Im Gesamtvorhaben Aus- und Neubaustrecke Hanau–Würzburg/Fulda–Erfurt sind verschiedene Aus- und Neubauprojekte zusammengefasst, mit denen Reisezeitverkürzungen und Engpassbeseitigungen im Schienennetz zwischen Hanau und Würzburg sowie in Richtung Fulda und Erfurt erreicht werden sollen. Das Projekt wird von der Deutschen Bahn seit der Wiedervereinigung 1990 verfolgt.
Überblick Das Gesamtprojekt für den Aus- bzw. Neubau der Schieneninfrastruktur im Korridor zwischen Frankfurt am Main, Würzburg und Erfurt ist im Bundesverkehrswegeplan 2030 mit zwei verschiedenen Varianten in der Dringlichkeitsstufe des vordringlichen Bedarfs enthalten. Zum einen als ABS/NBS Hanau – Würzburg / Fulda – Erfurt, zum anderen als ABS/NBS Hanau – Fulda – Erfurt / Aschaffenburg – Nantenbach. Die Deutsche Bahn wiederum unterteilt das Gesamtvorhaben in mehrere voneinander unabhängige Projekte: Ausbaustrecke Hanau–Aschaffenburg mit einem möglichen viergleisigen Ausbau der Bahnstrecke Frankfurt Süd–Aschaffenburg zwischen Großkrotzenburg und Steinerts, Ausbau der Bahnstrecke Würzburg–Aschaffenburg mit Ersatz der Spessartrampe sowie einer möglichen Neubaustrecke Heigenbrücken–Nantenbach, viergleisiger Ausbau der Bahnstrecke Frankfurt–Göttingen zwischen Hanau und Gelnhausen, Neubaustrecke Gelnhausen–Kalbach, Bahnprojekt Fulda–Gerstungen mit Neu- und Ausbaustrecke Langenschwarz–Wildeck-Hönebach, Ausbau der Bahnstrecke Halle–Bebra zwischen Gerstungen, Eisenach und Erfurt für 160 bzw. 200 km/h.
Weitere Projekte, die diese Vorhaben tangieren, aber die nicht Bestandteil des Gesamtprojektes sind, sind der Ausbau des Hanauer Hauptbahnhofes und die Nordmainische S-Bahn.
Die Ausbau-/Neubaustrecken Hanau–Gelnhausen und Gelnhausen–Fulda sowie Fulda–Gerstungen gehören zu den in Frankfurt-Rhein-Main Plus vorgesehenen Projekten.
Bekanntester wie umstrittenster Bestandteil des Gesamtvorhabens ist der Neubaustreckenabschnitt zwischen Gelnhausen und Fulda. Bei der Korridoruntersuchung zur Trassenfindung wurde zwischen kinzigtalnahen und spessartquerenden Trassenlagen unterschieden. Zu letzteren gehört die mittlerweile aufgegebene „Mottgers-Spange“ (auch „Nordspessart-Trasse“), bei der eine Verbindung zwischen der Bahnstrecke Frankfurt–Göttingen und der Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg nahe Mottgers erfolgen sollte.
Geschichte des Gesamtprojekts 1990er Jahre Erste Planungen begannen 1991. Die Planungen der Mottgers-Spange traten dabei anstelle der ursprünglich geplanten Neu- und Ausbaustrecken zwischen Hanau, Fulda und Erfurt sowie zwischen Aschaffenburg und Nantenbach (mit Anschluss an die Nantenbacher Kurve nach Würzburg). 1992 stellte die Deutsche Bundesbahn erste Überlegungen für die Linienführung einer Neu- und Ausbaustrecke zwischen Hanau und Erfurt vor. Die ABS/NBS Hanau – Erfurt wurde, mit offener Linienführung, als neues Vorhaben in den Bundesverkehrswegeplan 1992 aufgenommen.
Im Mai 1999 beauftragte die DB eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, das Projekt neu zu bewerten. Neben der Mottgers-Spange waren auch Frankfurt 21, Stuttgart 21 und die Neubaustrecke Rhein/Main–Rhein/Neckar Teil des Prüfpakets. Es war eines von zwei neu zu beginnenden Neubauprojekten im Rahmen der 1999 beschlossenen Strategie Netz 21.
Die Neubaustrecke wurde im Mai 2000 von der Deutschen Bahn für den Bundesverkehrswegeplan 2003 angemeldet und vom Land Hessen in den Landesentwicklungsplan aufgenommen. Bei Kosten von 2,65 Milliarden D-Mark (Preisstand: etwa 2000) lag die kalkulierte Fahrzeitverkürzung im Personenfernverkehr zwischen Frankfurt und Fulda bei acht Minuten, zwischen Würzburg und Frankfurt bei 14 Minuten. Die Strecke sollte die Kinzigtalbahn aus Richtung Hanau kommend bei Wächtersbach verlassen, ostwärts gewandt und über das obere Sinntal bei Mottgers verlaufend in beide Richtungen der Neubaustrecke Hannover–Würzburg einfädeln.
2000er Jahre Das Land Hessen legte sich im Jahr 2000 in seinem Landesentwicklungsplan bereits auf die Mottgers-Spange fest und berücksichtigte eine Ausbauvariante zwischen Hanau und Fulda nicht mehr weiter.Bahn räumt der Umwelt die Vorfahrt ein. In: Frankfurter Rundschau, 21. November 2000.
Ende 2000 erfolgte ein Umdenken bei der Deutschen Bahn. Anstatt Trassen zunächst zu trassieren und anschließend auf ihre Umweltverträglichkeit hin zu überprüfen, sollte die bisherige Planung verworfen und neue Trassenverläufe aus ökologischen Aspekten heraus entwickelt werden. Im Jahr 2000 leitete die Deutsche Bahn eine Raumempfindlichkeitsprüfung ein. Noch vor der Umweltverträglichkeitsprüfung und der Trassenplanung sollten damit im ökologisch sensiblen Naturraum Nordspessart vertretbare Korridore gefunden werden. Ein Nürnberger Planungsbüro wurde mit der näheren Untersuchung zweier Szenarien beauftragt: Neben einem mehrgleisigen Ausbau oder teilweisem Neubau ab etwa Gelnhausen bis Fulda (mit dem Fixpunkt Schlüchterner Tunnel) in Verbindung mit abschnittsweisen Linienverbesserungen zwischen Hanau und der Nantenbacher Kurve wurde als zweite Alternative ein Neubau von etwa Gelnhausen zur etwa 25 km östlich verlaufenden Neubaustrecke Hannover–Würzburg geprüft. Diese Neubaustrecke wäre nördlich an Bad Orb und südlich an Jossa vorbeigelaufen und sollte zwischen Mottgers und Burgsinn auf die aus Hannover kommende Neubaustrecke treffen. Mit jeweils etwa 1000 m breiten Untersuchungsstreifen ergaben sich so zwei Untersuchungsräume mit einer Gesamtfläche von rund 670 Quadratkilometern, von denen etwa 70 Prozent in Hessen und der Rest in Bayern lag.
Die Ergebnisse wurden 2002 vorgestellt.Empörung über Bahnplanspiel. In: Frankfurter Rundschau, 22. Januar 2010. Aus der Studie gingen letztlich drei mögliche Variantenkorridore zwischen Gelnhausen, Fulda und dem Raum Jossa hervor. Aufgrund sehr hoher bis äußerst hoher Empfindlichkeiten wurde ein Ausbau der Bestandsstrecke zwischen Hanau und der Nantenbacher Kurve nicht weiter verfolgt. Zwischen Frankfurt und Fulda brächte ein Ausbau der Bestandsstrecke einen Fahrzeitvorteil von acht Minuten, die Mottgers-Spange von neun Minuten. Zwischen Frankfurt und Würzburg sollte ein Ausbau der Bestandsstrecke 9 Minuten bringen, die Mottgers-Spange 18.
Aufbauend auf den Ergebnissen der Raumempfindlichkeitsstudie wurden eine Reihe von Varianten von Neu- und Ausbaustrecken zwischen Hanau, Fulda und Würzburg entwickelt, die sich in Linienführung, Entwurfsgeschwindigkeit und Längsneigung unterschieden. So wurden Entwurfsgeschwindigkeiten von 160 bis 280 km/h und Längsneigungen von 12,5, 25 und 40 Promille geprüft. Die Planung wurde 2002 abgebrochen. Aufgrund fehlender Mittel wurde das Vorhaben Ende 2004 zurückgestellt.
Ein um 2007 von Regional- und Lokalpolitikern vorgelegtes Angebot, Planungskosten in Höhe von 25 Millionen Euro vorzufinanzieren, wurde von der Deutschen Bahn bis Januar 2010 nicht unterschrieben. Anfang 2009 liefen erste Vorbereitungen für die Einleitung des Raumordnungsverfahrens für das Projekt NBS/ABS Hanau–Würzburg / Fulda–Erfurt.Deutscher Bundestag: Umsetzung von Projekten des Neubaus, Ausbaus und der Erhaltung der Bundesschienenwege in Bayern (PDF; 134 kB). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Anton Hofreiter, Bettina Herlitzius, Winfried Hermann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Drucksache 16/11730 vom 27. Januar 2009. Im November 2010 äußerte sich Verkehrsminister Peter Ramsauer im Verkehrsausschuss des Bundestages zur Mottgers-Spange. Das 3,1-Milliarden-Euro-Projekt sei noch nicht einmal „angeplant“ und an einen Baustart vor 2025 wäre nicht zu denken.
2010er Jahre Der Bedarfsplanüberprüfung 2010 für die Projekte des Verkehrswegeplans wurde ein viergleisiger Ausbau des Streckenabschnitts Hanau–Gelnhausen für 200 km/h und eine Neubaustrecke zwischen Gelnhausen–Mottgers für zunächst 300 km/h und später 250 km/h zu Grunde gelegt.
Am 10. Oktober 2012 unterzeichneten das Bundesverkehrsministerium und die DB Netz AG eine Sammelvereinbarung über Grundlagenermittlung und Vorplanung von Bedarfsplanvorhaben. Darin waren auch der Ausbauabschnitt Eisenach–Erfurt, der viergleisige Ausbau zwischen Hanau und Gelnhausen sowie die Mottgers-Spange enthalten.
Im Januar 2013 gaben die Deutsche Bahn und das hessische Verkehrsministerium bekannt, die weiteren Planungen aufzunehmen und hierzu in den folgenden Monaten eine Projektinfrastruktur aufzubauen, die die Verkehrliche und Betriebliche Aufgabenstellung erarbeitet. Die beteiligten Kommunen und Bürger sollten frühzeitig in die Planungen eingebunden werden. Das Bürgerbeteiligungsverfahren sollte nicht vor der Landtagswahl stattfinden. Die großräumige Linienführung sei offen. Neben einer Neubaustrecken-Lösung (Mottgers-Spange) wurde laut Angaben der Deutschen Bahn auch ein Ausbau der Abschnitte Hanau–Fulda bzw. Hanau–Würzburg erwogen.Rainer Reichert: Altes Bahnprojekt neu geplant - ICE-Wegfall in Aschaffenburg bislang kein Thema. Main-Netz, 31. Januar 2013. Im ersten Halbjahr 2013 wurde eine Projektstruktur verabschiedet. Nach Angaben der Deutschen Bahn sollten Betroffene umfassend beteiligt und „größtmögliche Transparenz“ geschaffen werden.Deutsche Bahn AG (Hrsg.): Information und Dialog stehen bei Planungen für Aus- / Neubaustrecke Hanau–Würzburg/Fulda(–Erfurt) im Fokus. Presseinformation vom 5. Juli 2013.
Ein Jahr nach Wiederaufnahme der Planung hatte die Deutsche Bahn nach eigenen Angaben ein Planungsteam gebildet und erste Verkehrsprognosen angefertigt. Daneben seien Vorbereitungen für den Ausbau zwischen Hanau und Gelnhausen vorgenommen worden. Während für die Trasse östlich von Gelnhausen eine großräumige Variantenprüfung und ein Raumordnungsverfahren vorgesehen war, sollte der Abschnitt zwischen Hanau und Gelnhausen in jedem Fall viergleisig ausgebaut werden. Für dieses Teilstück war kein Raumordnungsverfahren vorgesehen, wodurch die Realisierung dieses Teilvorhabens beschleunigt werden sollte. Die Deutsche Bahn rechnete mit dem Baubeginn der Neubaustrecke nicht vor 2023.
Ende Juni 2014 wurde die Ausschreibung für Planungsleistungen der Vorplanung europaweit angekündigt. Das Vergabeverfahren sollte voraussichtlich am 1. September 2014 beginnen und der zu vergebende Vertrag von 1. Januar 2015 bis 31. Dezember 2018 laufen. Die erwartete Länge für die Neubaustrecke zwischen Gelnhausen und der Neubaustrecke Hannover–Würzburg wurde mit etwa 35 bis 55 km angegeben.Deutschland-Frankfurt am Main: Dienstleistungen von Architektur-, Konstruktions- und Ingenieurbüros und Prüfstellen. Dokument 2014/S 121-216155 vom 27. Juni 2014 im Supplement zum Elektronischen Amtsblatt der Europäischen Union. Im Dezember 2014 wurden dem Bundesverkehrsminister 10.700 von der Initiative Pro Spessart gegen die Mottgers-Spange gesammelte Unterschriften übergeben.
Die Deutschen Bahn plante Ende 2014 eine Vorentscheidung über die künftige Trasse bis 2017. Ende Juli 2015 schrieb die Deutsche Bahn eine Raumverträglichkeitsstudie mit integrierter Umweltverträglichkeitsstudie und FFH-Vorprüfung als Grundlage für die Planfeststellung aus. Der Vertrag umfasste einen Raum von etwa 600 Quadratkilometern und sollte von Oktober 2017 bis Dezember 2019 laufen.Deutschland-Frankfurt am Main: Umweltplanung. Dokument 2015/S 139-257509 vom 22. Juli 2015 im Supplement zum Elektronischen Amtsblatt der Europäischen Union.