Die Theorie der sozialen Identität ist eine 1986 von Henri Tajfel und John C. Turner unter dem Titel The social identity theory of intergroup behavior vorgestellte sozialpsychologische Theorie, die psychologische Prozesse zu erfassen und zu erklären versucht, die am Zustandekommen von (Inter-)Gruppenprozessen und Intergruppenkonflikten zwischen der Eigengruppe und Fremdgruppen beteiligt sind. Wesentliche empirische Grundlage für die Theorie sind die „Minimalgruppen“-Experimente aus den 1970er-Jahren.

Das Minimalgruppenparadigma Die Untersuchungen zum Minimalgruppenparadigma, auch als Minimal Group Paradigm bekannt, wurden 1970 und 1971 von Henri Tajfel und seinem Team durchgeführt (vgl. Tajfel 1970; Tajfel et al. 1971). In diesen Experimenten wurden Schüler einer Schule, die sich untereinander gut kannten, in zwei willkürlich erstellte Gruppen eingeteilt. Den Versuchspersonen wurde zum Beispiel mitgeteilt, dass sie entweder dem Maler Paul Klee oder dem Maler Wassily Kandinsky zugeordnet waren. Somit gehörte jede Versuchsperson entweder der Klee-Gruppe oder der Kandinsky-Gruppe an.

Im zweiten Teil der Studie wurden die Versuchspersonen gebeten, bestimmte Geldbeträge unter zwei anderen Versuchspersonen aufzuteilen. Die Identität dieser Personen war den Versuchsteilnehmern ebenso wenig bekannt wie andere relevante Informationen. Die Versuchspersonen wussten lediglich, dass eine der beiden Personen ihrer eigenen Gruppe angehörte, während die andere Person zur fremden Gruppe gehörte. Es war ausgeschlossen, dass die Versuchspersonen sich selbst das Geld zuteilen oder anderweitig darauf Einfluss nehmen konnten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte es keinerlei soziale Interaktion zwischen den Gruppen gegeben. Weder hatten die Versuchspersonen Mitglieder ihrer eigenen oder fremden Gruppe bewusst kennengelernt, noch gab es Anzeichen dafür, dass dies in Zukunft geschehen könnte. Die Gruppenexistenz bestand ausschließlich in den Köpfen der Versuchspersonen; sie war rein kognitiv und wird daher als minimale Gruppe bezeichnet (vgl. Tajfel & Turner, 1986).

Diese Minimalgruppen-Experimente ergaben äußerst erstaunliche Ergebnisse. Obwohl die Versuchspersonen bemüht waren, eine gewisse Fairness walten zu lassen, zeigte sich dennoch deutlich, dass Personen ihrer eigenen, eigentlich irrelevanten, Gruppe bevorzugt wurden. Diese Tendenz zeigte sich sogar, als die Versuchspersonen durch das Los einer von zwei Gruppen zugeteilt wurden (vgl. Billig & Tajfel, 1973).

Noch erstaunlicher war, dass die Versuchspersonen, wenn sie bereits ihre eigene Gruppe bevorzugten, das Geld nicht so verteilten, dass die Mitglieder ihrer eigenen Gruppe den größtmöglichen Vorteil hatten (Tajfel & Turner bezeichnen diese Strategie als maximum in-group profit). Stattdessen entschieden sie sich für eine Alternative, die den Unterschied zwischen den Beträgen maximieren sollte (diese Strategie wird als maximum difference bezeichnet). Offensichtlich zeigte sich hier eine Bevorzugung der eigenen Gruppe, ein sogenannter „ingroup bias“ oder „Eigengruppenfehler“. Die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts von Muzafer Şerif geht davon aus, dass für das Auftreten dieses Eigengruppenfehlers ein realer Konflikt zwischen Gruppen um begrenzte Ressourcen erforderlich ist. Ein solcher Konflikt hätte zur Folge haben sollen, dass die Versuchspersonen bestrebt wären, ihrer eigenen Gruppe den höchstmöglichen Geldbetrag zu verschaffen. Tajfel & Turner versuchen in ihrer Theorie der sozialen Identität unter anderem diesen Widerspruch zu erklären.

Grundannahmen Tajfel und Turner definieren 1986 eine (soziale) Gruppe Vereinfacht könnte man sagen, dass eine soziale Gruppe eine Mehrzahl von Menschen ist, die von sich selbst und von anderen als eine soziale Gruppe wahrgenommen wird. Natürlich schließt diese Definition mit ein, dass ein jedes Individuum gleichzeitig Mitglied in mehreren sozialen Gruppen sein kann.

Die aus der Sicht eines Individuums eigene Gruppe wird in der Sozialpsychologie ingroup genannt (Eigengruppe) und jede zu dieser Vergleichsdimension fremde Gruppe outgroup (Fremdgruppe). Individuen können nun auf die eine oder andere Weise miteinander in Kontakt treten. Um zu unterscheiden, ob und wie diese Kontakte durch die Mitgliedschaft in diversen sozialen Gruppen gefärbt sind, führen Tajfel und Turner 1986 vier theoretische Kontinua ein.

Das erste theoretische Kontinuum Das erste Kontinuum unterscheidet zwischen interpersonellem und intergruppalem Verhalten. Das eine Extrem dieses Kontinuums beschreibt eine Interaktion zwischen zwei oder mehr Individuen, die ausschließlich durch die interpersonelle Beziehung und die individuellen Charakteristika dieser geprägt ist. Ein Beispiel für dieses Extrem ist das Verhältnis zwischen Eheleuten. Das andere Extrem dieses Kontinuums beschreibt eine Interaktion zwischen zwei oder mehr Individuen oder Gruppen, die sich ausschließlich aus der Gruppenzugehörigkeit der Beteiligten ergibt und in keiner Weise von den interindividuellen Beziehungen der beteiligten Personen beeinflusst wird. Verhaltensweisen, die nahe an diesem Extrem sind, wird man beispielsweise zwischen den Soldaten zweier verfeindeter Armeen während der Kampfhandlungen beobachten können. Keines der beiden beschriebenen Extreme aber findet sich laut Tajfel und Turner in einer reinen Form im realen Leben, schon gar nicht über einen längeren Zeitraum, denn selbst das intime Verhältnis zweier Liebender wird doch in der einen oder anderen Situation durch deren Geschlechtsrollenzugehörigkeit gefärbt sein.

Das zweite theoretische Kontinuum Das zweite Kontinuum wird als eine „quasi-ideologische Dimension von Einstellungen, Werten und Überzeugungen“ (Tajfel & Turner, 1986, 9) bezeichnet. Gekennzeichnet wird dieses Kontinuum wieder durch seine beiden Extreme, die als „social mobility“ und „social change“, also als soziale Mobilität und soziale Veränderung bezeichnet werden. Beide Extreme beschreiben die Überzeugungen von Individuen über den Aufbau der verschiedenen sie umgebenden sozialen Systeme und Gruppen. Mit sozialer Mobilität ist die Überzeugung gemeint, relativ einfach eine soziale Gruppe verlassen zu können und stattdessen Teil einer anderen zu werden. Meist geht es bei dieser Überzeugung um einen Aufstieg innerhalb eines sozialen Systems. So kann ein einfacher Arbeiter beispielsweise überzeugt sein, sich mit Hilfe von viel Fleiß und Cleverness selbständig machen und so in die Gruppe der Besserverdienenden aufsteigen zu können. Der „amerikanische Traum“ (vom Tellerwäscher zum Millionär) ist ein Beispiel für eine allgemeine (im Gegensatz zu der gerade beschriebenen individuellen) Überzeugung von sozialer Mobilität. Das andere Extrem, die soziale Veränderung, bezeichnet die Überzeugung, dass es für ein Individuum nahezu unmöglich ist, eine Gruppe zu verlassen und Teil einer anderen Gruppe zu werden. Beispielsweise ist es denkbar, dass in einer wirtschaftlich schwierigen Situation wie z. B. in Deutschland im Juni 2003 (Arbeitslosenquote je nach Bundesland zwischen 10 und >20 %) ein Arbeitsloser der Überzeugung sein kann, dass er, egal was er tut oder unterlässt, keine Chance hat, eine Arbeit zu bekommen und somit innerhalb des sozialen Systems aufzusteigen. Im kleineren Maßstab kann die Überzeugung der sozialen Veränderung noch deutlicher gemacht werden, so ist es leicht vorstellbar, dass es für den Fan einer Fußballmannschaft, während eines Spieles nahezu unmöglich ist, auf die Seite der gegnerischen Mannschaft zu wechseln, zumal ein solches Verhalten als Verrat angesehen werden würde. Der Begriff „soziale Veränderung“ mag zunächst unklar erscheinen, allerdings ist sein Zustandekommen nicht ohne ein Vorgreifen auf einige wesentliche Konzepte der Theorie der sozialen Identität erklärbar. Siehe dazu weiter unten.

Das dritte theoretische Kontinuum Das dritte Kontinuum betrifft das Verhalten und die Einstellung einer Person und ist sehr eng mit den ersten beiden Kontinua verknüpft. Das eine Extrem bezeichnet das – innerhalb einer Gruppe recht variable – Verhalten von Personen, die in Situationen auf den ersten beiden Kontinua sehr nahe an den Extrema interpersonelles Verhalten, beziehungsweise soziale Mobilität stehen. Mummendey (1985) hat dieses Extrem in ihrer deutschsprachigen Darstellung der Theorie der sozialen Identität individuelle Variabilität genannt, während sie das andere Extrem dieses Kontinuums als ein Maximum an Gleichförmigkeit bezeichnet hat. Dieses Maximum an Gleichförmigkeit ist in Situationen zu beobachten, in denen Individuen oder Gruppen sehr nahe an den Extrema intergruppales Verhalten und soziale Veränderung stehen.

Das vierte theoretische Kontinuum Das vierte Kontinuum betrifft die Behandlung und Wahrnehmung von out-group-Mitgliedern und ist ebenfalls sehr eng mit den beiden erstgenannten Kontinua verknüpft. Je weiter sich ein Individuum in einer Situation auf den Extremen interpersonelles Verhalten und soziale Mobilität befindet, desto eher nimmt es Mitglieder der out-group individuell verschieden wahr und behandelt sie auch so. In Situationen aber, die eher auf den beiden Extrema intergruppales Verhalten und soziale Veränderung angesiedelt sind, nehmen die Mitglieder einer Gruppe die Mitglieder der out-group eher als „undifferenzierte Items“ wahr. Das Beispiel der verfeindeten Armeen sollte diesen Sachverhalt recht deutlich machen.

Die Theorie der sozialen Identität Tajfel definiert 1982 soziale Identität (vergleiche Kulturelle Identität) als den Teil eines Selbstkonzeptes eines Individuums, .

Drei Grundannahmen Tajfel und Turner (1986) leiten ihre Theorie aus den folgenden drei Grundannahmen ab:

Individuen streben danach, eine positive Selbsteinschätzung zu erhalten, beziehungsweise ihre Selbsteinschätzung zu verbessern. Ein Teil dieser Selbsteinschätzung ist die soziale Identität, die sich zusammensetzt aus der Mitgliedschaft in verschiedenen sozialen Gruppen und der Bewertung dieser Mitgliedschaft. Die Bewertung der Gruppenmitgliedschaft ergibt sich aus dem Vergleich dieser Gruppe mit anderen relevanten Gruppen – je nachdem wie dieser Vergleich ausfällt, sinkt oder steigt das eigene Prestige.

Drei theoretische Prinzipien Aus diesen Grundannahmen ergeben sich logischerweise folgende theoretische Prinzipien:

Individuen streben danach, eine positive soziale Identität zu erhalten, beziehungsweise diese zu verbessern. Eine positive soziale Identität erhält man durch Vergleiche mit relevanten out-groups. Der Vergleich dient der Stärkung der sozialen Identität, wenn sich die eigene Gruppe positiv von der out-group abhebt. Sollte dieser Vergleich negativ ausfallen, versuchen Individuen, die eigene Gruppe zu verlassen und einer anderen Gruppe beizutreten oder ihre eigene Gruppe aufzuwerten.

Die zentrale Hypothese der Theorie Die eigentliche Hypothese der Theorie der sozialen Identität ergibt sich dann aus diesen drei Prinzipien. Der Druck, die in-group gegenüber der out-group positiv zu bewerten, führt dazu, dass soziale Gruppen versuchen, sich voneinander zu unterscheiden. Dieser Prozess des „sich voneinander Unterscheidens“ unterliegt aber einigen Beschränkungen:

Die Individuen müssen ihre Gruppenmitgliedschaft internalisiert haben, es reicht nicht, wenn sie von anderen einer Gruppe zugeordnet werden. Beispielsweise könnte ein Gelehrter von seiner Umgebung der Gruppe der „Eierköpfe“ zugeordnet werden, ohne sich selbst dieser Gruppe zuzuordnen.