mini|hochkant=1.4|Chemische Produktionsanlagen Die chemische Industrie (auch Chemieindustrie, Chemiewirtschaft, chemisches Gewerbe) ist ein Wirtschaftszweig (Branche), der sich mit der Herstellung chemischer Produkte beschäftigt. Dieser Industriezweig stellt für viele andere Wirtschaftszweige die benötigten Stoffe her.
Gewerbe der chemischen Industrie mini|Waschmittel – wie Persil – sind Produkte der chemischen Industrie mini|UHU-Alleskleber – ein Produkt der chemischen Industrie Die Chemische Industrie ist dem Verarbeitendem Gewerbe zuzuordnen. Nach der europäischen Klassifikation Statistische Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft (NACE) beinhaltet die Herstellung von chemischen Erzeugnissen folgende Teilbereiche: NACE-Code 20.1 – Herstellung von chemischen Grundstoffen, Düngemitteln und Stickstoffverbindungen, Kunststoffen in Primärformen und synthetischem Kautschuk in Primärformen NACE-Code 20.2 Herstellung von Schädlingsbekämpfungs-, Pflanzenschutz- und Desinfektionsmitteln NACE-Code 20.3 Herstellung von Anstrichmitteln, Druckfarben und Kitten NACE-Code 20.4 Herstellung von Seifen, Wasch-, Reinigungs- und Körperpflegemitteln sowie von Duftstoffen NACE-Code 20.5 Herstellung von sonstigen chemischen Erzeugnissen (wie Pyrotechnik und Klebstoffe) NACE-Code 20.6 Herstellung von Chemiefasern
Meist wird auch die Pharmazeutische Industrie (NACE-Code 21 Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen) zur Chemischen Industrie gerechnet.
Andere Industrien gehören nicht zur Chemischen Industrie.
Im Brockhaus findet man die folgende Definition: Brockhaus-Enzyklopädie. F.A. Brockhaus GmbH Mannheim 1987, 19. Auflage, Band 4, S. 447.
Geschichte
mini|BASF um 1893 Die chemische Industrie ist ein Wirtschaftszweig, der in Europa und den USA um 1850 zu einem eigenständigen Industriezweig wurde.
Die Gewinnung von Metallen aus Erzen wurde schon in sehr früher Zeit betrieben. Alchemisten forschten und experimentierten in diesem Bereich. Gold und Silber waren wichtige Münzmetalle. Die Geldwirtschaft gewann allmählich an Bedeutung, Naturalwirtschaft und Tauschhandel verloren an Bedeutung. Silber und Gold waren nicht beliebig vermehrbar; die Zahl der Münzen hing von den Goldbergwerken, den Silberbergwerken und den staatlichen Münzprägeanstalten ab. Münzen waren damals häufig sehr knapp und deshalb begehrt. Mit Beginn der Industrialisierung und dem Bevölkerungswachstum kamen neue Güter und Produkte – insbesondere durch die Chemie – in den Wirtschaftskreislauf. Die Geldmenge konnte nicht mehr durch Münzen sichergestellt werden; die Münzen wurden zunehmend durch Papiergeld (z. B. in der Französischen Revolution) substituiert. Die Metallgewinnung und die chemische Industrie waren bedeutende Faktoren für technischen Fortschritt und Wirtschaftsaufschwung. Metalle wurden für Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren, Eisenprofile (z. B. Wohnungsbau, Brücken, Schienen) benötigt, die Chemieindustrie stellte Soda (für die Glasindustrie und für Wasch- und Reinigungsmittel), Chemiefasern und Farbstoffe (z. B. für Textilien) her. Die jungen Chemiker stammten in Preußen Anfangs aus den zahlreichen Gewerbeschulen, in denen unter anderem die Grundlagen der Teerfarbenherstellung gelehrt wurden.
Anorganische Chemieindustrie Ausgangspunkte für die Entstehung der chemischen Industrie war das Bleikammerverfahren (1740 Richmond bei London) zur Herstellung von Schwefelsäure. 1778 wurde in der ersten Chemiefabrik der Schweiz, dem Laboratorium in Winterthur, die Produktion von konzentrierter Schwefelsäure begonnen. Ein zweites Schlüsselprodukt der Chemieindustrie war das Soda (1791 von Nicolas Leblanc entwickelt). James Muspratt baute im Jahr 1823 die erste Sodafabrik in England (Liverpool), Hermann in Schönebeck (bei Magdeburg) errichtete die erste Sodafabrik in Deutschland, Friedrich Engelhorn gründete 1865 in Mannheim die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF). Ab 1852 wurde Schwefelsäure nach Entwicklungen von Friedrich Wöhler, Clemens Winkler und Rudolf Knietsch im Kontaktverfahren erzeugt, ab 1863 wurde das Solvay-Verfahren zur Herstellung von Soda eingeführt. Soda nutzte und nutzt man in der Glasindustrie; neue Spezialgläser (Böhmisches Hartglas, Kristallglas, Crownglas) konnten erzeugt werden. Aus der Salzsäure als Nebenprodukt des Leblanc-Verfahrens konnte Chlorkalk (Tennant (1799), Walter Weldon (1867), Henry Deacon (1872)) erzeugt werden. Seit 1890 wurden Chlor, Wasserstoff und Natronlauge durch Elektrolyse hergestellt.
Organische Chemieindustrie Friedlieb Ferdinand Runge bereitete um 1833 bei Oranienburg den Weg zur Entwicklung der organischen Chemieindustrie, als er ein Nebenprodukt der Steinkohleumwandlung zu Koks untersuchte, den Steinkohleteer. Aus den Erkenntnissen über dessen Inhaltsstoffe und deren Reaktionen entwickelten sich technisch nutzbare organisch-chemische Prozesse und die Industriezweige zu synthetischen Farbstoffen, Arzneimitteln und Kunststoffen.
Das Aufblühen der chemischen Industrie ging Hand in Hand mit der Wissenzunahme und der Zahl der Absolventen in der Chemie. Zwischen 1860 und 1900 stiegen sowohl die Zahl der Unternehmen in der Chemieindustrie als auch deren Größe schnell an. Die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF, gegründet 1865) beschäftigte 1885 bereits 2.330 Arbeiter und Angestellte, 1890 waren es 3596, 1895 4600 und 1900 6711, davon etwas über 100 Chemiker. Bei Bayer/Elberfeld (gegr. 1863) gab es 1885 zunächst 24 Chemiker und 300 Arbeiter, und 1896 waren es 104 Chemiker und 2644 Arbeiter.Hans-Werner Schütt: Der Chemiker im Wandel der Zeiten. Verlag Chemie, Weinheim 1973, S. 302.
Die Chemie und die Chemiewirtschaft galten in dieser Phase als friedens- und damit staatserhaltend. Düngemittel, Pflanzenschutzmittel und Herbizide steigerten die Erträge in der Landwirtschaft. Farbstoffe und Pigmente brachten Farben für Kleidung, Druckerzeugnisse, Häuserfassaden, und die Fotografie. Kunstfasern erhöhten das Angebot an preiswerten Textilien. Kunststoffe brachten neue Güter für Haushalte und Gewerbe. Arzneimittel verbesserten den Gesundheitszustand und senkten das Infektionsrisiko bei gefährlichen und ansteckenden Krankheiten wie Tuberkulose, Syphilis oder Diphtherie.
Bismarck bemerkte einmal, dass „es weniger die friedliche Gesinnung aller Regierungen ist, die den Frieden bisher erhält, als die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Chemiker“.Hans-Bernd Amecke: Chemiewirtschaft im Überblick. Verlag Chemie, Weinheim 1987, S. 10.
Umwelt- und Gesundheitsgefahren durch die Chemieindustrie Zu Beginn der Industrialisierung wurden von der chemischen Industrie viele Produkte hergestellt und in Umlauf gebracht, die schädliche Folgen für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder für die Umwelt hatten. Viele der späteren Folgewirkungen blieben den Forschern nach bestem Wissen zunächst völlig unbekannt, ein Umwelt- oder Arbeitsschutzgedanke existierte nicht, mögliche Gefahren wurden dem Profitstreben der Firmengründer untergeordnet und Arbeitnehmerinteressen kaum beachtet.
Beispielsweise war das Schweinfurter Grün ein wichtiges Pigment zur Färbung von Tapeten. Unter normalen, trockenen Raumbedingungen war das arsenhaltige Pigment ungefährlich. In feuchten, modrigen Räumen entwickelte sich nach einiger Zeit jedoch der giftige und flüchtige Arsenwasserstoff, der an die Raumluft abgegeben wurde und so eingeatmet werden konnte.
Ein anderes Beispiel ist der Azofarbstoff „Buttergelb“, der zur Färbung von Butter diente. Nach heutigen Erkenntnissen ist dieser Stoff krebserregend und wird nicht mehr hergestellt.
Beginn des Umweltschutzes Durch die Reichseinigung entstanden Institute zur Kontrolle der Umwelteigenschaften von chemischen Stoffen wie die „Preußische Landesanstalt für Wasser-, Boden-, Lufthygiene“ (heute: Umweltbundesamt), 1905 die „Biologische Anstalt für Land- und Forstwirtschaft“ (heute: Biologische Bundesanstalt), 1876 das Kaiserliches Gesundheitsamt (heute: Bundesgesundheitsamt) und zur Erforschung von komplexeren wissenschaftlichen Zusammenhängen die Kaiser-Wilhelm-Institute (heute Max Planck-Institute).
Trotz Aufbau dieser Sicherungen zum Schutz der Bevölkerung gab es auch in späterer Zeit im Umgang mit chemischen Stoffen unvorhergesehene Folgen. Pflanzenschutzmittel in den 1950er und 1960er Jahren bestanden noch aus biologisch schwer abbaubaren chlororganischen Verbindungen (z. B. Lindan), dies führte zu einer Belastung der Umwelt.
Auch verzweigte Alkylsulfonate, die als Tenside dienten, waren biologisch schlecht abbaubar. Ab 1961 gab es dazu das „Gesetz über Detergentien in Wasch- und Reinigungsmitteln“. Von Oktober 1957 bis Ende 1961 nahmen zehntausende Schwangere Contergan-Tabletten (medizinischer Wirkstoff Thalidomid), weil diese gegen morgendliche Schwangerschaftsübelkeit in der frühen Schwangerschaftsphase halfen, im Hinblick auf Nebenwirkungen als sicher galten und weil sie bis Ende der 1950er Jahre gezielt als rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel für Schwangere empfohlen wurden. Contergan verursachte schwere Fehlbildungen (Dysmelien) oder das Fehlen (Amelie) von Gliedmaßen und Organen bei Neugeborenen. Weltweit kamen etwa 5.000–10.000 geschädigte Kinder auf die Welt; außerdem gab es eine unbekannte Zahl von Totgeburten. Die Kontrolle versagte, obgleich sehr umfangreiche Untersuchungen erfolgt waren.
Bei den Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKWs) glaubten Chemiker und Hersteller damals, eine gefahrlose Chemikalie als Kühlmittel für Kühlschränke und Treibgas für Spraydosen gefunden zu haben. Wenn FCKWs in die Atmosphäre gelangen, steigen sie in die Stratosphäre auf und schädigen dort (durch damals unbekannte Gasreaktionen) die Ozonschicht. 1985 wurde erstmals ein Ozonloch über der Antarktis beobachtet und 2020 erstmals über der Arktis.
Dem Benzin setzten die Mineralölhersteller bis in die 1980er Jahre das Bleitetraethyl als Antiklopfmittel hinzu (siehe Benzinbleigesetz). Die Auspuffabgase waren noch stark kohlenmonoxid- oder benzolhaltig. Kohlenmonoxid ist ein gefährliches Atemgift; Benzol ist krebserregend.
Das Blacksmith Institute (USA) ermittelt seit 2006 die Top 10 der am stärksten verseuchten Orte der Erde. Dabei haben auch Betriebe der chemischen Industrie immer wieder eine Rolle gespielt, wie z. B. Dserschinsk in Russland (Chemiewaffenproduktion); oder Vapi in Indien, Buenos Aires in Argentinien und Jakarta in Indonesien.Top Ten Threats 2013, Blacksmith Institutes.
REACH In Dubai haben sich 120 Staaten bereit erklärt, den Umgang mit Chemikalien weltweit für Mensch und Umwelt einheitlicher und sicherer zu gestalten. Chemikalien sollen weltweit nach Gefährlichkeit eingestuft und für Transport und Umgang gekennzeichnet werden. Regelungen sollen international vereinheitlicht werden. Dazu dient auch die REACH-Verordnung vom 1. Juli 2007 in Europa. Hersteller oder Unternehmen, die chemische Stoffe und Zubereitungen mit mehr als eine Tonne/Jahr in der EU in den Verkehr bringen, müssen umfangreiche Dokumentationen über Toxikologische Wirkungen, Ökotoxizität sowie physikalisch-chemischen Daten dieser Stoffe an die Chemieagentur in Helsinki einreichen. Ferner haben die Unternehmen Informationspflichten für die gesamte Lieferkette wahrzunehmen. Ca. 80.000 Registrierdossiers wurden eingereicht, die Erstellungskosten lagen bei 2 Mrd. €.
Automatisierung und Effizienz Produktionsbetriebe der chemischen Industrie haben im Allgemeinen einen höheren Bedarf an Kapitalinvestitionen und einen geringeren Personalbedarf verglichen mit Produktionsbetrieben anderer Branchen mit vergleichbarem Umsatz.
Die chemische Industrie zeichnet sich aus durch einen hohen Automationsgrad, eine hohe Wertsteigerung der verarbeiteten Rohstoffe, eine sehr teure Forschung, eine aufwändige Verfahrenstechnik sowie eine große Anzahl hergestellter Produkte.