mini|418x418px|Überlieferung des Märes 'Die Getreue Ehefrau' im Ambraser Heldenbuch (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. Ser. nova 2663)

Das Märe (auch mittelhochdeutsche Versnovelle) ist eine literarische Gattungsbezeichnung in der Germanistischen Mediävistik. In der heutigen Verwendung dieses Terminus handelt es sich um ein Kunstwort der Wissenschaft, unter dem eine Auswahl an mittelhochdeutschen Verserzählungen des 13.–15. Jahrhunderts mittleren Umfangs zusammengefasst wird. Diese sind meist in vierhebigen Reimpaarversen gedichtete, fiktive und in sich abgeschlossene Erzählungen. Kennzeichnend für das heterogene Feld der Märendichtung ist zudem ein schwankhafter oder belehrender Erzählcharakter.

Zur Etymologie des Begriffs ,Märe‘ Etymologisch lässt sich der neuhochdeutsche Begriff „Märe“ vom althochdeutschen Adjektiv mâri ableiten, was so viel bedeutet wie „das, wovon man viel spricht“. Durch den historischen Lautwandel (siehe i-Umlaut) wurde mâri im Mittelhochdeutschen zu maere und erfuhr gleichzeitig eine Bedeutungserweiterung. Es bedeutete nun „das, wovon gern und viel gesprochen wird“, aber auch „berühmt, bekannt, kostbar, lieb“. Als Substantiv bedeutet daz maere „Neuigkeit, Nachricht, Bericht, Erzählung, Gerücht“, im Plural diu maere bezeichnet es oft die „erzählende Dichtung“ an sich.

Von der Selbstbezeichnung zur Gattungsbezeichnung Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts lässt sich die Selbstbezeichnung als maere in unterschiedlichen mittelalterlichen Texten nachweisen, der Begriff wird hier jedoch in einem sehr weiten Sinne gebraucht und kann auch „Quelle, Stoff“ oder „Inhalt einer Erzählung“ bedeuten.

So beginnt beispielsweise das Nibelungenlied nach der Fassung C mit: , und im Märe Die treue Gattin des Herrand von Wildon wird neben der Selbstthematisierung auch die Bedeutungsvielfalt des Begriffs deutlich:

Als Gattungsbegriff wurde das Märe 1968 von dem Mediävisten Hanns Fischer in seinen „Studien zur deutschen Märendichtung“ eingeführt. Er griff dabei auf die mittelalterliche Verwendung des Begriffs zurück, verengte diesen aber in seiner Bedeutung, weshalb das Märe im heutigen Sprachgebrauch als Fachbegriff der Wissenschaft betrachtet werden muss.

In der germanistischen Forschung gilt diese Gattungsbezeichnung allerdings als problematisch, da sie zu der Vorstellung eines mittelalterlichen Gattungsbewusstseins im modernen Sinn verleitet. Zudem bedienen sich Mären unterschiedlicher literarischer Traditionen und lassen auch in der thematischen Ausgestaltung kaum eine traditionsstiftende Einheit erkennen.

Charakteristika der Märe Hanns Fischer definierte das Märe, ausgehend von seinen formellen und inhaltlichen Merkmalen, als:

Hauptgegenstand der Erzählung ist meist eine komische und/oder erotische Konfliktsituation, die sich durch den Verstoß gegen gesellschaftliche Normen ergibt oder diese gerade durch ihre Überbetonung ad absurdum führt. Ehebruch, Treueproben,Vgl. dazu Ch. Kasper: Von miesen Rittern und sündhaften Frauen und solchen, die besser waren: Tugend- und Keuschheitsproben in der mittelalterlichen Literatur vornehmlich des deutschen Sprachraums. Kümmerle Verlag, Göppingen (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 547), ISBN 3-87452-788-3. listige Täuschungen und die Umkehrung des gesellschaftlich geforderten Geschlechterverhältnisses sind deshalb beliebte Themen. Die auftretenden Figuren sind dabei in der Regel nur schemenhaft dargestellt.Ders. S. 118–128.

Meist findet sich ein einleitendes Promythion oder es folgt ein Epimythion, in dem eine moralisierende Auslegung der Handlung durch den auktorialen Erzähler geboten wird. Sie bildet den Brückenschlag zwischen dem fiktiven Inhalt und dem (scheinbaren) Bezug zur Lebenswelt ab und verdeutlicht den Wirkanspruch der Autoren sowie die künstliche Überhöhung dieser ‘Gattung‘. Dass die moralische Lehre oft nicht klar erkennbar ist, durch das zuvor Erzählte untergraben oder ins Groteske geführt wird, zeigt die Deutungsbedürftigkeit des Märe für die heutige Zeit.

In der Forschung ist diese enge Definition des Märe nach Fischer umstritten (vgl. Ziegeler bzw. Heinzle). Kritisiert wird unter anderem, dass die Definition aus einer Negativ-Abgrenzung abgeleitet ist, dass die Mären in Fischers Katalog nicht seiner Definition entsprechen (z. B. im Umfang) und dass die Abgrenzung gegenüber Bîspel und Roman ungenau sei. Außerdem zeigte die Praxis, dass die Definition nicht ausreicht, um eine Gattung Märe zu konstituieren. Haug geht sogar davon aus, dass es die Gattung Märe nicht gibt. Er spricht von mittelalterlichen Kurzerzählungen.Walter Haug: Entwurf zu einer Theorie der mittelalterlichen Kurzerzählung. In: Walter Haug, Burghart Wachinger (Hrsg.): Kleinere Erzählformen des 15. und 16. Jahrhunderts (= Fortuna Vitrea, Band 8), Tübingen 1993, S. 1–36, 5.

Kennzeichnend für das Märe ist auch das Nebeneinander traditioneller und neuer Themen. Märenautoren greifen auf eine breite Stofftradition antiker, französisch- und italienischsprachiger Literatur zurück. So wird beispielsweise die Nähe zum lat. exemplum, zum franz. fabliau und zur ital. novella deutlich. 'Novellistisch' steht in diesem Sinn nicht nur für die Neubearbeitung traditioneller Themen, sondern auch für den Anspruch der Aktualität, mit dem die Märenautoren ihr Publikum mit einer spannenden Nachricht überraschen wollen. Von Karl-Heinz Schirmer wurde deshalb auch der Begriff 'Versnovelle' als Gattungsbezeichnung vorgeschlagen, allerdings konnte er sich in der Forschung nicht vollständig gegenüber dem Märenbegriff durchsetzen.

Neben dem schwankhaft-unterhaltsamen und moralisch-exemplarischen Märe existiert auch eine höfische Variante, in welcher Minne- und Aventiurekonzepte aufgegriffen werden. Ein Beispiel dafür ist das Herzmaere des Konrad von Würzburg.

Vertreter der Märe Der Stricker gilt mit seinem Werk für gewöhnlich als Begründer der Gattung im deutschsprachigen Raum. Seine Werke lassen sich auf die erste Hälfte des 13. Jhd. datieren. In dieselbe Entstehungszeit fallen auch die Mären Konrads von Würzburg und Herrands von Wildon.

Weitere wichtige Vertreter des Märe aus späterer Zeit sind: Hans Rosenplüt Heinrich Kaufringer Hans Folz

Der Großteil der Märendichtung wurde allerdings anonym überliefert und lässt sich heute kaum mehr einem bestimmten Autor zuweisen. Beispiele dafür sind Mären wie Das Nonnenturnier, Die halbe Decke, Das Gänslein oder Aristoteles und Phyllis.

Zur Überlieferung Die Überlieferung fand meist in Sammelhandschriften zusammen mit weiteren kürzeren Reimpaargedichten, wie Fabeln, Bîspeln oder Legenden, statt. Später folgten auch Überlieferungen in Sammelhandschriften unter dem Namen eines bestimmten Autors, wie beispielsweise die Überlieferung des Werks von Herrand von Wildonie im Ambraser Heldenbuch.

Kennzeichnend für diese Übergangsphase von der oralen zur schriftlichen Überlieferungstradition ist die sekundäre Überlieferung. Das heißt, dass Mären oft über einen längeren Zeitraum mündlich weitergegeben wurden, bevor sie schriftlich fixiert worden sind. Textgestaltung und Inhalt eines bestimmten Märe können deshalb in mehreren Handschriften unterschiedlich überliefert sein. ( Beispiele dafür bieten das „Schneekind A“ und „Schneekind B“ oder die unterschiedlichen Fassungen des Märe „Der Mönch als Liebesbote“ in den Handschriften A, B und CHans-Joachim Ziegeler: Schneeberger, Hans. In: Verfasserlexikon. Band VIII, Sp. 773 f.). Das Märe Das Gänslein ist in sechs Märenhandschriften überliefert. Dabei treten mindestens vier verschiedene Fassungen mit gravierenden Unterschieden auseinander.Novellistik des Mittelalters. Märendichtung (= Deutscher Klassiker-Verlag im Taschenbuch, Band 47). 2. Auflage. Hg., übers. u. komm. von Klaus Grubmüller. Berlin 2014, ISBN 978-3-618-68047-5, S. 1237 f.

Exemplarische Auswahl der wichtigsten Sammelhandschriften

W = Wien, Österr. Nationalbibl., cod. 2705 ( um 1260/1280) H = Heidelberg, Cod. pal. germ. 341 (um 1300) K = Genf-Cologny, Cod. Bodmer 72 (um 1300) w = Wien, Österr. Nationalbibl., cod. 288 (um 1393) l = Karlsruhe, Do 104 (um 1420/30) k = Karlsruhe, K 408 (um 1430) i = Innsbruck, FB 32001 (um 1456) W2 = Wien, Österr. Nationalbibl., cod. Ser. nova 2663( um 1600) (=Ambraser Heldenbuch)

Textbeispiele mini|483x483px|Überlieferung des Märes 'Der begrabene Ehemann' in einer der wichtigsten Sammelhandschriften mit Reimpaardichtungen aus dem 1. Viertel des 14. Jhd. ( Heidelberg, Cod. pal. germ. 341 = H)

Der Stricker: Der begrabene Ehemann Das Märe vom begrabenen Ehemann ist, neben weiteren Werken des Strickers, in den drei großen Sammelhandschriften W, H und K überliefert und lässt sich somit auf den Zeitraum zwischen dem Ende des 13. Jhd. und dem Beginn des 14. Jhd. datieren.

Das Märe erzählt in 248 Versen die bitterböse Geschichte eines gutgläubigen Ehemanns, der durch die listige Täuschung seiner Frau und ihres Liebhabers bei lebendigem Leib begraben wird. Zentrale Themen des Märe sind die Treulosigkeit und das manipulative, hinterlistige Verhalten der Frau, welche dem Motiv des übel wîp zuzuordnen sind. Die Dreiecks-Konstellation (Ehemann-Ehefrau-Liebhaber) und die Gegenüberstellung stereotyper Gegensatzpaare (Dummer Mann – Kluge Frau) gehören zum klassischen Repertoire der Stricker-Mären.

Das Märe beginnt mit einem Gespräch zwischen den Eheleuten, in welchem der Ehemann seiner Frau seine Liebe erklärt: Ein man sprach wider sîn wîp: »du bist mir liep als der lîp. zewâre wærestu mir sô rehte holt als ich dir, daz næme ich vür der Kriechen golt. 5 dû möchtest mir niemer sô holt werden, als ich dir bin. mir ist daz herze und der sin sô sêre an dich geslagen, daz ich dirz niemer kan gesagen.« 10 Ein Mann sagte zu seiner Frau: »Ich liebe dich wie mein Leben! Sei sicher, würdest Du mich ganz genauso lieben wie ich Dich, das wäre mir kostbarer als alles Gold der Erde! Niemals kannst Du mir so ergeben sein, wie ich es Dir bin. Ich hänge mit Herz und Sinn so sehr an Dir, dass ich es mit Worten niemals sagen kann.«

Die Ehefrau fordert daraufhin als Beweis für das Gesagte, dass ihr Mann in Zukunft alle ihre Aussagen als reine Wahrheit anerkennen soll, um ihr seine bedingungslose Liebe zu beweisen. Der Ehemann willigt gutgläubig ein (V. 11–51). Um sein Versprechen auf die Probe zu stellen, unternimmt die Frau nun mehrere Täuschungsversuche. Während der Mann beim ersten Versuch (sie ruft ihn am Mittag zum Abendessen und zur Bettruhe) die Probe nicht besteht (V. 52–108), ist er ihr bereits beim zweiten Versuch so gefügig, dass er sich ohne ein Wort zu verlieren, in das eiskalte Badewasser setzt: si mahte ein volbat (daz was kalt) und sprach: »ginc in, ez ist warm.« nu was er des muotes sô arm, daz er dà wider niht ensprach, wan er sich aber des versach, 120 daz er ir hulde verlür. swie sêre in in dem bade vrür, er sprach doch: »ez ist warm genuoc.« wan er daz sô wol vertruoc, des wart ir herze vröuden vol. 125 Sie bereitete ein Vollbad, das eiskalt war, und sagte: »Steig hinein, es ist warm!« Inzwischen war er so ängstlich, dass er ihr nicht widersprach, weil er fürchtete, noch einmal ihre Gunst zu verlieren. Wie sehr ihn in dem Bade auch fror, er sagte nur: »Es ist angenehm warm.« Dass er es so klaglos hinnahm, das freute sie ungemein.

Während die Frau jedoch die bedingungslose Treue von ihrem Mann einfordert, beginnt sie selbst eine Affäre mit dem ortsansässigen Priester. Da dem Liebespaar der gehörnte Ehemann allmählich zur Last wird, beschließen sie ihn aus dem Weg zu schaffen. Dies gelingt ihnen, indem die Frau ihrem Ehemann einredet, er sei sterbenskrank (V. 109–226). Erst als der Mann bereits im Grab liegt, erkennt er den Ernst seiner Lage: dô ez im an die rehten nôt gie, dô rief er ane alle die, die umbe daz grap waren. er begunde sô gebâren, 230 als den dâ twinget der tôt. der pfaffe in allen gebot, daz si den segen vür sich taeten und got vil tiure baeten, daz er den tîvel dâ vertribe, 235 daz er iht lenger belibe bî dem armen lîchnâmen. »daz werde wâr. âmen«,