mini|Der Volksaltar wurde zum Symbol der Liturgiereform in Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils Als Liturgiereform bezeichnet man meist die umfassende, bereits unter Papst Pius XII. begonnene und dann vom Zweiten Vatikanischen Konzil (2. Vatikanum) beschlossene und den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. durchgeführte allgemeine Erneuerung () der römisch-katholischen Liturgie, also besonders der Heiligen Messe, des Stundengebets sowie der Riten der Spendungen der Sakramente, im 20. Jahrhundert.
Die Liturgiereform(en) des 20. Jahrhunderts finden ihre Wurzeln insbesondere in der liturgischen Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland, Belgien und Frankreich. Papst Pius XII. kanalisierte deren Bestrebungen in der Enzyklika Mediator Dei. Unter dem bestimmenden Einfluss der deutschen und französischen Wissenschaft wandelte sich ihr Anliegen von einer bloß besseren Durchdringung der Liturgie hin zu echten Reformbestrebungen. Bahnbrechende Vorarbeiten stammen vor allem von Romano Guardini, Pius Parsch, Odo Casel sowie in ganz herausragender Weise Josef Andreas Jungmann. Nach der am 4. Dezember 1963 promulgierten Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium oblag dem Consilium zur Ausführung der Liturgiekonstitution die konkrete Umsetzung. Dies geschah in einer ersten Etappe bis 1965 und schloss 1969 mit der Herausgabe des neuen Missale Romanum, maßgeblich durch den Sekretär des Consiliums Annibale Bugnini und innerhalb des Consiliums durch Johannes Wagner. Hieran schloss sich in einer weiteren Stufe die Übersetzung in die Volkssprachen an.
Frühere Liturgiereformen mini|Darstellung des letzten Abendmahls in Sant’Apollinare Nuovo, Ravenna, um 520
Anfänge: Liturgische Bewegung, Mediator Dei und wissenschaftliche Aufarbeitung in Deutschland und Frankreich Motu proprio Tra le sollecitudini Pius’ X. (1903) Ein zentraler Begriff für die Liturgiereform nach dem Zweiten vatikanischen Konzil war die Participatio actuosa des Kirchenvolks. Der Begriff findet sich erstmals im Motu proprio Tra le sollecitudini Papst Pius’ X. aus dem Jahre 1903. Das Schreiben bezog sich eigentlich hauptsächlich auf die Kirchenmusik; es wünschte besonders die häufigere Nutzung des gregorianischen Chorals und verbot den Einsatz von Kastraten in der Kirchenmusik. In Paragraph 3 hieß es jedoch auch:
Im Rahmen dieses Schreibens hatte die participazione attiva freilich noch nicht die fundamentale und weitreichende Bedeutung der nachkonziliaren Texte, sondern bezog sich zunächst noch auf die Teilnahme am Kirchengesang.
Pius X. führte neben der Reform der Kirchenmusik auch die folgenden liturgischen und disziplinarischen Reformen durch, zu denen er folgende Schreiben erließ: Motu proprio Sacra Tridentina Synodus (1905): über die regelmäßige Kommunion der Gläubigen, Dekret Quam singulari (1910): zur Herabsetzung des Alters, ab dem Kinder die Kommunion empfangen dürfen, Apostolische Konstitution Divino afflatu (1911): zur Reform des Breviers, Motu proprio Abhinc duos annos (1913): zur Reform des liturgischen Jahres.
Liturgische Bewegung mini|hochkant|Prosper Guéranger
Die Liturgiereform Pius’ V. in Folge des Trienter Konzils hatte die liturgischen Bücher reformiert und vereinheitlicht, um damit das liturgische Leben der Kleriker und Gläubigen anzuregen. Die Erneuerungsbewegung im 20. Jahrhundert verlief in umgekehrter Richtung: Sie entstand aus einem pastoralen Anliegen, aus dem sich die Revision der Rubriken und Vorschriften ergab.
Solesmes im 19. Jahrhundert: Liturgische Bildung Die Bestrebungen zugunsten einer Liturgiereform, mit der Papst Pius X. begonnen hatte, wurden durch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Liturgische Bewegung gestärkt. Sie geht auf den ersten Abt der französischen Benediktinerabtei Solesmes, Dom Guéranger zurück; von ihm stammt die Bezeichnung der Bewegung als „liturgische Bewegung“ (frz. ‚mouvement liturgique‘). Bestrebung seiner Institutions liturgiques (1840) sowie seines 24-bändigen L’Année liturgique war es, ein größeres Verständnis der Liturgie zu fördern und den Gesang des gregorianischen Chorals neu zu beleben. Diese erste Phase der liturgischen Bewegung zielte nicht auf eine Veränderung der Liturgie, sondern auf ein vertieftes Begreifen der bestehenden Liturgie durch gesteigerte liturgische Bildung.
Beuron und Maria Laach: Die Liturgie der frühen Kirche und das Pascha-Mysterium mini|hochkant|Romano Guardini um 1920 mini|hochkant|Kapelle der Burg Rothenfels In Deutschland nahm das Interesse an der Liturgie bereits im 19. Jahrhundert zu, wie sich an den Arbeiten der Katholischen Tübinger Schule (Johann Adam Möhler, Franz Anton Staudenmaier und Valentin Thalhofer) zeigt. Die entscheidenden Impulse kamen dennoch aus Solesmes: die dortigen Bestrebungen griff vor allem die Benediktiner-Erzabtei Beuron auf. Wichtigstes Instrument, Laien die Liturgie nahe zu bringen, war die Herausgabe eines Laienmessbuchs (des sog. Schott) durch Anselm Schott. Schott verstand sein Volksmessbuch als Kompendium des L’Année liturgique; die Erläuterungen des Schott sind deutlich von ihm inspiriert. Neun Jahre später gab er ebenso ein lateinisch-deutsches Vesperbuch (Vesperale Romanum) heraus, das erstmals im deutschen Sprachraum die Bezeichnung „Liturgische Bewegung“ einführte.
Ein weiteres Zentrum der liturgischen Bewegung in Deutschland war die Abtei Maria Laach unter ihrem Abt Ildefons Herwegen und seinem Schüler Odo Casel (Ecclesia Orans, 1923, Das christliche Kultmysterium, 1932). Theologisch äußerst innovativ steht bei Casel das Mysterium als Pascha-Mysterium im Mittelpunkt seines liturgischen Verständnisses. Durch die Feier dieses Mysteriums bleibt Christus selbst durch Zeichen und Riten heiligend gegenwärtig. Die Liturgie ist also nicht in erster Linie latreutisches Handeln der Menschen (im Sinne der Darbringung eines Gott geschuldeten Kultes), sondern rettende Handlung Gottes selbst für die Menschen, durch die sie Anteil am Heilsmysterium erlangen.
In den Maria-Laacher Krypta-Messen kam es schon früh zu liturgischen Experimenten, wie der Messe versus populum. Vor allem auch Romano Guardini hatte innerhalb dieser Bewegung mit seinem Werk Vom Geist der Liturgie (1918) theologische Maßstäbe für eine Liturgiereform vorbereitet. Große Beachtung fanden in den 1930er-Jahren auch die liturgischen Zeitschriften, die von Johannes Pinsk herausgegeben wurden. Besonders Herwegen versuchte auch eine ideologische Einbettung des gewollten Charakters der Liturgie zu leisten.
Ganz entgegen der eigentlichen Intentionen Guardinis schreckte er auch vor politischen Gleichsetzungen nicht zurück:
Gleichzeitig erklärt sich die Konzentration auf die Liturgie in den 1930er-Jahren in Deutschland insbesondere auch durch die Einschränkungen der Jugendarbeit im Nationalsozialismus. Während die außerliturgische Jugendarbeit immer weiter eingeschränkt wurde, blieb die Liturgie als Zufluchtsort. Neben der Gemeinschaftsmesse war besonders auch die Komplet in Form der „Deutschen Komplet“ eine stark besuchte liturgische Form der Vorkriegszeit. Ludwig Wolkers Gebetbuch Kirchengebet für den Gemeinschaftsgottesdienst katholischer Jugend (1930) erreichte eine Auflage von über neun Millionen. Durch diese Veröffentlichung erhielt der deutsche Einheitstext der Liturgie, der seit 1928 in privater Initiative in Köln erarbeitet worden war, eine starke Verbreitung. Er wurde überall rezipiert und in Volksmessbücher und Diözesangesangbücher übernommen und blieb bis Mai 1971 der gültige deutsche Einheitstext für den Ordo Missae und den Kanon der deutschen Messe.
In Österreich war der Augustiner-Chorherr Pius Parsch eines der wichtigsten Gesichter der Bewegung. Diese hatte ihr Augenmerk mittlerweile von einem besseren Verständnis der Liturgie hin auf eine echte Veränderung verlegt. Auf Parsch geht ab 1922 die Einführung der Betsingmesse in Form der Gemeinschaftsmesse in St. Gertrud (Klosterneuburg) zurück; er führte ferner den Friedensgruß und die Prozession zum Offertorium in die Liturgie ein. Außerhalb des deutschen Sprachraums entwickelte sich die sog. missa dialogata, die 1922 zum Eucharistischen Kongress 1922 in Rom die Billigung der Ritenkongregation erhielt.
Lambert Beauduin, das Mechelner Ereignis und die Pastoralliturgie mini|links|hochkant|Lambert Beauduin Während im deutschsprachigen Raum besonders die Liturgie der alten Kirche im Mittelpunkt stand, war in einem anderen wichtigen Zentrum zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Belgien – der Fokus des dortigen Initiators, Lambert Beauduin, vor allem auf den pastoralen Aspekt der Liturgie (La Piété de l’église, 1914) gerichtet. Er war ebenfalls Benediktiner (Abtei Mont César) und gilt als „Vorkämpfer für eine ‚Demokratisierung der Liturgie‘“. Er lernte bereits 1924 Angelo Giuseppe Roncalli, den späteren Papst Johannes XXIII., kennen; dieser zeigte sich von Beauduins ökumenischer Theologie tief beeindruckt. Die Liturgie war für ihn das Mittel par excellence, um in Einheit mit der Kirche zu bleiben oder in diese zurückzufinden, wie er auf dem Kongress von Mechelen 1909 ausführte. Theologisch betrachtete er die Liturgie als Kulthandlung der Kirche, die dem auferstandenen Christus gilt; zugleich ist dieser Kult Teil der Heilsgeschichte durch das Priestertum Christi.
Italien und Spanien: Geringer Einfluss der liturgischen Bewegung In den übrigen romanischsprachigen Ländern schlug die liturgische Bewegung nie in eine liturgische Reformbewegung um. In Spanien blieb sie bis in die 1960er im Wesentlichen eine Bewegung zur Pflege des gregorianischen Chorals. Sie empfing ihre ersten Impulse im 19. Jahrhundert aus Solesmes. Zentren der Bewegung waren auch hier die Abteien, nämlich Santo Domingo de Silos, Santa Cecilia de Montserrat (unter Gregori Suñol) sowie das Kloster Montserrat. Ein Schlüsselereignis der Bewegung in Spanien war der liturgische Kongress von Montserrat im Jahr 1915.
Ebenso blieb die Entwicklung in Italien viel zaghafter als in Deutschland, Frankreich und Belgien. Wie die gesamte theologische Forschung war auch die liturgische Forschung in Italien wenig innovativ. Als Gründe hierfür gelten die tiefverwurzelte traditionelle Volksfrömmigkeit in Italien und das fehlende Engagement des Episkopats in der Bewegung.
Gewisse italienische Vorläufer lassen sich bereits im 18. Jahrhundert finden: Hierzu zählen die controversia di Crema über die Austeilung der Kommunion während der heiligen Messe (1737–1742), die Synode von Pistoia (1786), die Studien von Giuseppe Tomasi di Lampedusas (1649–1713) und Ludovico Antonio Muratoris sowie im 19. Jahrhundert diejenigen Antonio Rosminis (Delle cinque piaghe della santa Chiesa, 1848), der besonders die scharfe Trennung von Volk und Klerus kritisierte. Im frühen 20. Jahrhundert trat besonders der Bischof von Ivrea, Matteo Angelo Filipello, mit einem Pastoralbrief (La liturgia parrocchiale, 1914) hervor. Im Bistum Cremona setzte sich Bischof Geremia Bonomelli 1913 (Pastoralbrief La Chiesa) dafür ein, dass die Gläubigen das Messordinarium singen und verstehen können. Die Bemühungen zielt indessen nicht auf Reform, sondern auf Erziehung zum besseren Verständnis der Messe. Benediktinisch inspiriert waren die Bemühungen des Erzbischofs von Mailand, Ildefonso Schusters.