, Artikulierung, Ornamentik, Kadenz oder Periodik.
Technisch Technische Gestaltungsmittel kommen im Tonstudio bei der Tonaufnahme selbst oder bei deren Postproduktion zum Einsatz, sie sind Teil der Tongestaltung. Bei der Tonaufnahme selbst können Echo- oder Nachhalleffekte eingesetzt werden, bei der Postproduktion Soundeffekte. Selbst die Abmischung als vorletzter Prozess im Tonstudio kann noch gestalterische Aspekte eines Arrangements enthalten.
Geschichte Die größte Bedeutung kam dem Arrangement in der nicht-orchestralen Musik seit dem 20. Jahrhundert zu.
Vor der Barockzeit gab es gar keine fest vorgeschriebenen Besetzungen und die Verzierungskunst war ein bedeutender Bestandteil der Interpretation, so dass ein und dasselbe Stück ganz unterschiedlich erklingen konnte. Es gab außerdem bereits in der Renaissance das Mittel der sogenannten Kontrafaktur, wobei z. B. ein weltliches Chorstück mithilfe eines anderen Textes in ein geistliches Werk verwandelt wurde (oder umgekehrt). Tatsächlich um eine Art von Arrangement handelte es sich, wenn beliebte Vokalwerke wie Motetten, Chansons oder Madrigale für Instrumente wie Laute, Vihuela, Harfe, Cembalo, Clavichord oder Orgel intabuliert wurden. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden diese Intabulierungen nicht nur improvisatorisch mit immer virtuoseren Diminutionen oder Glosas (Verzierungen) versehen, sondern besonders komplexe und künstlerisch gelungene Diminutionen wurden auch notiert und veröffentlicht. Von einigen der damaligen „Schlager“ gibt es zahlreiche solcher instrumentalen „Arrangements“, beispielsweise wurde Orlando di Lassos Susanne un jour u. a. von Cabezón, Andrea Gabrieli, Merulo und allein viermal von Coelho bearbeitet. Auch Tänze liegen manchmal in mehreren Fassungen bedeutender Komponisten vor, wie besonders Dowlands Pavana Lacrimae (u. a. von Byrd, Giles Farnaby und Sweelinck).
In der späten Renaissance- und der Barockmusik lag schon eine Kürzelschreibweise (wie heute bei den Leadsheets) vor – der Generalbass oder basso continuo, der nur aus einer Bassstimme mit Ziffern besteht, deren genaue Besetzung (z. B. Cembalo, Orgel, Gambe, Laute, Theorbe, Gitarre u. a.) und Ausführung (Stimmenzahl, Lage, Stimmführung, Verzierungen usw.) nicht festgelegt war und oft mehr oder weniger improvisiert wurde, aber nach den relativ strengen Regeln des Kontrapunkts. Dies gibt einem Continuospieler z. B. bei einer Arie oder bei einem Konzert von Vivaldi relativ große Freiheiten (nur zur Übung und seit dem 20. Jahrhundert wurden/werden auch feste Continuostimmen notiert). Improvisiert wurden außerdem bis ins 19. Jahrhundert auch Verzierungen und Kadenzen von Sängern und Instrumentalsolisten – trotzdem ist bei all dem nicht wirklich die Rede von einem Arrangement.
Im Laufe der Musikgeschichte wurden Arrangements nicht nur von anderen Arrangeuren, sondern auch von den Komponisten der Originalwerke selbst vorgenommen. So hat z. B. Johann Sebastian Bach ein Konzert für 4 Violinen und Streichorchester in A-Moll aus Vivaldis L’Estro Armonico zu einem Konzert für 4 Cembali und Streicher in h-moll (BWV 1065) arrangiert; Bach wandelte auch eigene Violinkonzerte in Cembalokonzerte um und änderte dabei die Tonarten. Es war außerdem üblich, dass Opernkomponisten, wie z. B. Georg Friedrich Händel, Arien für andere Sänger mit anderen Stimmlagen und Fähigkeiten umarrangierten, manchmal auch Arien aus einem Werk in ein anderes Werk übernahmen und dabei etwas veränderten. Beispielsweise geht Händels berühmte Arie Lascia che pianga aus der Oper Rinaldo (1711) auf die Arie Lascia la spina aus seinem Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno (1707) zurück, und diese wiederum auf eine Sarabande aus Armida (1705). Im 18. Jahrhundert wimmelte es außerdem von Sonaten (oder anderen Kompositionen), die für eine ad-libitum-Besetzung waren, z. B. „für 2 Violinen oder 2 Flöten oder 2 Oboen oder Violine und Flöte“ usw.
Im 19. Jahrhundert kam es z. B. bei Ballettmusiken häufig vor, dass sie entweder von einem Komponisten nach dem Klavierauszug orchestriert und arrangiert wurden – Cesare Pugni z. B. machte das in den 1830er- und frühen 1840er-Jahren beruflich an der Pariser Oper;Cesare Pugni, ausführliche Biografie auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 3. Januar 2021)Irina Sorokina: Cesare Pugni, un compositore italiano alla corte degli zar – Genio e sregolatezza di Cesare Pugni, operaio instancabile della fabbrica di balletti, in: L’ape musicale, 31. Mai 2020 (italienisch; Abruf am 3. Januar 2021) oder dass sie bei späteren Wiederaufführungen von einem anderen Komponisten neu arrangiert wurden, manchmal weil sich die Mode verändert hatte. Beispiele dafür sind Pugni, Léon Minkus oder Riccardo Drigo, welch letzterer sogar 1895 einige Klavierstücke von Tschaikowski für eine Wiederaufführung von dessen Schwanensee (1877) zu einer neuen Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow arrangierte.Siehe Abschnitt: Résumé of scenes and dances of the 1895 revival, in: Swan Lake (libretto) auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 4. Januar 2020) Noch im 20. Jahrhundert arrangierte John Lanchbery z. B. Ballettmusiken zu La Fille mal gardée oder La Bayadère.
Johann Strauss (Sohn) schrieb zwar die Partituren seiner eigenen Kompositionen selbst, er bearbeitete jedoch auch Opern- und Konzertmusik anderer Autoren für seine eigenen Orchester. Insgesamt gibt es von ihm mehr als 500 Arrangements fremder Kompositionen.Renate Stephan: Johann Strauß, der Walzerkönig. 1999, S. 46 Im 19. Jahrhundert wuchs der Bedarf an leicht auszuführenden Bearbeitungen bekannter Werke etwa für Klavier oder für Tanzorchester. Seit dieser Zeit erhielt der Begriff des Arrangements den Beigeschmack des „aus zweiter Hand stammenden Werks“. Denn Meisterwerke der Musik wurden häufig an kleinere Besetzungen insbesondere in der Salon- oder Kaffeehausmusik und an die Vorlieben von Laienmusikern oder weniger anspruchsvoller Hörerschichten angepasst, die nur die populären „schönen Melodien“ – herausgelöst aus qualitativem musikalischen Zusammenhang – hören wollten.
Während in der Kunstmusik bis in die heutige Zeit Note für Note auskomponiert und vom Komponisten instrumentiert wurde – abgesehen z. B. von den Überleitungsteilen in Kadenzen –, geben andere Musikstile der freieren Ausführung oder der Improvisation mehr Raum.
Viele im 20. Jahrhundert entstandene Musikstücke – etwa im Blues, Jazz oder Pop, in der Volksmusik und allen davon abgeleiteten Gattungen – geben den ausführenden Musikern oder Sängern größere Freiheit in der Interpretation eines Stückes. Sie erstreckt sich nicht nur auf den Ausdruck, sondern schließt auch notations-technisch relevante Aspekte ein. Stücke aus diesen Bereichen sind oft nur in Melodielinie und Harmoniefolge vorgegeben. Aufgabe des Arrangeurs ist es, aus diesen wenigen Vorgaben ein Arrangement zu machen, das den Musikern genauere Angaben oder Ausführungsmöglichkeiten gibt. Dies kann durch die Erstellung einer Partitur geschehen, durch mündliche Absprachen mit den Musikern oder auch durch Audiobeispiele.
Größere Bedeutung erlangten Arrangements erst im Jazz. Hier wird das geschriebene Arrangement bereits bei den weißen „sinfonischen“ Jazzorchestern wie Paul Whiteman, Leo Reisman oder Jean Goldkette verwendet. Berühmte Arrangeure jener Zeit waren Don Redman (für Fletcher Henderson), Doc Cook (Chicago-Jazz) oder Erskine Tate. Die Standardformeln der Big-Band-Arrangements wurden von Art Hickman, Bill Challis oder Ferde Grofé gesetzt.Jürgen Wölfer: Lexikon des Jazz. 1993, S. 28. Insbesondere Grofé entwickelte für Paul Whiteman die Prinzipien, die in der Swing-Ära ihren Höhepunkt fanden: Aufteilung des Orchesters in „Sections“: Bläser, Streicher, Saxophone und Rhythmus; diese Sektionen spielen Call and Response oder kontrapunktisch; meist improvisierte Soli; Ensemblepassagen werden mit dem Feeling improvisierter Soli gespielt.
Arrangement im Jazz