Poliomyelitis (von und ) oder Poliomyelitis acuta, kurz Polio, deutsch (spinale) Kinderlähmung, Polioerkrankung oder Heine-Medin-Krankheit genannt,Weitere Bezeichnungen: epidemische Kinderlähmung, Heine-Medinsche Krankheit und Poliomyelitis acuta. ist eine von Polioviren vorwiegend im Kindesalter hervorgerufene Infektionskrankheit. Die ursprüngliche Bezeichnung leitet sich von den Entdeckern des Virus, Jakob von Heine und Karl Oskar Medin, ab. Sie befällt Motoneurone und kann zu schwerwiegenden, bleibenden Lähmungen führen. Diese betreffen häufig die Extremitäten. Der Befall der Atemmuskulatur ist tödlich, als Reaktion führte dieser Krankheitsverlauf zur Entwicklung der ersten maschinellen Beatmungsverfahren. Auch Jahre nach einer Infektion kann die Krankheit wieder auftreten.
Das Virus wird meist durch Schmierinfektion (Urin oder Stuhl) übertragen, aber auch Tröpfcheninfektionen sind möglich. Es kann sich nur im Menschen (und einigen Affenarten) vermehren und nur von Mensch zu Mensch übertragen werden.
Seit den 1950er Jahren sind Impfstoffe gegen Polio verfügbar. Die Erkrankungszahlen sind seitdem stark rückläufig. Große Gesundheitsorganisationen, allen voran die WHO, arbeiten seit Jahren auf die Ausrottung von Polio hin. Es gibt allerdings immer wieder Rückschläge. So verbreitet sich Polio (Stand Anfang 2020) in Afghanistan und Pakistan. In der Ukraine erkrankten im Jahr 2015 zwei Kinder, obwohl Europa bereits 2002 als komplett frei von Polio erklärt worden war. Im September 2022 wurde im US-Bundesstaat New York der Notstand ausgerufen, nachdem das Virus im Abwasser von vier Bezirken sowie in New York City nachgewiesen worden war (siehe unten).
Nachdem in Afrika vier Jahre lang kein neuer Fall von Wild-Poliomyelitis aufgetreten war, erklärte die WHO Afrika am 25. August 2020 für „Wild-Polio-frei“. Unabhängig von Wild-Polioviren breiten sich hier jedoch vom Lebendimpfstoff abgeleitete Polioviren (cVDPVs) aus, eine Folge un- bzw. unterimmunisierter Populationen mit geringen hygienischen Standards. Daher schätzte die WHO am 1. September 2020 das Risiko der Ausbreitung von cVDPVs in Zentralafrika und im Horn von Afrika als „hoch“ ein. Mehr als ein Dutzend Länder Afrikas, darunter Angola, Kongo, Nigeria und Sambia kämpfen weiterhin gegen diese Erkrankung. Auch im Gazastreifen wurden im Juli 2024 in Abwasserproben cVDPVs gefunden.
Im Oktober 2024 wurde in Pakistan nach einem Anstieg von Krankheitsfällen eine landesweite Impfkampagne gestartet, um 45 Millionen Kinder vor Polio zu schützen.
Vorkommen mini|hochkant|Mann mit durch Poliomyelitis atrophiertem Bein
Überwiegend sind Kinder im Alter von drei bis acht Jahren betroffen, nur gelegentlich erkranken auch Erwachsene. Für diese Viruserkrankung gibt es keine ursächliche Behandlung. Aufgrund der konsequenten Impfung gilt Polio heute in Deutschland offiziell als „ausgerottet“.
Poliomyelitis wurde klinisch erstmals im 18. Jahrhundert von dem englischen Arzt Michael Underwood (1736–1820) beschrieben.Horst Kremling: Historische Betrachtungen zur präventiven Heilkunde. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 222–260; hier: S. 235 f. Genauer dargestellt wurde die Krankheit vom Schwarzwälder Orthopäden Jakob Heine, der 1840 ein Buch mit dem Titel Beobachtungen über Lähmungszustände der unteren Extremitäten und deren Behandlung herausgab. Was er beschrieb, nannte er in der zweiten Auflage von 1860 Spinale Kinderlähmung. Der schwedische Arzt und Forscher Karl Oskar Medin (1847–1927), der den epidemischen Charakter der Krankheit erkannte, knüpfte an die Erkenntnisse Heines an. Daher rührt die weitere Bezeichnung der Kinderlähmung als Heine-Medin-Krankheit.
Nach heutigen Erkenntnissen existierte Poliomyelitis bis 1880 als endemische Krankheit. Erst ab etwa 1880 trat diese Infektionskrankheit in epidemischer Form auf, die jährlich tausende Menschen betraf. Vor allem Kinder starben daran oder litten dauerhaft an körperlichen Folgeschäden. Ab etwa 1910 traten in Europa und den Vereinigten Staaten regionale Epidemien im Turnus von etwa fünf bis sechs Jahren auf. Zu den bekanntesten Opfern zählt der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, der die Forschung nach einem Impfstoff während seiner Präsidentschaft wesentlich förderte. Als Fortschritt in der Erforschung eines Impfstoffes gilt die Einführung der Viruskultur durch J. F. Enders im Jahre 1952. Darauf aufbauend entwickelte Jonas Salk 1954 einen inaktivierten (Tot-)Impfstoff. Dieser wirkte jedoch unzureichend. Der von Albert Sabin entwickelte abgeschwächte Lebendimpfstoff ermöglichte ab 1960 eine Poliobekämpfung. Hierdurch sank die Zahl der Poliofälle von jährlich mehreren 100.000 auf etwa 1.000 pro Jahr.
2010 kam es zu einem schweren Ausbruch in Tadschikistan, der auch nach Russland verschleppt wurde. Am 5. Mai 2014 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Poliomyelitis-Ausbrüche in Kamerun, Pakistan und dem bürgerkriegserschütterten Syrien sowie die von dort erfolgte Verbreitung nach Äquatorialguinea, Afghanistan und in den Irak zu einem „außerordentlichen Ereignis“, das dringend koordinierte Maßnahmen erfordere, um ein weltweites Wiederaufleben der Erkrankung zu verhindern.
Anfang September 2015 meldete die WHO zwei Fälle von Polio bei Kindern im Südwesten der Ukraine. Es bestand ein hohes Risiko, dass sich die Krankheit dort verbreiten würde, da nur 50 % der Kinder gegen Kinderlähmung geimpft waren. Wegen besserer Impfquoten bestand wenig Risiko für die Nachbarländer Rumänien, Polen, Ungarn und die Slowakei.orf.at Erstmals seit 2010 Kinderlähmung in Europa, orf.at, 2. September 2015, abgerufen am 2. September 2015. Im August 2019 wurde Nigeria als letzter afrikanischer Staat offiziell als frei von Poliomyelitis erklärt. Weltweit werden aus dem Endemie-Großraum Afghanistan und Pakistan Neuerkrankungen gemeldet. Dort gab es 2018 33 Fälle, zu diesen kamen in Pakistan 2019 (Stand: Anfang Oktober) 72 neue Fälle hinzu.
Im Frühjahr 2022 traten in Israel mindestens 6 Fälle von Polio-Infektionen aufgrund vom Lebendimpfstoff abgeleitete Polioviren (cVDPV) auf, in drei Städten wurde diese im Abwasser nachgewiesen, was auf unentdeckte Infektionen dort hindeutet. Als Reaktion auf den Ausbruch leitete das israelische Gesundheitsministerium eine Impfkampagne ein. Im Sommer 2022 wurden cVDPVs im Abwasser von London und New York City sowie mehreren benachbarten Countys nachgewiesen. New York City rief daher im September den Katastrophenfall aus, um Bemühungen zur raschen Erhöhung der niedrigen Impfquote zu unterstützen.tagesschau.de, 15. September 2022.
Infolge des Fundes von cVDPVs des Typs 2 in Abwasserproben in zwei Städten im Gazastreifen rief die Weltgesundheitsorganisation Ende Juli 2024 im Rahmen der gemeinsamen Bemühungen zur Bekämpfung des sich ausbreitenden Virus Gesundheitsminister aus der gesamten östlichen Mittelmeerregion zusammen. Die WHO teilte am 23. Oktober 2024 mit, die schon einige Wochen vorher begonnene Polio-Impfkampagne im Gazastreifen könne wegen heftiger israelischer Bombardierungen nicht wie geplant fortgesetzt werden. Dort sollten rund 120.000 Kinder unter zehn Jahren mit der zweiten Impfdosis versorgt werden. Die erste Runde der Impfungen Mitte September war ohne größere Zwischenfälle verlaufen und im mittleren und südlichen Gazastreifen hatten fast 443.000 Kinder bereits ihre zweite Impfdosis erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation und UNICEF meldeten Anfang November 2024 den Abschluss der Polio-Impfkampagne im Gazastreifen. 556.774 Kinder unter zehn Jahren hätten eine zweite Dosis des Polio-Impfstoffes erhalten. Etwa 7.000 bis 10.000 Kinder im Norden des Gazastreifens habe man wegen der dort immer noch laufenden israelischen Großoffensive allerdings nicht erreichen können.
Im November 2025 gaben deutsche Behörden bekannt, dass in einer Abwasserprobe aus Hamburg erstmals seit Beginn des routinemäßigen Umweltmonitorings im Jahr 2021 der Wildtyp des Poliovirus nachgewiesen wurde. Die Probe war in der Woche ab dem 6. Oktober 2025 entnommen worden. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) handelt es sich um den ersten Nachweis eines wilden Poliovirus in Deutschland seit mehr als 30 Jahren; menschliche Infektionen wurden nicht gemeldet.
Erreger mini|Poliovirus unter dem Elektronenmikroskop
Der Erreger dieser Erkrankung ist das Poliovirus. Es ist ein unbehülltes Virus mit einzelsträngiger RNA positiver Polarität (ss(+)RNA) von ca. 30 Nanometer Durchmesser, das zur Gattung Enterovirus der Familie Picornaviridae gehört. Es sind drei Serotypen bekannt: Typ 1 („Brunhilde“), der als am stärksten lähmungsverursachend gilt und zur epidemischen Ausbreitung neigt; er wurde nach einer damals infizierten Schimpansin namens Brunhilde benannt. Daneben gibt es noch Typ 2 („Lansing“) sowie Typ III („Leon“), die seit Jahren nicht mehr nachgewiesen wurden und inzwischen von der WHO für ausgerottet erklärt wurden.Two out of three wild poliovirus strains eradicated: Global eradication of wild poliovirus type 3 declared on World Polio Day. WHO, 24. Oktober 2019, abgerufen am 24. Oktober 2019. Zwischen den drei Erregertypen gibt es keine Kreuzimmunität. Das heißt, eine Infektion mit einem der drei Typen schützt nicht vor einer weiteren Infektion mit einem der beiden anderen Typen. Außer dem Menschen werden auch ein paar Menschenaffen befallen; die Übertragung beim Menschen erfolgt durch andere Menschen.
Übertragungswege Weil das Virus sich im Magen-Darm-Trakt vermehrt, wird es durch die fäkal-orale Route übertragen. Das Risiko einer Infektion ist hoch, wenn die Nahrung mit Viren kontaminiert ist oder wenn die allgemeine Hygiene ungenügend ist. Weil Polioviren in kaltem Wasser lange konserviert werden, kann in Ländern der gemäßigten Klimazone auch das Trinkwasser eine Infektionsquelle sein. Forscher aus Schweden haben das schon in den 1940er Jahren vermutet.C. Kling, G. Olin, J. Fahraeus: Zur Frage der Übertragung der epidemischen Poliomyelitis durch Trinkwasser und der dabei entstandenen Immunität. In: Acta path. et microbiol. Scandinav. Band 54, 1944, S. 499. Das würde erklären, warum die Stadt New York besonders schwer getroffen wurde. Dort gab es in den Jahren 1931, 1935 und 1944 Epidemien mit 59,1 bzw. 28,5 bzw. 24,6 gemeldeten Fällen pro 100.000 Einwohner. Im Gegensatz dazu wurden im gleichen Zeitraum in London im Mittel nur 2 Fälle pro 100.000 Einwohner gemeldet.A. B. Sabin: Paralytic consequences of Poliomyelitis infection in different parts of the world and in different population groups. In: Amer. J. Publ. Health 41 (1951), S. 1215–1230. Während in London das Trinkwasser aus Grundwasser gewonnen wurde, kam es in New York aus Stauseen in den Bergen nördlich der Stadt,Artikel Public Works in Encycl. Britannica (1993), Vol. 26. wo die New Yorker im Sommer oft das Wochenende oder die Ferien verbrachten. Das könnte auch erklären, warum die Epidemien immer im Sommer auftraten.H. Knolle: Übertragung der Poliomyelitis durch Trinkwasser und das Problem der Ausrottung. In: Das Gesundheitswesen 57 (1995), S. 351–354.
Epidemiologie