Aristotelismus nennt man das Wissenschaftssystem, das aus dem Gedankengut des griechischen Philosophen Aristoteles entwickelt wurde. Seine Nachfolger werden als Aristoteliker oder Peripatetiker bezeichnet.

Übersicht Aristoteles markiert das Ende einer Generationen währenden Entwicklung philosophischen Denkens und war gleichzeitig Begründer einer neuen Tradition. Er führte die Denker seiner Zeit von den Höhen der platonischen Visionen in die fruchtbaren Niederungen der Erfahrungswissenschaft. Daher rühren wohl auch die widersprüchlichen Urteile über sein Werk in der Folgezeit. Seither studierten und interpretierten Gelehrte seine Arbeiten. Seine Aussagen wurden hochgeschätzt, aber auch missverstanden, mitunter verurteilt oder umgeformt. Aristoteles-Interpreten wirkten zunächst in Griechenland, dem griechischsprachigen Raum der hellenistischen Zeit, Rom und Nordafrika; später von Persien über Armenien, Syrien, Sizilien, Spanien bis zu den Britischen Inseln, schließlich befassten sich im Spätmittelalter Gelehrte in ganz Europa mit Aristoteles.

Der Hauptstrang der Aristoteles-Tradition war jahrhundertelang die griechischsprachige Linie im östlichen Mittelmeerraum; im 4. Jahrhundert n. Chr. entwickelte sich der lateinische Zweig, der im 9. und nochmals im 12. Jahrhundert in Italien eine neue Blüte erfuhr. Gleichfalls im 4. Jahrhundert entwickelten sich aus den Schulen in Athen und Alexandria fruchtbare Ableger in Syrien und Armenien. Aus dem syrischen Zweig wiederum erwuchs der islamischen Aufklärung im 9. Jahrhundert eine umfangreiche, meist arabischsprachige Tradition, in der neben Arabern auch Juden, Syrer, Perser, später auch Türken tätig waren. Im 12. Jahrhundert ging sowohl von Konstantinopel als auch von Spanien eine neue Welle aus, die das westliche Europa beeinflusste. Nach dem Fall von Konstantinopel (1453) kamen ein weiteres Mal griechischsprachige Fachleute – und Dokumente – in den Westen und beeinflussten die dortige Philosophie.

Ausgangspunkte Aristoteles ist bis heute prägend durch logische Methodik, empirische Prüfung überlieferter Meinungen und philosophisches Vokabular. Als erster formt er ein System der formalen Logik: er erarbeitet eine vollständige Theorie der Urteile und Schlussfolgerungen, der Definitionen und Beweise, der wissenschaftlichen Einteilungen und Methoden. Er „erfand“ die zehn Kategorien sowie vier Arten von Ursachen. Er stellte die Denkregeln der Identität, des Widerspruchs und des Ausschlusses fest und entwickelte den Syllogismus. Dieses System ist – auch wenn man später formale Mängel nachgewiesen hat – „ebenso bedeutsam wie bewundernswert“ (Egon Friedell).

Damit kann das Maß, in dem Aristoteles die Denkweise der westlichen Welt bis heute beeinflusst hat, kaum zu hoch eingeschätzt werden. Das kritische Hinterfragen von Doktrinen, das bereits die Sophisten ansatzweise in die Philosophie eingeführt hatten, wurde bei ihm zur Methode. Dabei sind nicht nur logische Schlüsse, sondern auch Erfahrungen hilfreich (Abkehr von der reinen Spekulation also, wie sie etwa von Parmenides überliefert ist). Während in seiner Erkenntnistheorie allgemeingültige Aussagen Vorrang vor Einzelerscheinungen haben sollen, stehen in seiner Metaphysik die Universalien hinter den Einzelobjekten zurück. Jene gelten sogar als überflüssig, da sie nur „Dopplungen“ der Realien darstellen. Da Gott (nicht „die Götter“!) die Zweckursache allen Handelns ist, muss sich die Welt immer weiterentwickeln – eine positivistische Religion. Die Seele ist die Form des Körpers, sein Lebensprinzip. Dieses geht mit ihm unter. Dem Geiste nach (nous, thyrathen) ist die Seele unsterblich. Nur als Lebensprinzip ist die Seele sterblich (Trennung vom Leib). Letzteres ist ohnehin offensichtlich.

Schließlich hatte seine Denkweise weitreichenden Einfluss über das Vokabular (in griechischer Originalform oder in lateinischen Ableitungen), das er geprägt hat. Neben Wortpaaren wie Energie und Potential, Materie und ihre Form, Substanz und Wesen, Quantität und Qualität, Genus und Spezies, Subjekt und Prädikat usw. stehen Prägungen wie Ursache (causa), Beziehung (relatio) oder Eigenschaft (Akzidenz).

Antike Die Lehre des Aristoteles übte auf seine Schule, den Peripatos, nach seinem Tode weit weniger Einfluss aus als Platons Lehre auf dessen Akademie. Aristoteles wurde keine Verehrung zuteil, die mit derjenigen Platons bei den Platonikern vergleichbar wäre. Dies bedeutete einerseits Kritikfähigkeit, Offenheit und Flexibilität, andererseits Mangel an inhaltlich begründetem Zusammenhalt: Aristoxenos schlug die Brücke zu pythagoräischen Lehren, Kritolaos kam der Vorsehungs-Lehre der Stoiker nahe, während Klearchos von Soloi bei der Seelenlehre eine Verbindung mit Platon anstrebte. Die Peripatetiker widmeten sich vor allem empirischer Naturforschung und befassten sich u. a. auch mit Ethik, Seelenlehre und Staatstheorie. Dabei kamen Aristoteles’ Schüler Theophrastos, sein Nachfolger als Leiter der Schule, und dessen Nachfolger Straton von Lampsakos zu teilweise anderen Ergebnissen als der Schulgründer. Nach Stratons Tod (270/268 v. Chr.) begann eine Periode des Niedergangs. Bereits zwei Generationen nach seinem Tod wurden die Lehren des Aristoteles weitgehend vernachlässigt und verblieben während der hellenistischen Zeit im Schatten der Stoiker, Epikureer und der Skeptiker.

Das Studium und die Kommentierung der Schriften des Aristoteles wurde im Peripatos anscheinend vernachlässigt, jedenfalls weit weniger eifrig betrieben als das Platonstudium in der konkurrierenden Akademie. Erst im ersten Jahrhundert v. Chr. sorgte Andronikos von Rhodos für eine verlässliche Zusammenstellung der „esoterischen“ Lehrschriften (Vorlesungen) des Aristoteles. Die Peripatetiker betrachteten die Lehrschriften als speziell für ihren internen Unterrichtsgebrauch bestimmt. Die für die Öffentlichkeit bestimmten „exoterischen“ Schriften, insbesondere die Dialoge, waren lange populär, gingen aber in der römischen Kaiserzeit verloren. Cicero hat sie noch gekannt und ihre Verbreitung stark gefördert.

Andronikos von Rhodos und Boethius versuchten, die Schriften zu den Lehren des Aristoteles zu systematisieren und – insbesondere gegen die Stoiker – zu verteidigen. Die erneute Hinwendung zu Aristoteles vollzog sich in sehr unterschiedlichen Formen (der Kommentar entwickelte sich später zur maßgebenden Form) und teils widersprechenden Lehrmeinungen. Aristoteles galt (noch) nicht als die Autorität, der man kritiklos zu folgen habe, sondern als ein Denker, dessen Ansichten und Schlussfolgerungen es wert sind, eingehend studiert zu werden. Nikolaos von Damaskus jedoch machte – in der Nachfolge des Andronicus – eine Aristoteles-Schule daraus.

In der römischen Kaiserzeit (erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr.) waren es Adrast von Aphrodisias und Aspasios, die grundlegende Kommentare zu den Kategorien schrieben; sie wurden noch drei Generationen später von Plotin und Porphyrios benutzt. Der Kommentar des Aspasios zur Ethik ist der älteste erhaltene Kommentar zu einem aristotelischen Text. Um die Wende zum dritten nachchristlichen Jahrhundert war der einflussreichste Repräsentant des Aristotelismus Alexander von Aphrodisias, der bald als der authentischste Vermittler des Aristoteles galt und gegen die Platoniker die Sterblichkeit der Seele vertrat. Alexander war allerdings nicht der erste, sondern eher der letzte authentische Interpret zu Aristoteles, denn nach ihm übernahmen die Neuplatoniker die weitere Kommentierung. Er hat keine eigenständige Position vertreten, sondern versuchte sehr loyal, die ursprünglichen Gedanken des Lehrers darzulegen, wobei er jegliche Kritik vermied und Widersprüche auszubügeln versuchte. So hatte etwa Aristoteles darauf bestanden, dass das Einzelobjekt allein „real“ sei, gleichwohl aber bekräftigt, dass das Allgemeine das Objekt unserer Erkenntnis sei. Alexander versuchte die Synthese mit der Aussage, die Einzelobjekte hätten Vorrang vor den Universalien, die ihrerseits „nur“ Abstraktionen seien, die lediglich im erkennenden Geist (subjektive) Existenzberechtigung hätten. Aus dieser Interpretation entstand – wesentlich später – die Einstufung des Aristoteles als „Vater des Nominalismus“.

Obwohl Aristoteles großen Wert auf die Widerlegung von Kernbestandteilen des Platonismus gelegt hatte, waren es gerade die Neuplatoniker, die in der Spätantike einen maßgeblichen Beitrag zur Erhaltung und Verbreitung seiner Hinterlassenschaft leisteten, indem sie seine Logik übernahmen, kommentierten und in ihr System integrierten. Sie wollten nicht Aristoteles’ Theorien um ihrer selbst willen wiederbeleben und bewahren, sondern Übereinstimmung zwischen Platon und Aristoteles herbeiführen und die Lehren des letzteren als Teil desselben Theoriegebäudes (des platonischen) interpretieren. Besonders die Kategorien spielten hierbei eine wichtige Rolle, denn diese – schwer verständliche – Schrift galt als grundlegende Einführung in die gesamte Philosophie. So nahm mit dem Aufstieg der Neuplatoniker die Zahl der Kommentare hierzu eher zu als ab. Eine besonders wichtige Rolle spielten dabei im 3. Jahrhundert n. Chr. Porphyrios (Schüler Plotins) und Iamblichos, im 5. Jahrhundert Proklos und schließlich als letzter im 6. Jahrhundert Simplikios, der bedeutende Aristoteleskommentare verfasste. Porphyrios verfasste mit der Isagoge eine wegweisende Einführung in die aristotelische Logik; diese diente später im Byzantinischen Reich, der arabischen Welt und im katholischen Westen als Standardwerk für Studienanfänger. Das bereits bei Alexander behandelte Dilemma des Vorrangs der Realien versuchte Porphyrios so zu lösen, dass er die Kategorien nicht als eine grundlegende Schrift zur Ontologie einstufte, sondern als Schrift über die Bedeutung der Erkenntnisobjekte für uns. Im 4. Jahrhundert schrieb Themistios Paraphrasen zu Werken des Aristoteles, die – speziell im westlichen Mittelmeerraum (lateinischer Zweig) – eine starke Nachwirkung erzielten. Er war unter den spätantiken Kommentatoren der einzige Aristoteliker; die anderen strebten eine Synthese platonischer und aristotelischer Auffassungen an.

Ein Philosophie-Schüler wie etwa Proklos hatte zunächst die Kategorien zu verarbeiten, dann folgten Logik, Ethik, Politik, Physik. Nach diesen nicht-theologischen Schriften kam das Studium der Metaphysik, mit der die aristotelischen Schriften abgeschlossen wurden. Erst wenn der Student mit dem Gottes-Konzept Aristoteles’ vertraut war, kamen die Dialoge Platons an die Reihe. Aristoteles war somit für die Neuplatoniker (ähnlich wie früher für die Stoiker) zwar unverzichtbar, jedoch nur methodologische Vorarbeit für Timaios und Parmenides. Im späten 5. Jahrhundert ging der Proklos-Schüler Ammonios nach Alexandria, das damals wesentlich liberaler war als Athen. Dort konnten christliche und heidnische Forscher gemeinsam leben und arbeiten.

Vom prominenten antiken Kirchenvater Johannes von Damaskus (der in den Westkirchen als Vollender der Lehre der Kirchenväter gilt) wurde Aristoteles sehr geschätzt. Johannes befasste sich besonders mit der Metaphysik und der Logik (Dialektik). Seine Schriften geben sehr genau die Lehre des Aristoteles wieder, wie Emil Dobler eingehend untersucht hat. Johannes lebte im islamischen Reich und wurde von einem italienisch-griechischen Mönch namens Kosma ausgebildet, mehr als 100 Jahre vor der ersten arabischen Aristotelesübersetzung. Er gilt als der erste Scholastiker. Sein Aristotelismus war die Grundlage des Aristotelismus in der Scholastik, besonders seine Ekdosis und Dialektik. Johannes von Damaskus war Spielkollege des späteren Kalifen Yazid I., in dessen Reich später das islamische Interesse an Aristoteles erwachte.