miniatur|Alban Nikolai auf der Frankfurter Buchmesse 2025 Alban Nikolai Herbst (bürgerlich Alexander Michael von Ribbentrop; * 7. Februar 1955 in Bensberg) ist ein deutscher Schriftsteller, Librettist, Kritiker und Regisseur im Bereich der Rundfunk-Hörkunst.
Leben Alexander Michael von Ribbentrop ist ein Nachfahre Friedrich von Ribbentrops aus dem Geschlecht Ribbentrop. Er wuchs als Sohn einer Säuglingsschwester und eines Vertreters in Traunstein, Braunschweig und Bremen auf. Dort absolvierte er eine Lehre zum Rechtsanwalts- und Notarsgehilfen. Nach dem Zivildienst besuchte er in Bremen das Abendgymnasium und nahm nach dem Abitur in Frankfurt am Main das Studium der Philosophie, Geschichte und Sozialwissenschaften auf. Unter seinem Pseudonym Alban Nikolai Herbst erscheinen seit 1981 seine Werke. 1983 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil und las direkt nach dem skandalösen Auftritt von Rainald Goetz, der sich während seiner Lesung einen Schnitt auf der Stirn zufügte.Goetz Bachmannpreis Youtube, Video (03:33 Minuten) Von 1987 bis 1992 war er als angestellter Börsenmakler (Broker) bei der SEC und CFTC mit Series 7 und Series 3 lizenziert und handelte von Frankfurt am Main aus an den US-Börsen.
Neben den Börsentätigkeiten gab er die literarische Zeitschrift Dschungelblätter heraus. Mit Erscheinen seines 1000-Seiten-Romans Wolpertinger oder Das Blau (1993) gab er die Tätigkeit in der Branche auf. Seither lebt er als freier Schriftsteller, seit 1994 wohnt er in Berlin.
Literarisches Werk miniatur|Autograph miniatur|Bei einer Lesung im Sprengel Museum Hannover, 2016
Prosa Wilhelm Kühlmann bezeichnet Alban Nikolai Herbst als „eine der Führungsfiguren der literarischen Postmoderne“Wilhelm Kühlmann: Zum mythologischen Schreiben im Prosawerk von Alban Nikolai Herbst. In: Euphorion, Zs. für Literaturgeschichte, 4/2003., während Ralf Schnell Herbsts Poetik als „das Paradoxon einer digitalen Ästhetik in Romanform“Ralf Schnell: Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart 2003. beschreibt, wohingegen Heinz-Peter Preußer in dieser Poetik „eine zu sich selbst gekommene Postmoderne“Heinz-Peter Preußer: Letzte Welten, Deutschsprachige Gegenwartsliteratur diesseits und jenseits der Apokalypse. Heidelberg 2003. wähnt. Anfangs hat Herbst Texte in der Tradition des Realismus über den Alltag bundesrepublikanischer Kleinbürger geschrieben und sich seither zum Verfasser von Romanen, Novellen, Theaterstücken und Hörspielen entwickelt, die mit der Beschreibung von apokalyptischen Zuständen („Anderswelt“-Trilogie, 1998 bis 2013) und ihrer steten Vermischung von Traum und Realität (Wolpertinger oder Das Blau) zu den bemerkenswertesten BeispielenPreisbegründung der Wetzlarer Jury zur Verleihung des Phantastik-Preises 1999. neuerer deutschsprachiger phantastischer Literatur zählen.Thomas Malsch: Vom Wiedereintritt des Autors in seine Geschichte. in: Thomas Kron u. Uwe Schimank: Die Gesellschaft der Literatur, Opladen 2004; im Netz: Hans Richard Brittnacher zufolge hat Herbst ihr sogar „endgültig zum Anschluss an die literarische Moderne verholfen“.Hans Richard Brittnacher: Tertium datur. Das Fantastische in der Prosa von Alban Nikolai Herbst. In: Text + Kritik. Heft 236, Alban Nikolai Herbst, September 2022. Gleichzeitig hat sich sein Werk zunehmend der Neuen Medien bemächtigt, die er nachdrücklich poetisiert und direkt zum Medium fiktiver Geschehen macht.Lothar Glauch: Die Muse küßt binär/Welcome to Die Dschungel, Eine Reise in die Anderswelt. In: Telepolis. 30. April 2005. Dabei gehen Romanerfindung, tatsächliches Alltagsgeschehen und politische Gegenwartsereignisse ungeschieden ineinander über; Realität und Fiktion werden ununterscheidbar:Eva Leipprand: Die Welt als Vorstellung und Selbstreferenz. In: Stuttgarter Zeitung. o. J.; im Netz bei Literaturkritik.de „Die Grenzen einer solchen Literatur sind durchlässig (...) nicht nur unter sich selbst, sondern nach außen: Für neue Techniken, für andere Künste, für fremde Texte, für die Realität.“Gregor Patorski: Das Ribbentrop-Rhizom, Ein Experiment mit Werken von Alban Niklai Herbst und Gilles Deleuze/Félix Guattari. Universität Zürich, 2005. Mit dieser bereits in den frühen Romanen und Erzählungen angelegten EntwicklungChristoph Jürgensen: Ich sind auch andere. Zur Pluralisierung des Selbst in der Erzählprosa von Alban Nikolai Herbst. Osloer Beiträge zur Germanistik, Frankfurt am Main/Basel/Berlin/Brüssel/Oxford/New York/Wien 2007. geht Herbsts Bemächtigung des Internets einher, in das nunmehr Romanfiguren als in Echtzeit handelnde Personen implantiert werden, die als Avatare nicht mehr von tatsächlichen Personen unterschieden werden können: Der Roman geschieht real im Moment seiner Erfindung, Leser erleben ihn als ein tatsächliches Geschehen mit.Lothar Glauch: Die Muse küßt binär/Welcome to Die Dschungel, Eine Reise in die Anderswelt. In: Telepolis. 30. April 2005. Deshalb wenden sowohl Schnell als auch Ursula ReberUrsula Reber: Bildverschleifungen, Zu einer Theorie der Metamorphose / 5. Alban Nikolai Herbst: Samples, Recycling und Technisierung, Romantik meets Cyberspace. Wien 2006. den Begriff der Autopoiesis als Kategorie auf Herbsts Poetik an. Reber spricht von einer „Palimpseststruktur“, die mit der rhizomartigen VerwandlungGregor Patorski: Das Ribbentrop-Rhizom, Ein Experiment mit Werken von Alban Nikolai Herbst und Gilles Deleuze/Félix Guattari. Universität Zürich 2005. der Bücher ineinander und mit der realen Außenwelt ununterscheidbar einhergeht. Dies lässt sich als Medienkritik lesen, besonders wenn man Herbsts politische Aufsätze seit dem 11. September 2001Etwa: Alban Nikolai Herbst: Wo beginne ich und wo höre ich auf? Moralischer Größenwahn. In: Freitag Nr. 10/1. März 2002 ins Auge fasst. Es kann aber auch, wie Schnell meint, der Ausdruck einer radikal-affirmativen poetischen Verfügung über die Neuen Medien sein: „die am weitesten vorangetriebene literarische Ästhetik im Zeitalter der Digitalisierung“.
Herbsts Verfahren der Vermischung von Wirklichkeiten hat sowohl den Vorwurf der Geschichtsklitterung auf sich gezogenWerner Irro: Weh dir, wenn du ein solcher bist. In: Frankfurter Rundschau. 5. Mai 1984. wie auch den der Kolportage.Friedemar Apel: Täglich sieben trockene Martinis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Oktober 1998. Überhaupt wird Herbsts Arbeit extrem gegensätzlich eingeschätzt:Volker Weidermann: Hilferuf eines Autors. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 29. Januar 2006. Die Wertungen reichen von „Scharlatan“ über „wortreicher Hochstapler“ bis hin zu „großer deutscher magischer Realist“ und „Lichtgestalt der literarischen Postmoderne“. Herbst selbst, der sich seit spätestens 2001 mit dem Aufsatz „Das Flirren im Sprachraum“Schreibheft Nr. 56 auch der theoretischen Poetik zugewandt hat, nennt seine Arbeit dokumentarisch. Ein „tatsächlicher“ Realismus sei gar nicht möglich, sondern letztlich Ideologie.Alban Nikolai Herbst: Kybernetischer Realismus. Dritte Heidelberger Vorlesung, Heidelberg 2008, https://dschungel-anderswelt.de/?s=Kybernetischer+Realismus.+Dritte+Heidelberger+Vorlesung Aus Herbsts primären Prosaarbeiten und theoretischen Abhandlungen, die er vor allem in Literaturzeitschriften wie Schreibheft, die horen, Kritische Ausgabe, „L. Der Literaturbote“ sowie seinem Weblog Die Dschungel. Anderswelt veröffentlicht hat, proklamiert Herbst den Begriff eines „Kybernetischen Realismus“„Kybernetischer Realismus“, Heidelberger Vorlesungen https://www.manutius-verlag.de/index.php/geisteswissenschaftliche-studien/142-herbst-kybernetischer-realismus, für dessen Grundbewegung er eine „Möglichkeitenpoetik“ reklamiert. „Ausgehend von Norbert Wieners Verständnis von Mensch und Maschine als analoge Systeme von Nachrichtenübermittlung übernimmt Herbst“, so Renate Giacomuzzi, „den Begriff der Kybernetik, um damit ein ästhetisches Modell zu bezeichnen, in dem die Unterscheidung zwischen künstlich und natürlich arrangierter Welt aufgehoben ist“.Renate Giacomuzzi: „Die Dschungel. Anderswelt“ – mehr als nur ein Weblog. In: Text + Kritik. Heft 236, Alban Nikolai Herbst, September 2022. Wiederum Reber vergleicht Herbsts Poetologie mit den Metamorphosen Ovids.Ursula Reber: Bildverschleifungen, Zu einer Theorie der Metamorphose / 5. Alban Nikolai Herbst: Samples, Recycling und Technisierung, Romantik meets Cyberspace. Wien 2006.
Herbsts Vermischung von Realität und Fiktionen ist nicht ohne juristische Folgen geblieben. Im Jahr 2003 erwirkte eine ehemalige Freundin Herbsts gegen die Veröffentlichung seines Romans „Meere“ eine einstweilige Verfügung, da sie in dem Werk einen Schlüsselroman sehe, dessen Inhalt eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte darstelle. Der Rechtsfall lief mit leichter Zeitversetzung hinter dem ähnlich gelagerten um Maxim Billers Roman „Esra“ her und führte auch hier erst einmal zu einem Buchverbot. Jedoch anders als im Fall Biller wurde der Prozess um „Meere“ im März 2007 durch eine gerichtliche Einigung erledigt, so dass der gesamte Roman bereits im April 2007 als Vorabdruck in einer umgearbeiteten Fassung in der Wiener Literaturzeitung Volltext erschien und damit wieder einsehbar wurdeVolltext Nr. 2/2007. – ein seit Rowohlts Rotationsromanen in solchem Umfang nicht mehr dagewesenes Literaturereignis. Seit September 2017 ist auch die unveränderte Originalausgabe wieder erhältlich.MEERE. Die Presseerklärung des mare-Verlages vom 12. September 2017: Zur Freigabe der Originalausgabe., auf dschungel-anderswelt.de Die scheinbare Rückkehr in einen autobiografischen Realismus des Romans „Meere“ stellt sich als ein weiteres kalkuliertes Segment von Herbsts Vermischungsästhetik herausChristoph Jürgensen: Ich ist ein anderer. auf: literaturkritik.de, Nr. 7, Juli 2004., das letztlich sogar objektive Gerichtsverfahren zu literarischen Erscheinungen macht.Alban Nikolai Herbst: Das Leben als Roman begreifen. Eine Serie in Die Dschungel. Anderswelt Unterdessen gilt das Buch als „Meisterwerk radikal-männlicher Prosa“., auf swr.de
Herbst setzt sich sehr für die Bewahrung der deutschen Sprache ein. Als er auf die falschen Konjunktive in dem Roman „Die komische Frau“ von Ricarda Junge aufmerksam machte, entgegnete man ihm: „Auf Konjunktive kommt es nicht an.“ Herbst beschrieb seine Reaktion darauf in einem Interview: „'Wir dürfen es doch nicht kaputtgehen lassen!', rief ich mit wahrscheinlich schon etwas gepresster Stimme aus, fasste mich wieder und erklärte die Besonderheit des deutschen Konjunktiv II, der zwar imperativisch gebildet wird, aber keineswegs einer der Vergangenheit ist, sondern etwas ausdrückt, das nicht ist. Deshalb wird er ja Irrealis genannt. Und was bekam ich nun zu hören? –: 'Sie sind ein Sprachfaschist!'“
Lyrik Seit 2007 hat sich Herbst auch der Lyrik zugewandt, zuerst mit den sechzehn Liebesgedichten „Dem nahsten Orient/Très Proche Orient“, die im selben Bändchen in der Übersetzung von Raymond Prunier zugleich auf Französisch erschienen. In seinem dritten Gedichtband „Das bleibende Thier“ (2011) widmet sich Herbst antiken Poetiken, dort dem Hexameter. Doch bereits in dem langen Erzählgedicht „Aeolia.Gesang“ (2008/Wiener Fassung 2019) werden antike bis klassische, aber auch freie moderne Verse durchlaufen. Die einzelnen Arbeitsphasen wurden auch hierfür in den durchlaufenden Arbeits- und Überarbeitungsproben auf Herbsts Weblog Die Dschungel. Anderswelt veröffentlicht und teils diskutiert – ebenso wie Herbsts ungefähr mit der eigenen Lyrik begonnene Übersetzungstätigkeit, die oft in Zusammenarbeit mit dem Lyriker Helmut Schulze angegangen wurde (James Joyce: „Giacomo Joyce“, 2013, und „Kammermusik/Chamber Music“, 2018). Auch hier ist Herbsts stark formal orientierte, durchaus neoklassizistische Poetik auffällig, die in bewusster Abgrenzung gegen die freie Rhythmik der Gegenwart gestellt wird. Diese allerdings prägt neuere lyrische Arbeiten Herbsts.
Hörkunst