mini|hochkant|Gunther von Hagens (2000)
Gunther von Hagens (* 10. Januar 1945 als Gunther Gerhard Liebchen in Alt Skalden/Wartheland; † 24. Juli 2026 in Heidelberg) war ein deutscher Mediziner, Anatom und Unternehmer. Er erfand die Plastination, ein dauerhaftes Konservierungsverfahren toter Körper durch Austausch der Zellflüssigkeit gegen reaktive Kunststoffe. abgerufen am 26. August 2011.
Hagens war für seine Ganzkörperpräparate bekannt, die er ab 1996 in seinen Körperwelten-Ausstellungen öffentlich zur Schau stellte.
2008 erkrankte Hagens an Parkinson.„Dr. Tod“. Gunther von Hagens leidet an Parkinson. In: welt.de, 30. Dezember 2010, abgerufen am 28. Januar 2013. Seine beruflichen Aktivitäten übergab er 2010 an seinen Sohn aus erster Ehe sowie an seine zweite Frau.Ein Leben für die Plastination. Ärzte Zeitung, 9. Januar 2020, abgerufen am 14. Oktober 2021.
Leben, beruflicher Werdegang Gunther von Hagens wurde im Wartheland als Gunther Gerhard Liebchen geboren. Vom 6. bis zum 20. Lebensjahr lebte er in der vogtländischen Stadt Greiz. Er brach die Schule vorzeitig ab und jobbte zunächst als Briefträger und Liftboy.Gunther von Hagens Who’s Who, aufgerufen am 14. Oktober 2021„Ich will den Tod demokratisieren“. Plastinator Gunther von Hagens wird heute 75 Rhein-Neckar-Zeitung, aufgerufen am 14. Oktober 2021.
Nach dem in Abendkursen an der Volkshochschule (Abendoberschule) erworbenen Abitur arbeitete er als Hilfspfleger im Greizer Krankenhaus und in einer Apotheke. Ab 1965 studierte er an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Medizin. Nachdem er 1968 gegen die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings demonstriert und in Gera eine Flucht organisiert sowie dann eine Flucht aus der DDR versucht hatte, wurde er in Cottbus und Jena inhaftiert. Als politischer Gefangener wurde er 1970 für 40.000 D-Mark von der Bundesrepublik freigekauft.
Er studierte von 1970 bis 1973 weiter Medizin an der Medizinischen Akademie Lübeck und wurde nach dem Staatsexamen als Assistenzarzt im Inselkrankenhaus auf Helgoland tätig. Seine nächste Stellung war an der Universitätsklinik Heidelberg in der Abteilung für Anästhesie und Notfallmedizin. 1975 promovierte Hagens mit einer Dissertation zum Thema Die Wirkung der intravenösen Narkotika Etomidate, Propanidid, Methohexital und der Inhalationsnarkotika Lachgas, Halothan und Ethrane auf den unteren Ösophagussphinkter. Im selben Jahr heiratete er seine ehemalige Kommilitonin Cornelia von Hagens, deren Namen er annahm.
Seit 1977 beschäftigte sich Hagens in Heidelberg mit der Imprägnierung anatomischer Präparate und entwickelte so die Plastination, die auf einem bereits zuvor in der Histologie verwendeten Verfahren basiert. Dort gründete er 1978 mit Biodur Products auch ein Unternehmen zum Vertrieb entsprechender Polymere und Geräte und 1993 das Institut für Plastination.
2010 wurde bekannt, dass er bereits seit 2008 am idiopathischen Parkinson-Syndrom (IPS), einem unheilbaren Nervenleiden, litt.„Dr. Tod“ von Hagens hat Parkinson. In: bz-berlin.de, 31. Dezember 2010, abgerufen am 2. Januar 2011. Hagens sagte, dass er nur dank zweier Elektroden, die man ihm in sein Gehirn eingepflanzt habe, halbwegs verständlich sprechen könne (Tiefe Hirnstimulation).
Aus erster Ehe mit Cornelia von Hagens hatte er drei Kinder. Der Sohn Rurik von Hagens, der am Aufbau des Plastinariums in Guben beteiligt war, leitet dieses seit 2010.
Seit 2009 war er in zweiter Ehe mit der Ärztin Angelina Whalley verheiratet, die seit 2009 die Körperwelten-Ausstellung inhaltlich entwirft und gestaltet.Dr. Angelina Whalley. In: koerperwelten.de, abgerufen am 14. Oktober 2021.
Gunther von Hagens starb am 24. Juli 2026 im Alter von 81 Jahren. Medienberichten zufolge war er einen Tag vor seinem Tod wegen einer Hirnblutung in eine Klinik in Heidelberg eingeliefert worden. Er hatte zu Lebzeiten den Wunsch geäußert, dass sein Körper nach seinem Tod plastiniert wird. Ob dieser anschließend als Plastinat Teil der Körperwelten-Ausstellung oder im Plastinarium in Guben ausgestellt wird, ist unklar.
Berufliches Wirken Menschliche Präparate mini|Exponat plastinierter Organe, Körperwelten, Posen 2018
Seit 1996 zeigte Hagens’ Institut für Plastination unter dem Titel Körperwelten (Body Worlds) öffentliche Ausstellungen plastinierter Leichen. Mit über 50 Millionen Besuchern wurden die Körperwelten die weltweit erfolgreichste Ausstellung und verfügen als einzige anatomische Ausstellung über ein Körperspendeprogramm. Hagens verteidigte die Ausstellung menschlicher Körper durch Pressearbeit und in Diskussionsrunden.
Nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Diskussionen um die Plastination verlegte Hagens zunächst seine Arbeit immer mehr nach China, wo er 2001 die Von Hagens Dalian Plastination Ltd. gründete und zum Ehren- und Gastprofessor ernannt wurde. In der Folge beendete er nach weiteren öffentlichen Diskussionen die Zusammenarbeit mit der Medizinischen Akademie in Nowosibirsk.
2004 wurde Hagens auf eine Gastprofessur an der Zahnmedizinischen Fakultät der New York University, College of Dentistry (NYUCD), berufen. Dort stellte er u. a. den Anatomieunterricht auf Plastinate um, um die Studenten der Zahnmedizin anhand echter menschlicher Köpfe auszubilden.
Im Jahre 2006 erwarb Hagens in Guben die Gebäude einer ehemaligen Tuchfabrik (nach 1945 bis nach 2000 auch Sitz der Stadtverwaltung) und gründete darin die „Plastinate GmbH“. Begleitet wurde die Eröffnung von Protesten einiger Bürger, die in der Arbeit Hagens’ eine Verletzung der Menschenwürde sahen. Hier wurden ab November 2006 von zeitweise bis zu 200 Beschäftigten Plastinate hergestellt, und in der Ausstellung „Plastinarium“ wurde die Geschichte der Anatomie und Plastination sowie in einer Schauwerkstatt die Methode vorgestellt. Nach der Schließung im Dezember 2008 und einem Umbau öffnete die Ausstellung als „Anatomisches Kompetenzzentrum“ wieder im Mai 2010. Wegen seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung konnte Hagens seine Pläne einer Plastinationsfabrik in Guben nicht weiter verfolgen und musste die Produktion von seiner Person losgelöst organisieren. Infolgedessen mussten im Dezember 2010 in Guben 130 Mitarbeiter entlassen werden. Im Januar 2011 übernahm Hagens’ einziger Sohn Rurik von Hagens die kaufmännische Leitung.
Tierpräparate Im Februar 2005 begann Gunther von Hagens damit, Elefanten zu plastinieren, die zuvor im Zoo Neunkirchen lebten. Die Körper der auf natürliche Weise verstorbenen Elefantenkühe Samba und Chiana wurden als Tierspende zur Plastination nach Heidelberg gebracht und im Frühjahr 2010 erstmals im Rahmen der Körperwelten der Tiere im Neunkircher Zoo gezeigt.
In Sachen Tierpräparation war auch der Auftrag des Royal Ontario Museums aus Toronto, die Plastination eines Blauwalherzens, eine Weltpremiere. Das Organ mit einem Gewicht von etwa 200 kg stammt von einer 24 Meter langen und 90 Tonnen schweren Walkuh, die vor der kanadischen Küste im Meereis zerdrückt wurde. Das Präparat, das so groß ist wie 2.000 menschliche Herzen, wurde 2017 ausgeliefert.Out of the Depths: The Blue Whale Story (engl.) Royal Ontario Museum, aufgerufen am 14. Oktober 2021Vanja Budde: Plastinarium konserviert weltweit erstes Blauwalherz. Deutschlandfunk, aufgerufen am 14. Oktober 2021.Blue Whale Heart Arrives at the ROM. Royal Ontario Museum, aufgerufen am 14. Oktober 2021 (englisch).
Kontroversen mini|Vorbild für den schwarzen Hut soll Die Anatomie des Dr. Tulp von Rembrandt van Rijn gewesen sein
Öffentliche Obduktionen Gunther von Hagens führte im November 2002 im East End von London eine öffentliche Obduktion eines Mannes vor 500 Zuschauern durch, über die weltweit berichtet wurde.London’s ‘Cadaver’ A Reality Show Low? (engl.) Columbia Broadcasting System, aufgerufen am 14. Oktober 2021 Der Mediziner wollte den Aufbau des menschlichen Körpers und dessen Zergliederung für Forschungszwecke sichtbar machen. In Großbritannien war seit 170 Jahren keine öffentliche Obduktion durchgeführt worden. Die Legalität der Veranstaltung, die eine öffentliche Kontroverse auslöste, war umstritten. Der Fernsehsender Channel 4 strahlte den Mitschnitt um kurz vor Mitternacht aus und erreichte über eine Million interessierte Zuschauer. Es gingen rund 100 Beschwerden beim Sender sowie 30 bei der Polizei ein.
In Deutschland wurde die Übertragung einer Autopsie 2003 nicht genehmigt und die Dokumentation durfte nicht ausgestrahlt werden.Culture. 'Body Worlds' Creator Performs Public Autopsy (engl.) Deutsche Welle, aufgerufen am 14. Oktober 2021
Channel 4 strahlte später drei Obduktionsserien mit Hagens aus: Anatomy for Beginners (2005), Autopsy, Life and Death (2006) und Autopsy Emergency Room (2007).
Erst 2021 zeigte das deutsche Fernsehen, in der TV-Produktion Obduktion – Echte Fälle mit Tsokos und Liefers, erstmals Aufnahmen von echten Obduktionen, wobei die Toten stets anonymisiert gezeigt wurden.Erste Obduktion im linearen Fernsehen „Ein spezieller Moment. Einfach krass“ Der Tagesspiegel, aufgerufen am 14. Oktober 2021
Herkunft der Spenderleichen
Im Januar 2004 erhob Der Spiegel Vorwürfe gegen Hagens, er verwende für seine Ausstellungsstücke Leichen chinesischer Hinrichtungsopfer. Später gab der Verlag der Zeitschrift jedoch eine Unterlassungserklärung ab, mit der er sich verpflichtete, diese Behauptungen nicht weiter aufrechtzuerhalten und zu verbreiten. Gegen Spiegel Online konnte Hagens im Frühjahr 2005 wegen der Verbreitung derselben Behauptung eine einstweilige Verfügung erwirken, ebenso gegen andere Medien wie u. a. ZDF und NDR. Hagens räumte in einem Interview gegenüber dem Nachrichtenmagazin 20/20 des US-Fernsehsenders ABC, das erneut die Herkunft der Leichen recherchiert hatte, Anfang 2008 ein, dass er aufgehört habe, Leichen aus China zu verwenden, und dass er einige Leichen mit Kopfverletzungen eingeäschert habe.„Body Exhibit Inventor Says He’s Stopped Using Bodies From China Because Some of Them May Be Those of Executed Prisoners“ Exclusive: Secret Trade in Chinese Bodies. ABC News, 14. Februar 2008; „Der deutsche Anatom Gunther von Hagens verwendet für seine umstrittene Ausstellung „Körperwelten“ nach eigenen Worten keine Leichen aus China mehr. In einem Interview des US-Fernsehsenders ABC begründete er dies am mit der Sorge, bei einigen der Leichen könne es sich um die sterblichen Überreste von politischen Gefangenen handeln; er habe einige Leichen, die er aus China bekommen habe, zerstören müssen, da Verletzungen den Verdacht erweckten, es könnten die Leichen von Hingerichteten sein.“ – . Er schränkte diese Interviewäußerung wenige Tage später, ohne die Aussage als solche zurückzunehmen, dahingehend ein, dass dies nicht die in den „Körperwelten“ ausgestellten Leichen betreffe. In einer Pressemitteilung relativierte Hagens seine Aussagen bezüglich der Herkunft der Körper; da Englisch nicht seine Muttersprache sei, habe er sich missverständlich ausgedrückt. Er ließ verlauten, dass er sich bereits 2005 entschieden habe, keine „sekundäre Plastinationsarbeit“ bzw. „Auftragsplastination“ mehr anzunehmen, bei der ihm die zu plastinierenden Körper, Körperteile oder Organe von den Auftraggebern wie etwa Universitäten geliefert würden.. Aus diesem Grund habe er auch 2006 die Plastination und Präparation menschlicher Körper in China komplett aufgegeben. Vielmehr habe er zu keinem Zeitpunkt chinesische Leichen für die Körperwelten-Ausstellungen verwendet, sondern nur Körper aus seinem eigenen Körperspendeprogramm. Hagens bedauerte, dass seine Aussagen, aus dem Zusammenhang gelöst, bei manchen Journalisten zu falschen Schlüssen geführt hätten.
Verkauf von Plastinaten