mini|Tschadisch (ocker) innerhalb der afroasiatischen Sprachen

Die tschadischen Sprachen (auch Tschadsprachen genannt) sind ein eigenständiger Zweig der afroasiatischen Sprachfamilie. Er umfasst etwa 195 genetisch verwandte Sprachen, die in Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun, also um den Tschadsee herum, gesprochen werden. Bekannteste und traditionsreichste Sprache dieses Zweiges ist das Hausa. Hausa gehört dem West-Zweig an.

Forschungs- und Klassifikationsgeschichte

Die wissenschaftliche Erforschung tschadischer Sprachen begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als europäische Forschungsreisende begannen, lexikalisches und grammatikalisches Material tschadischer Sprachen zu sammeln. 1934 gliederte dann Johannes Lukas eine Reihe von Sprachen in der Umgebung des Tschadsees in eine „tschadische“ und eine „tschadohamitische“ Gruppe, wobei die genetische Zugehörigkeit zum Afroasiatischen zwar in Erwägung gezogen, aber nicht völlig anerkannt wurde. Erst Joseph Greenberg zeigte 1950, dass die „tschadischen“ und „tschadohamitischen“ Sprachen eine genetische Einheit bilden und einen eigenen Primärzweig der afroasiatischen Sprachfamilie bilden. Die externe Klassifikation des Tschadischen konnte seitdem nicht mehr präzisiert werden; durch das stetig anwachsende publizierte Material tschadischer Sprachen wurden aber eine Präzisierung der inneren Klassifikation sowie Ansätze zur historischen Rekonstruktion des Proto-Tschadischen und untergeordneter Protosprachen möglich. 1966 versuchten Paul Newman und Roxana Ma erstmals Phonologie und eine Reihe von Lexemen des Prototschadischen zu rekonstruieren und schlugen eine Klassifikation vor, die einen „Biu-Mandara“-Zweig und einen „Plateau-Sahel“-Zweig vorsah. Diese Klassifikation musste jedoch schon bald revidiert werden. 1977 schlug Newman eine weitgehend anerkannte Gliederung in vier Zweige vor; die Vereinigung von Biu-Mandara und Masa zu einem Zentraltschadisch durch einige Wissenschaftlerbeispielsweise Jungraithmayr, Shimizu 1981; Vladimir E. Orel and Olga V. Stolbova: Hamito-Semitic Etymological Dictionary: Materials for a Reconstruction. Brill, Leiden 1995. ISBN 90-04-10051-2. konnte sich nicht allgemein durchsetzen.

Externe Klassifikation

Das Tschadische ist einer der sechs Primärzweige der in Nord- und Ostafrika sowie im Nahen Osten verbreiteten afroasiatischen Sprachfamilie, zu der auch das Ägyptische, Berberische, Kuschitische, Omotische und Semitische gehören. Die genetische Verwandtschaft des Tschadischen mit diesen Sprachen ergibt sich sowohl aus lexikalischen als auch aus morphologischen Eigenschaften. Unter letzteren sind hauptsächlich die Personalpronomina zu nennen sowie die Systeme zur Verbal- und Nominalderivation; die Flexion des Tschadischen hingegen weist eine große Anzahl an eigenständigen Entwicklungen auf. Die folgende Liste enthält einige Beispiele für Isoglossen aus Lexikon und Morphologie, die zusammen mit vielen weiteren Entsprechungen sowohl die genetische Verwandtschaft der tschadischen Sprachen untereinander als auch ihre Zugehörigkeit zum Afroasiatischen belegen:

(Grund-)BedeutungTschadischDaten meist nach ÄgyptischBerberischKuschitischOmotischSemitischWesttschadischBiu-MandaraOsttschadisch „Zunge“Bole lisìmMusgu ɛlɛsíMubi lɛ̀ésí*lésKabylisch iləsDime lits'- („lecken“)Arabisch lisān „Name“Hausa súúnááMargi ɬǝmSomrai súmíKabylisch isəmBench sumAkkadisch šumum „sterben“Hausa mútùLogone mtiMubi mātmwtTuareg ämmätRendille -mut-Arabisch māta, ya-mūtu „du“ (maskulin)Hausa kaKotoko -kuMokilko k-kwTuareg kăyBeja -kArabisch -ka „ihr“Hausa kunKotoko -kunMokilko kún-ṯn (<*kn)Tuareg kăwăneḍBeja -knaArabisch -kum, -kunna

Subklassifikation

Die Mehrzahl der Wissenschaftlerbegründet von Newman 1977; dagegen: Jungraithmayr, Ibriszimow 1994 gliedert das Tschadische in vier Zweige:Zahlen nach Ernst Kausen, Die Klassifikation der afroasiatischen Sprachen. (DOC; 127 kB). NameSprachenSprecherStaatenWesttschadisch7527 MillionenNiger, NigeriaBiu-Mandara762,9 MillionenNigeria, Kamerun, TschadMasa9650.000Tschad, KamerunOsttschadisch33500.000Tschad Diese Zweige werden ihrerseits wieder in Untergruppen aufgeteilt, so dass sich folgende Klassifikation ergibt:nach Newman 1977 Tschadisch Westtschadisch A Hausa Bole-Tangale Angas Ron B Bade Warji Zaar Biu-Mandara A Tera Bura-Margi Higi Mandara Mafa (Matakam) Sukur Daba Bata B Kotoko-Sprachen Nord Afade Malgbe Maslam Mpade Süd Lagwan Mser Musgu Gidar Masa OsttschadischWilliam J. Frawley: International Encyclopedia of Linguistics: AAVE - Esperanto, Band 1, Oxford University Press, 2003, ISBN 978-0-19-513977-8, S. 306 A A.1: Gadang, Miltu, Mod, Ndam, Sarwa, Somrai, Tumak A.2: Gabri, Kabalai, Kimre, Lele, Nancere, Tobanga A.3: Kera, Kwang B B.1: Bidiyo, Birgit, Dangla, Jegu, Kujarke, Mahwa, Migama, Mogum, Mobi, Toram B.2: Mokulu B.3: Barain, Saba, Sokoro

Zur Orientierung wird im Folgenden hinter den Namen tschadischer Sprachen in Klammern der entsprechende Zweig angegeben.

Soziolinguistische Situation

Die große Mehrheit der tschadischen Sprachen wird von weniger als 50.000 Menschen in einer kleinen Region gesprochen und hat damit nur lokale Bedeutung. Um die überregionale Kommunikation zu ermöglichen, werden bestimmte Verkehrssprachen benutzt, neben Französisch und Arabisch handelt es sich hierbei vor allem in Nigeria und im Niger um das westtschadische Hausa, das von mehreren Millionen Menschen gesprochen wird. Das Hausa ist auch wohl die einzige tschadische Sprache, in der in arabischer oder lateinischer Schrift in größerer Menge Literatur verfasst wurde.

Phonologie Segmente

Das Konsonantensystem des Tschadischen weist einige Eigenschaften auf, die es als typisch afroasiatisch charakterisieren. So finden sich mehrere glottalisierte Konsonanten, besonders die Implosive und und ein oder zwei laterale Frikative (, ). Das Tschadische zeigt jedoch auch Abweichungen: es finden sich keine pharyngalen Frikative und im Allgemeinen auch keine glottalen Laute mit phonemischem Status. Dagegen besitzt eine Reihe von Sprachen pränasalierte Konsonanten, die sich im Afroasiatischen sonst nicht finden.

Die Vokalphoneme der tschadischen Sprachen weisen eine beachtliche Diversität auf; Systeme mit einem Phonem wurden ebenso beobachtet wie solche mit zwölf Vokalphonemen.Catherine Bow: The Vowel System of Moloko (Dissertation, 1999), PDF, S. 8. Die Rekonstruktion der proto-tschadischen Vokale ist schwierig; entsprechend weichen die bisherigen Rekonstruktionsversuche voneinander erheblich ab, es liegen rekonstruierte Systeme mit zwischen einemsiehe z. B. Ekkehard Wolff: Reconstructing Vowels in Central Chadic. In: Ekkehard Wolff, Hilke Meyer-Bahlburg (Hrsg.): Studies in Chadic and Afroasiatic Linguistics. Helmut Buske Verlag, Hamburg 1983. S. 211–232, der zumindest für das Proto-Biu-Mandara nur ein Vokalphonem /a/ ansetzt. und fünfNewman 1977. Phonemen vor.

Suprasegmentale Eigenschaften

Alle tschadischen Sprachen sind – wie auch zwei andere afroasiatische Primärzweige – Tonsprachen. Die Mehrheit der tschadischen Sprachen kennt einen hohen und einen tiefen Ton, die in der Transkription gewöhnlich durch den Akut für den Hochton und den Gravis für den Tiefton markiert werden. Einige Einzelsprachen besitzen auch kompliziertere Tonsysteme. Ein weiteres häufiges Charakteristikum ist das downdrift-Muster, bei dem ein auf einen Tiefton folgender Hochton niedriger als gewöhnlich gesprochen wird. In wissenschaftlicher Transkription werden die Töne meist folgendermaßen markiert: hoch: Akut (á) oder unmarkiert (a), wenn die Sprache nur zwei Tonhöhen kennt normal: unmarkiert (a) tief: Gravis (à) fallend: Zirkumflex (â) steigend: Hatschek (ǎ)

Morphologie Nominal- und Pronominalmorphologie Personalpronomina

Je nach der syntaktischen Stellung treten die Personalpronomina in unterschiedlichen Formen auf, die jedoch etymologisch eng miteinander verwandt sind. Dabei lassen sich Subjektspronomina und Objektspronomina, Possessivpronomina, die an ihr Bezugswort suffigiert werden, und schließlich absolute, thematisierte Pronomina unterscheiden. Eine Besonderheit einiger tschadischer Sprachen stellen intransitive copy pronouns dar, die an den Verbalstamm eines intransitiven Verbs suffigiert werden und mit dem Subjekt in Person, Numerus und Genus kongruieren. Beispiele aus dem Bole (West):Alhaji Maina Gimba: Bole Verb Morphology. (Dissertation), 2000 (); Russel G. Schuh: unpublizierte Kapitel einer Grammatik des Bole () Subjektspronomen ítá sòorá-kkò „sie fiel“ direktes Objektspronomen íshí ɗòppée-nò „dass er mir folge“ indirektes Objektspronomen íshí ɗòppì-nó „dass er für mich folge“ Possessivpronomina mòrɗó-kò „deine (m.) Hirse“ Intransitive Copy Pronouns ítá ʾyòráj-jìitó „sie hörte auf“

Die folgende Tabelle stellt Personalpronomina verschiedener tschadischer Sprachen zusammen:  Hausa (West)Subjektspronomina des PerfektivsMofu-Gudur (Biu-Mandara)Substantivische PersonalpronominaMokilko (Ost)SubjektspronominaHerrmann Jungraithmayr: Le fontionnement du verbe dans l'énoncé simple en Mokilko. In: H. Jungraithmayr, H. Tourneux (Hrsg.): Fonctionnement du verbe dans trois langues tchadiques. Africana Marburgensia, Sonderheft 6. Marburg 1982, S. 25–29.Singular1.nááyan-2. m.káákak-2. f.kínm-3. m.yáááay-3. f.táát-Plural1. exklusivmúnálaɁáy-1. inklusiválákwaɁín-2.kúnákwarkún-3.súnátáɁán-

Substantive

Ein tschadisches Substantiv gehört in den meisten Sprachen einem der beiden Genera Maskulinum und Femininum an, wobei sich gewisse Korrelationen mit dem natürlichen Geschlecht (Sexus) erkennen lassen. Das Genus ist im Allgemeinen nicht markiert. Von Substantiven lässt sich ein genusneutraler Plural ableiten, wobei im Allgemeinen eine größere Anzahl an Bildungsmöglichkeiten vorhanden ist, die im Biu-Madara dagegen stark reduziert sind. Es finden sich folgende Bildungsarten:Vergleiche: Paul Newman: Nominal and verbal plurality in Chadic. Foris, Dordrecht 1990. ISBN 90-6765-499-X.

Suffixe Hausa (West) itààc-èè „Baum“ – ítáát-úúwà „Bäume“ Reduplikation Hausa (West) téébùr „Tisch“ – téébúróóríí „Tische“ Ablaut Bade (West) də̀máán „Baum“ – dàmə́n „Bäume“

Nomina agentis, instrumenti und loci werden mit einem aus dem Proto-Afroasiatischen ererbten Präfix m- gebildet: Bade (West): súúy „fischen“ – màsúúyáán „Fischer“, ə̀rbə̀cú „öffnen“ – márbə̀cə́n „Schlüssel“, ə̀kfú „hereingehen“ – màkfáán „Eingang“.

Verbalmorphologie Konjugation

Die Personalkonjugation erfolgt im Tschadischen durch spezielle Formen der Personalpronomina, die vor dem Verbalstamm stehen; die meisten tschadischen Sprachen verfügen über komplexe morphologische Systeme zur Kennzeichnung von Tempus, Modus, Aspekt und Aktionsart, wobei sowohl Klitika, die vor oder hinter dem Verb stehen, als auch Veränderungen des Verbalstamms selbst auftreten. Obwohl die Konjugationssysteme der verschiedenen Sprachen äußerlich ähnlich sind, konnte das prototschadische Konjugationssystem bislang nur ansatzweise rekonstruiert werden, so ist beispielsweise ein Perfektmarker *k- sehr weit verbreitet und kann daher auch für die Protosprache angesetzt werden.

Einige Sprachen, darunter das Hausa (West), drücken Aspekte durch die Anwendung aspektspezifischer Subjektspronomina, die historisch teilweise durch die Verschmelzung von Subjektspronomina und Aspektmarkern entstanden sind, und teilweise auch Modifikation des Verbstammes aus:

Analyse Form Übersetzung 3. Person Sg. mask. Progressiv yánàà tàfíyáá „er geht (gerade)“ 3. Person Sg. mask. Habitual yákàn tàfí „er geht (normalerweise)“ 3. Person Sg. mask. Subjunktiv yà tàfí „dass er geht“ 3. Person Sg. mask. Futur (1) zâi tàfí „er wird gehen“ 3. Person Sg. mask. Futur (2) yâa tàfí „er wird gehen“ 3. Person Sg. mask. Perfektiv yáá tàfí „er ging“ Imperativ tàfí „Geh!“ Verbalnomen tàfíyáá „das Gehen“