mini|alt=Die mittelalterliche Miniatur zeigt eine Frau in einem roten Kleid, die besorgt auf ihre sechs Spinnenbeine blickt.|Arachne, die in eine Spinne verwandelt wird (aus einer französischen Handschrift des 14. Jahrhunderts)
Therianthropie (von altgriechisch θηρίον therion „wildes Tier“ und anthrōpos „Mensch“, auch Zooanthropie oder Theriomorphose) bezeichnet in Mythologie, Kunst und Kultur die Vorstellung oder das Motiv der Verwandlung eines Menschen in ein Tier oder ein Mischwesen aus Mensch und Tier („Tiermensch“). Solche Verwandlungen sind nicht real, sondern finden sich als Erzählungen, Symbole oder psychologische Phänomene in verschiedenen Kulturen weltweit.
Begriffsgeschichte Der Begriff Therianthropie selbst ist im Deutschen mindestens seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt.Vgl.
Von der Therian-Subkultur wurde die englische Bezeichnung therianthropy in den 1990er Jahren übernommen und zunächst in Online-Foren genutzt,Vgl. . um Personen zu beschreiben, die sich als Werwolf fühlen.Bricker, N. (2016). S. 8. Größere Verbreitung fand der Begriff erst in den 2010er Jahren, nachdem er von unterschiedlichen Personen adaptiert wurde, die sich selbst als nichtmenschlich – meist als reales Tier,Vgl. . teils aber auch als fiktionales Wesen wie etwa ein Vampir – identifizierten und einzelne Forschungsartikel dazu erschienen waren.Überblick: Bricker, N. (2016). S. 11.Vorstellung auf der jährlichen Konferenz der Association of Social Anthropologists (ASA) 2015: Mit Beginn des Jahres 2021 entwickelte sich, vor allem durch Social-Media-Plattformen wie TikTok, ein Trend, der zur bislang weitreichendsten Verbreitung des Begriffs (vor allem in der Kurzform therian) führte.
Unterscheidung nach Tier (Theriotyp) Die Wahl des Tieres hängt davon ab, welchen Tieren in der jeweiligen Kultur Bedeutung zugesprochen wird. / Eine bekannte Form der Therianthropie ist die vermeintliche Verwandlung in einen Werwolf, auch als Lykanthropie bekannt. Dieser Begriff wird in englischsprachigen Veröffentlichungen häufig auch auf andere Tiere ausgedehnt und damit gleichbedeutend zu Therianthropie verwendet.Vor allem im amerikanischen Englisch werden die Begriffe lycanthropy und zoanthropy oft synonym verwendet, vgl. / Weniger bekannt sind die Kynanthropie (Verwandlung in einen Hund, zu unterscheiden von Kynokephalen, einem fiktiven Volk hundsköpfiger Menschen), die Ailuranthropie oder Galeanthropie, also Verwandlung in eine Werkatze, die Boanthropie (Verwandlung in ein Rind),Vgl. die Tigroanthropie oder Tigranthropie (Verwandlung in einen Tiger), die Alopekanthropie (Verwandlung in einen Fuchs)Vgl. und die Ophidianthropie (Verwandlung in eine Schlange).
Archäologie und Kunstgeschichte Mensch-Tier-Mischwesen in prähistorischen Darstellungen – wie beispielsweise in Höhlenmalereien in der Drei-Brüder-Höhle in SüdfrankreichVgl. – werden in der Archäologie und Kunstgeschichte bisweilen als Therianthropen bezeichnet.Vgl. Für Felsbilder vgl. Dass es sich um Verwandlungsdarstellungen handelt, ist jedoch nur eine mögliche Interpretation dieser Werke. Das Adjektiv therianthropisch wird insbesondere in ikonographischen Zusammenhängen auch generell für Abbildungen mit einer Mischung aus menschlichen (anthropomorphen) und tierischen (zoomorphen) Elementen verwendet.Für Teufelsabbildungen vgl. Für Abbildungen von Yoginis vgl. Die Kombination aus menschlichem Körper und Tierkopf lässt sich präziser als Tierköpfigkeit oder Theriokephalie benennen.
Therianthropie in Literatur und Film mini|alt=Links winden sich einige Gestalten in flatternden Gewändern, aus deren Händen und Köpfen Zweige und aus deren Füßen Wurzeln wachsen; rechts ist ein Schwan mit menschlichen Beinen zu sehen, der ins Wasser eilt.|Cygnus (rechts) wird in einen Schwan verwandelt, wie von Ovid in den Metamorphoses beschrieben (Kupferstich von Hendrick Goltzius, 1590) mini|alt=Die schwarz-weiße Illustration zeigt ein Wesen, dessen vordere Hälfte ein Esel mit einem Salatblatt im Maul ist, die hintere aber ein menschlicher Unterkörper mit Hose, Stiefeln und Tasche.|Der Krautesel (aus Grimms Märchen), ein Mensch, der sich durch Salatverzehr in einen Esel verwandelt (Illustration von Henry Justice Ford, 1894) In der Literatur ist die Verwandlung eines Menschen in ein Tier ein beliebtes Motiv. Zahlreiche Beispiele sind in den Metamorphoses des Ovid aus der Antike zu finden, die Verwandlungen aus der griechischen und römischen Mythologie schildern. Ebenfalls aus der Antike stammt der Roman Metamorphoses (auch Asinus aureus oder „Der goldene Esel“) des Apuleius, in dem die Verwandlung in einen Esel zentral für die Handlung ist. Beschreibungen der Verwandlung von Menschen in Hunde sind sowohl in der altgriechischen als auch in der klassischen chinesischen Literatur zu finden. Letztere kennt überdies Verwandlungen in weitere Tiere wie Bären, Tiger, Füchse, Affen, Ratten, Vögel und Fische. Ein Mann, der sich in einen Tiger verwandelt, ist der titelgebende Protagonist der indischen Volkssage Kabui Kei-Oiba. Auch in einigen von Grimms Märchen spielen Verwandlungen in Tiere eine Rolle. Sehr bekannt ist zudem Die Verwandlung, eine Erzählung von Franz Kafka. Viele Gestaltwandler aus Fantasy- und Science-Fiction-Werken können eine Tierform annehmen.
Um die Verwandlung eines Menschen in einen Hund dreht sich beispielsweise die Filmkömodie The Shaggy Dog (1959), deren Vorlage der Roman Der Hund von Florenz (1923) war und zu der mehrere Fortsetzungen und Neuverfilmungen entstanden.Vgl. Ein thematisch ähnlich angelegter Film ist die Komödie Der Hund, der „Herr Bozzi“ hieß.
Mythologie und Religion Therianthropie ist aus verschiedenen mythologischen Überlieferungen weltweit bekannt.Vgl. In der griechischen Mythologie werden Menschen häufig als Strafe in Tiere verwandelt, zum Beispiel Lykaon in einen Wolf oder Arachne in eine Spinne, andere hingegen aus Mitleid, zum Beispiel Kyknos in einen Schwan.
Im frühneuzeitlichen Christentum war Therianthropie negativ konnotiert; so spielten insbesondere Vorwürfe der Lykanthropie und anderer Tierverwandlungen in einigen Hexenprozessen eine Rolle,Vgl. unter anderem in Schottland.Vgl. Dem russisch-orthodoxen Bischof Dimitri von Rostow (1651–1709) zufolge verwandelten sich Sünder in Tiere.
Das Auftreten von üblicherweise in menschlicher Gestalt dargestellten Gottheiten als Tier, wie es aus dem altjapanischen Shintō bekannt ist, gilt als therianthropisches Element.Vgl. Die Darstellung von Gottheiten in Tiergestalt heißt Theriomorphie, Theriomorphismus, Zoomorphie oder Zoomorphismus.
Die Identifikation mit einem und als real geglaubte Verwandlung in ein Tier spielt in verschiedenen schamanistischen Ritualen und für bestimmte totemistische Ideen eine Rolle. Bisweilen werden auch durch Drogeneinfluss entsprechende Wahnvorstellungen ausgelöst, sodass keine klare Abgrenzung zur klinischen Therianthropie besteht.Vgl. Manchmal wird die kurzzeitige Übernahme tierischer Verhaltensweisen auch durch die Verbundenheit mit einem Tiergeist erklärt.Vgl. In schamanistischen Ritualen symbolisiert die vermeintliche Verwandlung in ein Tier die spirituelle Aneignung von Fähigkeiten eines Geistwesens.Vgl. Andererseits gibt es auch Seelenreise-Theorien, denen zufolge ein schlafender Mensch den Körper eines Tieres kontrollierenVgl. oder seinen eigenen Geist in Form eines Tieres aussenden kann.
Subkultur mini|alt=Das Foto zeigt acht aufgereihte Fuchsschwänze in verschiedenen Farben sowie drei Masken und ein Hundehalsband.|Manche Personen, die der Therian-Subkultur angehören, tragen gerne Tiermasken oder ähnliche Ausrüstung. Als Therianthropen, therian oder were bezeichnen sich Personen, die sich als Tier identifizieren.Thomas Lerner: (schwedisch).. Sie bilden je nach Definition einen Teil der Otherkin- oder Alterhuman-Subkultur. Diese Identifikation geschieht meist im Rahmen eines esoterischen WeltbildesBricker, N. (2016). S. 14. und kann auch als spiritual shapeshifting (spirituelles Gestaltwandeln)Vgl. . oder spiritual therianthropy (spirituelle Therianthropie) bezeichnet werden.Vgl. Es gibt aber auch Gruppen innerhalb der Therian- oder Otherkin-Subkultur, die sich dem Szientismus zuwenden, sowie Überschneidungen mit der Furry-Subkultur.
Eine andere Subkultur stellt die Petplay-Szene dar, in der Menschen zeitweise die Rolle eines Tieres einnehmen.Vgl.
Psychopathologie
Die wahnhafte Vorstellung, ein Tier zu sein oder in ein solches verwandelt zu werden, wird als klinische Zooanthropie bezeichnet. Es handelt sich um ein seltenes Symptom, das bei verschiedenen psychischen Störungen auftreten kann. Gängige diagnostische Kriterien sind die rückblickend oder in einem klaren Moment geäußerte Überzeugung, ein Tier zu sein, und die Nachahmung von tierischem Verhalten.
Literatur Historische Abhandlungen:
K. Voelkner: Von Werwölfen und anderen Tiermenschen. Leipzig 1924.
Studien zur Therian-Subkultur: Natalie Bricker: Life Stories of Therianthropes: An Analysis of Nonhuman Identity in a Narrative Identity Model. Lake Forest College Publications, Lake Forest 2016, online auf Academia.edu (englisch). Carole M. Cusack: Spirituality and self-realisation as ‘other-than-human’: the Otherkin and Therianthropy communities. In: Carole M. Cusack, Pavol Kosnáč (Hrsg.): Fiction, Invention and Hyper-reality. From popular culture to religion. Routledge, London / New York 2017, S. 40–57, online auf Researchgate (englisch).
Einzelnachweise
Kategorie:Stoff oder Motiv in Kunst, Kultur und Medien Kategorie:Tiere in der Kultur Kategorie:Formwandler Kategorie:Esoterik