mini|300px|Luftaufnahme Tschaika-See, mit Rybatschi und dem Haff im Hintergrund Rybatschi (wissenschaftlich transliteriert Rybačij; , von Rybak = „Fischer“; prußisch Rosit; deutsch Rossitten; litauisch Rasytė) ist ein Ort mit Einwohnern (Stand ) in der russischen Oblast Kaliningrad im Rajon Selenogradsk, unweit der Grenze zu Litauen. Bis 1945 gehörte Rossitten zum Staatsgebiet Deutschlands. Es war Seebad und bekannt durch die Vogelwarte Rossitten und durch seine Segelfliegerschule, die nachmalige Rhön-Rossitten-Gesellschaft. Das heutige Rybatschi gehört zur kommunalen Selbstverwaltungseinheit Stadtkreis Selenogradsk.
Geographische Lage Die Ortschaft liegt in der historischen Region Ostpreußen, auf der Kurischen Nehrung, 74 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Primorsk (Fischhausen). Es handelt sich um den größten Ort auf der jetzt russischen Seite der Nehrung, mitten im Nationalpark Kurische Nehrung. Die Umgebung ist von Kiefernwäldern und Dünen geprägt, darunter der „Epha-Düne“. In direkter Nähe des Ortes befindet sich der Süßwassersee Möwenbruch; bis zum Ostseestrand sind es etwa zwei Kilometer. Von der Müllershöhe bei Rossitten hat man eine gute Weitsicht über Haff und See.
Geschichte mini|links|Schiffsanleger in Rossitten (vor 1945) mini|links|Museum der Vogelwarte Rossitten (erbaut 1931) mini|Rossitten, auf der Kurischen Nehrung, südsüdwestlich von Memel, auf einer Landkarte von 1910 (Detailkarte im Bild unten rechts)
Rossitten und die früher hier befindliche Deutschordensburg werden erstmals 1372 erwähnt. Der Name des Ortes leitet sich von prußisch „rosit, rasit“: Tau ab (vgl. litauisch „rasenti“: sprühen, rieseln). Die meiste Zeit befand sich hier eine von aus Kurland eingewanderten Nehrungskuren, die Nehrungskurisch sprachen, bewohnte Fischeransiedlung, die – bedingt durch starke Dünenwanderungen – mehrmals verlegt werden musste, bis Wilhelm Franz Epha am Ende des 19. Jahrhunderts durch Bepflanzungen ein Ende dieses Naturphänomens erreichte. Nur in und um Rossitten wurde auf der Nehrung Landwirtschaft betrieben, weil es hier Lehmboden gab. Ansonsten hatten die kurischen Nehrungsfischer ihre Heuwiesen und Gemüseäcker auf dem gegenüberliegenden Festland (Memelgebiet, Niederung). Während einer Feuchtperiode im 12. Jh. zog es die auf dem Festland lebenden Kuren nach Norden. Lediglich auf der trockenen Nehrung blieben einige wenige Familien zurück.
Im Dünengelände östlich des Ortes wurde in den Predin-Bergen aufgrund der günstigen Aufwinde vom Haff her seit Anfang der 1920er Jahre Segelflug betrieben. Es entstand eine Häuserkolonie mit Fliegerschule. Bald wurden auch Segelflugwettbewerbe durchgeführt. 1923 war das Gelände Schauplatz der ersten Deutschen Küstensegelflugwoche. Ferdinand Schulz, ein Pionier des Segelflugs, erzielte 1924 mit seiner Eigenkonstruktion FS3 „Besenstielkiste“ eine Weltbestleistung im Dauerflug. Er blieb neun Stunden und einundzwanzig Minuten in der Luft. Seine Segelflugschule wurde Teil der Rhön-Rossitten-Gesellschaft (später: Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug). Julius Hatry war Fluglehrer in Rossitten und baute Flugzeugmodelle. In den frühen 1940er Jahren wurden Szenen des Spielfilms Quax in Afrika mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle hier gedreht; die Sanddünenlandschaft sollte die damals unerreichbare Sahara filmisch darstellen.
Die Umgebung von Rossitten hatte einen festen Bestand an Elchwild.
mini|Ehemaliges Vogelmuseum (2013)
Seit den 1930er Jahren bestand der Ort größtenteils aus Fischerhäusern, dazwischen gab es einige Villen. Die Fischerhäuser waren holzverschalt, manche strohgedeckt.Arno Surminski: Sommer vierundvierzig. Econ-Ullstein-List-Verlag, München, 2. Auflage 2000, S. 55/56. ISBN 3-548-24682-6 Als Giebelverzierung zeigten sie gekreuzte Pferdeköpfe. Die Windbretter der Dächer, die Tür- und Fensterrahmen waren hellblau, in den Farben der Nehrung, gestrichen. Die Gärten, viele mit Ziehbrunnen ausgestattet, wurden durch Staketenzäune geschützt. Oft hingen Fischernetze zum Trocknen aus. Die Nehrungsfischer fischten nachts von ihren Kuren- und Netzkähnen aus. Durch Rossitten floss in einem schmalen Graben der Jordan. Die Dorfstraßen waren noch nicht befestigt. Es gab fünf Gasthöfe mit Namen wie „Zum Treibsand“, „Kurisches Haff“, „Zur Mole“ oder „Des Wanderers Ruh“. Das Kurhaus mit über 100 Betten hatte eine große Terrasse für die Gäste. Es gab auch eine große Jugendherberge. Rossitten verfügte über eine Apotheke und einen Arzt. Die Einwohnerzahl betrug 700 und verdoppelte sich in der Zeit der „Sommerfrische“. Man kam auch wegen der bekannten Vogelwarte mit ihrem Museum und des unweit des Ortes ausgeübten Segelflugs. Den automobilfreien Ort erreichte man mit der Cranz–Memel–Linie oder mit dem Fuhrwerk von der entfernten Bushaltestelle an der alten Poststraße von Cranz nach Memel.
Im Januar 1945 wurde die Kurische Nehrung von der Roten Armee besetzt. Rossitten wurde anschließend, wie der gesamte nördliche Teil der deutschen Provinz Ostpreußen, von der Sowjetunion unter eigene Verwaltung genommen und 1947 in Rybatschi umbenannt.Durch den Указ Президиума Верховного Совета РСФСР от 17 июня 1947 г.«Об образовании сельских советов, городов и рабочих поселков в Калининградской области» (Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR vom 17. Juni 1947: Über die Bildung von Dorfsowjets, Städten und Arbeitersiedlungen in der Oblast Kaliningrad). Gleichzeitig bekam der Ort den Status einer Siedlung städtischen Typs (Arbeitersiedlung) innerhalb des Rajon Primorsk. Die deutschen Einwohner waren geflüchtet, der Rest wurde 1947/48 vertrieben. Seit der Auflösung der Sowjetunion (RSFSR) 1991 gehört der Ort zur Russischen Föderation, hier zum Oblast Kaliningrad. Im Jahr 2005 verlor er den Status einer Siedlung städtischen Typs und war fortan als einfache Siedlung Sitz einer Landgemeinde.Durch das Закон Калининградской области от 18 февраля 2005 г. № 501 «О наделении муниципального образования „Зеленоградский район“ статусом муниципального района и об установлении границ и наделении соответствующим статусом муниципальных образований, находящихся на его территории» (Gesetz Oblast Kaliningrad vom 18. Februar 2005, Nr. 501: Über das Ausstatten der munizipalen Bildung „Rajon Selenogradsk“ mit dem Status eines munizipalen Rajons und über das Festlegen der Grenzen und das Ausstatten mit dem entsprechenden Status der munizipalen Bildungen, die sich auf seinem Gebiet befinden). Seit deren Auflösung im Jahr 2015 gehört Rybatschi zum Stadtkreis Selenogradsk. Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1782 – königliches Domänen- und damit verbundenes Forstamt mit einem Dorf auf der Kurischen Nehrung, mit 24 Feuerstellen (Haushaltungen)Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I: Topographie von Ost-Preußen. Marienwerder 1785, S. 155 (Google Books). 1818 190 Bauern- und kölmisches DorfAlexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preußischen Staats, Band 4: P–S, Halle 1823, S. 175, Ziffer 2713 (Google Books). 1852 263 DorfTopographisch-statistisches Handbuch des Preußischen Staats (Kraatz, Hrsg.). Berlin 1856, S. 522 (Google Books). 1858 268 sämtlich EvangelischeAdolf Schlott: Topographisch-statistische Uebersicht des Regierungs-Bezirks Königsberg, nach amtlichen Quellen. Hartung, Königsberg 1861, S. 73, Ziffer 298 (Google Books). 1864 286 am 3. Dezember, GemeindebezirkPreußisches Finanzministerium: Die Ergebnisse der Grund- und Gebäudesteuerveranlagung im Regierungsbezirk Königsberg. Berlin 1966, 4. Kreis Fischhausen, S. 34–41, Ziffer 236 (Google Books). 1867 281 am 3. Dezember 1871 295 darunter 289 Evangelische, ein Katholik und fünf sonstige ChristenKönigliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preussen und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. December 1871 bearbeitet und zusammengestellt. Berlin 1874, S. 20–21, Ziffer 128 (Google Books). 1910 460 am 1. Dezember, Dorf und Gut, auf der Kurischen Nehrung, mit einer evangelischen Pfarrkirche, einer Rettungsstation, einer Vogelwarte und einem ornithologischen MuseumRossitten, Dorf und Gut, auf der Kurischen Nehrung, Landkreis Fischhausen, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Rossitten (meyersgaz.org). 1933 650 1939 690
+ Bevölkerungsentwicklung seit 1946 Jahr 1959 1970 1979 1989 2002 2010 2021 Einwohner 1128 751 779 806 960 839 604 Anmerkung: Volkszählungsdaten
Amtsbezirk Rossitten (1874–1945) Am 13. Juni 1874 wurde Rossitten namengebender Ort und Verwaltungssitz des neu errichteten Amtsbezirks Rossitten.Rolf Jehke: Amtsbezirk Rossitten Er bestand bis 1945 und gehörte zum Landkreis Fischhausen (1939 bis 1945 Landkreis Samland im Regierungsbezirk Königsberg der preußischen Provinz Ostpreußen). Er war anfangs in vier Landgemeinden und einen Gutsbezirk gegliedert: Name Russischer Name Bemerkungen Landgemeinden: Kunzen Krasnoretschje 1894 in die Landgemeinde Rossitten eingegliedert Pillkoppen Morskoje Rossitten Rybatschi Sarkau Lesnoi Gutsbezirk: Rossitten,bis 1906: Kurische Nehrung (Forst) 1931 in den Amtsbezirk KurischeNehrung umgegliedert
Am 1. Januar 1945 bildeten noch drei Gemeinden den Amtsbezirk Rossitten: Pillkoppen, Rossitten und Sarkau.
Die Verwaltung des russischen Teils der Kurischen Nehrung 1947–2015 Der russische Teil der Kurischen Nehrung wurde seit 1947 innerhalb des Rajon Primorsk vom Siedlungssowjet der Siedlung städtischen Typs Rybatschi verwaltet. Ihm gehörten außerdem die Orte Krasnoretschje (Kunzen), Lesnoi (Sarkau) und Morskoje (Pillkoppen) an. Das im Jahr 1950 umbenannte Krasnoretschje wurde vor 1976 verlassen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde der Siedlungssowjet von der Administration der Siedlung städtischen Typs Rybatschi abgelöst. Von 1996 bis 2005 gab es ein buntes Durcheinander von immer wieder neuen Bezeichnungen für dieses Administrationsgebiet.Einzelheiten auf http://www.zelenogradsk.com/. Dabei gab es seit etwa 2000 – möglicherweise neben der Siedlungsadministration von Rybatschi – einen Dorfbezirk, der von Lesnoi aus verwaltet wurde.Gemäß den OKATO-Änderungen 28/2000 und 59/2002. Im Jahr 2005 wurde Rybatschi als einfache Siedlung Verwaltungssitz der Landgemeinde Kurische Nehrung (ru. Сельское поселение Куршская коса, Selskoje posselenije Kurschskaja Kossa), die bis 2015 bestand. Seither gehören die drei Orte Lesnoi, Morskoje und Rybatschi zum Stadtkreis Selenograds.
Verkehr Durch die Ortschaft verläuft die alte Poststraße von Kaliningrad (Königsberg i. Pr.) nach Klaipėda (Memel).
Partnerschaften , Deutschland – seit 28. März 2015
Evangelische Kirche mini|Die früher evangelische, heute russisch-orthodoxe (Sergius-)Kirche in Rossitten (Rybatschi (2013)) Das Kirchspiel Rossitten bildeten bis 1945 die vier Fischerdörfer Kunzen, Pillkoppen, Rossitten und – bis 1885 – Sarkau.
Die Backsteinkirche von Rossitten stammt aus dem Jahre 1873 und war bis 1945 evangelisches Gotteshaus. Nach einer Fremdnutzung als Getreidelager in der Zeit der Sowjetunion nutzt es jetzt die Russisch-orthodoxe Kirche für gottesdienstliche Zwecke.
Kirchengemeinde Rossitten war bereits in vorreformatorischer Zeit ein zentraler Kirchort. Als man 1551 Kirche und Pfarramt ins drei Kilometer südlich gelegene Kunzen (russisch: Krasnoretschje, heute nicht mehr existent) verlagerte, war in der damals zum Amt Schaaken (heute russisch: Schemtschuschnoje) gehörigen Pfarrei ein evangelischer Geistlicher tätigGeschichte von Rybatschi-Rossitten bei ostpreussen.net. Im Jahre 1808 wurde die Kirche wieder zurück nach Rossitten verlegt, da sie in Kunzen andernfalls versandet wäre.