mini|Riane Eisler Riane Tennenhaus Eisler (* 22. Juli 1931 in Wien) ist eine US-amerikanische Kulturhistorikerin, Systemwissenschaftlerin, Soziologin, Anwältin, Rednerin, Politikberaterin und Autorin, deren Anstöße zu kulturellem Wandel von zahlreichen Wissenschaftlern, Politikern und Sozialaktivisten weltweit aufgegriffen wurden.
Biografisches Riane Eisler wurde 1931 in Wien geboren und floh 1939 mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten zunächst nach Kuba, wo sie in den Slums von Havanna lebte. Später emigrierte sie in die Vereinigten Staaten. Dort erwarb sie Universitätsabschlüsse in Soziologie und Rechtswissenschaften an der University of California, Los Angeles (UCLA).
Karriere Eisler unterrichtete Seminare zum Themenfeld Frauen und Recht an der University of California in Los Angeles (UCLA) und war damit eine Vorreiterin auf diesem Gebiet. Des Weiteren unterrichtete sie im Rahmen des Transformative Leadership Program am California Institute of Integral Studies sowie am Anthropology Department der University of Alabama, Birmingham. Sie ist Chefredakteurin des Interdisciplinary Journal of Partnership Studies an der University of Minnesota und Präsidentin des Center for Partnership Studies, das sich der Forschung und Lehre auf dem Gebiet des von Eisler entwickelten Partnerschaftsmodell widmet. Sie ist Ehrenmitglied des World Future Council und des Club of Rome sowie Mitglied zahlreicher anderer Organisationen, vom IEEE über das Social Ventures Network bis zur World Academy of Arts and Sciences. Partnerschafts- und Dominanzmodell Eisler schlägt neue sozialwissenschaftliche Paradigmen vor, die die Grenzen herkömmlicher sozialer Gegenüberstellungen wie religiös vs. säkular, rechts vs. links, kapitalistisch vs. kommunistisch, Ost vs. West und vorindustriell vs. industriell oder postindustriell überschreiten. Sie stellt fest, dass sich Gesellschaften jeglicher Kategorie in der Vergangenheit als repressiv und gewalttätig gezeigt haben und dass sie die Frage, welche Arten von Institutionen und Überzeugungen gerechtere und friedlichere Beziehungen unterstützen, weitgehend unbeachtet gelassen haben. Bei der Beantwortung dieser Frage bietet Eislers multidisziplinäre, interkulturelle Forschung ein neues analytisches Instrument zum Verständnis und zur Verbesserung sozialer Systeme: eine biologisch wie kulturell fundierte Partnerschaft-Dominanz-Matrix. In dieser Matrix beschreiben partnerschaftliche Strukturen einerseits und ein Modell der Beherrschung andererseits die beiden Pole eines Kontinuums. In diesem Kontinuum richten sich Gesellschaften in die eine oder andere Richtung aus und schaffen damit unterschiedliche Lebenswirklichkeiten bzw. jeweils eigene Formen des Ausschlusses und der Teilhabe von Menschengruppen. Eisler identifiziert das Partnerschaftssystem und das Herrschaftssystem als zwei grundlegende soziale Konfigurationen, die sich vor allem darin unterscheiden, wie sie die Beziehung von Mensch und Natur, Eltern-Kind-Beziehungen, Geschlechterrollen und Beziehungen in weiteren gesellschaftlichen Zusammenhängen konzipieren und welchen Stellenwert sie der Fürsorge für Mensch und Natur geben.
Dominanzsystem Eisler führte den Begriff des Dominanzsystems (domination system) ein, um ein System von Top-Down-Hierarchien zu beschreiben, das letztendlich von Angst oder Gewalt gestützt wird und über die Herrschaft von Mann über Mann, Mann über Frau, "Rasse" über "Rasse", Religion über Religion und Mensch über Natur verläuft. Die Konfiguration des Herrschaftssystems besteht aus vier sich gegenseitig unterstützenden Kernkomponenten:
die Top-down-Kontrolle in Familien, Volkswirtschaften und Staaten sowie weiteren gesellschaftlichen Institutionen starre männliche Dominanz und damit die Abwertung von allem, was stereotyp als "weiblich" angesehen wird, durch Männer und Frauen, einschließlich den Bereichen der Versorgung und der Fürsorge die Akzeptanz oder sogar Idealisierung von Missbrauch und Gewalt als Mittel, um anderen den eigenen Willen aufzuzwingen ein Glaubenssystem, das Beziehungen der Unterwerfung oder des Unterworfen-Seins als unvermeidlich und wünschenswert darstellt. Beispiele für Gesellschaften, die sich eng am Dominanzsystem orientieren, sind das nationalsozialistische Deutschland, die stalinistische Sowjetunion, der fundamentalistische Iran, die Taliban sowie Kulturen vergangener Zeiten, in denen chronische Gewalt und despotische Herrschaft die Norm darstellten.
Partnerschaftssystem Im Gegensatz dazu besteht die Konfiguration des Partnerschaftssystems aus: - einer demokratischeren und egalitäreren Struktur in Familie, Wirtschaft, Staat oder sozialen Gruppierungen - einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Frauen und Männern und damit einer unter Männern wie Frauen gleichermaßen anzutreffenden hohe Wertschätzung von Merkmalen und Aktivitäten, die stereotyp als weiblich angesehen werden, was sich in den Wertsetzungen der Sozial- und Wirtschaftspolitik widerspiegelt - einem geringen Maß an Missbrauch und Gewalt, weil diese nicht benötigt werden, um starre Ranglisten der Herrschaft aufrechtzuerhalten - einem Glaubenssystem, das partnerschaftliche Beziehungen und gegenseitigen Respekt als normal und wünschenswert darstellt. Als Beispiele für partnerschaftlich orientierte Gesellschaften werden die Tiruray auf Mindanao genannt, agrarisch geprägte Gesellschaften wie die der Minangkabau, sowie technologisch fortgeschrittene Staaten wie Schweden, Norwegen und Finnland, wo es eine demokratischere und egalitärere Struktur in Familie, Wirtschaft und Staat gibt, eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Männern und Frauen und eine am Care-Gedanken orientierte Sozialpolitik (mit einer allgemeinen Gesundheitsversorgung, bezahltem Elternurlaub und einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung) sowie die Ablehnung von Gewalt in intimen und internationalen Beziehungen.
Partnerschafts-Dominanz-Kontinuum (partnership/domination continuum) Beim Vergleich von Partnerschafts- und Dominanzsystemen in ihrem Buch Nurturing Our Humanity (2019) stützen sich Eisler und ihr Co-Autor Douglas Fry sowohl auf die Sozial- als auch auf die Lebenswissenschaften, darunter Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung, um zu zeigen, wie sich das Aufwachsen in partnerschaftlichen oder dominanzorientierten Kulturen oder Subkulturen direkt auf die Entwicklung des Gehirns von Kindern auswirkt und damit darauf, wie Menschen denken, fühlen und handeln. Das Buch enthält unter anderem Frys Forschungen zur Nahrungssuche, mit denen er der in populären Theorien vertretenen Position entgegentritt, Menschen seien Gefangene evolutionärer Imperative, die zwangsläufig zu Krieg, Vergewaltigung und anderen Grausamkeiten führen. In seiner Argumentation weist Fry darauf hin, dass Menschen lange Zeit als Sammler in Gruppen lebten, die er als "die ersten Partnerschaftsgesellschaften" (the original partnership societies) bezeichnet. In früheren Arbeiten wie The Chalice and the Blade (1987) und Sacred Pleasure (1995) analysiert Eisler die Androkratie (die Herrschaft von Männern in sozialen Organisationen), wie man sie in indoeuropäischen und anderen Gesellschaften beobachtet, und schildert sie im Vergleich zu einer stärkeren Ausrichtung auf das Partnerschaftssystem, wie es von verschiedenen Forschungsarbeiten für die soziale Organisation des neolithischen Europas und der späteren minoischen Zivilisation im prähistorischen bronzezeitlichen Kreta behauptet wurde. Um die These zu belegen, dass es Gesellschaften gab, in denen weder Männer noch Frauen einander dominierten, zog Eisler archäologische Beweise aus Südosteuropa, insbesondere Kreta heran. Sie stützte sich dabei auf die Forschungen der Archäologen Nikolaos Platon, Vere Gordon Childe, Nanno Marinatos, Marija Gimbutas oder James Mellaart. Eislers Arbeit hat es anderen Wissenschaftlern ermöglicht, die konzeptionellen Rahmenbedingungen für Partnerschaft/Herrschaft und kulturelle Transformation auf Bereiche anzuwenden, die von Politik und Wirtschaft bis zu Religion, Wirtschaft und Bildung reichen. Keine Gesellschaft orientiert sich vollständig an einem Dominanz- oder einem Partnerschaftssystem. Eisler beschreibt ihr System deswegen als Kontinuum zwischen den beiden Polen der Partnerschafts- und Herrschaftsorientierung. In Anbetracht der Verortung einer Gesellschaft auf diesem Kontinuum beginnt vieles, was ansonsten als zufällig und unzusammenhängend erscheint, in seinem kulturell-gesellschaftlichen Zusammenhang deutlich zu werden – einschließlich der Entwicklung von Wirtschaftssystemen, wie Eisler in The Real Wealth of Nations: Creating a Caring Economics sowie in vielen Artikeln und Buchkapiteln dokumentiert hat.
Bücher Nurturing Our Humanity: How Domination and Partnership Shape Our Brains, Lives, and Future von Riane Eisler und Douglas Fry verbindet Eislers Partnerschafts-Dominanz-Matrix mit umfassenden Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften und anderen Disziplinen. Es möchte zeigen, dass im Gegensatz zu der These "egoistischer Gene" (Richard Dawkins: Das egoistische Gen, 1976), die das menschliche Verhalten bestimmen sollen, das Denken und Fühlen von Menschen stark davon beeinflusst wird, ob sie in einer partnerschaftlichen oder dominanzorientierten Umgebung aufwachsen. Es dokumentiert auch, dass der Mensch im Laufe der Evolution tatsächlich eine Neigung zu Empathie, Fürsorge und Kreativität entwickelt hat, die jedoch in Herrschaftssystemen gehemmt wird. Es weist ferner auf Interventionen hin, die die gegenwärtige Bewegung in Richtung Partnerschaft beschleunigen und weitere Rückschritte zu einem Dominanzsystem verhindern können.
Zu Eislers früheren Büchern gehört ihr internationaler Bestseller The Chalice und The Blade: Our History, Our Future, der von der Anthropologin Ashley Montagu als "das wichtigste Buch seit Darwins Origin of Species" (the most important book since Darwin's Origin of Species) bezeichnet wurde. Das Buch hat unzählige Nachauflagen erlebt und wurde in 26 Sprachen übersetzt, darunter neben Deutsch, die meisten europäischen Sprachen sowie Chinesisch, Türkisch, Russisch, Koreanisch, Hebräisch, Urdu, Japanisch und Arabisch.An Interview with Dr. Riane Eisler, mungbeing.com
Ihr 2007 erschienenes Buch The Real Wealth of Nations: Creating a Caring Economics schlägt einen neuen ökonomischen Ansatz vor, der der menschlichen Fürsorgearbeit für Menschen und die Umwelt Sichtbarkeit und Wert verleiht. Das Buch wurde von Erzbischof Desmond Tutu als "Vorlage für die bessere Welt, nach der wir so dringend gesucht haben", von Peter Senge als "dringend benötigt" und von Gloria Steinem als "revolutionär" gepriesen.
2014 war Eisler Co-Autorin von Transforming Interprofessional Partnerships: A New Framework for Nursing and Partnership-Based Health Care mit Professor Teddie Potter von der University of Minnesota. Es bietet Angehörigen der Gesundheitsberufe die Werkzeuge, um aktuelle Gesundheitssysteme zu überprüfen und ein fürsorglicheres, nachhaltigeres System aufzubauen. Das Buch war der Gewinner des Capstone International Book Award 2015 und des American Journal of Nursing Book Award 2014.
Zu Eislers weiteren Büchern gehören The Power of Partnership und Tomorrow's Children sowie Sacred Pleasure: Sex, Myth, and the Politics of the Body – New Paths to Power and Love, eine Erforschung der Ursprünge menschlicher Gewalt sowie eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Geschlecht im Blick auf die Lebensqualität in Gesellschaften.
Dokumentarfilme Im Jahr 2011 stützte Tiroir A Films (TAF) ihren Dokumentarfilm Mother, Caring for 7 Billion auf die Theorien von Riane Eisler und setzte darin auch Eisler selbst ins Bild. Im Jahr 2018 drehte die Filmemacherin Jennifer Siebel Newson ihren Film The Great American Lie, der im Jahr 2019 erstmals gezeigt wurde und sich unter anderem auch mit Riane Eisler beschäftigt.
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