Schelesnodoroschny (, translit. Železnodorožnyj), deutsch Gerdauen (prußisch Gierdawen; ), ist ein Ort in der russischen Oblast Kaliningrad mit Einwohnern (Stand ). Die Siedlung gehört zur kommunalen Selbstverwaltungseinheit Munizipalkreis Prawdinsk im Rajon Prawdinsk.
Geographische Lage Der Ort liegt in der historischen Region Ostpreußen, am Westufer des kleinen Flusses Omet und dem Banktinsee, etwa 71 Kilometer südöstlich von Königsberg (Kaliningrad). Drei Kilometer südlich verläuft die polnische Grenze.
Ortsname Der bis 1947 geltende Stadtname GerdauenGeschichte der Stadt Gerdauen leitet sich vom prußischen Stammeshäuptling Girdawe ab. Er war der Sohn des prußischen Edlen Tulegarde aus dem Geschlecht der Rendalia, der mit seinem Vater zum christlichen Glauben konvertierte und 1260 hier eine Burg besaß. Der Name Girdawe soll sich vom prußischen girdin herleiten und so viel wie „sprechen“, „reden“, „Wort halten“ bedeuten.
Der russische Ortsname Schelesnodoroschny, gebildet aus schelesny = Eisen- und doroschny = Weg-, bedeutet auf Deutsch etwa Eisenbahnstadt.
Geschichte mini|Gerdauen südöstlich von Königsberg und südwestlich von Insterburg auf einer Landkarte von 1908. mini|links|hochkant=0.5|Historisches Wappen mini|Heutiger Marktplatz (bis in die 1960er-Jahre vollständig bebaut)
Um die Mitte des 13. Jahrhunderts besaß der Prußenführer Girdawe, dessen Name Sprecher bedeutet, auf einer Anhöhe am Fluss Omet eine Burg. Während des Prußenaufstandes gegen den Deutschen Orden im Jahre 1262 weigerte sich Girdawe, gegen das Ordensheer zu kämpfen, brannte seine Burg nieder und begab sich unter den Schutz des Ordens nach Königsberg. Unter dem Komtur Heinrich von Eysenberg errichtete der Deutsche Orden anstelle der ehemaligen Prußenburg 1325 eine neue Burg zum Schutz gegen die Litauer. Diese belagerten die Burg 1347, konnten sie aber nicht einnehmen. 1368 wurde im Zusammenhang mit der Erwähnung des Burgherren Kuno von Hattenstein Gerdauen als Name der Burg genannt, der offensichtlich von Girdawe dem Prußenführer abgeleitet war. Unter dem Hochmeister Winrich von Kniprode wurde das Umland der Burg ab Mitte des 14. Jahrhunderts mit deutschen Einwanderern besiedelt. Am 21. September 1398 verlieh der Hochmeister Konrad von Jungingen Gerdauen das Kulmer Stadtrecht. Bald darauf wurde die Stadt mit einer Wehrmauer versehen, und man begann mit dem Bau einer Kirche. 1428 wurde das Nordenburger Dominikanerkloster nach Gerdauen verlegt.
Als der Deutsche Orden nach dem Zweiten Thorner Frieden in finanzielle Schwierigkeiten geriet, verpfändete dessen Hochmeister Heinrich Reuß von Plauen am 8. April 1469 neben Nordenburg und mehreren Dörfern auch Gerdauen samt Burg an die Brüder Georg und Christoph von Schlieben,Virtuelles Preußisches Urkundenbuch, 1469, auf der Website der Universität Hamburg die später auch erbliche Eigentümer wurden. Ein Stadtbrand richtete 1485 große Schäden an, die erst nach acht Jahren wieder behoben waren. Nachdem sich in Preußen die Reformation durchgesetzt hatte, wurde um 1530 das Gerdauer Dominikanerkloster aufgelöst.
mini|links|Gerdauen auf einer Postkarte, um 1905 mini|Zerstörte Häuser in Gerdauen nach dem Ersten Weltkrieg, Postkarte Nach der Bildung des Königreiches Preußen 1701 kam Gerdauen zum Kreis Rastenburg. Der preußische König Friedrich I. erteilte 1708 Gerdauen das Recht, jährlich vier Jahrmärkte abzuhalten.
Um die Zeit als im Sommer 1757 während des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) die Schlacht bei Groß-Jägersdorf stattfand, versuchte ein Pulk Kosaken, in die Stadt Gerdauen zu gelangen, deren Tore geschlossen worden waren, wurde jedoch von einer Bürgerwehr zurückgeschreckt. Die Kosaken begnügten sich daraufhin mit der Plünderung der Schlösser der Grafen Schlieben und anderer Stätten in der Umgebung.M. Großjohann: Eine Scene aus dem siebenjährigen Kriege. Aus der Chronik von Gerdauen mitgetheilt. In: Neue Preußische Provinzial-Blätter. Band 4, Königsberg 1857, S. 456. mini|hochkant|Schloss Gerdauen, Sammlung Alexander Duncker Im Zuge der Neugliederung der Verwaltungsstruktur Preußens nach dem Wiener Kongress wurde Gerdauen am 1. Februar 1818 Kreisstadt des gleichnamigen Kreises. Die modernen Verkehrswege des 19. Jahrhunderts erreichten die Stadt zunächst 1858 mit der neuen Chaussee nach Angerburg. 1871 erfolgte der Anschluss an die Bahnstrecke Thorn–Insterburg, nach Königsberg wurde 1898 eine Bahnstrecke eröffnet, und eine Kleinbahn nahm 1917 ihren Betrieb auf. Bedingt durch die günstigen Verkehrsanbindungen wurde Gerdauen zu einem bedeutenden Zentrum des Getreidehandels, außerdem waren eine Tuchmanufaktur und eine Gerberei vorhanden. Die Einwohnerzahl hatte sich von 2858 im Jahre 1890 auf 4578 im Jahre 1910 erhöht.
Im Ersten Weltkrieg wurden durch Kampfhandlungen in der Nähe von Gerdauen im September 1914 zahlreiche Häuser zerstört. Mit Hilfe der Patenstädte Budapest und Berlin-Wilmersdorf konnte der Wiederaufbau, an dem sich bekannte Architekten wie Heinz Stoffregen, Otto Walter Kuckuck und Hugo Wagner beteiligten, in „altdeutschem“ Stil bis 1921 abgeschlossen werden. 1939 hatte sich die Zahl der Einwohner auf 5125 erhöht. Der Zweite Weltkrieg richtete relativ wenig Schaden in Gerdauen an.
1938/39 wurde der Flugplatz Gerdauen errichtet, der bis 1945 in Betrieb war. In Gerdauen befand sich ein Außenarbeitslager des KZ Stutthof.
Am 27. Januar 1945 wurde Gerdauen durch die Rote Armee besetzt.Heimatbrief Kreis Gerdauen Nr. 58, 2016, S. 75 Am 15. Juli 1945 wurde in einem polnisch-sowjetischen Abkommen ein Dokument unterzeichnet, wonach die sowjetischen Militärbehörden die Stadt besatzungsrechtlich den Zivilbehörden der Volksrepublik Polen zur Verwaltung überließen. In der nunmehr Gierdawy genannten Stadt befand sich bis zum 16. August 1945 der Sitz der polnischen Kreisverwaltung für den gesamten Kreis Gerdauen, der jedoch danach ins zehn Kilometer südlich gelegene Skandau verlegt wurde. Am 4. September 1945 wurde der polnischen Verwaltung schriftlich mitgeteilt, dass diese und die bereits zugewanderte polnische Zivilbevölkerung die Stadt zu verlassen haben, worauf Gerdauen wie auch der gesamte nördliche Teil des Kreises unter Verwaltung durch die Sowjetunion kam.https://historia-wyzynaelblaska.pl/granica-polsko-radziecka-w-b.-prusach-wschodnich.html Die zwischenzeitlich gebräuchliche polonisierte Ortsbezeichnung Gierdawy wurde wieder getilgt und die Stadt ein letztes Mal in Gerdauen zurück benannt.
Die Stadt wurde der sowjetischen Oblast Kaliningrad zugeordnet. 1947 wurde der Ort in Schelesnodoroschny umbenannt, wobei er das Stadtrecht verlor und den Status einer Siedlung städtischen Typs (Arbeitersiedlung) bekam.Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 17 июня 1947 г.«Об образовании сельских советов, городов и рабочих поселков в Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 17. Juni 1947: Über die Bildung von Dorfsowjets, Städten und Arbeitersiedlungen in der Oblast Kaliningrad) Auch nach Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung blieb der Ort zunächst gut erhalten, doch die neue Grenzlage erschwerte die weitere Entwicklung. Von 1947 bis 1962 war Schelesnodoroschny Verwaltungssitz des Rajons Schelesnodoroschny. Nach dessen Auflösung gelangte der Ort in den Rajon Prawdinsk. Ab den 1960er Jahren begann der Verfall der Stadt. Ein erheblicher Teil der Altbausubstanz ist seither zerstört, auch die Kirche ist heute nur noch eine Ruine. Zur 600-Jahr-Feier der Stadtwerdung von Schelesnodoroschny/Gerdauen wurde 1998 auf dem heutigen Marktplatz ein Gedenkstein enthüllt, der auch den deutschen Namen Gerdauen in kyrillischer Schrift führt. Von 2004 bis 2015 war Schelesnodoroschnoje Sitz einer städtischen Gemeinde. 2016 wurde der Ort in den neu gebildeten Stadtkreis Prawdinsk eingegliedert.
mini|Gedenkstein zur 600-Jahr-Feier der Stadtwerdung des Ortes im Jahr 1998 2019 wurde Schelesnodoroschny zu einer (ländlichen) Siedlung zurückgestuft.Durch den Постановление Правительства Калининградской области от 24 июня 2019 г. № 428 «Об отнесении поселка городского типа Железнодорожного Правдинского административного района Калининградской области к категории сельских населенных пунктов и о внесении изменений в постановление Правительства Калининградской области от 30 августа 2011 г. № 640» (Beschluss der Regierung der Oblast Kaliningrad vom 24. Juni 2019, Nr. 428: Über das Hinzufügen der Siedlung städtischen Typs Schelesnodoroschny des administrativen Rajons Prawdinsk zur Kategorie der ländlichen Siedlungspunkte und über das Einbringen von Änderungen in den Beschluss der Regierung der Oblast Kaliningrad vom 30. August 2011, Nr. 640) Seit 2022 gehört der Ort zum Munizipalkreis Prawdinsk.
Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1768 1178 Leopold Krug: Die Preussische Monarchie. Teil 1: Provinz Ostpreussen, Berlin 1833, S. 363 (Google Books) 1783 > 1600 Stadt mit 196 Feuerstellen (Haushaltungen), ohne die Garnison, die aus einer Schwadron Dragonern bestehtJohann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I: Topographie von Ost-Preußen. Königsberg / Leipzig 1785, S. 22 (Google Books). 1798 1533 1802 1672 Stadt 1810 1425 Stadt 1813 1439 am Jahresende 1816 1606 Kreisstadt, davon 1534 Evangelische, 14 Katholiken und 58 JudenAlexander August Mützell, Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z. Halle 1823, S. 280–287, Ziffer 200 (Google Books).Alexander August Mützell, Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preußischen Staats. Band 2: G–Ko. Halle 1821, S. 22, Ziffer 776 (Google Books). 1821 1850 Kreisstadt, mit 186 Privatwohnhäusern 1828 2166 1831 2096 Kreisstadt, mit Sitz eines Land- und Stadtgerichts, Einwohner betreiben u. a. Ackerbau, Tuchweberei und GerbereiAugust Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde. Königsberg 1835, S. 515, Ziffer 116 (Google Books). 1858 2357 Kreisstadt, davon 2267 Evangelische, zehn Katholiken und 80 JudenAdolf Schlott: Topographisch-statistische Uebersicht des Regierungs-Bezirks Königsberg, nach amtlichen Quellen. Hartung, Königsberg 1861, S. 91, Ziffer 81 (Google Books). 1864 2852 am 3. DezemberPreußisches Finanzministerium: Die Ergebnisse der Grund- und Gebäudesteuerveranlagung im Regierungsbezirk Königsberg. Berlin 1966, 6. Kreis Gerdauen, S. 10–17, Ziffer 42 (Google Books). 1871 3009 Kaiserliches Statistisches Amt: Monatshefte zur Statistik des Deutschen Reichs für das Jahr 1977, Juli-Heft, Berlin 1877, S. 60 (Google Books) 1875 2864 1880 2794 1890 2858 davon dreißig Katholiken und 55 Juden 1900 2926 Kreisstadt, mit einer evangelischen Kirche, einem Amtsgericht, einem Warendepot der Reichsbank und GetreidehandelLexikoneintrag zu Gerdauen, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage, Band 7, Leipzig/Wien 1907, S. 629 (Zeno.org). 1910 3028 Stadt, am 1. Dezember 1933 4712 1939 5125
mini|Ehemaliges Landratsamt mini|Altstadt des früheren Gerdauen, über den Banktinsee gesehen
+ Bevölkerungsentwicklung seit 1946 Jahr 1959 1970 1979 1989 2002 2010 2021 Einwohner 3380 3661 3772 3246 2945 2767 2497 Anmerkung: Volkszählungsdaten
Schelesnodoroschnoje gorodskoje posselenije 2004–2015 mini|300px|Verwaltungsgliederung des Rajons Prawdinsk