mini|hochkant=1.4|Übersichtskarte Moabit mini|hochkant=1.4|Luftbild
Moabit () ist ein Ortsteil des Bezirks Mitte in Berlin. Er wurde ab 1685 besiedelt und 1861 in Berlin eingemeindet. Der ehemalige Industrie- und Arbeiterbezirk ist vollständig von Wasserstraßen und Kanälen umgeben. Zwischen 1920 und 2001 war Moabit Teil des Bezirks Tiergarten und lag von 1945 bis 1990 im britischen Sektor der Viersektorenstadt Berlin.
Geographie Moabit wird von den Wasserstraßen Spree, Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, Westhafenkanal und Charlottenburger Verbindungskanal umschlossen. Die insofern künstliche Insel ist durch 26 Straßen-, Bahn- und Fußgängerbrücken mit der umgebenden Stadtlandschaft verbunden. Dies sind (Reihenfolge im Norden beginnend und dann im Uhrzeigersinn weiter):
Föhrer Brücke, Torfstraßensteg, Brücke der Ringbahn, Brücke der Fernbahn, Fennbrücke, Nordhafenbrücke, Kieler Brücke, Golda-Meir-Steg, Sandkrugbrücke, Bahnbrücke am Hauptbahnhof, Hugo-Preuß-Brücke, Gustav-Heinemann-Brücke, Moltkebrücke, Kanzleramtssteg, Lutherbrücke, Bahnbrücke am S-Bahnhof Bellevue, Gerickesteg, Moabiter Brücke, Lessingbrücke, Hansabrücke, Wullenwebersteg, Gotzkowskybrücke, Kaiserin-Augusta-Brücke, Sickingenbrücke, Bahnbrücke über den Verbindungskanal und Ludwig-Hoffmann-Brücke.
Die trennende Wirkung der Wasserläufe wird im Norden und Osten durch ausgedehnte Bahnanlagen und den Westhafen, den größten Berliner Hafen, noch verstärkt. Die angrenzenden Ortsteile sind Wedding im Norden, Mitte im Osten, Tiergarten und Hansaviertel im Süden (alle im Bezirk Mitte), sowie Charlottenburg im Westen und Charlottenburg-Nord im Nordwesten (beide im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf). Dabei machen die Anteile der Landgrenzen rund fünf Prozent aus, alle weiteren Grenzen werden von Wasserwegen gebildet.
Größte Grünfläche ist der nach einem früheren Bezirksbürgermeister benannte Fritz-Schloß-Park, der als Trümmerberg auf einem ehemaligen Exerzierplatz entstand. Kleinere Grünflächen sind der Kleine Tiergarten und der Ottopark, beide befinden sich genau zwischen der Turmstraße und Alt-Moabit. Weitere größere Grünflächen sind der Unionpark (zwischen Unionplatz und Wiclefstraße, mit einem Ausgang zur Bremer Straße) sowie der Carl-von-Ossietzky-Park (Alt-Moabit, gegenüber der JVA Moabit).
Moabit ist in mehrere Ortslagen unterteilt, darunter den sternförmigen Stephankiez rund um den Stephanplatz in der Nähe des Hauptbahnhofs, ein Gründerzeitviertel mit zu 90 Prozent erhaltener historischer Bausubstanz, und zukünftig die Europacity. Weitere Kieze sind der Beusselkiez, der Huttenkiez (auch Hutteninsel, da sie durch das Industriegebiet abgetrennt ist), das Westfälische Viertel (zwischen Stromstraße, Alt-Moabit, Gotzkowskystraße und Spree) und der Lehrter-Straßen-Kiez.
Geschichte Name Die Herkunft des Namens Moabit wird auf die ersten Bewohner dieses Gebietes, die Hugenotten, zurückgeführt. Die französischen Glaubensflüchtlinge nannten ihren neuen Wohnsitz in Anlehnung an das Alte Testament terre de Moab, weil sie hier ebenso Zuflucht fanden wie Elimelech und die Seinen im Land der Moabiter. Erklärungen, nach denen der Name Moabit spotthalber aus la terre maudite (verfluchtes Land) wegen seines sandigen Bodens entstandValentin Heinrich Schmidt, Valentin Friedrich Schnakenburg: Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam. Band 1. Nicolai, Berlin 1769, S. 58; oder die Siedler, vom Nichtgedeihen ihrer auf dem sandigen märkischen Boden angepflanzten Maulbeerbäume enttäuscht, ihn nach dem biblischen Land Moab wegen seiner Wüstenähnlichkeit wähltenWie noch bei Hans-Gert Kramer, Günter Linde: Sprachen die Neandertaler Englisch, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-7466-8003-4, S. 200. oder der Name vom slawischen moch (in der Bedeutung ‚Moos‘) abzuleiten ist, gelten als nicht haltbar.Paul Ortwin Rave (Einleitung); Irmgard Wirth (Bearb.): Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Bezirk Tiergarten. Gebr. Mann, Berlin 1955, S. 20. Eine weitere Theorie besagt, dass die Hugenotten das Gebiet als mon habit bezeichneten, was eine verkürzte Version von mon habitation sein soll, das im Deutschen mit ‚meine Wohnstätte‘ wiedergegeben werden kann.
Beginn der Besiedelung mini|Kleiner Tiergarten mit der Heilandskirche
Das Gebiet des heutigen Moabit war ab dem 13. Jahrhundert als Große Stadtheide unter Berliner Verwaltung und diente als Viehweide. Im 15. Jahrhundert wurden die Ländereien westlich Berlins Eigentum der brandenburgischen Kurfürsten, die die wildreichen Wälder südlich der Spree zu ihrem Jagdgebiet, dem Tiergarten, machten. Dem Wachstum der Residenzstadt unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm fielen Teile des Tiergartens zum Opfer, was durch die Erweiterung um den Kleinen Tiergarten nördlich der Spree kompensiert wurde. Das gesamte Jagdrevier wurde bis 1859 mit einem umlaufenden Wildgatter versehen.
Die Besiedelung des heutigen Moabit begann 1685 mit dem Bau des Staakensetzerhaus an der Westgrenze des Wildparks. 1698 überließ Kurfürst Friedrich III. den auf dem Areal des heutigen Humboldthafens liegenden Weinberg dem Hugenotten Menardié, der hier ein Gasthaus betrieb. Im Jahr 1717 siedelte König Friedrich Wilhelm I. zwischen der heutigen Straße Alt-Moabit und der Spree Hugenotten an. Nach eigenen Ideen und in seinem Auftrag pflanzten sie Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht an. Das Experiment scheiterte um 1725 an der unzulänglichen Qualität der Böden. Die Grundstücke dienten danach meist gärtnerischen Zwecken. Ihre Häuser verkauften die Seidenbauern an Berliner Bürger als Sommerwohnungen. In Zusammenhang mit der Umgestaltung des Tiergartens zu einem öffentlichen Park erlaubte König Friedrich II. 1745 zwei Hugenotten die ersten Berliner Gartenlokale anzulegen. Sie servierten mocca faux, wörtlich falscher, weil billiger, nachgemachter Kaffee, der bald zum Muckefuck wurde.Hans-Gert Kramer, Günter Linde: Sprachen die Neandertaler Englisch? Aufbau Taschenbuch Verlag, 1993, ISBN 3-7466-8003-4, S. 200. Daraus entwickelte sich die Ausflugsgegend In den Zelten.Paul Ortwin Rave (Einleitung), Irmgard Wirth (Bearb.): Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Bezirk Tiergarten. Gebr. Mann, Berlin 1955, S. 21; zu den Zelten S. 196 f.
In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts begann auch die militärische Nutzung großer Teile des Gebiets von Moabit. Die königlichen Pulvermühlen westlich des Moabiter Weinbergs machten 1717 den Anfang und bis 1734 dehnten sich die militärischen Anlagen bis dicht an die Hugenotten-Kolonie aus. Die Bezeichnung Pulverwiesen für die Spreewiesen südlich der Militäranlagen hielt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Das Militärgebiet wirkte wie ein Riegel und verhinderte eine direkte Verbindung zwischen Moabit und Berlin.
Im westlichen Teil des heutigen Moabit, der bis 1938 noch zum damaligen Bezirk Charlottenburg gehörte, eröffnete 1735 ein Franzose eine Schenke. Der wegen seiner geringen Größe petit Martin oder berlinisch Martinicken genannte Wirt gab dem damals unbebauten Feld den Namen Martinikenfelde. Auf diesem Gebiet entwickelte sich später das Fabrikenviertel von Moabit.
Zwei Westfalen erhielten um 1769 Ländereien von Friedrich II. im Gebiet des heutigen Westfälischen Viertels von Moabit. Ihnen wurde auferlegt, die Brandenburger darin zu unterrichten, lebende Hecken nach westfälischer Art zur Einfriedung ihrer Höfe anzulegen. Die Westfalen errichteten auf ihren Anwesen Gaststätten, die sich steigender Beliebtheit bei der Stadtbevölkerung des ausgehenden 18. Jahrhunderts erfreuten. Moabit war damit zu dieser Zeit ein Naherholungsgebiet mit ländlichem Charakter.
Industrialisierung mini|Villa Borsig in Moabit bei Berlin, 1867
In einer ersten Expansionswelle wichen die Industriebetriebe, die in Berlin keine Grundstücke mehr fanden und deren Geruchs- und Lärmbelästigung in der gewachsenen Stadt nicht mehr geduldet wurde (Feuerland), in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Moabit aus. Dabei war die Lage an der Spree als Transportweg für Kohle, Rohmaterial und die Produkte entscheidend.
Bereits 1836 hatte die Maschinenbauanstalt der Königlichen Seehandlung ihre Erweiterung am Spreeufer östlich der Kirchstraße begonnen; 1850 wurde sie von Borsig als zweiter Moabiter Standort übernommen, 1898 geschlossen und abgerissen für den Bau von Mietskasernen. August Borsig selbst hatte 1847 den Bau eines Eisenwerks südlich der Straße Alt-Moabit bis zum Spreeufer etwa von der heutigen Elberfelder Straße bis zur Krefelder Straße begonnen, dies mehrfach erweitert und dort auch seine Villa Borsig errichtet.
Moabit wurde besonders im ausgehenden 19. Jahrhundert immer stärker bevölkert. 1861 kam es zur Eingemeindung nach Berlin, die besiedelte Fläche nahm zu und viele Großindustrien wurden durch den Neubau von Mietskasernen in den Wedding verdrängt. Die Großindustriellen rechneten sich aus, dass mit Miete mehr Geld zu verdienen sei als mit der Produktion von Gütern. Außerdem sind Mietwohnungen weniger von der wirtschaftlichen Lage abhängig und bringen immer einen regelmäßigen Ertrag. So wurde aus dem ehemaligen Produktionsgebiet ein reines Arbeiterwohnviertel. Lediglich im Westen Moabits sind noch Industrieanlagen wie beispielsweise die berühmte AEG-Turbinenfabrik erhalten.
mini|Alt-Berliner Eckkneipe in Moabit
Zur geistlichen Betreuung der überwiegend aus Schlesien stammenden katholischen Arbeiter der Moabiter Industriegebiete wurde im Jahr 1867 mit Unterstützung des Fabrikanten August Julius Albert Borsig, des Sohnes von August Borsig, das erste nachreformatorische Kloster Berlins gegründet, das Dominikanerkloster St. Paulus mit gleichnamiger Pfarrkirche. In den Jahren 1892/1893 wurde das heutige Kirchengebäude im Stil der Neogotik nach Plänen von Engelbert Seibertz an der Oldenburger Ecke Waldenserstraße errichtet. Im September 1910 ereigneten sich die Moabiter Unruhen. 1920 wurde Moabit Teil des neugebildeten Bezirks Tiergarten.
Arbeiterbewegung mini|hochkant=0.85|Stolperstein der Kinderbuchautorin Else Ury
Große Teile von Moabit sind traditionelle Arbeiterwohnviertel; Teile davon hatten politisch aktive Bewohner, so beispielsweise der Rote Beusselkiez oder der benachbarte Rostocker Kiez, in denen nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 kommunistische Widerstandszellen aktiv waren.
Judenverfolgung Aus dem Gebiet des heutigen Moabit wurden zwischen 1941 und 1945 mehr als 1900 Juden deportiert. Die meisten von ihnen wurden in den Lagern von Auschwitz, Theresienstadt oder Minsk ermordet. Es wird geschätzt, dass etwa genauso viele Juden ihrer Deportation und Ermordung durch die Flucht ins Ausland entkamen.Sie waren Nachbarn. Website mit Schicksalen von Juden aus Moabit.
Militär und Bahn Das ehemalige Pulvermühlenterrain – ein sumpfiges Ödland, auf der in Sicherheitsabständen Pulverfabriken und Depots für Schießpulver angelegt waren – wurde nach 1850 mit Kasernen für Garderegimenter bebaut (Invalidenstraße, Rathenower, Perleberger, Lehrter Straße) und mit dem Spreebogen verbunden. In der Nähe wurden Wohnhäuser für die Offiziere gebaut. Teile des Geländes im Staatsbesitz gingen an die Justiz (Turmstraße), am Südrand wurden Bahnhöfe und der Packhof gebaut. Der Moabiter Werder blieb ein schwieriger Baugrund.
Verwaltungszugehörigkeit 1861 wurde Moabit nach Berlin eingemeindet. Seit 1920 war Moabit Teil des Bezirks Tiergarten. Seit der Verwaltungsreform im Jahr 2001 gehört Moabit zum Bezirk Mitte.
Bevölkerung mini|hochkant|Ortshinweistafel an der Gotzkowskybrücke