Die Sinfonie Nr. 92 G-Dur komponierte Joseph Haydn im Jahr 1789. Das Werk war neben den Sinfonien Nr. 90 und Nr. 91 wahrscheinlich ursprünglich eine Nachbestellung für die erfolgreiche Pariser Konzertreihe der „Loge Olympique“. Haydn hat die drei Werke dann jedoch ein zweites Mal an den Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Der Titel Oxford-Sinfonie stammt von der angeblichen Aufführung des Werkes an der Oxforder Universität im Juli 1791, bei der Haydn die Ehrendoktorwürde verliehen wurde.

Allgemeines mini|Joseph Haydn (Ölgemälde von Thomas Hardy, 1791) mini|250px|Brasenose College der Universität Oxford

Die Sinfonie Nr. 92 entstand (wie auch Nr. 90 und 91) im Auftrag des Grafen von Ogny („Comte d’Ogny“) als „Nachbestellung“ der erfolgreichen Sinfonien Nr. 82–87 für die Pariser Konzertreihe der „Loge Olympique“ (siehe allgemeine Bemerkungen bei der Sinfonie Nr. 90). Das Autograph trägt eine Widmung an den Comte d’OgnyAnthony van Hoboken: Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis. Band I, Schott-Verlag, Mainz 1957, S. 172. Möglicherweise ist Haydn mit dem Werk nicht rechtzeitig fertig geworden, jedenfalls ist nicht geklärt, ob es in Paris aufgeführt worden ist.Wulf Konold: Sinfonie Nr. 92 G-Dur (Hob. I:92) „Oxford“ In: Wulf Konold (Hrsg.): Lexikon Orchestermusik Klassik A-K. Schott-Verlag, Mainz 1992 (zweite Auflage, erste Auflage von 1987). Die erste bekannte Aufführung fand am 11. März 1791 in den Hanover Square Rooms in London statt und war ein großer Erfolg. Der langsame Satz musste wiederholt werden, und die ebenfalls vom Publikum verlangte Wiederholung des Menuetts scheiterte nur an der Bescheidenheit des Komponisten. Auf besonderen Wunsch wurde das Werk im zweiten der sogenannten „Salomon Concerts“ (vgl. bei der Sinfonie Nr. 93) sowie in einem Benefizkonzert am 16. Mai wiederholt.Informationstext zur Aufführung der Sinfonie Nr. 92 am 20. September 2009 der Haydn-Festspiele-Eisenstadt, , Stand 10. November 2011.

Nach van Hoboken (1957) beziehen sich folgende Notizen von Dies (1810)Albert Christoph Dies: Biographische Nachrichten von Joseph Haydn. Nach mündlichen Erzählungen desselben entworfen und herausgegeben von Albert Christoph Dies, Landschaftsmaler. Camesinaische Buchhandlung, Wien 1810. Mit einem Vorwort und Anmerkungen neu herausgegeben von Horst Seeger. Nachdruck im Bärenreiter-Verlag, Kassel, ohne Jahresangabe (ca. 1950), S. 82 ff: Dreizehnter Besuch, den 9. Dezember 1805 (Zitat S. 84) und dreiundzwanzigster Besuch den 18. Juni 1806, S. 133 ff. (Zitat S. 135–136) nach dessen Treffen mit Haydn am 9. Dezember 1805 auf die Sinfonie Nr. 92: „Er hatte eine Symphonie aufgelegt, die mit einem kurzen Adagio anfing. Drei gleichtönende Noten eröffneten den Gesang. Da aber das Orchester die drei Noten zu nachdrücklich anschlug, so unterbrach Haydn mit Winken und ‚St! St!‘. Das Orchester schwieg, und Salomon mußte Haydns Meinung verdolmetschen. Darauf wurden die drei Noten wieder, aber mit nicht glücklicherem Erfolge angestrichen. Haydn unterbrach abermals mit ‚St! St!‘. Während der erfolgten Stille äußerte ein deutscher Violoncellspieler ganz nahe bei Haydn seine Meinung gegen seinen Nachbarn und sagte in deutscher Sprache: „Du, dem sind schon die drei ersten Noten nicht recht, wie wird’s mit den übrigen aussehen?“ Haydn war froh, Deutsche reden zu hören, nahm diese Worte als Warnung an und sagte mit der größten Höflichkeit, daß er um eine Gefälligkeit ersuche, die ganz in ihrer Macht stünde, und daß es ihm sehr leid wäre, sich in englischer Sprache nicht ausdrücken zu können; sie möchten ihm daher erlauben, seine Meinung auf einem Instrumente vortragen zu dürfen. Er nahm darauf eine Violine und machte sich durch den wiederholten Anstrich der drei Töne so verständlich, daß das Orchester ihn vollkommen begriff.“

Eine weitere Aufführung, die zwischen dem 6. und 8. Juli anlässlich der vom englischen Musikhistoriker Charles Burney initiierten Ernennung Haydns zum Ehrendoktor der Universität Oxford stattgefunden haben soll, führte später Nach Horst Walter (Horst Walter: Oxford (Sinfonie). In Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 978-3-89007-557-0, S. 563) nach 1860. zum Beinamen „Oxford-Sinfonie“, die Aufführung ist jedoch nicht sicher nachgewiesen.Wolfgang Marggraf: Die Sinfonien Joseph Haydns. Zwischen Paris und London: die Sinfonien der Jahre 1787–1789. http://www.haydn-sinfonien.de/text/chapter7.0.html, Abruf am 10. November 2011Peter Cossé: Symphonien Nr. 88 – 92. In: Attila Csampai & Dietmar Holland (Hrsg.): Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-8052-0450-7, S. 111 Dies (1810) notiert zu seinem Besuch bei Haydn am 18. Juni 1806: „Darauf wurde Haydn mit einem weißseidenen Mantel, mit Ärmeln von roter Seite bekleidet, ihm ein schwarzseidenes Hütchen aufgesetzt, und so angezogen mußte er sich auf einen Doktorstuhl setzen. (…) Haydn wurde ersucht, etwas von seiner Komposition zu geben. Er bestieg die Orgel im Saale, richtete sich mit dem Gesicht gegen die Versammlung, deren Augen alle auf ihn gerichtet waren., ergriff mit beiden Händen den Doktormantel auf der Brust, öffnete ihn, machte ihn wieder zu und sagte so laut und vernehmlich er konnte: ‚I thank you.‘ Die Versammlung verstand diese unerwartete Mimik gut; Haydns Dank gefiel ihr und sie antwortete: ‚You speak very good english.‘ – Ich kam mir in diesem Mantel recht possierlich vor; und was das schlimmste war, ich mußte mich drei Tage lang auf den Gassen so maskiert sehen lassen. Jedoch habe ich dieser Doktorwürde in England viel, ja, ich möchte sagen, alles zu verdanken; durch sie trat ich in die Bekanntschaft der ersten Männer und hatte Zutritt zu den größten Häusern.“

Zur Musik Besetzung: Flöte, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass, Pauken. Über den Einsatz eines Cembalos oder Fortepianos als Continuoinstrument in Haydns Sinfonien bestehen unterschiedliche Auffassungen.Beispiele: a) James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608); b) Hartmut Haenchen: Haydn, Joseph: Haydns Orchester und die Cembalo-Frage in den frühen Sinfonien. Booklet-Text für die Einspielungen der frühen Haydn-Sinfonien., online (Abruf am 26. Juni 2019), zu: H. Haenchen: Frühe Haydn-Sinfonien, Berlin Classics, 1988–1990, Kassette mit 18 Sinfonien; c) Jamie James: He'd Rather Fight Than Use Keyboard In His Haydn Series. In: New York Times, 2. Oktober 1994 (Abruf am 25. Juni 2019; mit Darstellung unterschiedlicher Positionen von Roy Goodman, Christopher Hogwood, H. C. Robbins Landon und James Webster). Die meisten Orchester mit modernen Instrumenten verwenden derzeit (Stand 2019) kein Cembalocontinuo. Aufnahmen mit Cembalo-Continuo existieren u. a. von: Trevor Pinnock (Sturm und Drang-Sinfonien, Archiv, 1989/90); Nikolaus Harnoncourt (Nr. 6–8, Das Alte Werk, 1990); Sigiswald Kuijken (u. a. Pariser und Londoner Sinfonien; Virgin, 1988 – 1995); Roy Goodman (z. B. Nr. 1–25, 70–78; Hyperion, 2002). Die nachträglich hinzugefügten Trompeten und Pauken fehlen im Autograph, werden aber für authentisch gehalten.Andreas Friesenhagen: Sinfonien 1787 – 1789. In: Joseph Haydn-Institut Köln (Hrsg.): Joseph Haydn Werke. Reihe I, Band 14. G. Henle-Verlag, München 2010, Seite IX. Howard Chandler Robbins Landon (The Symphonies of Joseph Haydn. Universal Edition & Rocklife, London 1955) bewertet die Behandlung von Pauken und Trompeten im ersten und letzten Satz dieser Sinfonie als unangemessen: „… in No. 92 the trumpet and drum parts are far from satisfactory. Whether or not they were added later remains an open question: all the authentic sources, however, include them. (…) In the slow movement, they are used with good effect to reinforce the rhythm of the ‘minore‘ section, but in the first and especially the last movements they are often woefully inadequate.“ S. 428.

Aufführungszeit: ca. 25 bis 30 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen)

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Adagio – Allegro spiritoso Adagio: G-Dur, 3/4-Takt, Takt 1–20

Haydn eröffnet die Sinfonie mit einer viertaktigen, sanglichen Wendung der Streicher im Piano, beginnend mit drei durch Pausen unterbrochenen Staccato-Achteln. Der antwortende anschließende Viertakter führt über eine Vorschlag-Floskel und chromatische Eintrübung zu einer klopfenden Tonrepetition, die sich im Tutti bis zum Forte steigert. Die Einleitung klingt mit rezitativisch-fragenden Wendungen in der Doppeldominanten aus.

mini|500px|Beginn Allegro spiritoso mit dem „Pendelmotiv“ der 1. Violine

Allegro spiritoso: G-Dur, 3/4-Takt, Takt 21–232

Das Allegro beginnt piano in den Streichern als viertaktige, pendelartig-fragende Bewegung auf dem Dominantseptakkord (D-Dur – Septakkord; Hauptmotiv oder Hauptthema).Je nach Standpunkt ggf. aus den Wendungen der Violinen in Takt 2–3 bzw. 5–6 und 11 abgeleitet interpretierbar. Anstelle des erwarteten schließenden Nachsatzes folgt dann in der Tonika G-Dur ein „stabilisierender“ Forte-Block des ganzen Orchesters, der mit einem Intervallsprung aufwärts (Dezime) beginnt und im weiteren Verlauf virtuose Läufe und Akkordbrechungen enthält (Forte-Block 1). In Takt 41 hat das Pendelmotiv mit Beteiligung der Holzbläser einen zweiten Auftritt, wiederum gefolgt von einem Forte-Block im Tutti, der jedoch gegenüber dem vorigen durch Synkopen und Lauf-Sequenzen variiert ist und zur Dominante D-Dur führt (Forte-Block 2). In D-Dur hat dann in Takt 57 das Pendelmotiv seinen dritten Auftritt, weiter angereichert mit einer aufwärtsgegehenden, gegenstimmenartigen Figur in den Oboen. Der anschließende Forteblock 3 kontrastiert durch seine Moll-Trübung, die Wechsel in andere Tonarten (d-Moll, B-Dur, g-Moll, A-Dur, D-Dur) und das Herausstellen eines marschartig-fanfarenartigen Rhythmus (drei klopfende Achtel) zum bisherigen Geschehen.

mini|500px|Schlussgruppen-Motiv Takt 72–75, 1. Violine

Energische Unisono-Läufe führen zur Schlussgruppe (Takt 72 ff.) mit einprägsamem, kurzem Frage-Antwort – Motiv, dessen „Simplizität – nach der ausführlichen, strukturell dichten Entwicklung – wie naiv-zitiert erscheint.“Der Rhythmus der Vorschlagsfigur ist bereits in Takt 9 und Takt 35 angedeutet. Das Schlussgruppenmotiv wird mit gegenstimmenartigen Läufen in der Flöte wiederholt, ehe die Exposition mit bekräftigenden Läufen (wie vorher in der Flöte) abschließt. Die Exposition wird wiederholt.

Zu Beginn der Durchführung ändert das Schlussgruppenmotiv seinen Charakter durch Führung im streng-bedrohlichen Unisono. Das Pendelmotiv führt als Variante mit Gegenbewegung ab Takt 95 zu einer drei- bis vierstimmigen Passage, bei denen v. a. die Streicher (teilweise auch Oboen und Fagott) das Material vom Pendelmotiv durch versetzten Einsatz und Gegenbewegung verarbeiten. Der Forteblock ab Takt 110 entspricht strukturell dem Forteblock 3 der Exposition. Er geht über in eine energische Passage, bei der eine aufsteigende Akkordbrechung aufwärts sequenziert wird. Der in Takt 123 erreichte „fragende“ Septakkord kündigt die Reprise an.