mini|hochkant=1.5|291 Fifth Avenue, New York City (rechts), 293 Fifth Avenue (links), vor 1913 Die Galerie 291 oder kurz 291 war eine avantgardistische Kunstgalerie in der Fifth Avenue in New York. Sie wurde 1905 als Little Galleries of the Photo-Secession von dem US-amerikanischen Fotografen Alfred Stieglitz und dem Luxemburger Edward Steichen gegründet. Die 291 zeigte neben fotografischen Arbeiten auch afrikanische Kunst und präsentierte erstmals europäische Künstler der Moderne in den Vereinigten Staaten. Ihr Galerist Alfred Stieglitz war eine Schlüsselfigur in der Fotografie- und Kunstgeschichte und einer der ersten modernen Ausstellungsmacher. Die Galerie und ihre Hauszeitschriften Camera Work und 291 waren wichtige Künstlerforen und impulsgebend für prädadaistische Tendenzen, den New-York-Dada und die darauf folgende Entstehung erster moderner Kunstrichtungen in den Vereinigten Staaten des frühen 20. Jahrhunderts.

Geschichte Photo-Secession, Camera Work und der Piktorialismus mini|hochkant=0.6|Emblem der Photo-Secession, um 1902

Die Entstehungsgeschichte der Galerie ist eng mit der Photo-Secession verbunden, einer Fotografenvereinigung, die 1902 von Stieglitz gemeinsam mit seinem Protegé, dem Maler und Fotografen Edward Steichen, nach dem Vorbild der Londoner Brotherhood of the Linked Ring als „elitärer Club“ gegründet wurde. Der Begriff „Secession“ spielte auf die Künstler der Wiener Secession an, die sich vom akademischen Establishment abgespalten hatten. Stieglitz sah die Secession als „Protest und Spaltung vom Geist der Doktrinären und der Kompromissler.“Greenough, S. 25 Die Photo-Secession nahm von 1902 bis 1904 Gestalt an. Die ersten Mitglieder waren, neben Steichen und Stieglitz, international namhafte Fotografen des Piktorialismus wie Frank Eugene, Gertrude Käsebier, Joseph Keiley und Clarence Hudson White. Etwas später schlossen sich Anne Brigman, Alvin Langdon Coburn und George Henry Seeley an. Begleitend gab Stieglitz das aufwändig gestaltete, im teuren Heliogravüre-Verfahren produzierte Hochglanzmagazin Camera Work heraus, um die Fotografien der Photo-Secessionisten und den von ihm proklamierten Piktorialismus zu verbreiten. Das Magazin erschien vierteljährlich von 1902 bis 1917 mit insgesamt 50 Ausgaben und diente Stieglitz bis zur Schließung der Galerie als „Hauszeitschrift“, die neben Essays und Theorieentwicklung zur Fotografie aktuelle Exponate vorstellte. Neben der Analyse fotografischer Arbeiten der Secessionisten boten die frühen Ausgaben wissenschaftliche Artikel und naturalistische Fotografien, spätere Ausgaben konzentrierten sich auf ebenso applaudierende wie harte Kunstkritiken der von Stieglitz organisierten Ausstellungen.Greenough, S. 23–26; vgl. Michel Frizot: Die Zeitschrift Camera Work 1903–1917; in: Neue Geschichte der Fotografie; hrsg. von Michel Frizot, Könemann, Köln 1998, ISBN 3-8290-1327-2, S. 327

Gründung mini|hochkant|Unbekannter Fotograf: Alfred Stieglitz Photographing on a Bridge, um 1905 Die Wanderausstellungen der Photo-Secessionisten und Camera Work wurden mit großem Zuspruch angenommen. Dennoch sah Stieglitz seine Position als Leitfigur der Fotografengemeinde ernsthaft gefährdet, als der professionelle Fotograf Curtis Bell, der zugleich Präsident der American Federation of Photographic Societies war, im Dezember 1904 die Ausstellung The First American Photographic Salon in der New Yorker Clausen Gallery veranstaltete. Das Ausstellungskuratorium bestand aus namhaften Künstlern wie William Merritt Chase, Kenyon Cox und Robert Henri; die Schau präsentierte amerikanische und europäische Fotografen und wurde von vielen als direkter Angriff auf Stieglitz’ Vorherrschaft betrachtet. Stieglitz sah sich nun genötigt, sich und die Photo-Secession „von der Mittelmäßigkeit und Selbstgefälligkeit, die die künstlerische Fotografie bedrohen“, loszulösen.Greenough, S. 26f

5th Avenue 291 und 293

1902 kehrte Edward Steichen aus Paris nach New York zurück und mietete im obersten Stock des Gebäudes an der Fifth Avenue Nummer 291, zwischen 30. und 31. Straße, ein kleines Studio. Das Haus, um 1870 im Stil des Neoklassizismus gebaut, war vierstöckig, aus braunem Klinker (Brownstone) ausgeführt und schloss oben mit einer prägnanten Attika, als Aufkantung des Flachdachrandes, ab. Im ersten und zweiten Stock war ein Erker (bay window) mit großen Fenstern vorgebaut. Die nebeneinander liegenden Häuser 291 und 293 verband ein großer Hausflur (Hallway), ein kleiner, „klappriger“ Aufzug konnte dadurch von beiden Häusern benutzt werden. Die Häuser wurden 1935 abgerissen und durch Neubauten ersetzt, die heute noch bestehen. Der Standort kam Steichen sehr entgegen, da der Camera-Club ganz in der Nähe in der 29. Straße eine gut ausgerüstete Dunkelkammer, seine Versammlungsräume und seine Bibliothek hatte.Stieglitz, Steichen, Strand. Masterworks from the Metropolitan Museum of Art. New York, ISBN 978-0-300-16901-0, S. 12 1905 zog Steichen, der inzwischen geheiratet und Kinder hatte – quer durch die Hallway – in größere Räume in das Haus Nummer 293. mini|Alfred Stieglitz: The Little Galleries of the Photo-Secession (Ausstellung Gertrude Käsebier und Clarence H. White), Februar 1906

Dadurch wurde sein ehemaliges Studio frei und Stieglitz konnte es, auf Vermittlung von Steichen, für 50 Dollar im Monat mieten. Zusätzlich konnte er zwei zusätzliche Räume hinzunehmen, um dort eine Galerie, die er The Little Galleries of the Photo-Secession nannte, zu betreiben. Die von Steichen gestaltete Galerieräume wurde in der April-Ausgabe 1906 von Camera Work beschrieben: „Einer der größeren Räume ist in matten Olivtönen gehalten, die Jutetapeten in einem warmen Olivgrau; die Holzverkleidung und die Leisten sind in einer ähnlichen Farbe, aber wesentlich dunkler. Die Wandbehänge sind aus olivgrünem Seidensatin und die Decke und der Baldachin sind von einem sehr tiefen, cremefarbenen Grau. Der kleine Raum ist speziell für Drucke auf sehr hellen Passepartouts oder in weißen Rahmen konzipiert. Die Wände dieses Raumes sind mit einem gebleichten, natürlichen Sackleinen bespannt; die Holzarbeiten und Leisten sind reinweiß, die Vorhänge in matten Naturfarben. Das dritte Zimmer ist in Graublau, mattem Lachs und Olivgrau gehalten.“

Die Galerie bestand lediglich aus drei Räumen; der größte maß 4,50 × 5,10 m, der mittlere 4,50 × 4,50 m und der schmalste nur 4,50 × 2,50 m. In einem Leitartikel erklärte Camera Work, dass „291 ein Laboratorium, eine Versuchsstation [sei] und nicht als Kunstgalerie im herkömmlichen Sinne angesehen werden darf.“Beaumont Newhall: Geschichte der Photographie, 1984, S. 174

Aus der Befürchtung heraus, es gäbe nicht genügend fotografische Werke, um eine Galerie zu unterhalten, und mit dem Wunsch, Fotografie mit „den anderen Künsten“ zu vergleichen, entschieden sie sich, nicht nur die „allerbesten Fotografien der Welt“, sondern auch Malereien, Zeichnungen und Skulpturen zu zeigen und diese in Beziehung zueinander zu setzen. Die Galerie sollte zugleich ein kommerzieller Raum sein, obwohl Stieglitz eine ausgesprochene Abneigung gegen die Kommerzialisierung der Kunst sowie finanzielle Diskussionen im Allgemeinen hatte. Stieglitz betrachtete dies als eine Form der Prostitution, und wenn er bemerkte, dass jemand ein Kunstwerk wie ein Konsumgut behandelte, zögerte er nicht, plötzlich den doppelten Preis dafür zu verlangen.

1908 sollte die Miete für seine drei Räume in 5th Avenue 291 erheblich steigen. Stieglitz und seine Freunde von der Photo-Secession sah sich außerstande, diesen Betrag in Verbindung mit einem langfristigen Mietvertrag, aufzubringen. Der Kunstmäzen Paul Haviland half der Gruppe finanziell und Stieglitz konnte im Nachbarhaus 5th Avenue 293 einen dreijährigen Mietvertrag, wenn auch für kleinere Räume, abschließen. Der Umzug – wieder quer durch den Hallway – fand im Januar 1908 statt. Der neue Ausstellungsraum maß nur 4,60 × 4,60 m, umfasste jedoch auch kleinere Nebenräume. „Nachdem Haviland ihn davon überzeugt hatte, dass der neue Raum praktikabel war, trommelte Stieglitz einige andere Freunde zusammen und brachte zusätzliche Mittel für Betriebskosten, Material, Druck und Rahmung auf.“Marsden Hartley, Alfred Stieglitz: My Dear Stieglitz: Letters of Marsden Hartley and Alfred Stieglitz, 1912–1915, University of South Carolina Press, 2002, ISBN 978-1-57003-478-7, S. 62, Fußnote Obwohl sich nun die Hausnummer in „293“ geändert hatte, beschlossen die Freunde, die „291“ („two-nine-one“) weiterhin als Galeriename zu nutzen.

Eröffnung, erste Ausstellungen 1905–1906 mini|Gertrude Käsebier: Alfred Stieglitz, um 1902 Die Little Galleries of the Photo-Secession, die alsbald in 291 umbenannt wurde,291 Fifth Avenue war die ursprüngliche Adresse der Little Galleries of the Photo-Secession. Nach einer Mietpreiserhöhung sah sich Stieglitz gezwungen, mit der Galerie in die kleinere 293 Fifth Avenue umzuziehen. Er behielt jedoch den mittlerweile eingebürgerten Namen bei. () eröffnete am 25. November 1905. Wie die Zeitschrift Camera Work sollte die Galerie den Piktorialisten ein Forum bieten, als Präsentationsfläche dienen und das Medium Fotografie als eigenständige Kunstform im Kunstbetrieb etablieren. Überdies sollten die Fotografien mit dem dezenten Hinweis „Preise auf Anfrage“ zum Verkauf angeboten werden.Peter C. Bunell: Die Galerie 291; in: Neue Geschichte der Fotografie, S. 314

Die offizielle Eröffnungsausstellung im Januar 1906 präsentierte Gummibichromatdrucke der französischen Fotografen Robert Demachy, René Le Bègue und Constant Puyo. Der Ausstellung folgte eine Zwei-Personen-Schau mit Fotoarbeiten von Gertrude Käsebier und Clarence H. White, sowie vier weitere Ausstellungen im selben Jahr, in denen britische Fotografen gezeigt und erste Drucke von Edward Steichen vorgestellt wurden. Eine Schau war deutschen und österreichischen Fotografen gewidmet und eine weitere den Photo-Secessionisten.Camera Work No. 22; vgl. auch: Waldo Frank: America And Alfred Stieglitz – A Collective Portrait. The Literary Guild, New York, 1934. E-Book (englisch. Abgerufen am 29. April 2009)

Richtungswandel zur Kunstgalerie der Moderne 1907–1908 mini|Frank Eugene: Eugene, Stieglitz, Kühn und Steichen bewundern ein Werk von Eugene, um 1907 Die Galerie beschränkte sich nur kurzfristig auf Einzel- und Gruppenausstellungen der Fotografen. Bereits im Januar 1907 zeigte Stieglitz Zeichnungen der englischen Illustratorin Pamela Colman Smith, die mit der Gestaltung des Waite-Smith Tarot bekannt wurde.

Über Edward Steichen, der 1906 nach Paris zurückkehrte, entstanden viele wichtige Kontakt zur europäischen Avantgarde. Steichen lernte die meisten Künstler über die dort lebende einflussreiche amerikanische Sammlerfamilie Stein – Michael, Sarah, Leo und Gertrude Stein – kennen. Er erinnerte sich später „[…] bei den Steins sah ich sämtliche Arten der modernen Malerei, von Cézanne und Renoir bis zu Matisse und Picasso.“ Stieglitz bezeichnete Steichen einmal humorvoll als „seinen Kunst-Scout vor Ort“.Greenough, S. 83

Unter Steichens Einfluss zeigte die Galerie ab 1908 Werke der europäischen Künstler-Avantgarde wie Georges Braque, Paul Cézanne, Henri Matisse, Francis Picabia, Pablo Picasso, Henri de Toulouse-Lautrec oder die Bildhauer Constantin Brâncuși und Auguste Rodin, sowie amerikanische Künstler die zeitweise in Europa arbeiteten, wie Marsden Hartley, Arthur Dove oder Alfred Maurer.

In einem Brief an Stieglitz regte Steichen von Paris aus an, „wir sollten die moderneren Werke rotieren lassen, sodass sowohl Fotografien als auch konventionelle, verständliche Kunstwerke gezeigt werden. Und als ‚rotes Tuch‘ könnten wir Picasso nehmen, um die Rechnung zu begleichen, wenn wir ihn bekommen, denn er ist ein verrückter Steinzeitmensch [,] hasst Ausstellungen etc. wie auch immer, wir werden es mit ihm versuchen.“Greenough, S. 30f