mini|Nachbau des Aberkios-Epitaphs im Museo della Civiltà Romana; die erhaltenen Originalfragmente bilden den linken oberen Teil des zentralen Textfeldes Als Aberkiosinschrift wird eine 22-zeilige, in altgriechischer Sprache verfasste Grabinschrift aus Hieropolis in Phrygien (im Westen der heutigen Türkei) bezeichnet. Sie befand sich auf dem Grab des christlichen Klerikers Aberkios, der vermutlich Bischof von Hieropolis war und um 200 n. Chr. starb. Dem Schlussteil der Inschrift zufolge wurde sie von Aberkios selbst noch zu Lebzeiten verfasst. Der vollständige Text ist nur als Abschrift in einer spätantiken Heiligenvita überliefert. Im 19. Jahrhundert wurden auch Fragmente des originalen Grabsteins aus der Zeit gefunden, sodass sich die spätere Überlieferung des Textes überprüfen und bestätigen lässt. Die Aberkiosinschrift ist ein wichtiges Zeugnis des frühen Christentums und von großer religionshistorischer Bedeutung.

Der metrische Inschriftentext beschreibt mit symbolischen, für den Uneingeweihten schwer verständlichen Ausdrücken christliche Lehren und Kultpraktiken. Aberkios schildert darin, wie er im Auftrag Gottes Rom und verschiedene Gebiete des Nahen Ostens besuchte und dort mit Glaubensgenossen zusammentraf. Frühere Wissenschaftler gingen oft davon aus, dass Aberkios seine Grabinschrift aus Angst vor Christenverfolgungen so verschlüsselte, dass Nicht-Christen sie nicht verstehen könnten. Demgegenüber nimmt die neuere Forschung eher an, dass Aberkios bewusst christliche und nichtchristliche Schlagwörter in seinem Text kombinierte und gezielt mit ihnen spielte, um den Lesern des Grabsteins seine Bildung und sein Interesse sowohl an christlicher als auch an klassisch-griechischer Kultur vor Augen zu führen.

Überlieferung mini|Die zwei erhaltenen Fragmente der Aberkiosinschrift in den Vatikanischen Museen, Schrägansicht Zwei Fragmente der originalen Grabinschrift sind erhalten. Sie wurden 1883 durch den schottischen Archäologen und Historiker William Mitchell Ramsay bei seinen Forschungen im Bereich der Thermalquelle Agros Thermon entdeckt. Dieser Fundort liegt nahe von Aberkios’ Heimatstadt Hieropolis, die bei dem modernen Ort Koçhisar im Landkreis Sandıklı lokalisiert wird.William Mitchell Ramsay: The Cities and Bishoprics of Phrygia. In: The Journal of Hellenic Studies. Band 4, 1883, S. 370–436, hier S. 424–428; siehe auch William Mitchell Ramsay: The Cities and Bishoprics of Phrygia. Being an essay of the local history of Phrygia from the earliest times to the Turkish conquest. Band 1,2: West and West-Central Phrygia. Clarendon Press, Oxford 1897, S. 679–680 (Digitalisat). Diese beiden Bruchstücke der Inschrift befinden sich heute in den Vatikanischen Museen in Rom, wo sie mit der Inventarnummer 31643 im Lapidario Cristiano aufbewahrt werden.Informationen zur Inschrift auf der Website der Vatikanischen Museen, abgerufen am 2. April 2024.

mini|hochkant|links|Umzeichnung der Grabinschrift des Alexandros, publiziert von William Mitchell Ramsay 1896 Teile desselben Textes befinden sich auf einer weiteren Grabinschrift, die zwei Jahre vorher, 1881, ebenfalls von Ramsay entdeckt worden war. Diese zweite Inschrift war auf einem altarförmigen Grabmal angebracht, das Ramsay vor der Moschee des Dorfes Kelendres (heute Karadirek, ebenfalls im Landkreis Sandıklı, etwa 15 km von Agros Thermon entfernt) fand.Erstpublikation mit Angabe zu den Fundumständen: William Mitchell Ramsay: Les trois villes phrygiennes Brouzos, Hieropolis et Otrous. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 6, 1882, S. 503–520, hier S. 518–520 (Digitalisat). Dort steht fälschlich „Keleudres“ für Kelendres, siehe die korrekte Angabe in: William Mitchell Ramsay: The Cities and Bishoprics of Phrygia. Being an essay of the local history of Phrygia from the earliest times to the Turkish conquest. Band 1,2: West and West-Central Phrygia. Clarendon Press, Oxford 1897, S. 720, Nummer 656 (Digitalisat). Zum Fundjahr auch: Eckhard Wirbelauer: Aberkios, der Schüler des Reinen Hirten, im Römischen Reich des 2. Jahrhunderts. In: Historia. Band 51, 2002, S. 359–382, hier S. 364–365. Zum Wandel des Dorfnamens: Klaus Belke, Norbert Mersich: Phrygien und Pisidien (= Tabula Imperii Byzantini. Band 7). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1990, ISBN 3-7001-1698-5, S. 215 (Digitalisat). Der Grabaltar stammt vom Grab eines Alexandros und wird auf das Jahr 215/216 n. Chr. datiert.Laut Wolfgang Leschhorn: Antike Ären. Zeitrechnung, Politik und Geschichte im Schwarzmeerraum und in Kleinasien nördlich des Tauros (= Historia. Einzelschriften. Heft 81). Steiner, Stuttgart 1993, ISBN 3-515-06018-9, S. 268 ist diese Datierung nicht zu beweisen. Der Verfasser dieses Grabsteins wiederholte die ersten und die letzten drei Verse der Aberkiosinschrift, ohne kenntlich zu machen, dass sie von einem anderen Grabmal stammten. Verschiedene inhaltliche, paläographische und metrische Indizien zeigen, dass die Aberkiosinschrift das Vorbild für die Alexandrosinschrift war und nicht umgekehrt. Beispielsweise passt der Name Aberkios in die metrische Struktur des Gedichtes, wohingegen der Name Alexandros sie verletzt und damit eine nachträgliche Änderung sein muss. Die Alexandrosinschrift bildet daher eine ergänzende Quelle für die Rekonstruktion des Aberkios-Grabmals.Annkatrin Blank: Die Grabinschrift des Aberkios. Ein Kommentar. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2023, ISBN 978-3-7954-3860-9, S. 11–12 und 18–24; Photographien der Alexandrosinschrift bei Margaret M. Mitchell: Looking for Abercius: Reimagining Contexts of Interpretation of the ‚Earliest Christian Inscription‘. In: Laurie Brink, Deborah Green (Hrsg.): In Commemorating the Dead, Texts and Artifacts in Context: Studies of Roman, Jewish, and Christian Burials. De Gruyter, Berlin / New York 2008, S. 303–335, hier S. 333 f. Abb. 9,9; 9,10 (Digitalisat).

Eine vollständige Rekonstruktion des Textes ist jedoch nur dank einer literarischen Quelle möglich, nämlich einer griechischsprachigen Heiligenvita des Aberkios, in der zum Schluss auch der komplette Text seiner Grabinschrift zitiert ist. Diese Schrift ist in mehreren Versionen bekannt, die handschriftlich überliefert sind. Die Datierung des Werkes ist allerdings umstritten: Einige Forscher gehen davon aus, dass der Kern bereits im direkten zeitlichen Umfeld von Aberkios, also im 2. Jahrhundert n. Chr., entstanden sei, andere nehmen an, die gesamte Vita sei erst im 4. Jahrhundert aufgrund weniger lokaler Quellen (darunter eben dem damals noch vollständiger erhaltenen Grabstein) zusammengestellt worden. Unabhängig von dieser Frage erlauben die im 19. Jahrhundert entdeckten unvollständigen Steinfragmente die Schlussfolgerung, dass der Text des Grabsteins, wie er in der Vita zitiert ist, im Großen und Ganzen korrekt und authentisch ist.Annkatrin Blank: Die Grabinschrift des Aberkios. Ein Kommentar. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2023, ISBN 978-3-7954-3860-9, S. 24–29 mit weiterer Literatur.

Text und Übersetzung Verse Griechischer Text(Majuskel = Inschrift; Minuskel = Ergänzungen nach Vita)Der griechische Text und die Markierung der in den beiden Inschriften erhaltenen Buchstaben folgt: Reinhold Merkelbach, Josef Stauber: Steinepigramme aus dem griechischen Osten. Band 3: Der „Ferne Osten“ und das Landesinnere bis zum Tauros. K. G. Saur, München/Leipzig 2001, ISBN 3-598-77448-6, S. 182–183. Herkunft ÜbersetzungÜbersetzung übernommen aus: Reinhold Merkelbach, Josef Stauber: Steinepigramme aus dem griechischen Osten. Band 3: Der „Ferne Osten“ und das Landesinnere bis zum Tauros. K. G. Saur, München/Leipzig 2001, ISBN 3-598-77448-6, S. 183. Geändert wurde lediglich der Ortsname (Hieropolis statt Hierapolis) gemäß dem griechischen Text.(Kursiv ≈ Ergänzungen nach Vita) 1–3ἐΚΛΕΚΤΗΣ ΠΟλεΩΣ Ο ΠΟΛΕΙΤης τΟΥΤ ΕΠΟΙησα ζῶν, ἵΝ ΕΧΩ καιρῷ ΣΩΜΑΤΟΣ ΕΝΘΑ ΘΕΣΙΝ. ΟΥΝΟΜ Ἀβέρκιος ὁ ὢν ΜΑΘΗΤΗΣ ΠΟΙΜΕΝΟΣ ΑΓΝΟΥ, Alexandrosinschriftund VitaIch, Bürger der auserwählten Stadt, habe zu Lebzeiten dieses (Grabmal) errichtet, damit ich zur gegebenen Zeit hier die Niederlegungsstätte meines Leibes habe. Ich heiße Aberkios und bin ein Jünger des reinen Hirten 4–6ὃς βόσκει προβάτων ἀγέλας ὄρεσιν πεδίοις τε, ὀφθαλμοὺς ὃς ἔχει μεγάλους πάντῃ καθορῶντας. οὗτος γὰρ μ’ ἐδίδαξεν γράμματα πιστά,Vitader in den Bergen und Ebenen die Herden seiner Schafe weidet und die großen Augen hat, die überallhin blicken. Er ist es gewesen, der mich die frommen Schriften gelehrt 7–15 ΕΙΣ ΡΩΜΗΝ ὃς ἔπεμψεν ΕΜΕΝ ΒΑΣΙΛηαν ἀθρῆσαι ΚΑΙ ΒΑΣΙΛΙΣΣαν ἰδεῖν χρυσόσΤΟΛΟΝ ΧΡΥσοπέδιλον. ΛΑΟΝ Δ ΕΙΔΟΝ Εκεῖ λαμπρὰν ΣΦΡΑΓΕΙΔΑΝ Εχοντα. ΚΑΙ ΣΥΡΙΗΣ ΠΕΔον εἶδα ΚΑΙ ΑΣΤΕΑ ΠΑντα, νισῖβιν, ΕΥΦΡΑΤΗΝ ΔΙΑβάς· πάνΤΗ Δ ΕΣΧΟΝ ΣΥΝΟ[…], ΠΑΥΛΟΝ ΕΧΩΝ ΕΠΟ[…]. ΠΙΣΤΙΣ πάντῃ δὲ προῆγε ΚΑΙ ΠΑΡΕΘΗΚΕ τροφὴν ΠΑΝΤΗ ΙΧΘΥΝ Απὸ πηγῆς ΠΑΝΜΕΓΕΘΗ ΚΑΘαρόν, ὃν ΕΔΡΑΞΑΤΟ ΠΑΡΘΕνος ἁγνή, ΚΑΙ ΤΟΥΤΟΝ ΕΠΕδωκε φίΛ{ι}ΟΙΣ ΕΣΘειν διὰ παντός,Aberkiosinschriftund Vitaund nach Rom gesandt hat, um die Kaiserin zu schauen und die Prinzessin mit dem goldenen Gewand und den goldenen Schuhen zu sehen. Dort sah ich auch das Volk, welches das glänzende Siegel trug. Ich sah auch die Ebene Syriens und alle Städte, Nisibis, und überschritt den Euphrat. Überall hatte ich als Begleiter (?) den Paulus - - - Überallhin führte mich die Fides (Glaube, Vertrauen), und setzte mir überall als Speise den FISCH von der Quelle vor, den großen reinen, welchen die reine Jungfrau ergriffen hatte, und sie gab ihn ihren Lieben überall zu essen, 16–19οἶνον χρηστὸν ἔχουσα, κέρασμα διδοῦσα μετ' ἄρτου. ταῦτα παρεστὼς εἶπον ἀβέρκιος ὧδε γραφῆναι, ἑβδομηκοστὸν ἔτος καὶ δεύτερον ἦγον ἀληθῶς. ταῦθ' ὁ νοῶν εὔξαιτο ὑπὲρ ἀβερκίου πᾶς ὁ συνῳδός. Vita indem sie den Guten (Chrestos) als Wein und eine Mischung davon mit Brot gab. Dieses habe ich, Aberkios, der ich dabeistand, angeordnet hier aufzuzeichnen, als ich wirklich im 72sten Jahr stand. Jeder Gesangesgenosse, der dies versteht, möge für mich, Aberkios, beten. 20–22ΟΥ ΜΕΝΤΟΙ ΤΥΜΒΩ ΤΙΣ ΕΜΩ ΕΤΕΡΟΝ ΤΙΝΑ ΘΗΣΕΙ· ΕΙ Δ ΟΥΝ, ΡΩΜΑΙΩΝ ΤΑμΕΙΩ ΘΗΣΕι ΔΙΣΧΕΙΛΙΑ χΡΥΣΑ ΚΑΙ χΡΗΣΤΗ ΠΑΤΡΙΔΙ ΙΕΡΟΠΟΛΕΙ χΕΙΛΙΑ ΧΡΥΣΑ. Alexandrosinschriftund Vita Aber niemand darf einen anderen in meinem Grab bestatten; wer es aber doch tun sollte, muss dem römischen Fiscus 2000 Aurei zahlen und meiner guten Heimatstadt Hieropolis 1000 Aurei.

Deutung Religiöse Zugehörigkeit mini|Die zwei erhaltenen Fragmente der Aberkiosinschrift in den Vatikanischen Museen, Frontalansicht Viele in dem Text genannte Motive und symbolische Formulierungen sind schwer zu deuten; bezüglich ihrer Erklärung besteht in der Forschung vielfach Uneinigkeit.Annkatrin Blank: Die Grabinschrift des Aberkios. Ein Kommentar. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2023, ISBN 978-3-7954-3860-9, S. 11. Als die Inschrift nach Entdeckung der Steinfragmente im späten 19. Jahrhundert erstmalig in der Wissenschaft beachtet wurde, war sogar umstritten, ob der Text in seiner ursprünglichen Form überhaupt christlich ist (die Heiligenvita ist vielleicht erst mit großem zeitlichen Abstand entstanden). Insbesondere katholische Wissenschaftler argumentierten damals für eine christliche Deutung, wohl weil Aberkios durch seinen Text den Vorrang Roms in der Christenheit zu bestätigen schien. Protestantische Wissenschaftler versuchten dagegen – der Kulturkampf war erst wenige Jahre her – eine solche Vereinnahmung der Inschrift zu bekämpfen. Sie neigten daher dazu, vor allem nichtchristliche Elemente des Textes herauszustellen.Annkatrin Blank: Die Grabinschrift des Aberkios. Ein Kommentar. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2023, ISBN 978-3-7954-3860-9, S. 12–13 und 139.