Die Schlacht bei Gravelotte (in Frankreich Bataille de Saint-Privat, in Preußen und Sachsen auch Schlacht bei Sankt Privat genannt) war eine Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg, die am 16. und 18. August 1870 bei Gravelotte stattfand.
Sie wird auch Dritte Schlacht von Metz, Schlachten von Gravelotte und Saint-Privat-la-Montagne,Die Zeit: Das Lexikon in 20 Bänden. 6. Band. Zeitverlag, Hamburg 2005, ISBN 3-411-17566-4, S. 15 f. Schlacht bei Gravelotte und Saint-Privat oder Schlacht bei Amanvillers (Amanweiler) genannt.
Das Dorf Saint-Privat-la-Montagne (deutsch Sankt Privat oder St. Privat) wurde im fünften Jahrhundert von Mönchen gegründet und nach dem Bischof und Märtyrer Privatus von Mende () benannt. miniatur|François Achille Bazaine während des Mexikofeldzuges in einem Gemälde von Jean-Adolphe Beaucé miniatur|Generalfeldmarschall Moltke, Gemälde von Franz von Lenbach
Ausgangssituation Nach der Schlacht bei Mars-la-Tour war am 17. August 1870 dem Tagesbefehl der französischen Rheinarmee Folgendes zu entnehmen: „Der nach der Schlacht vom 16. eingetretene Mangel an Munition und Lebensmitteln zwingt uns auf Metz zurückzugehen.“
Dieser Richtlinie folgend, nahm der französische Oberbefehlshaber, Marschall BazaineBrockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. 9. Band. Brockhaus, Mannheim 1989, ISBN 3-7653-1109-X, S. 74. im Westen der Festungsfront eine vorzügliche Auffangposition zwischen Rozérieulles im Süden und Saint-Privat-la-Montagne im Norden ein und erwartete hier die Annäherung der deutschen Truppen auf einem ständig ansteigenden Terrain. Am südlichen Flügel im Raum östlich von Gravelotte sicherte zwischen Rozérieulles bis Moulins zur Mosel das II. Korps unter General Charles Auguste Frossard mit den Divisionen von Ferdinand-Auguste Lapasset, Charles Letellier-Valaze und Jacques-Alexandre-Jules Fauvart-Bastoul. Zum Zentrum hin schloss das III. Korps unter Marschall Edmond Lebœuf an, links mit der Division des Baron Édouard Aymard, in der Mitte die Division von Jean Louis Metman und rechts jene des Generals Nayral. Nördlich bis Amanvillers folgte das IV. Korps unter General Paul de Ladmirault, links mit der Division des Grafen Charles Latrille de Lorencez, in der Mitte die Division François Grenier und rechts die Division Courtot de Cissey. Den rechten Flügel am nördlichen Abschnitt beiderseits von Saint Privat bildete das französische VI. Korps unter Marschall François Certain de Canrobert, links mit der Division unter General Jérôme-Louis Bisson, in der Mitte die Division des Generals Marie-Auguste-Roland Le Vassor-Sorval und rechts außen mit der Division des Generals Lafont de Villiers. Die Division unter General Benigne-Prosper-Michel Tixier bildete dahinter die Reserve.
Die Stärke des französischen Heeres in den Stellungen zwischen Roncourt und der Mosel belief sich auf 131.000 Mann mit 520 Geschützen. Das Gardekorps unter General Charles Denis Bourbaki wurde zusätzlich hinter dem südlichen Flügel im Raum des Forts von Plappeville als Reserve konzentriert. In der Festung Metz unterstanden dem Festungsführer General Grégoire Coffinières de Nordeck zur Sicherung des nördlichen und östlichen Abschnittes weitere 40.000 Mann.
Die preußische Führung unter dem Generalstabschef Helmuth von Moltke plante, den rechten Flügel der Franzosen mit zwei Korps der 2. Armee zu umgehen und so die massive und gut gewählte Stellung des Feindes im Ganzen ins Wanken zu bringen. Die für diese Umfassung vorgesehenen beiden Korps waren am Anfang der Schlacht noch weiter zurück und mussten während der Schlacht erst westlich und über Doncourt fächerartig nach Norden gegen die französischen Stellungen vorrücken. Der französische rechte Flügel, dessen nördliche Ausdehnung noch nicht festgestellt werden konnte, sollte durch das preußische Gardekorps im Raum St. Privat festgehalten und durch das an der Spitze stehende sächsische Korps umgangen werden. Das IX. Armeekorps, das über Flavigny nach Osten auf Vernéville einschwenkte, sollte sich im Zentrum etablieren. Die 1. Armee hatte derweil am südlichen Flügel, im Raum Gravelotte, durch den Wald von Vaux und das Mancetal vorzugehen und den rechten Flügel des deutschen Heeres gegen Ausfälle der Besatzung von Metz zu sichern.
Am Morgen des 18. August standen die deutschen Truppen in folgenden Positionen: Den rechten Flügel sicherte das VII. Armee-Korps unter General von Zastrow mit der 13. Infanterie-Division (Generalleutnant von Glümer) und der 14. Infanterie-Division (Generalleutnant von Kameke) den Moselabschnitt zwischen Corny und Ars sur Moselle. Das VIII. Armee-Korps unter General von Goeben stand mit der 15. und der 16. Infanterie-Division (Generalleutnant von Barnekow) bei Gorze und sollte über Rezonville auf Gravelotte vorgehen.
Die Masse der 2. Armee ging beiderseits Doncourts hinter dem Schutz der 5. und 6. Kavallerie-Division nordwärts vor: Das IX. Armee-Korps unter General von Manstein rückte mit der 18. und 25. Infanterie-Division über St. Marcel vor und bildete später bei Amanvillers das Zentrum der Schlachtfront. Das III. Armee-Korps (5. und 6. Infanterie-Division) unter General von Alvensleben und das X. Armee-Korps (19. und 20. Infanterie-Division) unter General von Voigts-Rhetz blieben vorerst als Reserve im Raum Jouaville und südlich Vernéville als zweites Treffen hinter dem Zentrum stehen. Der sich im Aufmarsch befindende linke Flügel, an der Spitze Truppen des XII. Armee-Korps, marschierte über Jarny nordwärts, während das Gardekorps (Prinz August von Württemberg) parallel über Doncourt auf Saint-Ail vorrückte.
Das deutsche Heer hatte im Raum westlich von Metz 188.000 Mann und 732 Geschütze. Auf Weisung von Moltke wurde zusätzlich das II. Armee-Korps vom östlichen Ufer der Mosel herangeführt. Es erhöhte noch am Abend der Schlacht die Gesamtstärke auf etwa 209.000 Mann.
Verlauf der Schlacht Zentrum mini|links|Karte der Schlacht bei Gravelotte miniatur|hochkant|General Gustav von Manstein miniatur|hochkant|General Paul de Ladmirault
Die Schlacht begann kurz vor 12 Uhr im Zentrum, als die 18. Infanterie-Division unter Generalleutnant von Wrangel von Caulre kommend auf Vernéville zuhielt und es rasch besetzen konnte. Die Franzosen hatten es wider Erwarten schnell geräumt. Die Artillerie ging in Stellung und duellierte sich mit der in guter Stellung stehenden französischen Artillerie. Sodann entwickelten sich heftige Gefechte um die Gehöfte Champenois, L’Envie und la Folie. Lediglich die beiden erstgenannten konnten von den preußischen Truppen gegen 17 Uhr genommen werden, la Folie blieb in französischer Hand. Die Artillerie im Allgemeinen und das Infanterie-Regiment „Herzog von Holstein“ (Holsteinisches) Nr. 85 der 36. Infanterie-Brigade der Preußen hatten die meisten Verluste.
Weiter nördlich, von Arnoux la Grange ausgehend, forcierte die Großherzoglich Hessische (25.) Division (Prinz Ludwig von Hessen) ihren Angriff. Während im Wäldchen Bois de la Cusse die 50. Infanterie-Brigade (Oberst von Lyncker) kämpfte, rückte die 49. Infanterie-Brigade (Generalmajor Ludwig von Wittich) nördlich davon, zwischen Habonville und dem Wald nach Osten, auf die französischen Truppen zu. Zwischen 15 Uhr und 16 Uhr überquerte man nach hartem Kampf die Bahnstrecke zwischen Conflans-Jarny und Amanvillers. Weil die linke Flanke dieser Brigaden durch die fehlenden Gardetruppen offen war, hielt man diese Truppen in Front Richtung Amanvillers nach 16 Uhr an. Als die Garden nach 18 Uhr auf Saint-Privat-la-Montagne am nördlichen Flügel aufschlossen, wurde nochmals auf Amanvillers vorgegangen. Die französischen Truppen wehrten diesen letzten Versuch eines Vorgehens für die Preußen blutig ab. Auch die von den nördlicher stehenden Gardetruppen zur 49. Infanterie-Brigade abkommandierte 3. Garde-Infanterie-Brigade unter Oberst Knappe von Knappstädt, die unterstützend den Angriff mit durchführte, änderte nichts an diesem Misserfolg.
Südlicher Flügel mini|hochkant|General der Infanterie Heinrich Adolf von Zastrow miniatur|hochkant|General Charles Auguste Frossard
Zeitgleich mit den ersten Kanonenschüssen im Zentrum setzte sich das preußische VIII. Armee-Korps (General von Goeben) nördlich der Chaussee Rezonville – Gravelotte nach Osten in Bewegung. Gravelotte wurde von der 29. (Generalmajor von Wedell) und 30. Infanterie-Brigade (Generalmajor von Strubberg) besetzt. Ab 13:45 Uhr beschossen zuerst 108, später 126 Geschütze der Preußen die Stellungen des französischen II. Korps (General Frossard) am westlichen Hang des Point de Jour. Die Franzosen, die den Bois de Gemivaux besetzt hielten, störten die deutschen Batterien mit gezieltem Chassepotgewehrfeuer nachhaltig.
Die 15. Infanterie-Division unter Generalleutnant von Weltzien erhielt Befehl, die Franzosen aus dem Wald zu drängen. Die Franzosen mussten zurück, der preußische Angriff konnte bis zum Gehöft Moskau durchdringen, wurde dort jedoch unter enormen Verlusten für die Preußen gestoppt. Weiter an der Chaussee vordringend nahmen die Preußen gegen 15:30 Uhr das Gehöft St. Hubert, der Versuch, den Höhenrücken Point de Jour zu nehmen, scheiterte hingegen. Weitere nach 16 Uhr unternommene Angriffe sowohl gegen das Gehöft Moskau als auch gegen den Point de Jour scheiterten, viele Offiziere und Soldaten fielen auf beiden Seiten. Auf preußischer Seite zeichneten sich hier besonders einzelne Batterien aus, welche nach teilweisem Ausfall von Bedienung und Pferden, teils sogar verschossen ihre Positionen nicht verließen. Die 31. (Graf von Gneisenau) und 32. Infanterie-Brigade (Oberst von Rex) der Preußen sowie das 60. und 80. Linienregiment der Franzosen litten hier erheblich. Französische Angriffe, den Preußen St. Hubert wieder zu entreißen, scheiterten in den frühen Abendstunden.
Kurz vor 19 Uhr griff hier zur Entlastung des bereits seit Stunden im Feuer stehenden VIII. Korps das nunmehr auf dem Schlachtfeld erschienene preußische II. Armee-Korps mit Teilen der 3. und 4. Infanterie-Division in den Kampf ein. Man war preußischerseits dabei, ein nochmaliges Vorgehen mit frischen Truppen gegen den Point de Jour zu versuchen, als die Franzosen ihrerseits nach heftigem Abwehrfeuer selbst einen Angriff initiierten. Die abgekämpften Männer des VIII. Armee-Korps hielten nicht stand, wichen zurück und zogen die frisch aufmarschierenden Truppen des Generals der Infanterie von Fransecky teilweise mit in das Chaos eines überstürzten Zurückgehens. Wirrwarr, Chaos und Dunkelheit beendeten hier ein letztes Kräftemessen beider Parteien.
Südlich der Chaussee drang das preußische VII. Armee-Korps im Vorgehen in den Bois de Vaux ein. Danach kam es auch auf diesem Teil des Schlachtfeldes zu einem Artillerieduell. Nach mehr als 3-stündigem Artilleriekampf ließ General von Zastrow ab 15:40 Uhr zum Angriff auf die Westseite des Point de Jour vorgehen. Der weitestgehend über offenes Gelände vorgetragene Angriff brach im schweren Chassepotgewehrfeuer der Franzosen zusammen.
Nördlicher Flügel mini|hochkant|Prinz August von Württemberg, der Kommandeur des preußischen Gardekorps mini|hochkant|Marschall François de Canrobert mini|hochkant|Angriff des Gardekorps auf Saint Privat